Abschied vom Design

Raum in der kleinsten Hütte

Raum in der kleinsten Hütte

Abschied von einer Stilikone. Abschied von der ID Super.
Alles voller Abschied heute Morgen, an einem saftig-sonnigen Donnerstag irgendwo an der Mosel. Örg gibt seine Grundausstattungs-DS (die heißt ID) voll restauriert in fremde Hände, und das nach einer zweistelligen Zahl gemeinsamer Jahre. Ist das der Preis des Älterwerdens? Ist das das Los derer, die einfach keinen Platz mehr auf dem Hof haben? Ist das ein Anflug von Vernunft, weil die Erkenntnis kommt, dass man sich einfach nicht um alle seine Autos so kümmern kann, wie sie es verdient hätten? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass Moselbewohner gläubig sind. Denn um 6:30 Uhr!!! 🙄 bimmeln uns die Kirchenglocken aus dem Doppelbett. Sie läuten wie zum Jüngsten Gericht und markieren den Anfang eines laaaaangen Tages, der mit einer ID beginnt und mit einem P4 endet. Ob der Range Rover wohl anspringt?

Wer so früh vom örtlichen Priester an seinen Glauben erinnert wird, muss profan Kaffee trinken.

Ein ganz normaler Morgen.

Ein ganz normaler Morgen.

Viel Kaffee. Sehr viel Kaffee.
Während Örg und ich am klassischen, vor 30 Jahren modernen Hotel-Kirschholz-Tisch sitzen und mental auf die lustig bunten 90er Jahre Servierten kotzen, füllt sich der Saal mit früh aufstehenden Moseldampfer-Rentnern. Sie sehen alle gleich aus. Die Frauen relativ klein und mit kugelförmigem Körper, riesiger Oberweite und kurzen dünnen Beinen unten dran. Blümchenbluse, Perlenohrring, Kurzhaarfrisur oder Dauerwelle, gefärbt. Die Männer nur ab und an mal ein bisschen größer, kompakte Bauweise mit Bauch, kariertes Hemd, schlecht sitzende Jacke mit Bündchen und Reißverschluss, Seitenscheitel, Schnauzer. Alle. Keine Ausnahme. Während die Damen leise über alles mögliche vor sich hinschimpfen, trotten die Herren hinter ihnen her, versuchen es ihnen recht zu machen und fragen sich, was damals vor 50 Jahren bloß alles schief gelaufen ist. Dieses resignierende aneinander Festhalten frustriert mich. Dann lieber loslassen, zum Beispiel ein altes Auto aus Frankreich.
Ein jüngerer Protagonist taucht auf, es ist der Alex. Lachend stromert er durch den alles überflutenden Ü-70-See, trinkt unsere letzten Kaffeepfützen leer und hat zum Glück seinen Booster mit. Denn der Range springt (na klar) nicht an.

War klar.

War klar.

Heute gibt es diese USB-Booster, nicht viel größer als eine Zigarettenschachtel, mit denen man vier Jahre telefonieren, ein Auto überbrücken oder eine Kernschmelze einleiten kann. Krass. Aber heute neigen auch Smartphoneakkus mit besonders hoher Energiedichte zum unerwarteten Entflammen, irgendwo scheint sich da eine natürliche Grenze abzuzeichnen. Der Klassikfan und Käufer des Citroën hat ein etwas größeres Köfferchen aus seinem Betrieb mit her gebracht und schließt ein dickes rotes und ein dickes schwarzes Kabel an die Batterie an. So kenne und schätze ich das. Nach ein paar Anlasserumdrehungen dieselt der Rover wieder gemütlich vor sich hin. Gestern haben wir es irgendwie bis hier hin geschafft, auch deshalb, weil wir den Rover nicht ausgemacht haben. Er hat heute noch den langen Heimweg vor sich, selbstverständlich leuchtet die rote Ladekontrolle. Aber dass einen so etwas nicht zwangsläufig beunruhigen muss, habe ich gestern gelernt.

