Das 5. Türchen öffnen…

Abgelenkt beim Fahren?

Abgelenkt beim Fahren?

Von drinnen sieht das ja alles ganz nett aus, wenn ich die Treppe runterkomme, langsam alle Lichter im Haus anmache, den noch warmen Kaminofen frisch mit Holz belege und dann aus dem Fenster auf die weiße, dunkle Winterkälte da draußen blicke, die sich über Nacht auf Kiels Felder und Wiesen gelegt hat. Ein wenig Schnee, -8° und friedliche vorweihnachtliche Freude an diesem 5. Dezember, einen Tag vor Nikolaus. Das Bild zerspringt in tausend Eiskristalle, als ich vor die Tür trete, um meine große Tochter heute mal uneigennützig zur Schule zu fahren. Im Umkreis von 50 Metern fluchen mindestens 5 Nachbarn, knarzende Geräusche deuten auf wirklich aggressives Eis auf den Autoscheiben hin und mindestens ein Anlasser singt gerade die Ballade von der sterbenden Batterie. Eine feuchte Kälte im Grenzbereich der Nullmarke. Dann wollen wir mal das fünfte Türchen an diesem Tag öffnen. >>KRRACK!<<

Oh.

Na toll, das geht ja super los

Na toll, das geht ja super los

Der Griff knirscht unter meiner blau frierenden Hand, und nichts bewegt sich. Ich rucke an der Tür, ich trete gegen die Tür, final reiße ich an der Tür, und >>RASSS!<< geht sie quietschend und rieselnd auf. Geschafft. Fast. Von innen werfe ich mich gegen ihre ebenfalls festgefrorene Nachbarin auf der Beifahrseite, damit mein Töchterchen ohne nennenswerten Kraftaufwand ebenfalls einsteigen kann, starte das schier unzerstörbare Dieselaggregat, finde sofort den Eiskratzer (das war nicht immer so) und kümmere mich zunächst um den Anlass der nachbarschaftlichen Flüche. Das Eis auf den Scheiben erzählt mir Geschichten von Schneeflocken, die erst angetaut sind, um dann später festzufrieren und sich mit neuem feuchten Schnee zu paaren. Heraus kamen viele kleine Eisberge, die sich so fest in die Scheiben krallen, dass mir unterschwellig der Carglas-Song in den Kopf kommt.

Ich mag den Winter nicht

Ich mag den Winter nicht

Verzeihen Sie die unscharfen Bilder, das hier ist eine zeitnahe, authentische Erlebnisbeichte, da muss ich den künstlerischen Anspruch ein wenig zurückstellen. Während sich hinter mir ein mit bemützten und beschaalten Kindern beladener Kleintransporter einmal um sich selbst dreht (und dann einfach cool weiterfährt) kratze ich unmotiviert und urlaubsreif auf dem platinharten Scheibeneis rum und wünsche mir mehr denn je einen Carport. Irgendwo hinter mir strahlen die Lichter meines Häuschens Zuversicht spendend und Wärme assoziierend in den werdenden Morgen, was mir hier und jetzt nicht weiterhilft. So, Scheiben frei. Na, dann mal los.

Ob das halten mag?

Ob das halten mag?

*RUMMS* … kniiiirk… Nanu? Nochmal. *RUMMS* … kniiiirk… Die Tür bleibt nicht zu, sie geht wieder auf? *RUMMS* *RUMMSRUMMS* Ich glaub’s nicht! Das Türschloss ist eingefroren, oder abgerissen, oder was weiß ich. Sie geht immer wieder auf. Die Tür. Was mache ich jetzt? Während meine gigglende Tochter auf dem Beifahrersitz mit ihren 500 Facebook-Homies lebenswichtige Informationen im Zehntelsekundentakt austauscht, suche ich in der Garage ein Spanngummi, werde fündig und denke über temporäre Lösungen nach, die verhindern sollen, dass ich den ganzen Weg in die Kieler Innenstadt mit einer Hand (und vor allem in Rechtskurven) die Tür festhalten muss. Das kann’s ja nicht sein, nicht bei Schnee und Eisglätte. Und auch sonst nicht 🙁

Das könnte halten

Das könnte halten

Vielleicht klappt das, bei der Heckklappe hat’s doch auch immer funktioniert. Zunächst hält der Haken des Expanders nicht und droht, unter Spannung abzuzwillen und mich mitten im dichten Berufsverkehrs meines Augenlichtes zu berauben. Das will ja kein Mensch. Also wickel ich ihn einmal um den Türgriff, nehme beherzt neben meiner sich wirklich gut unterhalten fühlenden Tochter platz und ersinne verschiedene Konterpunkte, an denen ich Haken Nummer zwei festmachen könnte. Handbremse, Schaltknauf und T-Shirt fallen aus der Liste der Möglichkeiten nach kurzen Versuchen schnell wieder raus. Es bietet sich der mechanische Verstell-Hebel unter dem Sitz an, massiv, die meiste Zeit weitestgehend überflüssig und nicht mitten im Sichtfeld des Eispiloten.

