Bass Bumm Orange

Mehr Capri ist fast nicht möglich.

Mehr Capri ist fast nicht möglich.

„Verkaufe Ford Cabri“.  ——  Mit b!
Wer so bescheuert ist muss sich im Internet nicht wundern, wenn keiner die zum Kauf angebotene Karre findet. Mann mann mann 😀  Umso schöner für den Kieler Dirk Matuszewski, der bekam deshalb den Capri zum Schnäppchenpreis – auch wenn das Teil eine durchlöcherte Möhre war. Eine damals noch nicht orange. Aber wehe, wenn sie losgelassen: Heute donnern Dirk und ich mit seinem RAL 2004 Traumwagen durch Schleswig-Holstein, entlang des Nord-Ostsee-Kanals. Mit einem kleinen Stop in der Nähe von Holtenau bei Kiel, da liegt ein Schiff mit der gleichen, brüllenden Farbe. Kommt ihr mit?

Ein Capri, ein Capri, ein Capri soll es sein. Der angebotene, etwas heruntergekommene Zweiliter-Vierzylinder-GT fand bei ebay nicht wirklich viele Mitbieter. Wie auch, bei diesem peinlichen Schreibfehler?
3-2-1-seins – plötzlich gehörte er Dirk. Das kam zwar ein bisschen unerwartet, aber nicht ungelegen. Schließlich bot er nicht einfach aus Spaß mit. Nur der Endpreis war überraschend.

Kann man machen...

Kann man machen…

Dirk stromerte schon ein bisschen länger im Netz und bot hier und da mal mit, telefonierte und recherchierte. Capris wurden lange Jahre lang getunt und verheizt, inzwischen sind die relativ teuer geworden. Und warum ein Capri? Schon als Fünfjähriger saß er im Fond von Papas taubenblauem Capri II, ein Sportcoupé mit niedrig verdichtetem Zweiliter-Vierzylinder und entspannten 85 PS. Die meisten von uns können ein Lied davon singen, dass uns Papas Auto geprägt hat, oder? Und ab einem bestimmten Alter keimt der Wunsch, dieses Auto selbst zu besitzen. Dirk ist da nicht anders als wir alle, und Dirk hatte diese Kindheitserinnerung nun gekauft. Für schmale (Achtung, jetzt ganz tapfer sein) … 179 Euro.

Die Form ist stimmig und zeitlos

Die Form ist stimmig und zeitlos

Da war in Sachen Kohle noch Luft nach oben, so gesehen konnte er ja gar nichts falsch machen. Oder? Kumpel eingepackt, ein bisschen Geld aus dem Automaten gezogen und ab ging es ins südliche Bremer Land. Und, damit wir uns auch hier einig sind: Mit einem Trailer ein Auto holen machen nur die Braven und Ängstlichen von uns. Ich zum Beispiel 🙂 Der Neuerwerb war mit ein paar „Abers“ prinzipiell fahrtauglich. Die maroden Handbremsseile waren schnell durchgekniffen, und ein paar beherzte Schläge mit dem Hammer auf die hinteren Bremstrommeln (das klassische Standproblem) gaben den Antrieb nach vorn frei. So konnten die Jungs das Teil auf eigener Achse zurück nach Kiel reiten, man munkelt, es war ein schönes Erlebnis.

Wegblitz-Front, zurecht.

Wegblitz-Front, zurecht.

Reiten? Ja. Reiten.
Ford Deutschland und Ford of Britain warfen 1968 ein zweitüriges europäisches „Pony Car“ auf den Markt, was dem in den USA erfolgreichen Ford Mustang nacheifern sein sollte. Man setzte auf ein ähnlich preiswertes Baukastensystem wie die Jungs in Detroit, nahm das Fahrwerk vom britischen Cortina und die Motoren vom deutschen Taunus. Die Ford-Werke in Saarlouis und Köln bedienten die Käufer aus allen Bevölkerungsschichten mit zumindest vordergründig variantenreichen Motoren und bestückten den Ur-Capri mit dem 1,3-Liter-, 1,5 Liter- und 1,7-Liter-V4.

Vario-Air-Düsen.... ich denke an meinen Taunus....

Vario-Air-Düsen…. ich denke an meinen Taunus….