Läuft an der Mosel.

Läuft an der Mosel.

Unser erstes und letztes Etappenziel mit dem futiristischen Gleiter hinten drauf ist heute ist ein Autohaus, angeschlossen an Mosel Classics in Traben-Trarbach. Dort wird die Göttin unter Alex‘ Leitung neben ein paar anderen schönen Klassikern das Herz vieler Menschen erfreuen, die so ein Auto mal fahren wollen, es sich aber nicht kaufen können oder wollen oder dürfen 🙂 Mietbar. Gute Idee, eigentlich. Vorher giert der Rover nach dem gestrigen Ritt noch durstig nach einer nennenswerten Menge Diesel. Er ist zwar in Bezug auf das Gesamtgewicht mit Trailer und DS recht sparsam unterwegs gewesen, die Distanz von Kiel hier runter ist aber trotzdem nicht ganz ohne. Also ruff uffe Tanke, natürlich (natürlich!) hat der Örg auf der falschen Seite der Säule geparkt. Den Motor lassen wir laufen, rangieren schockt mit dem Anhänger nicht, also muss der Rüssel gestreckt werden.

Randvoll, das genügt bis nach Kiel

Randvoll, das genügt bis nach Kiel

Langsam wird es ernst – in weniger als 15 Minuten wird Örg eins seiner geliebten Autos los sein. Er ist verdächtig still. So kenne ich ihn gar nicht. Mit auf den Boden gerichtetem Blick gibt er zu, dass es sich nun schon ein bisschen komisch anfühlt, nach so vielen Jahren so ein geiles Auto herzugeben. Während eine gelbe süddeutsche Sonne sich träge und verschlafen die grünen Berghänge hochquält, gurgeln die gesamten Mineralölreserven von Rheinland-Pfalz in den Tank des Rovers. Die Bevölkerung hier wird in diesem Winter den kollektiven Kältetod sterben, weil kein Heizöl mehr zu bekommen sein wird. Nirgends. Es läuft und läuft und läuft. Wir machen noch ein, zwei Poserfotos, dann klettern wir wieder auf die kommoden Ledersitze und bullern hinter dem Alex her zu unserem Ziel.

Einmal noch posen

Einmal noch posen

Schön ist es, hier, an den Ufern der Mosel. Die Hänge türmen sich links und rechts hoch auf, oben sind zwischen den Bäumen ab und an kleine Burgruinen oder Türmchen zu sehen. Manchmal kreuzen verwirrte, alte Menschen auf der Suche nach ihrem Ausflugsdampfer die Straße. Zwei Mal müssen wir herrenlosen Rollatoren ausweichen. Am Ortsschild von Traben-Trarbach hängt ein Defibrilator. Worum ich die Leute hier aber schon ein bisschen beneide ist das gute Wetter. Es stimmt zwar nicht, dass es in Norddeutschland immer nur regnet oder stürmt, aber da wir zwischen zwei Meeren liegen ist das Klima nun mal sehr… äh… gemäßigt. Im Sommer wird es nicht richtig warm, im Winter dafür nicht richtig kalt. Hier unten ist es viel heller, wenn die Sonne scheint. Na ja, dafür fehlt hier aber das Meer. Egal. Irgendwas ist ja immer. Meine Augen saugen das Licht auf, und ganz ohne Rentner-Kollision erreichen wir das Autohaus, in dem die DS übergeben, noch mal gecheckt und fertig gemacht werden soll.

