3110 Bäume 1

Den Wald vor lauter..... ach egal.

Den Wald vor lauter….. ach egal.

Wo fand Ihre Kindheit statt? Vor der Glotze?
Neeee. Die Kindheit der 70er war draußen und ich spielte mit meinen Freunden. Im Garten, auf dem Rübenacker, am Elbe-Seitenkanal. An meinen Geburtstagen fuhr Papa uns alle mit dem Auto in den großen Wald am Rand der Siedlung, und wir spielten den ganzen Nachmittag bis in den Abend rein Verstecken, tobten zwischen den großen Bäumen rum und waren ziemlich glücklich.
Ich tanke heute den alten XM voll und habe drei herzgeliebte Punkte auf meiner Liste: ♣ Irgendwo bei Uelzen die Stelle finden, wo wir damals jeden Frühling Verstecken gespielt haben. ♣ Meine Sandkastenfreundin Silke besuchen. ♣ Gemeinsam mit Silke den Baum suchen, in den ich 1986 oder so ihren Namen eingeritzt habe. Diese beiden Geschichten werden recht lichtarm und sind voller Bäume. Ich mag Bäume. Kommen Sie mit auf einen Roadtrip in eine Zeit, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren?

Ich solle blooooß meinen ADAC Schutzbrief mitnehmen, habt ihr auf Facebook gefrotzelt.

Ich habe gut vorgesorgt...

Ich habe gut vorgesorgt…

Tadaaaaa ♫
Na klar habe ich den dabei, aber mal unter uns – wenn ich dem Citroën den 200 Kilometer langen Ritt von Kiel ins niedersächsische Uelzen nicht zutrauen würde – könnte ich ja auch den Mercedes nehmen. Okay, der weitgereiste Franzose klappert schon ein bisschen lauter rund um die Spannrollen herum, aber wenn man das Gas über 1000 Umdrehungen hält ist alles ruhig. Ich muss da bald mal ran, wirklich dringend. Ehrlich jetzt. Trotzdem habe ich beschlossen, dass weder heute noch morgen der Keilrippenriemen reißen wird und packe die kleine gelbe Plastikkarte selbstbewusst und optimistisch wieder in mein Portemonnaie zurück. Ha. Ein bisschen weniger optimistisch stimmt mich die Wetterlage 🙁 Alle Blätter sind noch an den Bäumen. Sie werden langsam bunt, und das würde auch sehr schön aussehen, wenn nicht 50 Schattierungen von Grau darüberlägen. Es ist kalt, es ist farblos und es regnet mit jedem Kilometer auf der B404 in Richtung Süden ein bisschen mehr. Die leichte Feuchtigkeit scheint allerdings den Heilungsprozess der ABS Sensoren zu beschleunigen. Keine Warnlampe leuchtet, die Klartextanzeige bleibt dunkel und erzählt mir nicht in einer Tour, was alles nicht funktioniert und die Klimatronic trocknet die Scheiben wunderbar und ohne Nebelschleier. Eine Klimatrocknic. Was will man mehr auf so einer Reise?

Der Weg ist wie so oft ein Teil des Ziels

Der Weg ist wie so oft ein Teil des Ziels

Vielleicht will Mann (44) noch eine funktionierende Sitzheizung vorn. Die wird irgendwo eine Unterbrechung haben, hinten funktioniert sie einwandfrei. Und da sie in Reihe geschaltet ist bleibt dann gleich der ganze Sitz kalt. Auch die ganz normale Heizung trumpft nach 355.000 Kilometern nicht gerade mit einem üppigen Wärmeangebot auf, und das kann viele Ursachen haben. Ein dichtgesetzter Wärmetauscher, ein nicht ausreichend entlüftetes Kühlsystem (die Karre hat fünf – FÜNF – Entlüftungsschrauben im Motorraum!), festsitzende Stellmotoren, ein defekter Thermostat…. das alles zusammen wird vom ebenfalls spinnenden Außenthermometer mit Sahne garniert, angeblich haben wir draußen -2 Grad. Nein. Es ist echt kalt und nass, aber so schlimm ist es dann doch nicht 🙂 Klingt nach einer komplett kaputten Karre? Neiiiiiiin. Es wird ja ein bisschen warm. Aber ich hätte es gern wärmer, also mache ich mir ein paar warme Gedanken und frage mich, was dort unten jenseits der Elbe an kleinen und großen Geschichten verborgen liegen mag.

Grenzgänge über den großen Fluss

Grenzgänge über den großen Fluss

Um überhaupt erstmal „jenseits der Elbe“ zu sein muss der in der Zeit zurück Reisende diese überqueren. Wenn ich über Hamburg führe geschähe das durch den Elbtunnel oder die Elbbrücken. Die A7, ich habe das glaube ich schon einmal erwähnt, ist momentan allerdings so verkehrsflussfördernd wie ein gestrandeter Blauwal mit Durchfall, deshalb rollen das schwarze Baguette und ich meine klassische „Ostroute“ in die Lüneburger Heide, wo meine Wiiiiege stand ♫ Falleriiiii Falleraaaa ♫ also an der inzwischen geschlossenen Nordoel-Tanke vorbei (das ist eine andere Geschichte) über Bad Segeberg und Schwarzenbek runter nach Lauenburg. Dort gibt es eine regelmäßig komplett unter Wasser stehende aber sehr malerische Altstadt, die ich heute sehr langsam durchquere. Irgendwie habe ich Bilder von brechenden Domlagern vor Augen, die dann oben durch die Motorhaube donnern. Seltsam. Aber auf dem Rückweg mache ich hier mal ein Foto, heute regnet das zu doll. Auf der anderen Seite der langen Stahlträgerbrücke ist endlich Niedersachsen. Da komm‘ ich ursprünglich her. Und dahin zieht es mich immer wieder mal zurück, besonders wenn Silke in ihrem Elternhaus in der Zeitblase Ripdorf verweilt und zum Abendbrot bittet.
Die Strecke zieht sich. Aber alles ist besser, als auf der A7 im ewigen Stau ab Quickborn zu stehen und den klappernden Spannrollen zuzuhören. Was für ein Scheißwetter. Ich ziehe die Kapuze über und setze die Sonnenbrille auf, die Sonne scheint zwar nicht aber das Grau da draußen ist durch die RayBan ein bisschen mehr in ein warmes Sepia getaucht. Die Rosa Brille für Nostalgiker. Schön.

Gangsta gegen Herbstdepressionen

Gangsta gegen Herbstdepressionen

Während ich auf der B4 zwischen Lauenburg und Lüneburg so meine Gangsta Verkleidungsfaxen mache fahre ich direkt in den ersten festen Blitzer dieser Etappe. Super. Leider bekommt man diese Fotos ja immer erst Wochen später, aber ich werde es an dieser Stelle nachreichen 😀
Silke. Es ist schon wieder mehr als ein Jahr her, dass ich meine allerliebste Freundin aus Teenagertagen besucht habe. Ein Jahr. Schon wieder eins, *schnipps* war es vorbei. Das macht mich ein wenig nervös. Kurz vor Uelzen, ich kann schon den Fernsehturm und die Zuckerfabrik sehen, schreibt sie mir noch dass ich gefälligst nicht andauernd ihre Nachrichten lesen sondern mich auf die Straße konzentrieren soll. Mach ich doch 😉 Aber auch wenn es schon langsam dämmert – ich will noch diesem Gedanken an die Geburtstage im Wald nachgehen. Oder nachfahren, je nachdem was möglich ist. Es regnet auch gerade nicht mehr ganz so doll. Ich erinnere mich an den Weg durch das beschauliche Oldenstadt, den wir auch immer auf diversen Sonntagsspaziergängen gelaufen sind. Vorbei an zweistöckigen 60er Jahre Wohnblöcken, Bungalows und alten Fachwerkhäusern. Es ist die Ecke des Vorstädtchens, wo auch das bemalte Garagentor zu finden ist, was ich im letzten Jahr wiedergefunden habe. Wo meine Grundschule war. Und Heers, der Laden, wo ich meine Micky Mäuse und meine Naschitüten gekauft habe. Hier trieft alles nur so vor emotionalen Erinnerungen, aber ich glaube ich habe den alten Weg in den Wald gefunden.

Dunkel. Und verboten. Geil, also weiter.

Dunkel. Und verboten. Geil, also weiter.