Vau Vier 🙂 Kennt ihr die? Die lustigen kleinen Krawaller waren antik und schon in den Vorgängern völlig überfordert. Den Titel der Spitzenmotorisierung trug damals der 2,0-Liter-V6, und auch diesen Fehler machten die Deutschen ihren amerikanischen Mustang Vor-Reitern nach. Die Masse wollte von Anfang an mehr Bumms. Schon 1969 legte man deshalb hektisch den 2300 GT mit 2,3-Liter-Doppelvergaser-V6 und den 2600 GT mit 2,6 Liter-Doppelvergaser-V6 nach. Auf der gerade aus der EU rausgekegelten Linkslenkerinsel gab‘s sogar den legendären 3,0-Liter-Essex-V6 mit immerhin 138 PS. Geht doch.
1973 knackte der Capri schon die Millionengrenze, 1974 kam die längst nötige Überarbeitung und machte aus dem Sportcoupé grundsätzlich das, was es bis zum Produktionsende sein sollte.

Wie bei den Ford-Modellen dieser Jahre blieb beim Modellwechsel die Bodengruppe und der ganze Kram rund um die B-Säule fast gleich. Die Bleche wurden sachlich geglättet und die Glasflächen vergrößert, womit man einem Hauptkritikpunkt der Unübersichtlichkeit begegnete. Dazu spendierte man noch eine riesige Heckklappe statt des stummeligen Kofferraumdeckels, und in Verbindung mit den (in höheren Ausstattungsvarianten sogar einzeln) umlegbaren Rücksitzen wurde aus dem Zweitürer mit zwei Handgriffen ein sagenhaft geräumiger Fastback-Kombi. Der weniger sportlich ambitionierten Klientel kam man noch mit 
einer weicheren Fahrwerksabstimmung entgegen und bot im Ghia noch reichlich Plüsch, Holzimitat und Automatikgetriebe ab Werk. Passt. Das Ding verkaufte sich wie frisches Brot.

Zu Land und zu Wasser, Luft lassen wir weg.

Zu Land und zu Wasser, Luft lassen wir weg.

1978 zog man die Haube über die Doppelscheinwerfer und die Stoßstange um die Ecken. Der Grill und die Rücklichter wurden lamellig gestaltet, und ein kleines Spoilerchen verbesserte die Aerodynamik und dämmte den Durst ein wenig ein. Diese stark überarbeitete, immer noch blattgefederte Variante mit hinterer Starrachse wird heute inoffiziell Capri III genannt, ist aber tatsächlich nur ein intern Projekt Carla und offiziell Capri II 78 genanntes Facelift. Ab 1981 debütierte die Benzineinspritzung. Den echten Capri III hat es nie gegeben. Und auch mit den anderen europäischen Pony Cars war in Deutschland 1984 Schluss: Bis 1986 gab es noch rechtsgelenkte Modelle für die Insel, nach insgesamt 1.886.647 gebauten Coupés fiel die Klappe. Nachfolger? Leider nein.

Vollgas die Promenande rauf

Vollgas die Promenande rauf

Zurück nach Kiel. Hinter Dirks Capri fiel zunächst auch die Klappe. Als das Kurzzeit-Kennzeichen nach fünf Tagen leergefahren war (und die Begeisterung für den Sportler nicht weniger wurde), parkte er ihn erstmal in seinem Schrauberparadies. 500 m² trockene Halle, zwei Hebebühnen, Schweißgerät und Werkzeug bis zum Abwinken. Warum haben eigentlich so viele Leute eine Halle, nur ich nicht?? *grummel* Dort wurde der gesellschaftsfähige Sportler nach und nach komplett bis auf das Fahrwerk zerlegt und anschließend zum Sandstrahlen gegeben. Als das deutsche Pony wieder zurückkam, stand Dirk vor einem völlig zerlöcherten Kölner Käse. Verdammt. Aber aufgeben ist nicht an der Förde. Dirk ließ sich mit reichlich Blechen versorgen und zauberte dem Capri in fünf Monaten feierabendlichem Dauerschweißen ein neues Kleid. Und die finale Färbung dieses Kleides sollte unverwechselbar werden, denn im neuen Jahrtausend gab es schon genug schwarze, weiße und silberne Autos. Laaaangweilig.

