Dachlast des Grauens

Ay liebe Blog-Gemeinde,

Kombi? – Braucht man nicht. Ohne alte Kamellen wieder aufwärmen zu wollen, aber in diesem Fall hätte wohl tatsächlich auch ein sonstwie gearteter crossover-Familiensport-Kleingelände-Van nicht geholfen. In der Casa Sandmann mangelt es an Platz zum Wohnen, nicht aber an Quadratmetern Gartenfläche. Also? Bauen wir flugs für das Töchterchen ein Kinderzimmer an. Dem fehlt noch das Dach. Aber das ist eine andere Geschichte. In diesem architektonischen Zusammenhang jedoch kommen mir zwei Fragen, die auch für Autofahrer von einer gewissen Bedeutung sind: Was ist eigentlich die Dachlast? Und… wie unglaublich schwer können ein paar popelige, vier Meter lange Stahl-Profilbleche sein? Wieder einmal lege ich mein Auto unkonventionell tiefer…

Nee, Jung, das leg ich dir da nicht drauf!“

Es ist eine Menge zielorientierter Rhetorik notwendig, um den freundlichen Staplerfahrer im Lagerbereich der viel-zu-schwere-Bleche-Fachhandlung dazu zu bewegen, seine Last an die von mir dafür vorgesehene Stelle zu hebeln: Das Dach meines Autos. Ich bin bestens ausgerüstet, theoretisch jedenfalls, habe den Dachgepäckträger ein bisschen fester als sonst gezogen und schwinge elegant-lässig zwei Spanngurte neben der Hüfte. Wie ein Cowboy sein Lasso. Und führe für unvorhergesehene Überlängen sogar ein rotes Fähnchen mit, aber ich rechne nicht mit dessen Benutzung. Die Dachbleche sind vier Meter lang, mein Audi fünf. Ich dachte, ich sei so auf alles vorbereitet. Wie sich herausstellt jedoch nicht auf das Gewicht der Bleche.

Ein 1993er Audi V8 verbucht eine Menge Platz auf dem Dach. Da denkt ein reihenhaushassender Familienversorger automatisch an teure, stromlinienförmige Dachboxen ohne Nutzwert, die zwar die Optik verschlechtern, aber keinen nennenswerten Stauraum bieten. Dachboxen? – Braucht man nicht. So ein paar Profilbleche lassen sich auch direkt auf den maßgeschneiderten Dachgepäckträger spannen. Dass diese im eingeschweißten Paket 210kg wiegen erfahre ich erst über die gelbe, an der Seite angebrachte Versandtafel. Die Zahl schreit mich regelrecht an. Selbst wenn ich jetzt beide Augen zudrücke… WIE bekomme ich die Bleche nachher wieder vom Dach runter? Wohl eher einzeln. Der Audi für seinen Teil geht sichtbar in die Knie und fragt mich mit großen Scheinwerfern, warum ich jetzt 1/9 des Gesamtgewichts nach ganz oben packe.

Die Frohnatur in mir denkt natürlich nicht an Vollbremsungen oder abrupte Lenkbewegungen, sondern ausschließlich über Fahrzeuglängen nach und ist erfreut, dass der rote Wimpel tatsächlich nicht notwendig ist. Weder vorn noch hinten hängt irgend etwas irgendwo rüber. Maximal nach unten drückt irgendwie was mehr als sonst. Der Herr auf dem Stapler murmelt das Wort „Eigenverantwortung„, lässt mich ein paar bürokratische Erklärungen unterschreiben und verschwindet dienstbeflissen im Bodennebel zwischen den Hochregalen. Alle anderen Schaulustigen schütteln mit dem Kopf. Bin ich ein Wahnsinniger? Bin ich irre? Anscheinend ja. Dabei bin ich doch früher einmal Physiklehrer gewesen, welche Variable in meiner Kinetik-Gleichung habe ich falsch berechnet?

Ah. Ich verstehe, was sie meinen könnten. Der V8 fährt sich irgendwie… ein wenig träger als sonst, und die Gummilager der aufwändigen Achskonstruktion knarzen entrüstet. Dachlast… Dachlast… ich weiß, dass es so etwas gibt, genau wie die Stützlast beim Anhänger. Und dass man diese nicht überschreiten darf. Habe ich das? Hochkonzentriert fahre ich laaangsam, defensiv und passiv durch das Gewerbegebiet und leite alle Bremsvorgänge schon ein bisschen früher als sonst ein. Alles ist leidlich fest, nichts verrutscht nennenswert. Durch das geöffnete Schiebedach habe ich volle optische Kontrolle. Ohne Probleme gelange ich zu meinem kleinen Häuschen und verschwinde für diesen Tag erst einmal seufzend in der Badewanne. Nachts prasselt der typische norddeutsche Frühlingsregen auf die Profilbleche und inszeniert eine gemütliche Kulisse für meinen Schlaf…