So langsam kann ich die Sonnenbrille wohl mal wieder abnehmen.
Linkerhand, wo früher ein Feld war, ist jetzt ein schickes Neubaugebiet, wo identische Fertigbau-Kataloghäuser so dicht aufeinanderstehen, dass man nicht mal mit der Schubkarre zwischendurch kommt. „Das muss ja auch alles bezahlbar sein, Hartmut wollte ja einen A6 Avant, also haben wir am Grundstück gespart„. Vor meinem geistigen Auge sehe ich am Alltag erstickende Mütter und „Geld nach Hause bringende“ Väter, die sich irgendwann mit einer Schrotflinte den Kopf wegblasen, weil das alles ganz anders gelaufen ist als sie das eigentlich wollten. Aber ich schweife ab. Rechts stehen die gleichen Häuser wie damals. Und geradeaus ist es…. dunkel. Sehr dunkel. Keine Schranke, kein Zaun, der Weg ist immer noch offen. Ein kleines grünes Schild erzählt von der schützenswerten Natur, und ein großes rundes rotes Schild sagt deutlich, wer hier nicht rein darf. Ganz klar Motorräder und Autos mit runden Frontscheinwerfern. Die vom XM sind eckig. Mann hab ich ein Glück!
Gucken ob jemand guckt. Nein? Also rein mit dem ersten Gang und ab in den Wald.

Nie war ich tiiiiifer, nie tiiiifer

Nie war ich tiiiiifer, nie tiiiifer

Ich fahre auf einer Art Highway der Vergangenheit. Ja, hier sind wir oft spazieren gegangen, vor 1980, als meine Eltern noch so getan haben als wären sie ein Paar und wir alle zusammen eine kleine Familie. Ich habe diese Spaziergänge geliebt. Es duftete im Wald wunderbar nach Moos und Holz, und im Herbst habe ich tonnenweise Bucheckern vom Boden aufgesammelt und gefuttert. Wann haben Sie das letzte Mal Bucheckern gegessen? Bucheckern. Na? Ich halte jetzt nicht an, um das zu tun, auch wenn mich das grad sehr reizt. Dafür bin ich hier in einer viel zu illegalen Zone, ich überlege sogar, ob ich ohne Licht fahren sollte…? Aber ich höre die nach Nüssen schmeckenden Waldfrüchte unter den Reifen des Franzosen knirschen, während ich diesen gefühlt endlosen und schnurgeraden Spazierweg dahingleite. Das Restlicht da draußen gleicht einer Götterdämmerung. Der Himmel ist noch ein bisschen hell, aber unten im Wald ist es wirklich stockdunkel. Laubdunkel. Baumdunkel. Wie auch immer, weder meine alte Sony Kamera (ich habe die Nikon in Kiel vergessen ich Idiot!) noch das iPhone sind in der Lage, mit dieser Beleuchtung umzugehen. Aber das müssen sie auch nicht. Die eigentlichen Bilder sind in meinem Kopf.

Die Rocky Horror Picture Show

Die Rocky Horror Picture Show

Wahnsinn, was plötzlich alles wieder hochkommt. Nein, hier sind wir nicht nur an meinen Geburtstagen mit dem K70 oder dem Audi 100 5E langgebraust, in mehreren Fuhren, jeweils mit einem gut gefüllten Rücksitz mit Jungs und Mädchen zwischen 8 und 10 Jahren. Hier bin ich auch schon einmal zu Fuß langgegangen. Hand in Hand mit Simone, meiner ersten richtigen Freundin. Wir hatten uns irgendwann Ende der 80er das Moped von meinem Freund Jan ausgeliehen (mit dem ich die legendäre Mofa-Dänemark-Tour gemacht habe) und sind damit von Plön nach 3110 Uelzen 1 gepöppelt. In den Kattenkamp 13. Ein paar Tage bei meiner Oma und meinem Opa, zwei Teenager mit offenen Herzen und einem ganzen Leben noch vor sich. Das schwarzhaarige Mädchen und der blonde Junge spazierten rund um den Oldenstädter See und dann noch diesen langen Weg runter und durch den Wald zurück, schweigend, Hand in Hand. Weil wir wohl beide ahnten, dass dieser Abend ein besonderer sein würde. Der Abend vor dem Morgen danach.
Ich halte den klappernden schwebenden Franzosen kurz an, um meine Gänsehaut runterzubringen und durchzuatmen. Da hinten wird es ein bisschen heller. Ich glaube, da ist der Ort, wo ich mir oft die Augen zugehalten habe, um danach Freunde zu suchen, die nicht gefunden werden wollten.

Willkommen im Damals

Willkommen im Damals

Die Zeit spielt einem so unfassbare Streiche. In meinem Kopf sind auf der einen Seite des Weges gewaltige Bäume, die ein sattes grünes Dach aus Blättern schützend über die Kinder spannen, die hier herumtollen, Saft trinken und sich über einen weiteren warmen Tag im April freuen. Auf der anderen Seite sind Tannen mit dichtem Unterholz, kaum zu durchdringen. Weiter drinnen würde eine Lichtung sein, grasbewachsen, dahinter konnte man sich super im Unterholz verstecken. Und vor der Wiese, hinter der (glaube ich) Woltersburg liegt war ein tiefer Graben. Wenn man geschickt war konnte man immer wieder durch diesen Graben den Suchenden umgehen und sich immer und immer wieder an einer der drei großen Buchen freischlagen.
Ich wende den Citroën auf dem weichen Waldboden, immer dafür Sorge tragend, mich nirgendwo festzufahren. Abgesehen davon, dass hier keine Spur eines Handynetzes ist möchte ich niemandem erklären müssen, was ich hier mit einem Auto mitten im Wald getrieben habe. Die drei Buchen links sind noch genau da, wo sie mal waren. Gab es da nicht mal eine hölzerne Bank und einen Mülleimer? Die sind weg. Das Laubdach ist dünner, aber das mag am Herbst liegen. Und alles ist ein bisschen kleiner als damals. Und der dichte Tannenwald rechts ist komplett weg, nicht eine einzige Tanne, nur Buchen ohne Unterholz. Ich steige mal aus. Ich möchte das anfassen, spüren, riechen.

Eckstein, Eckstein, alles muss...

Eckstein, Eckstein, alles muss…

Immer im April. Und immer hier.
Vielleicht ist das schlechte Wetter ein Segen, denn es ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Keine Spaziergänger, die sich über das rüpelhafte Eindringen dieser Dreckschleuder in ein Naturschutzgebiet aufregen, keine hochnäsigen Reiterinnen, die ihre Rassehengste auf den Weg kacken lassen und jeden Sterblichen von oben mit geringschätzenden Blicken mustern und vor allem kein Förster oder Jäger, der mir sein Schrot durch die Heckklappe in den Rücken bläst. Ich mache den Motor aus und öffne die Fahrertür. Leise klickt und schschscht das warme Auto, ansonsten ist es sagenhaft still. Kennen Sie die Stille des Waldes an einem regnerischen Tag? Ab und an hört man einen leisen Tropfen, der von einem Blatt fällt, ansonsten ist man völlig allein mit sich und seinen Gedanken. Ein dichter Wald in der Dämmerung des Herbstes hat etwas asketisches. Und genau diese Stelle hier wühlt viele viele Bilder und Erinnerungen in mir auf. Ich stelle mich wie ferngesteuert an die große Buche, halte mir die Augen zu, zähle bis 100 und fange dann an zu singen.

Ich zähl dann mal.

Ich zähl dann mal.

Eckstein Eckstein alles muss versteckt sein.
Hinter mir
Vor mir
Über mir
Neben mir
Gibt es nicht
Eins zwei drei ich koooommeeeeee!!!
Und ich drehe mich um und blicke in den Wald, aus dem so langsam tatsächlich nur noch das iPhone sowas wie Restlicht rausziehen kann. Hier ist es gewesen. Aber es ist niemand mehr da. Hinter mir nicht. Vor mir nicht. Über mir nicht und neben mir nicht. Mindestens einer ist schon unter mir. Und nicht mal das Unterholz, in dem man sich hätte verstecken können hat sich bequemt zu bleiben. Olaf. Nils. Tobi. Silke. Michelle. Steffi. Markus. Und was weiß ich wer noch alles dabei war. Die haben sich gut versteckt, ich kann sie hier nicht finden.

Wo seid ihr denn alle?

Wo seid ihr denn alle?

