Gimme Moor(e) oder: Audis versenken

Selten stößt der gemeine Autofahrer (Homo automobilis) an die Grenzen seiner kostbaren Mobilität und noch seltener überschreitet er diese sogar. Wissenschaftlich ausgedrückt: abhängig vom Einsatzgebiet der motorisierten Mobilitätshilfe bieten sich unterschiedliche Störungen der Fortbewegung an. Spontan fällt mir da der Stau, die Panne oder eine plötzliche Dürreperiode im Tank, schlimmstenfalls leider auch ein Unfall ein.

Mein persönlicher Favorit liegt jedoch in einem ganz anderen Bereich: da ich gern beim Autofahren einen ausgeprägten Hang zum Experimentieren entwickle, ist bei mir ein durchaus bescheuertes Faible fürs Festfahren erkennbar. Und ich kann inzwischen von einem wahren und reichen Erfahrungsschatz berichten:

…ob nachts in Süditalien in Strandnähe die eben noch geteerte Straße plötzlich und unerwartet in herrlichsten aber leider grundlosen Sand übergeht, in dem mein T2-Wohnmobil bis zu den Achsen versinkt, sodass ich ebenerdig aussteigen kann…

…oder ob wenige Jahre später auf einem entlegenen, tonigen, sizilianischen Feldweg bei jeder hilf- und haltlosen Umdrehung der Räder meines T3-VW Busses der Abrollumfang bigfootmäßig zunimmt…

…ob auf dem Parkplatz vor dem Opelzoo in Königstein bei Frankfurt, dessen ebenfalls lehmiger Untergrund die Begutachtung meines logischerweise dort festgefahrenen T4-Caravelle zu einer unverhofften Comiceinlage werden lässt, weil sich mit jedem meiner Schritte um den Wagen die Lehmschichten unter meinen Schuhen zu addieren beginnen und ich am Ende auf Plateauschuhen herumlatsche…

…auch der Versuch, mit meinem Audi 80 (B4) mit Schmackes durch eine Schneewehe zu pflügen, endet mit dem Ergebnis, dass der Wagen „mit dem Bauch“ auf dem Schneeberg aufliegt und die Räder zwar in der Spur, aber gleichzeitig in der Luft hängen – der nächste Bauernhof ist Kilometer entfernt, verfügt aber wenigstens über einen Traktor…

…meine vorerst letzte Aktion: unlängst im Urlaub mit unserem VW Touran an einem sizilianischen Strandabschnitt, der durch seine faustgroßen, rundgewaschenen, weißen Steine bekannt ist. Beim strandnahen Parken lerne ich diesmal, dass sich auch 205er Reifen selbst zwischen Steine dieser Größe prima einbuddeln mögen. Schweißgebadet habe ich das Fahrzeug in praller Sonne und größter Hitze zwar schließlich nach einer halben Stunde wieder flott, meine Abkühlung im Mittelmeer ist allerdings mehr als dringend erforderlich.

Den aktuellen Höhepunkt findet meine Karriere als „Karre-in-den-Dreck-Fahrer“ beim Fotoshooting zum Thema „Bonsai-Audi“. Da meine Frau Olivia seit Kurzem auch einen Audi A2 ihr Eigen nennt und ich zudem A2-Bilder für den nächsten Artikel auf „Sandmanns Welt“ benötige, wollen wir an diesem sonnigen und erstaunlich warmen Oktobersonntag, dem Tag der deutschen Einheit, ein paar schöne Fotos von unseren zwei in Ausstattung und Farbe fast identischen Audi A2 „schießen“.

Am Set im Moor bugsieren wir unsere Autos auf einem schmalen Weg nebeneinander und lichten uns per Selbstauslöser vor den Fahrzeugen ab. Für die nächste Einstellung sollen die Klein-Vans auf eine Wiese. Beim Versetzen meines Wagens rutscht das rechte Vorderrad allerdings so ungünstig über einen grasbewachsenen Torfrand, dass der Vorderwagen aufliegt und sich trotz aller Bemühungen nicht zu einer Lageveränderung bewegen lässt. Ohne Abschleppseil und Spaten ist es aussichtslos.