Dauerlösungen sehen anders aus

Dauerlösungen sehen anders aus

Das funktioniert. Immer beim Kupplung treten streichhelt mir nun zwar das schnappschlossersetzende Fahrradgummi zärtlich über den unteren Oberschenkel, und durch die nicht ganz geschlossene Tür wehen Kälte und Schnee ins Auto, aber wir können wenigstens endlich mal losfahren. Ich freue mich so richtig doll darauf, nachher bei Minusgraden die Türpappe abzuschrauben und im Inneren der Blechhaut nachzuschauen, wo welcher Haken ausgehakt oder gar abgebrochen ist, weil der Kunststoff bei Kälte seine Flexibilität einbüßte. Mit leichter Verspätung rollen Tochter und Papa durch die Winterwelt. Man hat ja auch sonst nichts zu tun an einem Mittwoch Morgen. Aber wissen Sie was? Ich will mich mal nicht so laut beschweren…

andere traf es NOCH schlechter

andere traf es NOCH schlechter

Denn schließlich bekomme ich -nur- meine Tür nicht zu. Nach dem Abliefern des wissenshungrigen Teenagers passiere ich auf dem Heimweg noch diverse quer stehende Kleinwagen und diesen Sportsfreund hier, dessen schlecht schließende Fahrertür heute Morgen das kleinere Problem darstellen wird. Kurz bevor ich leicht driftend wieder in meine Straße einbiege und es am Horizont schon ein wenig dämmert ist sogar dieses furchtbar effiziente TDI-Motörchen endlich warm geworden und heizt Rudolfs Innenraum auf, soweit die nur angelehnte Tür das zulässt. Ich steige aus, blicke erneut (etwas entspannter) auf die erahnbare Wärme meines Häuschens, die mich in Form eines bullernden Kaminofens und der Lichterketten aus den Fenstern einladend empfängt, schlage aus Gewohnheit die Fahrertür zu – und sie bleibt zu! 🙂

Das fünfte Türchen

Das fünfte Türchen

Eingefroren. Das Schloss war tatsächlich nur eingefroren. Rudolf begeistert mich erneut mit seiner regelrecht stoischen Nicht-Reparaturbedürftigkeit, lächelt mich an und denkt sich: Was einfriert, kann auch wieder auftauen. Das stimmt wohl. Also erspare ich mir heute die Schrauberei in der Kälte und nehme mir vor, den Schließmechanismus nachher mal mit irgendwelchen frosthemmenden Schmiermittelchen einzuseifen. Und jetzt? Sitze ich mit einem heißen Kaffee an meinem Schreibtisch, gucke raus in einen Sonnenaufgang und habe gerade noch ein Türchen geöffnet. Das war auch nicht eingefroren. Dahinter war ein kleines Schokopferdchen, soll mir das was sagen?

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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19 Responses to Das 5. Türchen öffnen…

  1. bronx says:

    Das sagt „nimm mich und genieße“.

    Die Problematik dieser Art von Schlössern kenne ich. Etwas Heißluft aus dem Fön, bisserl Frostschutz oder Caramba und das geht wieder. Auch den (herausgezogenen) äusseren Türgriff in dieser Position mal halten und durchwärmen. Dann da auch etwas C hinein sprühen.
    Deine Türgummis haben das aber überlebt, oder?

    Bronx

    • Sandmann says:

      Ay Bronx,

      ja, die Türgummis sind zwar an der Tür hängen geblieben, sind aber heil. Schräg, das. Und jetzt scheint da draußen die Sonne wie im August 🙂
      Lustig, ich hab gerade beim V8 Daily Driver einen Artikel recycled, wo ich das gleiche Problem mit dem Audi hatte. Doofer Winter.

      Sandmann

  2. Daemonarch says:

    Das bringt mich glatt auf den Gedanken, so langsam DOCH mal die Scheibenwaschanlage mit dem magischen Elixir zur Frostverhinderung aufzufüllen…
    Immerhin hab ich schon sonst alle Betriebsflüssigkeiten auf Stand und Frostsicherheit geprüft.

    • bronx says:

      Gute Idee. Bevor ich nachher auf die nächsten 120 Km gehe, macht’s Sinn das mal zu prüfen. Mein Bus hat ja keine Lampe, die einem sagt: auffüllen!
      Irgent wann sind auch 8 Liter mal alle.