Danke, dass ich meine Kindheitskacke bei euch rauskotzen darf. Aber vielleicht habt ihr schon längst weitergeklickt, weil nicht genug Auto im Vordergrund steht. Oder? Keine Sorge, ich muss ja auch noch wieder durch den Wald zurück, da kommt bestimmt noch ein Bild 😉 Mir ist kalt. Mehr so von innen, obwohl es draußen so langsam auch echt kein Ort mehr zum Wohlfühlen ist, ich hoffe im Anwesen Becker/Ripdorf hat man schon die wundervolle energiezehrende aber sehr warme Heizung am Laufen. Ich habe einen Platz meiner Kindheit wiedergefunden. Schön ist es hier, in der Tat noch immer, warum auch nicht? Allerdings glaube ich nicht, dass im Jahr 2015 noch Väter mit ihren Kindern in den Wald fahren und Verstecken spielen. Heute geht man zum Fun-Bowling, in irgendwelche Indoor-Parks oder andere Eventhallen, in denen es massig Entertainment gibt und bezahlte Menschen den Tag für einen organisieren, damit man selbst möglichst wenig Arbeit hat. Wir…? Wir haben Verstecken gespielt und Saft getrunken. Simpel und unkompliziert. Und irgendwie war das…. großartig. Okay. Einbahnstraße der Gedanken, ich komme hier nicht weiter, ohne deprimiert zu sein.

Hier komme ich nicht weiter.

Hier komme ich nicht weiter.

Hoffentlich trinken Silke und ihre Schwester Sabine sich nicht schon gegenseitig den Rotwein weg, während sie das frisch gebackene Brot von Mutter futtern und sich fragen wo der Jensi bleibt. Ich könnte mich echt mal auf den Weg machen, das Schicksal meint es gerade mit der Nichtanwesenheit von gesetzeshütenden Privat-Denunzianten sehr gut mit mir und das sollte ich wohl lieber nicht ausreizen. Der XM empfängt mich mit einer angenehm nach Vanille und Leder riechenden Wärme, ach?, vielleicht ist die Heizung im Innenraum ja doch gar nicht so malade. Vielleicht war das nur ein Müdigkeitsfrösteln von mir, vorhin, auf dem grauen Weg hier her. Für einen kurzen zweifelnden Moment habe ich die Vision im Kopf, dass die Zeit hier bei den drei Buchen und das mit Standlicht auf dem Boden lauernde antike High-Tech-Oberklasseauto eventuell die uralte Batterie schon so leer gesaugt haben könnten, dass er jetzt nicht mehr startet. Was mache ich denn dann? Mit dämmerndem Restoptimismus streichel ich erst die ADAC Karte, dann meine Madonna auf dem Cockpit und drehe am Schlüssel.
Der alte PSA Diesel springt auf Anhieb an. Gutes Auto. Komm, bring mich hier raus. Lass uns noch einmal den Weg fahren, den Simone und ich an jenem Tag gelaufen sind. Zwei verliebte Teenager, denen noch die ganze Welt zu Füßen lag. Wir waren unsterblich.

Stockduster. Nein, laubduster.

Stockduster. Nein, laubduster.

Inzwischen ist es wirklich so richtig richtig dunkel, überall, nicht nur unter den Bäumen. Auch die Götterdämmerung mit dem hellen Sepia-Himmel ist einem Nachtschwarz gewichen. Bing. Ah. Das Handy hat wieder Netz. Die H1 Lampen des pariser Gleiters mit der Hydropneumatischen Federung wischen über das gefallene Laub, beleuchten Querwege und kleine Schilder aus Holz. Wie groß ist dieser Wald eigentlich? Das war mir nie so bewusst. Das Auto bringt mich im zweiten Gang zurück in die Gegenwart. Jetzt geht wohl auch wieder Musik 🙂
Ich mache das billige AEG Radio aus dem Supermarkt an und höre auf FFN die ersten Akkorde von Bad, der uralten Hymne von U2. Mein Lieblingslied aus der Zeit dieses Spaziergangs, das Poster der Band hing über dem Bett in dem Zimmer, in dem wir geschlafen haben. Dem ehemaligen Schlafzimmer meiner Eltern, dem späteren Zimmer meiner großen Schwester Anita, dem Zimmer in dem ich ein neues Kapitel im Buch meines Lebens aufgeschlagen habe. Ich sitze stumm in meinem Auto und höre die Musik. Die Tür ist noch offen und beleuchtet gefallenes Laub mit den weißen und roten Bodenlampen. Ich mache den Motor noch einmal aus, die Musik noch einmal lauter und steige noch einmal aus. Und achtung, jetzt wird es pathologisch.
Ich tanze in der prinzipiellen Stille dieses dunklen Waldes im Licht der Scheinwerfer meines alten Autos zu einer längst vergessenen Musik im Radio.

Er leuchtet mir nach Hause.

Er leuchtet mir nach Hause.

If you twist and turn away
If you tear yourself in two again
If I could, yes I would
If I could, I would let it go.
Surrender, dislocate

Was für ein schräger, emotionaler Abend. Und er hat gerade erst angefangen. Klingt das alles traurig für Sie? Ist es gar nicht. Ich weiß, dass die Zeiten von damals vorbei sind, ich weiß auch dass sie nicht wiederkommen, wenn ich die Plätze von damals besuche 🙂 Und ich weiß, dass man eine Menge therapeutische Lehrbücher mit dem Kram den ich hier verzapfe füllen könnte. Das Wort „unverarbeitet“ käme häufig vor. Und wenn schon. Ich fahre mit meinem alten Auto tief in einen Wald, spiele Verstecken mit virtuellen Freunden, denke beim Anblick eines Waldweges an mein erstes Mal und tanze zur Musik von U2 im Scheinwerferlicht durch den Abend. Und wissen Sie was? Es geht mir wahnsinnig gut 🙂 Jetzt wieder. Mein Akku ist aufgeladen. Bevor irgend eine furchtbar nervige billig produzierte Radiowerbung den Moment kaputt machen kann tänzel ich wieder zur Fahrertür und schalte das Radio um auf den USB Stick. Kate Bush intoniert leise ein paar Zeilen über Dinge, die tief in ihr verborgen lagen. Nun reicht’s aber langsam mal. Allerdings – jetzt kann ich auch noch einen Zigarillo rauchen, die Ladies in Ripdorf haben den Wein bestimmt schon ausgetrunken.

Auf Wiedersehen, Kindheit.

Auf Wiedersehen, Kindheit.

Wald. Bäume. Wenn ich gleich aufgeraucht habe setze ich mich wieder in die Vanillebaum-Schleuder mit dem hellen Licht und fahre die wenigen Kilometer um den See rum nach Ripdorf zu Silke. Vielleicht kann ich sie ja dazu bewegen, mit mir auf der anderen Seite des Elbe-Seitenkanals noch einen weiteren Baum, einen ganz speziellen Baum im kleinen Wäldchen dort zu suchen. In den habe ich ein paar meiner unerfüllten Teenager-Lieben reingeritzt. Und als ich zwischen 1986 und 1988 meine Sommer im Zelt im Garten ihrer Eltern verbrachte und bei Kerzenschein zur Gitarre Balladen in die Nacht rief wurde sie zu dem allerletzten Namen auf diesem Baum.
*pathos*
Hm. Vielleicht suchen wir den gemeinsam? Wäre das nicht abgefahren? Nachher, gleich, so mitten in der Nacht?
Werden Sie im Herbst eigentlich auch so emotional bescheuert?
I’m wide awake. I’m not sleeping.

Sandmann


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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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38 Responses to 3110 Bäume 1

  1. Sven Meintz says:

    Hey Jens,

    Ja, diese Orte gibt es. Diese Orte meiner Kindheit. Seltsam, es zieht mich irgendwie dorthin – seitdem die 40 nicht mehr weit weg ist. Und es fühlt sich verdammt gut an. Herrlich – der Vergleich damals / jetzt. Und dann springt mein Junge durchs Bild, so alt wie ich damals. Haben wir Menschen auch Wurzeln? Wurzeln in Orten? Ja, muss so sein.

    Viele Grüße
    Sven Meintz

    • Sandmann says:

      Ay Sven,

      ja, ich glaube sicher, dass nicht nur Bäume Wurzeln haben, sondern wir auch. Das muss nicht immer bedeuten, dass man uns nicht erfolgreich verpflanzen kann. Mein Zuhause ist da, wo die Menschen sind, die ich liebe und die mich lieben. Und meine Freunde.