Während Olivia mit ihrem Auto das nötige Bergungsequipment von zuhause holt, bedauere ich ein wenig mein in der Einsamkeit dieses norddeutschen Hochmoores gestrandetes Meisterwerk deutschen Aluminium-Automobilbaues.

Was hilft mir jetzt dieses prämierte innovative Audi-Space-Frame, was bringt der klassenbeste cW-Wert von 0,25, welchen Nutzen kann ich in dieser Situation aus dem sparsamen Pumpe-Düse-Triebwerk ziehen und machen die roten Perlnappa-Ledersitze jetzt noch Sinn?

Noch weht ein warmer Wind durch die einsame Weite dieses unberührten Stückchens niedersächsischer Natur. Habe ich dieses Idyll mit meinem A2 zu aufdringlich gestört? Fordert sie nun Tribut für mein ungefragtes Eindringen? Leise wiegen sich die trockenen Halme des Grases in der lauen Herbstluft und die ersten Birkenblätter fallen auf verblühte Heide. Erst jetzt fällt mir diese unglaubliche Stille auf… genau deshalb lebe ich auf dem Lande. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das typisch kernige 3-Zylinder-Dieseln von Olivias A2 ruft mich zum Problem zurück. Ein Seil, ein Spaten, zwei Erwachsene, ein Kind (Stieftochter Leah will sich den versackten Stiefvater nicht entgehen lassen!) und ein freier A2 sollen die Sache jetzt in Ordnung bringen.

Erst der theoretische Teil: Meinungen, Erfahrungen, Berechnungen, Schätzungen, Möglichkeiten werden bedacht und ausgelotet.

Jetzt Action: Mit dem Seil wird an meinem Auto vorne, aber rückwärts gezogen. Keine Regung!

Plan B: wie gehabt, aber das ziehende Fahrzeug jetzt vorwärts. Nichts! Langsam stinkt’s mir. Ach nee, das ist die Kupplung von Olivias Auto.

Vorwärts werden wir mein Auto da so nicht heraus bekommen. Probieren wir’s also rückwärts. Ich schaue mir aber vorher nochmal die Lage um die Reifen an. Nur der vordere Rechte ist irgendwie blockiert, die anderen sind frei.

Spaten her! Dann buddel‘ ich den erstmal frei! Ich hole Schwung…und spüre die angewandte Power den eigenen Körper erbeben. Das zähe Moorgras wirft den Spaten einfach immer wieder zurück. Ich komme da nicht rein. Tolle Wurst!

Langsam werde ich sauer. Mit den Händen reißt Olivia die Grassoden heraus. Ich unterstütze sie indem ich den Boden unterhöhle und so die Wurzeln lockere. Schließlich schaffen wir zusammen eine Rampe. So könnte es gehen.

Also werfe ich das Seil über die Anhängerkupplung von meinem A2 und befestige die andere Seite am hinteren Abschlepphaken von Olivias Audi.

Und los! Sie zieht nach vorn, ich fahre nach hinten und plötzlich ruckt es, Gaaaas…und schwupp, steht mein Alu-Zwerg wieder mitten auf dem Weg.

Meine Güte, andere genießen jetzt ihren Sonntag-Nachmittags-Kaffee und Kuchen – wir stechen lieber Torf im Moor.

So blöde kann man doch gar nicht sein!

Nachdem wieder alle Hilfsmittel verstaut sind, will ich endlich und trotzdem die geplanten Fotos machen! Wir fahren also auf die vorhin schon avisierte Wiese und „schießen“ in der Abendsonne noch ein paar Fotos.

Als wir uns schließlich auf den Heimweg machen, beobachte ich beim Losfahren im Rückspiegel, dass Olivia mir nicht folgt… warum wohl nicht? Der aufmerksame Leser ahnt es schon…

… so kann ich mich dann mit dem Abschleppseil umgehend bei meiner Frau revangieren. Quasi als Beitrag zum Tag der deutschen Einheit.