Abwärts

Abwärts

Nun ist ein schönes Auto weniger in Örgs Fuhrpark. Aber da sind ja noch ein paar andere. Viel wichtiger ist, dass die DS (nein, die ID!! verdammt) jetzt vielen anderen Menschen zur Verfügung stehen wird. Vielleicht wird ja nach einer Fahrt mit ihr der eine oder andere abtrünnig, gibt seinen auf Kante finanzierten Neuwagen oder seine silbergraue Leasingkatastrophe zurück und stellt sich auch einen feinen Klassiker hin. Zumindest als Zweitwagen. Die therapeutische Wirkung alter Autos ist sagenhaft, sie entschleunigen, beruhigen und machen, dass die Welt da draußen sich ein bisschen langsamer dreht. Wenn man sich den ganzen, globalen Wahnsinn anguckt ist das ab und an sehr salbend. Langsamkeit. Bewusstes Fahren, bei dem man die Straße spürt, die Bodenwellen in den Lenkbewegungen und der Seitenwind das Auto schütteln und die Bremsen einem klar sagen, dass es physikalische Grenzen gibt. Die gibt es übrigens auch für neue Autos. Nur nimmt sie niemand mehr ernst, weil das „Draußen“ komplett ausgeblendet wird. Nicht gut.
Örg knuddelt noch einmal die Göttin.

Abschied

Abschied

Und jetzt? Es ist schon wieder fast Mittag. Mit dem leeren Trailer rollt es sich noch viel entspannter, wenn auch nicht schneller, in Richtung Norden. Wir machen nachher noch einen kleinen Stopp im Westen, man soll ja keine Leerfahrten machen. Vielleicht laden wir auf dem Weg nach Kiel also noch ein kleines, altes Auto auf, wenn wir schon mal da sind. Aber das ist eine andere Geschichte. Die nächste 🙂 Bis dahin leidet Örg aus zwei Gründen ein wenig rum. Einmal, weil der überlagerte Rotwein aus dem Kanister von gestern Nacht nicht aus seinen Adern verschwindet und da ziemlichen Unfug treibt. Vor allem oben im Kopf. Zum anderen, weil sein Auto jetzt nicht mehr seins ist und im Rückspiegel immer kleiner wird. Die rote Lampe im Kombiinstrument leuchtet wie immer munter vor sich hin, wir rauchen Zigarillos und reden….. Gute Zeiten können so einfach sein.
Bis bald, mit einem blauen Auto auf dem Trailer…

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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8 Responses to Abschied vom Design

  1. Daemonarch says:

    Wegen Muddern hab ich die letzten Jahre auch 3x an der Mosel einen Kurzurlaub gemacht, allerdings in Ediger-Eller, ist eine ruhige und sehenswerte Gegend mit netten Menschen.
    Hat auch mir gutgetan, und ich war sicher nicht das letzte mal da. Nächstes Jahr wirds aber wohl mal in eine andere Richtung gehen. Ich plane so die Gegend Erfurt oder Weimar.

    Habt ihr schon rausgefunden warum der fette Englishman so rumzickt?

    • Sandmann says:

      Ay Daemonarch,

      da unten gibt es viele Doppelnamen, scheint mir 🙂
      Ja, runterkommen kann man da. Wenn man ausschlafen will, sollte man aber das Fenster schließen, die Gläubigen werden früh gerufen.

      Der Rover braucht anscheinend volle 14 Volt, um alle Steuergeräte hochzufahren. Warum die Lampe nervt weiß niemand. Inzwischen ist er verkauft worden, das war ja nicht unser…..

      Sandmann

  2. Will Sagen says:

    „Am Ortsschild von Traben-Trarbach hängt ein Defibrilator. “

    Hehe, nette Vorstellung. 😉

  3. Andreas says:

    An der Mosel kann man sich gut ausruhen, ist eine schöne ruhige Abteilung.

    • Sandmann says:

      Ay Andreas,

      besonders als Weinfreund kommt man hier auf seine Kosten. Man muss nur eine gewisse…. Piefigkeit… ausblenden, die ist mir als Norddeutschem fremd. Aber es gibt da ja auch andere Kandidaten wie den Alex 😉

      Sandmann

  4. Max says:

    Seit wann genau hast du den Blog? Deine Beiträge gefallen mir viel 🙂 Und joa, eine Reise an Mosel macht alles ein bisschen besser, ich fand die Landschaft einfach zauberhaft 🙂
    LG
    Max

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