      Und ich kenne auch Menschen, die mit ihrer Kindheit entweder abgeschlossen haben oder keinen Sinn darin sehen, immer mal wieder zurück zu gucken. Weil einen das nicht nach vorn bringt, sagen die. Ich sehe das anders. Ich selbst kann nur mit klarem Blick vorwärts gucken, wenn ich ab und an in meiner eigenen Vergangenheit zur Ruhe komme. Das klappt nicht immer, aber in Uelzen bin ich einfach sehr sehr gern. Meine Wurzeln dort haben eine gewisse persönliche Tragik, weil einfach alles, was dort damals mein Leben bestimmte weg ist. Papa, Mama, meine Großeltern, das Haus…. alles nicht mehr dort vor Ort, teilweise gar nicht mehr auf dieser Welt oder verkauft. Der Ort hatte keine Chance, scheiße zu mir zu sein. Das waren immer nur die Menschen, später. Und deshalb ist dort irgendwie alles gut, auch wenn alles weg ist…..

      Seltsam, oder?

      Sandmann

  2. Fetti says:

    Jessus, jetzt postet der Sandmann seine ADAC-Mitgliedsnummer… Nicht die Kreditkarte vergessen, aber bitte auch die Rückseite zeigen! Ts ts. Interessant: Trotz Altautoleidenschaft erst seit 2012 Mitglied 🙂

    VG
    Fetti

    • Sandmann says:

      Ay Fetti,

      danke für den Hinweis, aber es sind ja auch die Nummernschilder nicht die, die sie zu sein scheinen 🙂 Das mit 2012 stimmt allerdings, ich war zwischendurch mal abtrünnig über die AutoBILD beim ACE. Oder ACD? ABS? Wie heißen denn die? Die roten…..
      Bin aber reumütig wieder zurück gekommen. So oft wie mir schon Gelbe Engel aus der Patsche geholfen haben, da werde ich den Jungs definitiv die Treue halten!

      Sandmann

  3. Als bekennender Altautofahrer habe ich es schon zur goldenen ADAC-Mitgliedskarte gebracht und bin auch froh, diese zu haben, auch wenn es bisher nur Kleinigkeiten waren – teuer wären sie trotzdem gewesen.

    Orte meiner Kindheit, da gibt es einige und wenn es sich einrichten lässt, besuche ich diese – am besten mit dem Fahrrad, was allerdings durch einen kürzlichen Umzug unmöglich wurde wegen 150 bis 300 km Entfernung.

    • Sandmann says:

      Ay Peter,

      ich habe seit dem Taunus Coupé keine Panne mehr gehabt…. aber ich hatte ein paar Mal beim Taxi eine leere Batterie im Winter, und einmal war der Anlasser tot. Mal sehen, was der XM so bringt 🙂

      Ich habe ja seit Jahren vor, mal wieder (so wie mit 16) mit dem Fahrrad von Kiel nach Uelzen zu fahren. Ich glaube, da muss ich aber vorher noch mal ein bisschen trainieren, in einem bestimmten Alter neigt man ja zur körperlichen Selbstüberschätzung 😉 Also 150 – 300 Kilometer sind nicht UNmöglich mit dem Fahrrad. Nur sehr beschwerlich. Ich empfehle als Alternative eine Mofa. Ist fast wie Fahrradfahren, die bringt einen ja sogar nach Dänemark, sagte man mir…..

      Sandmann

  4. Bigbug says:

    Ich bin erschreckend nah bei Deinen Gedanken…

    • Sandmann says:

      Ay Bigbug,

      ist doch okay…. dann schreibe ich hier gottseidank nicht nur allein für meine private Psychoshow, sondern stoße bei anderen und anscheinend auch bei dir was an. Das freut mich.
      Wenn du magst teil deine Gedanken mit uns. Und wenn nicht – mach trotzdem was draus 🙂 Schönes Wochenende

      Sandmann

  5. Bigbug says:

    Ja, Sandmann, das ist so eine Sache.
    Bisher nur stiller (aber fleißiger) Mitleser werde ich durch Deine Texte allzu oft an eigene Parallelen erinnert, und das hier war mal wieder so ein Moment. Wenn Du von Gänsehautmomenten schreibst, kann ich das förmlich nachfühlen.

    Das soll jetzt nicht komisch klingen, aber für mich haben Deine Texte eine große Energie und einen „extrem-nah-dran-Effekt“, dafür gebührt Dir von mir an dieser Stelle ein großes Dankeschön.

    Auch Dir ein schönes WE

    • Sandmann says:

      Hi Bigbug,

      danke für deine Worte. Kommt hier nicht oft vor, dass mir jemand sagt, dass meine Texte so etwas auslösen…. meistens wird man ja nur an der Anzahl der Likes auf Facebook gemessen 🙁
      Dann werde ich auch weiterhin den einen oder anderen eigenen Gänsehaut-Moment erzählen, vielleicht kommen ja noch mehr Parallelen. In Teil 2 hab ich mit meiner Sandkastenfreundin den Baum gesucht, in den ich damals ihren namen eingeritzt hatte 🙂 Dunkel war’s…..

      Schönes Wochenende
      Sandmann

  6. Fetti says:

    Mach mal Riemen & Spannrolle 🙂 Wenn der DK-Motor ähnlich prasselig wie der DW10 konstruiert ist, könnte der reißende Keilrippenriemen in die Führung des Zahnriemens geraten und dieser überspringen. Das hat mich den C5 gekostet – einen Tag, nachdem ich den Termin zum Riemenwechsel gemacht hatte 🙁 Dank ADAC kam ich wieder heeme. 🙂 Ach ja, die Servopumpe hat es auch noch in den Tod gerissen.

    VG
    Fetti

    • Sandmann says:

      ich…. äh……

      Ay Fetti,

      so schlimm? Oha. Ich muss dringend die Teile bestellen und Knud Bescheid sagen, der hatte seine Hilfe angeboten. Knud mit D und meinem Dottore, nicht Knut mit T und XM 😉 Gerüchten zufolge ist der Wechsel der Teile gut durch den rechten Radkasten zu machen…

      Sandmann

      • Fetti says:

        Keine Ahnung wie das bei deinem Motor ist, aber bei mir wars der Exitus. Nur deswegen halb so schlimm, weil mir die Automatik den Spass schon gründlich vermiest hatte… Sonst hätte ich bestimmt ne Träne wegdrücken müssen.

        • Fetti says:

          Und 3 Monate später stand der am anderen Ende der Stadt wieder bei nem Fähnchenhändler, ich dacht schon die haben mich mit dem Motorschaden über den Tisch gezogen. Also hin und mal den Motor anlassen. Zahnriemen eindeutig neu, ganze Motorseite blitzeblank – und lief wie ein Sack Nüsse. Wer den gekauft hat tut mir leid. Aber natürlich „guter Zustand“ und „läuft super“ – ha ha wer’s glaubt…

          • Sandmann says:

            Urks 🙁

            Jetzt hööööäääää mal auf, ich starte den sonst die nächsten Tage erstmal nicht mehr ohne schlechtes Gewissen…….
            WAAAAAHHHHHHH

            • Fetti says:

              Sorry, ich wollte das nicht dramatisieren. Bei mir war es NICHT die Spannrolle, sondern der Keilriemen sah schon echt zerfleddert aus. Dem sah man an, dass der bald reissen wird, und geqietscht hat er. Leider war es November und die Werkstatt im Reifenstress, statt das gleich zu machen. Wenn du so ein Paniker wärst, hättest du den XM nicht mit links angesehen 🙂 Und ausserdem weiss ich nicht, ob bei deinem Motor die Gefahr überhaupt besteht. Ist ja doch ne andere Konstruktion.

              • Sandmann says:

                Ay Fetti,

                nein nein, alles gut. Du dramatisierst ja nicht, du erzählst was dir passiert ist, weil du nicht willst, dass mir das gleiche mit einem vermutlich ähnlichen Motor auch passiert. Großes DANKE.
                Der Riemen sieht fabrikneu aus, aber das wird er bei dem Geflatter nicht bleiben. Ist das einzige große Manko momentan an dem Auto, der Rest ist gefühlt Kosmetik.
                Ich werde morgen mal die Teile bestellen und mit dem Knud einen Termin machen, an dem wir uns da mal ranwagen. Ist ja auch allein für die Akustik wichtig, der macht echt einen unfassbaren Lärm. Total uncool.

                Und auch wenn ein reißender Riemen bei diesem Motor vielleicht nicht den Zahnriemen und den Motor gleich mit in den Tod reißen sollte – so ohne HP, ohne Servolenkung und ohne Servobremse fährt man ja auch nur maximal noch einen Kilometer bis zur nächsten Notrufsäule. Und da habe ich nie, momentan aber noch viel weniger Bock drauf.