El Gigante

 

 

P.S.: Bitte keine zynischen Beiträge zum Audi A2 😀
Lieber meinen nicht mainstreamigen Bericht vom Bonsai-Audi lesen!

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8 Antworten zu Gimme Moor(e) oder: Audis versenken

  1. Sandmann sagt:

    🙂 🙂 🙂

    Jahaaaaaa du FREAK! Was mich am meisten beeindruckt ist, wie schnell du dich von der Bloggerei hast infizieren lassen. So dass du nun schon Fotoausflüge für den nächsten Beitrag machst und auch in stressigen Situationen erstmal inne hältst, dich nach einer geeigneten Ablage umsiehst und schnell ein kleines Bildchen mit dem Selbstauslöser schießt 😉

    Ab und an stoße ich da noch auf leichtes Kopfschütteln der Art „Musst du aus ALLEM einen Bericht machen?“ Hihi. Ich arbeite da an einem gesunden Mittelmaß…

    Und nun bin ich ja sehr auf deinen A2-Bericht gespannt. Himmel, ist das ein hässlicher Würfel!!! 😉

    Sandmann

  2. El Gigante sagt:

    Püh!

    … was heisst hier infizieren? Du hast mir die Möglichkeit gegeben, Texte über Dinge und Situationen zu schreiben, die ich sonst nicht an den Leser zu bringen wüsste. Mir macht es Spaß, diese Artikel zunächst im Kopf zu entwickeln und dann hier im Editor entstehen zu lassen. Und letztendlich ist es doch wie bei einer Aufführung auf einer Bühne: eine Art der Selbstdarstellung, oder?

    Im speziellen Bezug auf deinen Kommentar muss ich hier auch noch eben etwas klarstellen:

    * Erstens hatte ich schon vorher für eine „Unterlage“ gesorgt: mein gutes Cullmann-Stativ.

    * Zweitens kann man solche Bilder immer gebrauchen – und wer sich einen zweiten, fast gleichen Wagen holt, der ist auch Willens, diese Besonderheit dann per Fotos zu dokumentieren.

    * Drittens möchte ich eigentlich nicht aus Allem Berichte machen. Einen gewissen Unterhaltungswert müssen die Inhalte schon hergeben. Da ich mich mit Autos als Fahrlehrer rudimentär auskenne und dazu auch immer etwas zu sagen/schreiben weiss, ist der Themenkreis damit auch gesteckt. So what?

    * Und viertens IST DER A2 KEIN HÄSSLICHER WÜRFEL!!! Du Konservativer, Unwissender! Nu‘ mal nicht so intolerant!
    Bist du eigentlich je mal so einen Alu Gnubbel gefahren? Siehste – nicht mal das!
    Wat de Buer nich kennt, dat fret he nich… da muss man was gegen tun: Ich lade dich herzlichst zu einer Ausfahrt mit meinem Audi A2 ein, bei der du dieses Fahrzeug kennen lernst. DANN kannst du darüber urteilen. Und ich bin mir sicher, dass dein Urteil dann anders ausfällt als bisher. Auf diese Art habe ich schon Einige zum Überlegen gebracht. Überzeugen will ich ja gar nicht. 🙂
    Sonst führe ja jeder so ein futuristisches Auto… warum es wohl eine unglaubliche Nachfrage nach diesen Autos gibt? Frag‘ mal einen Händler: Ist der Audi A2 da, ist er weg! Klar, weil er ein hässlicher Würfel ist !?!

    Aber dazu später mehr!:-)

    El

    • Sandmann sagt:

      Nein, überzeugen wirst du mich auch nicht müssen.
      Der A2 ist mit Sicherheit ein technisch ausgereiftes Auto, das für seine Größe erstaunlich viel Platz bietet. Ich bin tatsächlich schon einmal einen gefahren, damals, als mein Freund Andinho so einen als Firmenfahrzeug hatte. Vom Auto bin ich durchaus begeistert, was die Fahreigenschaften, das Handling und dieses Gedöns betrifft.

