Augen zu und durch!

Von einem, der auszog, ein Billigauto zu er-fahren. Teil 5

Der (schnelle) Weg ist das Ziel.

Entspannt geht es los

Entspannt geht es los

REISEN statt RASEN. Man liest es besonders zur Ferienzeit auf den großen Plakatwänden diesseits und jenseits der Leitplanken an den Bundesautobahnen. Diesen Schuh ziehe ich mir seit 20 Jahren auch an. Er passt mir. Wie sieht es diesbezüglich mit dem 18 Jahre alten Audi 80 aus? Kann man mit diesem durchgerittenen 700-Euro-Auto auch entspannt eine 500 Kilometer lange Tour unternehmen, und sei sie noch so geschäftlich? Mit einem Kofferraum randvoll mit Rechnern? Taugt er auch zwischendurch für kurzweilige Vollgasfahrten, oder hebelt er sich mit zunehmender Geschwindigkeit aus dem Fahrwerk? Ich und die erwähnten Rechner müssen beruflich von Kiel nach Delmenhorst (hinter Bremen), und wir wagen hochmotiviert den Test. So entspannt wie hier auf dem Autobahnzubringer geht es allerdings nicht auf der ganzen Tour zu.

Hamburch, meine Perle.

Hamburch, Hafen

Hamburch, Hafen

Hat man aus Norden kommend den Elbtunnel erst einmal hinter sich, kommt fast so etwas wie Urlaubsstimmung auf. Der alte Autowagen schnurrt agil mit runden 120 km/h über die hier dreispurige A7, vorbei an den Kränen, Brücken und Schornsteinen des großen Hafens. Fast habe ich mich an den immer noch laut schnorchelnden Auspuff gewöhnt. Als störend empfinde ich lediglich, dass mein gutes altes analoges Grundig-Kasettenradio seine geballten analogen 20 Watt nur mäßig auf die vier Lautsprecher verteilen kann und die Musik entweder scheppert oder zu leise ist. Aktuell arbeite ich mich durch die Neue von Alanis Morisette, die schon wieder von ihrem Lover verlassen wurde. Partiell anstrengend. Ich sitze bequem, das linke Bein ruht, die Arme wissen wie immer nicht wohin. Aber da muss man wohl durch. Auf der A1 Richtung Bremen wird der träge Verkehr unerwartet dünner, ich schließe das Schiebedach und trete das Gaspedal beherzt ein wenig weiter in Richtung vollverzinktes Bodenblech.

Holla, das beeindruckt

Holla, das beeindruckt

Wow. Da geht ja richtig was! Trotz dieser nennenswerten Ladung Computer im Kofferraum und auf dem Rücksitz, ziehen die 113 PS den kleinen frontgetriebenen Wagen wie an einer Perlenkette voran. Die Tachonadel klettert, der Drehzahlmesser auch, das Geräuschniveau ebenso. Laut ist es! Was ist schlimmer, die Windgeräusche oder der Motor? Alanis‚ Geheule ist jedenfalls nicht mehr zu vernehmen. Ich bin auf Höhe Tostedt, kein Verkehr, also halte ich weiter drauf. Bin ich denn ganz allein hier? Wo sind die alle? Sollte ich mal Nachrichten hören? Aber ich höre ja nichts mehr. 160… irgendwie ist mir nicht wohl, das Triebwerk brüllt und der Wind reißt am Blech. 170… was waren das denn da für Geräusche von hinten…? Ich wünsche mir spontan ein intaktes Kühlwasserthermometer… Um „Kettcar“ zu zitieren: „Gang 5 und gleich 180… Schließe die Augen, zähle bis zehn.“ 180… REICHT! Und die Augen lass‘ ich offen!

Nee nee, nun ist auch mal gut.

Nee nee, nun ist auch mal gut.