                Ich meld mich mal bei Knud wie seine Zeit so verteilt ist. Auch wenn ich Gefahr laufe, wieder viele zu viele pathetische schöne Bilder von dem Dottore unter neuer Regierung zu sehen 🙁 *heul*

                Sandmann

  7. Fetti says:

    Schöner Artikel! Hast du auch immer den Eindruck, dass die Orte deiner Kindheit geschrumpft sind? Alles so klein, was früher mal die große Welt war… Und die Jahre sind gefühlt auch nur noch halb so lang. Ja ja, wir werden alt…1

    • Sandmann says:

      Ja, das werden wir wohl.

      Und ja – ich habe schon ein paar erschreckende Schrumpfungen miterleben müssen. Die Kugelbaake in Cuxhaven. Was war die GROSS!!! So ein Riesending aus Holz, wir waren da in der Nähe manchmal im Sommerurlaub.
      2007 war ich mal wieder da. 🙂 Nun ja. Das Ding ist….. eher klein.

      Oder der Partykeller meiner Kinderliebe Michelle. Hier der Bericht dazu: http://www.sandmanns-welt.de/well-well-well-my-michelle/
      Den hatte ich VIEL größer in Erinnerung…..

      Aber das Haus von Silkes Eltern, das ist heute eher größer als damals. Weil ich inzwischen Zimmer gesehen habe, in denen ich damals nie war. 400 Quadratmeter. Bauernhäuser sind super 🙂 Aber dazu nächstes Mal mehr. Ich komme jetzt erstmal wieder im Hier und Jetzt an.

      Schönes Wochenende
      Sandmann

      • Fetti says:

        Zu deiner Frage ob Autos drauf sein müssen, damit jemand kommentiert – ich denke Autos sind ein guter „gemeinsamer Nenner“, mit dem man Erfahtungen und Erlebnisse verknüpfen kann. Da weiss man in etwa was man schreiben kann. Das heisst aber nicht, dass ich andere Beiträge nicht auch gerne lese.
        Und keine Angst – Facebook-Likes sind für mich echt kein Kriterium. Ich hab kein Facebok, ich hab ein Leben 😉 Keine Kritik, nur meine Meinung…7

        • Sandmann says:

          Ay Fetti,

          diese Einstellung freut mich, und sie ist Salbe auf den schreibenden Fingern eines jeden Bloggers 🙂 Ich bin hier ja unkommerziell unterwegs, und trotzdem (oder gerade deshalb?) findet hier eine Menge Kommunikation statt. Von mir zu euch, von euch zu mir und auch gern mal untereinander, von euch zu euch 🙂 Das freut mich manchmal tierisch. Dann denke ich immer „… okay, die Jungs lesen nicht nur dein fast geheimes Tagebuch, sie geben auch was von sich preis“.
          Das will natürlich nicht jeder, und das ist auch okay. Aber ich freue mich immer, wenn ich mit ein paar Wörtern anscheinend bei dem einen oder anderen was lostrete oder Erinnerungen anstubbse. Schön. Das gefällt mir.
          Likes auf Facebook sind allerdings auch eine Art „Währung“, das meinte ich gar nicht so abwertend. Hätte ich meine Sandmanns Welt Facebook Seite nicht, wo ich jeden neuen Artikel ankündige, würden viel weniger Leute die Berichte lesen. Weil sie die gar nicht sehen würden…. Und deshalb freue ich mich natürlich immer auch über viele Likes, denn wenn ich den Auswertungen meiner Seite Glauben schenken darf haben die Leute, die ein Like spendieren, den Artikel auch wirklich gelesen. Alles andere wäre ja auch unsinnig.
          Ein guter Mix. Das hier kostet eine Menge Zeit – aber die verbringe ich gern mit euch 🙂

          Sandmann

          Und das schöne Wochenende gebe ich zurück, ich geh gleich in die Sonntag-Abend-Badewanne….

          • Fetti says:

            Hallo Sandmann,

            aus dem Bekanntenkreis kenn ich auch Beispiele, die jeden Pups ihres Babys auf Facebook posten und gleich noch mal whatsappen… Das WILL ich garnicht wissen.

            Schlimm fände ich es, wenn zB ein Journalist daran gemessen wird, wieviele Likes er auf seine Posts bekommt. Und Firmen auf Facebook – na ja, wers als Konsument braucht, ne Social-Media-Werbeseite. Ich wette, wirklich frei kann man da nichts posten. Auch wenns einem gegen den Strich geht, muss man halt immer alles schönschreiben. Unabhängigen Journalismus gibts ja ohnehin immer weniger, bei Facebook bestimmt nicht. Ist ja auch nur eine von Nerds erdachte Seite, um Kommilitoninnen ins B.., äh, kennenzulernen. Mittlerweile von Finanzinvestoren gesteuert, denen es NUR um Kohle geht. Wenn man den Usern dazu das Gefühl geben muss, es gehe nicht ums Geld, wird das eben von einer Horde Harvard-Absolventen erledigt. Dass das ganze Leben nur noch eine „Story“ ist, die erzählt und gestaltet werden muss, ko… mich am meisten an. Da freut es mich um so mehr, bei einigen Bloggern noch echte Geschichten lesen zu können, die nicht nach Likes und Reichweite gemessen werden. Wenn ich die aktuellen Werbematerialien zB von Mercedes lese, kann ich ob dieses oberflächlichen Livestyle-Geschwurbels nur den Kopf schütteln. Und wenn man sein Resthirn nicht per Bluetooth an das Bling-Bling-Display anstöpseln kann, muss die Karre ja Schrott sein. Wen kümmert es da noch, ob mal die Steuerkette springt oder der Kopf reisst…

            Schöne Entspannung in der Wanne, Fetti

            • Sandmann says:

              Ay Fetti,

              ich stimme dir größtenteils zu, sehe aber auch das kommerzielle Facebook mit etwas milderen Augen. Für viele Firmen ist es eine Möglichkeit, Informationen einem breiten Publikum zukommen zu lassen. Und ja – es funktioniert. Kostet dann einen Haufen Geld, funktioniert aber.
              Mit Journalismus hat Facebook für mich nichts, aber auch GAR nichts zu tun. Ich sehe immer mehr Online-Artikel auch von namhaften Magazinen, die stümperhaft aus der Druckvorlage rüberkopiert, voller Rechtschreibfehler und schlecht recherchierter Informationen sind. Das ist nicht meine Welt. Allerdings weiß ich auch nicht WAS eigentlich meine Welt in dieser Sache ist. Tageszeitungen lese ich nicht, ich höre und gucke regelmäßig die Nachrichten. Bin also auch dem ausgesetzt, was man mir zeigen will. Aber ich glaube an ein selbstregulierendes Volk, was auch solche Auswüchse wie den erneut aufkeimenden Rechtsradikalismus oder eine breite Fremdenfeindlichkeit aufgrund der aktuellen Situation korrigieren und reglen wird. Mann bin ich froh, kein Politiker zu sein!

              Dass Autos heute nicht mehr primär nach ihren Leistungsdaten gemessen werden sondern nach ihrer Konnektivität oder ihrer Ambient-Beleuchtung – daran sind wir selbst schuld. Also, vielleicht nicht du und ich, aber die Kids des neuen Jahrtausends. Wie der Motor aussieht und klingt ist den meisten scheißegal. Aber stylisch muss die Karre sein, und finanzierbar. Na und? Zeiten ändern sich. Das ist dann eben so. Gerade Mercedes versucht gerade, das Opa Image abzulegen, was immer so sehr kritisiert wurde. Und nun? Wieder nicht recht? 😉

              Neue Autos sind eh nicht meins. Ich kann sie nicht bezahlen, und ich gewinne ihnen keinen Pathos ab. Ich finde sie trotzdem schön. Also, einige zumindest. Mercedes CLS Shooting Brake, VW Phaeton, Opel Adam. Und noch ein paar andere. Auch mit ihnen könnte man Freundschaft schließen, Geschichten erleben (die „Stories“ von denen du sprachst), sich geborgen drin fühlen. Geht bestimmt. Ob sie in 20 Jahren als Klassiker taugen sehen wir dann. Und jeder kann ja fahren was er will…

              Die Wanne hat mich grenzenlos entspannt. Ich geh nun wohl mal schlafen 🙂

              Sandmann

              • Fetti says:

                Hi Sandmann,

                ich schalte mal nen Gang runter, ich klinge ja schon wie der Nörgelfred… Wie hatte mal jemand gesagt, alle Veränderungen nach dem 35. Geburtstag sind eine Störung der natürlichen Ordnung 🙂

                Als der 210er kam dachte ich auch, dass es das war mit Mercedes. Meine Autos brauchen 10 Jahre, bis ich die schön finde. Aber wegen dem Opaimage – das ist es ja gerade, warum ICH das so gut finde. Da kann man sich aus dem schneller-besser-geiler-Wahn auskoppeln und in Ruhe dahingleiten. Und da ich keine neuen Autos kaufe(n kann), kann ich auch nicht der Marketingmasstab sein.