Noch eine dritte Sache lerne ich am kommenden Morgen: IMMER vor Verlassen des Fahrzeugs das Schiebedach schließen, besonders bei starkem Regen! Die über Nacht auf dem Träger belassenen Bleche haben ein komplettes Absaufen meines Autos verhindert! Danke. Platte für Platte wandert nun die Last auf das Dach des neuen Zimmers meiner Tochter, und Millimeter für Millimeter erhebt sich der Audi wie ein Citroen aus seiner geduckten Haltung wieder in die normale Höhe. Aus dem Augenwinkel lese ich gegen Ende der Aktion eine kleine Zahl auf dem hinteren Träger. Oha. Ein wenig beschämt gucke ich (endlich) im Audi V8 Forum im Netz nach der zulässigen Dachlast für meinen Wagen und erblasse mit gesenktem Haupt. Sie beträgt rund ein Drittel dessen, was ich habe aufladen lassen… 75kg…

Wie unangenehm. Nächstes mal lasse ich dann doch lieber liefern… Haben Sie selbst Erfahrungen mit dem Thema? Sind Sie womöglich schon einmal in einen Unfall wegen falscher Dachlasten verwickelt worden? Leidet auch das Auto, oder nur das Fahrverhalten wegen des hohen Schwerpunkts…?

Ein reumütiger Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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9 Responses to Dachlast des Grauens

  1. El Gigante says:

    LACH… bisschen naiv und blauäugig bist du ja manchmal auch, oder?

    Na ja – wir ham ja alle unsere Fehler, gell?

    Gruß
    El

    • Sandmann says:

      Ay El,

      stimmt. Ich habe blaue Augen. Sehr schöne blaue Augen, sagte man mir mal 🙂
      Aber in Sachen Naivität habe ich hier und da schon dazu gelernt…

      Sandmann

  2. SteffenG says:

    Hmmm… erinnert mich an die 4m Balken auf meinem 400kg Anhänger mit 1,20m Länge. Ein Fähnchen habe ich angehängt… Sicher ist sicher!
    Normalerweise sage ich immer, dass mangelnde Leistung durch Mut wett gemacht werden kann, in dem Fall war es wohl mangelnde Ladefläche.

    Und für die Überlast im KOMBI habe ich Niveauregulierung made by SACHS.

    Irgendwas ist ja immer!

    Steffen.

    • Sandmann says:

      🙂
      Da ich bekanntermaßen kein Niveau habe, lässt sich das auch nicht regulieren.

      Aber wo wir schon von hydraulischen Systemen reden… nach nur 510.000 Kilometern meldet sich jetzt endlich mein Lenkgetriebe und markiert fleißig sein Revier… Das wäre nicht so schlimm, wenn man es einfach so ausbauen könnte… Hm…

      Sandmann

      • SteffenG says:

        War Dein Fahrwerk nicht auch am rumtrampeln? Da ist wohl mal ne kleine GU fällig?

        Mein Kumpel (seines Zeichens KFZ-Mechanikus) sagt immer, dass Auto mit einem mittleren Pflegeaufwan am längsten halten. Die Autos mit zu viel oder zu wenig Pflege stehen bei ihm häufiger in der Werkstatt.

        Steffen.

        • Sandmann says:

          Ay Steffen,

          das beruhigt mich 😀
          Ja, das Fahrwerk trampelt. Das sind jetzt die Spuren der hohen Laufleistung…

          Ich lass mir mal von meinem 1A Auto-Fach-Schrauber hier in Kiel ein Angebot machen, ich komm ja selbst momentan zu nüscht. Jetzt habe ich den KaSi erstmal wieder erweckt und werde noch ein bisschen an ihm schrauben, bis es dann am Donnerstag zur Rallye geht 🙂 🙂 🙂 Und danach… sehen wir mal…

          Sandmann

          • Touranus says:

            … und wenn dann erstmal wieder Zeit für die Comix ist, wird die häßliche „47“ da oben auch wieder verschwinden… 🙂

            Freue mich auf schon auf die Live Beschreibungen der Rallye. Leider ist der Streckenverlauf für mich diesmal ungünstig… mal sehen, wo ich mich dieses Jahr hinstelle.
            Üüüüüübrigens: Entweder ich werde langsam Altersblind…. oder…. Ich konnte Deinen Namen nicht auf der Starterliste der AuBi finden…?

            Touranus

  3. pewu says:

    Hallo Sandmann,

    ich könnte Dich ja wieder mit nem Ford ärgern….

    Beim (schwäbischen) Häuslesbauen kamen beim Zement und Fliesen kaufen so ca. 850 kg zusammen. Da fragt der nette Staplerfahrer: „wo steht der Lastwagen?“
    Darauf ich: „hab nen Kombi“.
    Staplerfahrer: „geht nicht“.
    Mein Konter: „GRANADA-Kombi“.
    Staplerfahrer: „ok – wo steht der?“.

    Mit mir waren das dann seinerzeit bald ein schlappes Tönnchen Zuladung. Der Gränni lag satt wie nie auf der Straße. Aber: ich hatte wenigstens keine unverantwortlich hohe Dachlast 😉 !

    Gruß

    Pewu

    • Sandmann says:

      Ay Pewu,

      der Granada war, ist und bleibt das Arbeitstier der Handwerker. Was für ein grandioses Auto. Allerdings muss ich dazu sagen, dass die derbe Dachlast meinem V8 in keinster Weise geschadet hat. Ich erinnere mich da an Aktionen mit Feldsteinen im Kofferraum (oooha wer das nicht kennt, bitte gar nicht erst danach suchen…)…

      Ich hänge schon ein bisschen an der Marke Ford. Und das nicht erst, seit ich einen amerikanischen LTD Sedan von 1978 gefahren habe…

      Sandmann 🙂

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