Liebe Kinder. Seid nicht so doof wie der Onkel Sandmann und lasst bei diesem Tempo den Fotoapparat bitte einfach auf dem Beifahrersitz liegen, okay? Ein Audi V8 Quattro auf 225er Reifen klebt bei diesem Tempo ein wenig besser auf der Straße! Da wäre noch mehr drin gewesen, aber ich trau‘ mich nicht. Der Typ 89 federt schwer kontrollierbar über Bodenwellen, ich halte das Lenkrad verkrampft und muss mich stark konzentrieren, obwohl vor mir weit und breit kein Auto ist. Und hinter mir auch nicht. Beeindruckend! Ich habe sie alle abgehängt. Nun ist aber auch gut. Audi und ich seufzen und rollen in angenehme 130 km/h hinunter, bald darauf kommt auch schon Delmenhorst. Ich fühle mich schon wieder wie nach einer Zeitreise, diesmal genau so schnell und mindestens genau so anstrengend. Schneller als das Licht. Die Abdrücke meiner Fingernägel im Lederlenkrad und der Schweißfleck auf der Rückenlehne sprechen eine klare Sprache: Dieser Wagen taugt wohl zum Gleiten, aber nicht (mehr) zum Rasen. Das Fahrwerk hat seine beste Zeit gehabt. Die Sitze sind bequem, aber ich vermisse eine Mittelarmlehne. Test vorbei. 180? – braucht man nicht.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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4 Responses to Augen zu und durch!

  1. Wob79 says:

    Lustig geschrieben 🙂

    Und ich kann mich sehr gut hineinversetzen. Denn schließlich bewege ich ja “noch“ jeden Tag solch ein Gefährt. Außer das mein Fahrwerk vieleicht etwas besser intakt ist.

    Zuverlässig ist er jedenfalls.
    Keine 2 Wochen nachdem ich ihn gekauft hatte, ging es gleich in den Urlaub.
    Ab in die Schweiz, an den Genfer See um genau zu sein. Das waren etwas um die 900 Kilometer. Aber er hat sich wacker geschlagen.

    Was das Fahren angeht bin ich aber auch lieber gemütlich damit unterwegs, bei 90 Pferdchen bleibt ja auch nicht viel Elan um Sportsgeist zu zeigen. 🙂

    Eine angenehme neue Woche…..

    Gruß Rene‘

    • Sandmann says:

      Ay René,

      was hast du denn immer mit den 90PS? Ich finde das für so ein kleines Auto recht stattlich, meiner ließ sich damit sehr agil bewegen. Allein die Geräuschentwicklung war nicht so schön, aber schneller als 120 fahre ich mit meinen Autos ohnehin nur, wenn ich es echt eilig habe 🙂

      Sandmann

  2. Touranus says:

    Moin Sandmann,
    also jetzt muss ich doch mal etwas protestieren….

    Besagter Aldi 80 wurde ja später noch einige tausend Kilometer von mir und meiner Frau bewegt. Anfangs hatte ich auch ein Problem mit dem Fahrverhalten, da ich der Meinung war, er würde unkontrolliert den Spurrillen hinterherlaufen. Als dann auch noch die Abrollgeräusche extrem nervten, kamen andere Puschen an die Achsen… und siehe da, das Fahrverhalten besserte sich drastisch.

    Ganz im ernst, die Reifen waren der absolute Mist! Und das, obwohl sie keiner völlig unbekannten Marke entsprangen. Ich hatte ja bereits im Vorfeld mehrere 80er mit unterschiedlicher Motorisierung über die A7 bewegt, und da kann ich den Eindruck, den Du oben schilderst eigentlich nicht bestätigen. Und sooooo laut war er nun auch nicht. Deine Ohren sind nur V8 weichgespült 😉

    P.S.
    Laut Tacho schaffte der Aldi80 übrigens knapp über 210, (ja, ich weiß…. Toleranz etc.) und im Anzug hatte der 105 PS TDI Touran KEINE Chance. Ab ca. 70 km/h wurde der Abstand immer uneinholbar größer… Hach das waren noch Zeiten 😉

    Touranus

    • Sandmann says:

      Bester Touranus,

      ach – das waren die REIFEN? Na holla. Die alten waren aber vom Profil her noch ganz gut, oder…? Eigentlich?
      Und du hast den Tacho bis 210 bekommen??? Wahnsinn. Irgendwie war der Aldi offensichtlich recht gut eingefahren und hatte ja zumindest laut dem Tacho auch noch nicht viel runter. Na ja, die Geräuschentwicklung darf ich wohl wirklich nicht mit V8 Ohren begut8en, da hast du recht.

      Hast du eigentlich Kontakt zu deinem „Nachfolger“? Geht’s dem Auto gut? Gib gern unter all die Artikel deinen Senf dazu, ich mein, wer kann denn bitte besser diesen Wagen beurteilen als der Typ, der ihn mir nach dem Test abgekauft hat? 😀

      Sandmann

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