                Ne schöne Woche, Fetti

                • Sandmann says:

                  Ay Fetti,

                  na wenn das bei dir schon unter „nörgeln“ fällt dann kannst du dich entspannt zurücklehnen 😉

                  Wahrscheinlich werden wir alle ein bisschen anders, wenn die 4 oder die 5 im Lebensalter langsam winken. Das war bei unseren Eltern vermutlich nicht anders, wir allerdings sprechen da mehr drüber.
                  Bei Autos habe ich keine klaren „Reife“zeiten. Einige mag ich schon ab dem Pressetag. Das S-Klasse Cabrio zum Beispiel, oder eben den CLS. Hatte ich schon erwähnt, für WELCHEN Autohersteller ich im Social Bereich tätig bin? 😉
                  Ein paar andere Autos bekommen bei mir dann später eine Chance, wenn sie alt und selten sind. Was fand ich den D-Kadett schrecklich, und beim E-Kadett hab ich fast militante Abneigungen entwickelt. Heute? D-Kadett finde ich zeitlos schlicht und mindestens so gut wie den allerersten Golf. Und der E ist ja völlig verschwunden, ich freu mich immer wenn ich mal einen sehe 🙂

                  Der Marketing-Maßstab sind wir demnach beide nicht. Und wenn die Kaufargumente, gesteuert oder nicht, eben in eine andere Richtung gehen als meine eigenen – dann fahre ich halt ein ALTES Auto. Mach ich ja auch. Zack.

                  Sandmann, im Montags-Blues

  8. Bigbug says:

    Naja, also mit facebook hab ich so wenig zu tunwie wie vw mit clean-Diesel 😉 , schliesse mich damit der Meinung von fetti an.

    Ich finde wenn man etwas erhält, egal ob materiell oder immateriell, das einem gut tut, sollte man sich bedanken, ganz altmodisch und leider viel zu wenig praktiziert. Das ist heute wohl eben einfach schnell mal „geliked“ oder wie das heisst. Für mich hat das wenig Aussagekraft. (Nein, ich habe den 90. Geburtstag noch nicht gefeiert).

    • Sandmann says:

      Ay Bigbug,

      das ist eine sehr gute und leider aussterbende Einstellung. Im Web 3.0 bekommst du fast alles umsonst, egal ob legal oder illegal. Das wird so hingenommen, dass hinter jedem Artikel, hinter jedem Musikstück und sogar auch hinter jedem einzelnen Foto Arbeit und Kreativität steckt – das blenden diejenigen aus, die sich hinter der Anonymität ihrer Monitore verstecken.
      Deshalb versuche ich auch mit Händen und Füßen, mein Leben soweit freizuräumen, dass ich euch alle mal auf einen Abend in meinen Garten einladen kann. Damit wir uns kennen lernen. Wird echt Zeit. Aber bisher war ich mit dem Freiräumen nicht erfolgreich, das können sich einige vielleicht nicht vorstellen, aber ich bekomme es einfach nicht gerockt, mal ein bisschen Zeit über zu haben. Also… Zeit, wo ich dann nicht glücklich zusammenbreche 😉

      Zu Facebook…
      Ich bin beruflich mit Facebook ziemlich eng verbandelt, vielleicht hat das nicht jeder von euch mitbekommen, aber ich bin über eine Agentur der Social Media Manager der Facebookseite einer großen deutschen Automarke. Das beeinflusst natürlich auch meine Sicht auf Facebook. Ich finde es auf der einen Seite unfassbar, mit was für Vollhonks man konfrontiert wird und wer alles der Meinung ist, seinen halbseidenen Senf dazu geben zu müssen. Auf der anderen Seite fasziniert mich die Reichweite dieses Mediums und die immer wieder selbstregulierenden Vorgänge in der oberflächlichen Kommunikation der anonymen Masse.

      Fazit: Privat ist mein Facebookprofil umgeben von Menschen, die mir nicht die Zeit stehlen und mir nicht das Hirn vögeln. Das geht gut, wenn man sich nicht mit jedem „befreundet“, der mal irgendwo was von einem gehört oder gelesen hat.
      Halbprivat ist die Sandmanns Welt Seite auf Facebook ein feines Medium, alle mit Autos vollzukotzen, die das im privaten Profil nicht sehen wollen. Das hat noch nicht jeder begriffen, das sieht man an Katzenfotos, Essensbildern und bekloppten „Wer-ist-dein-Seelenverwandter“ Tests. Zeitfresser. Brauch ich nicht. Dass dieses Prinzip nicht völlig verkehrt gedacht ist sehe ich an lagsam steigenden Fanzahlen. Hier und da mal einer mehr. Passt. Und wenn ich irgendwann damit mal Geld verdienen will muss ich mir gute Argumente überlegen 😉

      Ich habe ein bisschen zu weit ausgeholt. Sei’s drum.
      Ich wollte doch in die Badewanne……..

      Sandmann

      • Bigbug says:

        Hallo Sandmann,

        ich kann zu Dir nur sagen, das Du das Herz am rechten Fleck hast. Dir würde ich auch mein (nicht-Alltags-weil-Liebhaber-) Fahrzeug anvertrauen in dem Wissen, ich bekäme es intakt und gewertschätzt zurück.

        Deshalb komme ich immer wieder gerne hier her. Ob das mit einem realen Treffen klappt, hat viele Faktoren. Ich schrieb ja bereits das wir gewisse Parallelen haben und von daher sind mir diese Zeitprobleme etc. wohl bekannt, also vollstes Verständnis.

        Alles Gute …

        Bigbug

        • Sandmann says:

          Ay Bigbug,

          ich zeig doch hier nur das, von dem ich will, dass ihr es seht 🙂 Das ist ja das Schöne am Internet und am geschriebenen Wort, es ist formbar nach den eigenen Wünschen.
          Aber vielleicht bin ich ja wirklich ein Netter. Ich finde das ja auch.
          Mit fremden Autos, egal ob es ein Seat Marbella oder ein DeLorean ist, gehe ich übrigens tatsächlich immer sehr respektvoll um. Letzte Woche war es eine Challenger Hellcat mit 717 PS und über 800 NM. Da schwitzt man schon ein bisschen mehr als sonst. Aber ich habe maximal ein bisschen Gummi auf der Straße gelassen, keine Beulen, keine Blessuren 😉

          Morgen ist die Geschichte vom DeLorean am Start. Endlich. Ich habe 30 Jahre darauf gewartet…..

          Ab in die Zukunft
          Sandmann

  9. Oliver says:

    Dein Artikel spricht mir ziemlich aus der Seele. Ich bin grundsätzlich ein sehr emotional-melancholisch-nachdenklicher und zerbrechlicher Mensch. Diejenigen, die mich sehr gut kennen, wissen, dass meine coolness eine Fassade ist und sie wissen, wie sich mich wirklich zu knacken haben. Solche Touren wie diese mache ich sehr oft. Meistens aber in der Nacht, weil ich mit den meisten Plätzen meiner Vergangenheit abgeschlossen habe und weil ich dort niemandem begegnen möchte. An diesen Orten verharren mir viel zu viele Protagonisten aus meiner Vergangenheit in einer Art Starre, ohne sich wirklich weiterentwickelt zu haben. Wie das halt auf dem Land so ist. Damit kann ich nach fast 20 Jahren Abwesenheit nichts mehr anfangen, obgleich die meisten Stätten nur knapp 20 km von meinem jetzigen Wohnort entfernt liegen. Jedoch habe ich mich weiterentwickelt, verharre nicht im Schema F, entwickele mich immer noch weiter, bin weltoffen und bunt. Und gerade wenn man so tickt wie ich, dann fühlt man sich in einem Tausend-Seelen-Kaff nicht wohl. Zudem sind viele meiner Plätze mit negativen Assoziationen, mit Gewalt, Prügel und Falschheit verbunden. Sie sind verbunden mit einer von wenigen Ausnahmen sehr gewaltvollen, beschissenen Kindheit. Meine Grosseltern und ganz wenige Familienangehörige nehme ich davon aus, meine Eltern nicht. Das ist auch einer der Gründe, warum ich explizit die Autos habe, die ich habe. Ich wuchs darin auf, das sind die eher positiven Erinnerungen an anno pief. Diese Autos, diese Zeitreise in meine Kindheit brauche ich wie die Luft zum atmen. Ich brauche es, mich im Rückspiegel als kleinen Fratz auf dem Rücksitz von Opas und Onkels Auto zu sehen. Erklären kann ich es Dir nicht. Viele Touren werden für mich Tag für Tag zu einer Tour in meine Kindheit. Erst recht, wenn ich es Dir gleich tue. Und nun kannst Du mich für meschugge erklären. 🙂

    Beste Grüsse,

    Oliver

    • Sandmann says:

      Bester Oliver,

      nun habe ich gesehen dass du deinen Facebook-Kommentar auf meinen Wunsch hier tatsächlich auch gepostet hast. Und ich hab mir jetzt erstmal ein Glas Wein geholt, ihn nochmal gelesen und genickt und genickt.