Tadaaaaa ♫ Alles, aber nicht langweilig.

Tadaaaaa ♫ Alles, aber nicht langweilig.

Oh nein, RAL 2004!
Ein original Ford-Lack von 1978 sollte die metallenen Flanken künftig 
heller leuchten lassen als den Rettungskreuzer auf der Kieler Förde. Landläufig könnte man diese Farbe als „Orange“ bezeichnen, nur ein bisschen krasser. Während der Lackierer mit brennenden Augen lackte, nutzte Dirk die Zeit und tauchte auf der Suche nach einem adäquaten Treibsatz, der den müden Vierzylinder ersetzen sollte, erneut in die Tiefen des Netzes. Am liebsten wollte er einen kräftigen und zuverlässigen Einspritzer haben, aber die originalen Capri-Motoren mit dem kleinen „i“ hinten dran waren selten und teuer. Warum also nicht einen V6 aus einem Scorpio? Von einer Fachfirma zerlegt und neu aufgebaut, lackiert, neu abgedichtet und mit Ventildeckeln aus Aluminium?

Der macht auch unter der Haube was her...

Der macht auch unter der Haube was her…

3-2-1 seins – für 211 Euro. Kein Schreibfehler diesmal.
Parallel kam per Luftfracht aus Australien ein Armaturenbrett aus gebürstetem V2A. So langsam begann eine Art endgeiler, personalisierter Renner vor Dirks Augen zu entstehen, der nun nur noch zusammengebaut werden musste. Um Originalität scherte er sich von Anfang an nicht. Es ist ein Auto. Und es muss gefallen. Punkt.

Dirk ist stolz. Das darf er auch sein.

Dirk ist stolz. Das darf er auch sein.

Und irgendwann dann der große Moment.
Nach 2,5 Jahren schweißen und schrauben und einem monetären Strip von rund 12.000 Euro (allein für die Ersatzteile) steht der Capri im Jahr 2006 komplettiert, gelackt, hochglänzend und gierig knurrend auf dem Hof. Die beiden Auspuffrohre brabbeln, alle Warnlampen sind brav ausgegangen und nur sehr wenige Zugvögel auf dem Weg in den Süden werden von der Farbe so nachhaltig abgelenkt, dass sie sich verfliegen. Auf zur Jungfernfahrt.

Alles grau, nur der Capri nicht

Alles grau, nur der Capri nicht

Die dauert genau fünf Kilometer. Und sie endet dampfend, zischend und stinkend am Straßenrand. Das Kühlwasser kocht. Na klasse. Dirk holt den leuchtenden Hecktriebler mit einem Trailer (nun also doch…) zurück in die Schrauberhalle und begibt sich fluchend und schlecht gelaunt auf die Fehlersuche. Der Motor hat das kochende Wasser aus dem Ausgleichsbehälter gedrückt. Hat es vielleicht die angeblich neue Zylinderkopfdichtung zerlegt? Dem muss nachgegangen werden, also nehmen die Jungs die Ansaugbrücke und die Steuerkette ab und setzen die Knarre mit zölliger Verlängerung auf die erste Kopfschraube.

Nicht original - aber billig und pflegeleicht.

Nicht original – aber billig und pflegeleicht.

Dirk packt beherzt an, will mit Kampfschrei und Kraft drehen – und stolpert daraufhin unkontrolliert durch die halbe Halle. Der Kandidat ist nur handfest angezogen, genau wie die anderen Kopfschrauben-Kollegen auf beiden Köpfen. Argh. Das stellt ein wenig die Aussage „von einer Fachfirma neu aufgebaut“ in Frage, erklärt aber andererseits, warum der Motor sofort sein Wasser ausgespuckt hat. Was hilft Gejammer, also anpacken. Dirk planiert beide Köpfe, besorgt neue Dichtungen und Schrauben – und das ist es dann auch.
Der Capri (jetzt dauerhaft mit p) läuft rund und macht einen Heidenspaß. Er drückt brutal nach vorn, und das allein mit der Kraft des Scorpio-Herzens. Im Heck liegt nicht die in bestimmten Kreisen unverzichtbare NOS-Einspritzung (wie man bei der Farbe meinen könnte). Da liegt eine dicke Bassrolle. Druck für die Ohren. Ein bisschen Bass muss sein.