      Aber die Optik. Die finde ich persönlich, und da mögest du mir einfach verzeihen, furchtbar. Der Wagen ist hoch und schmal, hat keine Motorhaube und keinen Kühlergrill. Ich finde ihn schlicht hässlich. Da musst du durch…

      Aber du lässt dich ja von solchen Meinungen nicht vom Schreiben abhalten, und das ist gut so 🙂 Weitermachen, bitte! Auch wenn ich eure beiden A2s einfach optisch nicht ins Premiumsegment des guten Geschmacks schiebe.

      Sandmann 😉

      • El Gigante sagt:

        Okay, Sandmann,

        du findest ihn häßlich weil er keine Motorhaube hat (was definitiv nicht stimmt!) und weil er keinen Kühlergrill hat. Hm!?!

        Optik stimmt nicht… Hm!?! … ist hoch und schmal… Hm!?! Ist 1,67m schmal und 1,51m hoch? Ein K70 ist 1,68m BREIT und 1,45m HOCH… ich versteh‘ das nicht!

        WER hat denn den Begriff „HÄSSLICH“ im Bezug auf ein Auto definiert? WER definiert, was schön ist? Wir könnten uns jetzt genauso gut darüber streiten, ob die Farbe ROT schön ist oder nicht – es wäre müßig… und überflüssig, weil… darüber kann man nicht streiten.

        ICH finde, dass ein Audi A2 ein außergewöhnliches Design hat!
        P U N K T

        El

        • Sandmann sagt:

          Ay El,

          stimmt. Er ist außergewöhnlich, das gebe ich mit einem versöhnlichen Zwinkern zu. Und in ein paar Jahren, wer weiß, sehe ich ihn vielleicht mit anderen Augen…?
          An den E-Kadett habe ich mich irgendwann auch gewöhnt.

          Lass uns mal treffen, und ich lass mich mal auf ihn ein, den A2. Ohne Vorurteile. Versprochen….

          Sandmann 😉

          • El Gigante sagt:

            AHA Sandmann,

            haste den sturen Kopf jetzt mal ein bisschen ad acta gelegt? BRAV!

            Das erinnert mich an Codo!
            Zitat:
            (…) Zielansprache: Gamma, Delta, sieben, drei, eins, Überraum.

            Objekt überwindet den Hassschirm.

            Ätzend, ich bin so ätzend, alles zersetzend:
            Ich bin der Haß.

            Mächtig, unendlich mächtig, und niederträchtig.
            So ist mein Haß.

            Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt
            und bring‘ die Liebe mit von meinem Himmelsritt.
            Denn die Liebe, Liebe, Liebe, Liebe, die macht viel Spaß,
            viel mehr Spaß als irgendwas.

            Alles wird gut!

            El

  3. Daemonarch sagt:

    Einfach Herrlich!

    Deine Beiträge sind eine echte Bereicherung auf Sandmann’s Welt!
    Ich merke sofort wie kompatibel hier unsere gesammelte Automobilbekloppheit ist..

    So eine ähnliche Story hätte mir auch passieren können…

    Was kann mann abschließend wünschen? Immer ne Handbreit Erde unterm Reifen? Achs und Wellenbruch?
    Ich versuchs mal einfach mit „allseits gute Fahrt!“

    Maik

  4. El Gigante sagt:

    Ha,

    ich wusste, dass ich nicht der einzige Bekloppte bin! Das ist wie früher in der Schule, als keiner kapiert hatte, was der Lehrer uns beibringen wollte. Aber keiner hatte sich getraut, diese Unwissenheit kund zu tun. Bis sich dann plötzlich Einer geoutet hatte… und dann brachen Dämme! Über die Hälfte der Anwesenden stand ebenso auf der Leitung wie der Eine, der sich getraut hatte, die Klappe auf zu machen 🙂

    Das ist das Schöne an „Sandmanns Welt„: wir verstehen uns!

    Immer eine handbreit tragfähigen Bodens unter den Antriebsrädern 🙂

    Prima… und Danke Maik!

    El

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