      Die „coole“ Fassade habe ich selbst schon lange nicht mehr. Wer mich persönlich kennt weiß, was er an mir hat oder er mag mich eben nicht. Soll auch vorkommen 😉 Allerdingst ist das Bild, was ich hier im Blog und auch auf Facebook zeichne nur eine von mir gefilterte Idealversion meines Ichs. So bin ich ja nicht wirklich. Auch nicht so ähnlich. Ich schreibe zwar meine Berichte und Texte, aber ich lasse Sachen weg und erfinde manchmal sogar Kleinigkeiten dazu, weil es dann unterhaltsamer ist.
      Ich habe in den Jahren schon einige … nennen wir sie mal „Leser“ kennengelernt, und sie mich. Diese Treffen waren samt und sonders alle sehr gut. Anscheinend hält einen das Grundthema AUTO wohl doch zusammen, wer mit Autos nichts am Hut hat wird sich hier nicht lange aufhalten. Obwohl noch mehr da ist, aber das muss man auch erstmal finden 🙂

      Ich bin fasziniert von dem Bild, das du aufzeigst. Dass du zwar die Orte deiner Kindheit besuchst, aber mit der Umgebung um die herum abgeschlossen hast. Aus guten Gründen. Ich persönlich kann dem reinen Dorfleben auch nichts abgewinnen. Es ist oft verkapselt, es fehlt ihm die Weltoffenheit, welche die heutige Welt einfach voraussetzt. Wer sich den neueren Veränderungen komplett verschließt, wird ein verbitterter, grauer Nein-Sager. Nicht jeder, nicht überall, aber die Chancen stehen gut, das auf dem Dorf zu erleben. Ich könnte mir gut vorstellen, in ein Dörfchen irgendwo zu ziehen. Auch jetzt und heute. Aber ich würde immer ein offenes Haus für alle haben und mein Leben dort hell und freundlich gestalten. Gewalt verabscheue ich, körperliche genau wie psychische. Vielleicht bleibe ich deshalb auch in der großen Stadt. Da ist alles laut und hell, aber es ist alles sehr offen…..

      Autos und der Blick vom Rücksitz nach vorn…..
      Ein faszinierendes Thema.
      Ich schrieb schon beim K70 und auch beim Audi 100 viele Zeilen über diesen Blick vom Rücksitz nach vorn. Sogar an Opas Käfer kann ich mich erinnern. Und JA – das sind gute Erinnerungen. Auch bei mir ist damals nicht alles so gelaufen, dass heute die Therapeuten arbeitslos werden würden. Aber die Autos waren immer gut, und sie waren immer da. Wenn wir im Auto gefahren sind, war alles in Ordnung. Bezogen auf diesen Artikel hier war es der Audi 100 5E, in dem mein Papa uns in kleinen Gruppen zu diesem Waldstück gebracht hatte. Seit Weihnachten 1980 dann nicht mehr. Dann gab es auch keine prägenden Erinnerungen von Autos mehr.
      Also bleiben sie als persönliche Zeitmaschinen bestehen. Jeden Tag, wie du sagst. Sind ja grad wieder audilose Zeiten bei mir, aber den KaSi gibt es ja noch. Und mit dem XM schreibe ich einfach meine eigene Geschichte, man kann ja auch mal selbst ein paar Zeichen setzen, über die dich dann in 15 Jahren diskutieren lässt. Und gerade bei so einem Franzosen…. kann man sich ja auch mal was TRAUEN 😉

      Also Oliver, bevor du befürchtest, dass ich dich für meschugge erkläre….. Ich fuhr zu einem Ort, zu dem ich gar nicht fahren durfte. Wo ich irgendwann mal Verstecken gespielt habe. Ich habe da Bäume umarmt, mich nassregnen lassen und im Scheinwerferlicht allein zu Radiomusik von U2 getanzt. Du findest DU bist meschugge? Nein nein mein Lieber – du bist hier genau richtig…

      Sandmann

  10. Oliver says:

    Lieber Jens,

    Deinem Wunsch bin ich sehr gerne nachgekommen. Nachdem ich Deine Antwort las, musste ich raus. Raus in den Regen, ne Runde um den Block laufen, eine rauchen und die Birne klar kriegen. Beim lesen musste ich mehrfach tief durchatmen und vielleicht sogar ein Tränchen verdrücken.

    Ich denke, dass wir ziemlich ähnlich ticken. Trotz der grossen Entfernung von fast 600 km zwischen quasi Mönchengladbach und Kiel. Und gerade deswegen lese ich Deine Artikel sehr gerne. Weil sie oft nachdenklich sind oder zum nachdenken anregen. Das Grundthema „Auto“ bietet die Basis. Aber Du zeigst auf, wie vielfältig und kurzweilig dieses Thema ist. Und weil deine Seite ein bisschen aus dem grauen Einheitsbrei hervor sticht, weil Du tiefer gehst als die anderen.

    Um aber zum eigentlichen Thema zurück zu kommen. Mit dem Alter hat man die unschätzbare Freiheit, sich seine Wunschfamilie zusammenzustellen, sich mit den Leuten zu umgeben, die gut tun und die jemanden einfach so nehmen, wie sie sind. Bei mir gehören wenige Familienangehörige dazu – meine Eltern nicht – und sehr viele Freunde. Diese Mischung tut mir so unsagbar gut, auch wenn man sich nicht immer sieht. Aber bei jedem Treffen ist es, als hätte man erst gestern den letzten Kaffee gemeinsam getrunken. Zu meinen Alten habe ich seit beinahe 15 Jahren keinen Kontakt mehr und das ist gut so. Auch zu vielen Protagonisten aus meinem Teenieleben habe ich grösstenteils keinen Kontakt mehr. Ich kann irgendwie nicht darauf, dass man Zeit seines Lebens in einem Tausendseelenkaff zwischen Kirchenchor, Schützenverein, Karnevalsverein und Sportclub verharrt und dann sogar noch dort baut. Als Schwuler auf dem Dorf ist es die Hölle, erst recht, wenn man in der Höhle des Drachens – vulgo Elternhaus – gefangen ist und kaum Freiheiten geniesst. Bitte verstehe mich nicht falsch. Ich bekam alle Chancen dieser Welt, aber statt Liebe und Verständnis gab es Prügel und Predigten. Für mich war das der Anlass, mich um keinen Preis der Welt in das für mich vorgefertigte Schema F pressen zu lassen. Ich machte mein Ding und fiel so manches Mal auf die Fresse. Aber ich habe mich und meine Überzeugungen nie verbogen. Und genau dies stiess meinen Alten sehr sauer auf. Nun wohne ich in einem ländlich geprägten Stadtteil der nahen Kreisstadt. Die Felder sind vor der Tür, bis zu einem Fluss ist es nicht weit und binnen drei Minuten bin ich auf dem Wochenmarkt. Die Nachbarschaft ist töfte. Man kennt sich, man schätzt sich. Und mit meinen Schwulitäten bin ich der Oliver von nebenan. Das zählt für mich, nicht der Exotenstatus. Hier kann ich frei leben und schätze auch den dörflichen Charakter. Trotz 15000 Einwohnern. Selbstredend ist meine Tür jederzeit für Alle offen, die mir gut tun und die mir am Herzen liegen.