Komm schon, ein bisschen BUMMS darf sein.

Komm schon, ein bisschen BUMMS darf sein.

Das orange Ding wird von jetzt an der Begleiter seiner Lebensgeschichte. 2010 wird das Auto seine persönliche Hochzeitskutsche, 2013 bekommt er mit allen zeitgenössischen Umbauten das begehrte H-Kennzeichen. Heute fährt Dirk Matuszewski den gepimpten Sportler, noch immer ohne NOS, im Alltag und bereut keinen einzigen Kilometer. Der Motorsound ist kernig und kraftvoll, das straffe Fahrwerk vom „großen“ Capri 2.8i liegt satt und fest auf dem Asphalt und die Jahre ziehen ins Land, ohne dass auch nur irgend etwas kaputt gehen würde. Die robuste Großserientechnik hält, was sie damals versprach.

Gute Freunde sollt ihr sein.

Gute Freunde sollt ihr sein.

Zwei klitzekleine Rostbläschen finden sich an der Fahrertür. Dirk zeigt sie mir mit unterwürfigem Blick, da muss er nochmal bei, sagt er. Achgottchen. Was ist schon ohne Makel in diesem Leben? Die Pickelchen werden in diesem Winter ausgebessert, meinetwegen, ich hätte die gar nicht gesehen 🙂
Ein Kindheitstraum ist wahr geworden, und er währt anscheinend fortan einfach immer weiter. Weil er Spaß macht und trotz der krassen Optik bei jedem Kilometer wundervoll entschleunigt. Und wie er damals in der orangen Hochzeitskutsche seiner Ehefrau die ewige Treue versprach ist er sich auch beim Capri sicher: Der wird nicht mehr hergegeben.

Sandmann

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Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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9 Responses to Bass Bumm Orange

  1. Pingback: Am 30. Juni 2016 gefunden … | wABss

  2. Sammy says:

    Freund von mir hatte in den 80ern einen Capri „3“ (bin jetzt schlauer*g), in damals üblicher 2-Farb-Lackierung in blaumetalic und grau, fand ich damals schon gefälliger als den Manta B, die V6 klangen auch besser, aber mir als Motorradfahrer waren diese Autos im Alltag nicht praktisch genug, ich fuhr im WInter einen Nissan Pickup Diesel 4WD 😉

    • Sandmann says:

      Ay Sammy,

      okay, zwischen einem Nissan 4WD und einem Sportcoupé liegen mehr als nur ein paar Zentimeter Bodenfreiheit 😉
      Den Manta B mochte ich damals auch nicht. Der hat erst mit den Jahren in meinem Kopf einen Platz gefunden, wie so vieles, was älter wird. Wenn aktuelle Modelle noch viel schlimmer aussehen beginnt man, milde zu werden.
      Den Klang der V6 Motoren von Ford finde ich legendär. Die haben nicht viel Bumms, klingen aber fast wie V8 Motoren 🙂 Ich freu mich schon, wenn mein 2.0 V6 im Granada wieder leben wird *schwärm*

      Sandmann

  3. Lisa says:

    diese Farbe! ich bin begeistert!! 🙂

  4. LostTupper says:

    Yeahhh, die Kist rockt. Absolut traumhaft. Bis auf die Farbe sehr dezent verfeinert mit ordentlich Bumms, so muss dat.

    Gruß
    Stefan

    PS.: Nicht nur RAL 2004 rockt, meinen Käfer habe ich in VW L 61 A Cliff Grün lackiert, der sticht genauso in den Augen.

    • Sandmann says:

      Grün ist sowieso die neue GEILE Farbe finde ich.
      Nachdem ich mich erstaunlicherweise auch wieder für dunkles Braun begeistern kann schwenke ich jetzt in eine verkappte Liebe zu Grün 🙂
      Mist.
      Mein XM ist Schwarz, der Benz Dunkelblau. Langweilig….

      Sandmann

  5. Magnat says:

    Einfach mal mit Stil 🙂 So schöne Autos sieht man leider viel zu selten auf der Straße

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