    So wie neulich, als sich soziale Netzwerke auch mal als nützlich erwiesen haben. Zwei, fünf, sieben Jugendfreunde habe ich bei Facebook in meiner Kontaktliste. Vor ein paar Monaten trafen sich nicht weit von mir zwei meiner Jugendfreundinnen. Nummer eins wohnt in Mönchengladbach, Nummer zwei wohnt in Oberhausen. Und wie es nun mal so ist, wurde bei FB von dem Treffen erzählt. Ein Wort ergab das andere und man versicherte sich nochmal. Keine Stunde später sassen die beiden Damen für ne Cola bei mir auf dem Sofa. Das war das erste Treffen nach 20 Jahren. Es war, als wäre es erst gestern gewesen, das war so schön!

    Weiter oben schrieb ich ja schon, warum ich meine ollen Franzosenschleudern habe. Mein Opa hatte zum Beispiel einen Renault 20, wie ich auch einen habe. Er lebt auch noch und er hat sogar ein Facebookprofil. Mit fast 78. 🙂 Als ich die ersten Bilder postete und Opa dazu seinen Daumen reckte, habe ich geheult wie ein kleines Kind. Ich habe auch immer gesagt, dass die erste Fahrt mit diesem Auto zu meinen Grosseltern geht, weil ich einmal mit meinem Opa dieses Auto fahren möchte. So wie früher. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass der Kontakt sehr sporadisch, aber sehr herzlich ist. Jedenfalls stand dieses Auto im Juli letzten Jahres auf einmal spontan und derbe gefrickelt mit roter Nummer vor meiner Tür. Der Wagen stand 14 Jahre. Mein befreundeter Renault-Händler nahm sich des Wagens an und stellte es mir spontan für ne Tour vor die Tür. Das Auto lief, lenkte und bremste. Sonst nichts. Die Blinker wollten nicht immer, in der Elektrik sass ein Kurzer und die Automatic wollte auch nicht immer. All dies war noch zu machen. Aber das Auto lief und ich habe geheult wie ein Kind. Kaum, dass ich die Schlüssel in der Hand hielt, sass ich im Auto und war auf dem Weg zu meinen Grosseltern, die im selben Dorf wie ich früher leben. Vorher bin ich noch zu meiner Tante. Bei meinen Grosseltern angekommen, ging mir die Pumpe. Auf deren engem Hof war nicht viel Platz, also musste ich mit dem Auto vom Hof runter. Aber Oliver stand mit Opas Auto vor Opas Haus! 🙂 Als ich dann vom geparkten Auto zum Haus zurückkehrte, öffnete niemand. Alle Mann sassen wohl im Garten und hörten die Glocke nicht. Zwar war das für mich traurig. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht die positive Seite sehen würde. Ich war dort und habe mein Vorhaben in die Tat umgesetzt. Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben. 🙂

    Du siehst, ich bin auch ein ziemlich schräger Vogel, der auch schon mal morgens um vier ins geliebte Nord-Pas de Calais fährt. Mit der letzten Kohle im Tank und bei -3 Grad im Dezember. Aber egal, das Leben ist zu kurz, um Träume aufzuschieben.

    Hey, und zum Schluss noch eine Bitte: bitte behalte Deine liebenswert-nachdenklich-kurzweilige Art, zu schreiben.

    Es grüsst Dich ganz herzlich der Oliver

    • Sandmann says:

      Bester Oliver,

      du musst ein bisschen aufpassen, dass deine Texte nicht länger und emotionaler als der vorangehende Hauptartikel werden, dass löscht sich deine Festplatte von selbst….. 😉

      Diese eine feine Information, die du erst in diesem neuen Text gegeben hast lässt das homophobe Dorfleben natürlich nochmal in ganz anderen Farben schillern. Ich bekomme eine Ahnung, was damals abgegangen sein könnte 🙁 Da lobe ich mir erneut die Offenheit der Großstadt, und wenn es nur Kiel ist. Da rennen wohl echt viele Freaks rum – aber die lassen jeden so sein wie er ist oder sein möchte. Ich war in meinen 20ern in vielen WGs unterwegs, lebte mir einem schwulen Lehrer und einem Chirurgen zusammen, erklärte meiner lesbischen Mitauszubildenden bei viel zu viel Wein warum Männer so sind wie sie sind und bin heute über mein halbfinnisches Fräulein Altona in einem sehr bunten hamburger Freundeskreis. Sehr bunt. Meine kleine Tochter lässt sich nachmittags am liebsten von den beiden Jungs bespaßen und auch ins Bettchen bringen, die mit Frauen nix am Hut haben. Wundervoll. Wer das 2015 noch immer nicht verstanden hat sollte auswandern, der hat hier echt nichts zu suchen.

      Facebook kann tatsächlich auch alte Freundschaften wieder zusammenbringen, auch ich halte den Kontakt dort zu ein paar Kumpels, die ich auf anderen Wegen längst verloren hätte. Ich habe auch meine geliebte alte Brieffreundin (ich war 10 oder so) wiedergefunden, aber das ist eine andere Geschichte. Da muss ich erstmal Fotos machen…..

      Die Zeilen zu deinem Opa und deinem Besuch mit „seinem“ alten Auto rühren mich zutiefst…… Ich wünschte so sehr, mein Opa würde noch leben. Was würde ich ihn alles fragen, und wie sehr würde ich zuhören, wenn er erzählte. Ganz früher hat er mich manchmal in seinem Käfer mitgenommen. Auch so ein Blick vom Rücksitz nach vorn. Meine Mama hat den dann nach der Trennung von meinem Papa gegen einen Jetta eingetauscht, ich glaube sie hat für den Neuzustand-Export-VW 2000 Mark angerechnet bekommen. Ob der vielleicht noch immer in Uelzen rumfährt? Warum eigentlich nicht? ……

      Heute kann ich nur noch ans Grab meiner Großeltern fahren und vielleicht ein Kerzchen anzünden. Manchmal, wenn ich in Uelzen bin, fahre ich an unserem alten Haus vorbei und wünsche mir, ich würde irgendwo viel Geld gewinnen und es mir zurück kaufen. Und genau so wieder einrichten, wie es damals war. Und dann würde ich euch Verrückten hier alle dorthin einladen, und wir würden uns den ganzen Abend und die ganze Nacht Geschichten erzählen, während der Kachelofen knuspert und knackt und wohlige Wärme verbreitet.
      Ich muss also weiterschreiben und hoffen, dass so viele Leute meine Geschichten lesen und mögen, dass ich steinreich werde 🙂 Klasse. Ich freu mich drauf.

      Aber wenn ich dir eins versprechen kann: Man mag meine Artikel für die Printmagazine redigieren (wenn auch nicht sehr doll), aber hier bin ich so wie ich bin (wie weiter oben schon geschrieben – zumindest so wie ich will dass ihr mich seht…) und ich habe keinen Grund, anders zu schreiben. Und solange das Leben so wühlig bleibt werden auch weitere komische Geschichten kommen…. Immer wieder 🙂
      Bevor ich mit Silke zum Baum gehe muss ich wohl erstmal DeLorean fahren, in drei Tagen ist es ja so weit…

      Bleib auch du so wie du bist. Das scheint ganz super und bewusst nicht Mainstream zu sein, und das ist gut so.

      Gruß zurück, herzlichst
      Sandmann

  11. Bester Jens,

    Ja, diese Momente und Orte gibt es. Auch wenn es bei den einen 20, bei den anderen erst wenige Jahre sind.
    Namen in Bäume ritzen und im Wald spazieren gehen, das habe auch ich Jahrgang 1991 gemacht.
    Und es tat sehr gut! Ich bin sehr gerne draußen im Wald, die Ruhe genießen und Energie tanken.
    Der Baum von damals steht heute noch und es sind sehr viele Namen dazugekommen.
    Ich frage mich wie sie diesen Baum gefunden haben, der steht doch vollkommen verlassen ^^
    Suchen brauche ich den Baum nicht, ist noch nicht so lange her, knapp 10 Jahre sind es jetzt.

    Geh raus und tanke Energie, in dem stressigen Alltag des Hier und Jetzt ist es eine willkommene Auszeit.

    Viele Grüße
    André

    • Sandmann says:

      Ay André,

      schön zu lesen dass auch jemand, der geboren wurde, als ich schon bei der Bundeswehr war 🙂 noch Namen in Bäume ritzt….

      Bei mir waren es gleich zwei Bäume. Und ich … äh… also das war fast ein bisschen peinlich, denn Silke und ich haben im Schein der Taschenlampe ziemlich viele andere Namen gefunden, bevor wir ihren endlich entdeckten….. Aber das erzähle ich euch die Tage, morgen fahren wir erstmal alle zusammen DeLorean. So viel Zeitmaschine muss sein.

      Sandmann

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