  3. Snoopy says:

    Eine Geschichte wie aus dem echten Leben. Ich habe mich auch schon durch den Kofferraum ins Auto begeben 🙂 …

    • Sandmann says:

      Ay Snoopy,

      das hab ich noch nie gemacht 🙂 Rein bin ich immer gekommen, und sei es mit Hilfe von Feuerzeugen oder Heißluftfönen.

      Aber die Tür blieb halt nicht zu…
      Außerdem weiß ich nun gar nicht, was ich heute in meinem Adventskalender habe, weil ich erst morgen wieder in Kiel bin. Vielleicht einen Nikolaus…? 🙂

      Sandmann

  4. stefanh says:

    Ay Schneemann (nach laaaanger Zeit)

    Das typische VW-Übel; bist wohl Rookie auf dem Gebiet 😉
    Bei meinem Golf II selig hatte ich dieses Vergnügen eigentlich jeden frostigen Morgen, als der Wagen noch vor dem Elternhaus draussen stand. Ohne Feuerzeug oder wirklich guten Enteisungsspray bekam man die Türe(n) nie auf.
    Für das Festzurren der nicht mehr schliessenden Tür würde ich ein nicht-elastisches Band empfehlen, sodass jegliches Öffnen unmöglich wird! Ich hatte jeweils so ein kleines Spannset dabei, welches ich quer über die Knie zur Beifahrertür verlegt hatte…
    Falls Du mal wieder online bei mir vorbeischaust, so solltest Du Dir die Operation am offenen Granada-Herzen nicht entgehen lassen. Sehr viel lieber würde ich Dir allerdings mal wieder live begegnen…
    Beste Grüsse & fröhliche Adventszeit! Stefan H.

    • Sandmann says:

      Stefan, Hüter der Heiligen Hallen,

      schön mal wieder von dir zu lesen!
      Spannset mitführen ist ja nicht so meins, ich fette dann lieber das Schloss ordentlich 🙂 Und hier oben ist es ja zum Glück selten wirklich kalt…
      Ich habe heute schön in der Sonne geparkt, da friert nix. Und morgen kommt mal wieder der KaSi auf die Straße, da friert auch nix.

      Deine heiligen Hallen werden definitiv Ziel einer meiner Reisen im Frühling werden, der Chef hat mich in der letzten Redaktionssitzung wieder mal drauf angesprochen! Nevertheless – wenn du mal reiselustig bist, ich habe ein gemütliches Gästehaus im Garten 🙂

      Sandmann

  5. Touranus says:

    N’Abend Sandmann,

    aaaaaalso, wo soll ich anfangen zu lästern? 🙂

    Da ich letzten Monat eine neue Batterie verbaut habe (die alte war noch gut, aber ich traue 56Ah nicht wirklich) habe ich es heute morgen genossen mit einem breiten Grinsen meinem Nachbarn und seinem 7er Starthilfe zu geben. Also seit meinem Caramba Einsatz habe ich keinen Ärger mit meiner Tür 😉

    Ich würde sagen, bis jetzt 1:0 für Laguna gegen Passat 😉

    • Sandmann says:

      🙁
      Pöh. Wart ab, deine Zeit kommt noch. Und – 290.000 Kilometer, wer bietet mehr?
      Drückt mal die Daumen für den KaSi morgen…… Bin etwas nervös ob der Glätte…..

      Sandmann

      • Touranus says:

        Also ich biete erstmal 198.000 km. Benziner wohlgemerkt…

        Ich drücke Dir natürlich die Daumen, aber das wirst du nicht brauchen. Erstens kannst du Auto fahren, und ich weiß, das Du niemals Deine Tochter irgendwie gefährden würdest. Wird schon passen 😉

        Touranus

        • Sandmann says:

          Ay Touranus,

          gute Einstellung. Ich werde es so ähnlich praktizieren 🙂
          Willst du nicht mal eine kleine Updategeschichte über deinen Laguna schreiben? So langsam bewährt er sich ja offensichtlich…

          Ui ich werd müde. Das Alter…

          Sandmann

      • bronx says:

        Die 290.000 werde ich am WE auf meiner Tour nach Drebber vollmachen. Es fehlen noch zarte 350 Km. Davon gehen morgen schon wieder 108 für den Schulweg meines Bengels drauf.
        Wenn er die 300.000 voll hat, bekommt er ne Picolo über die Haube gegossen. Ich mach das immer so, wenn die Rolle nen Hunderter „hüpft“. Lacht ruhig 😀

        Touri, ich ließ gestern Abend das Radio versehentlich an (war aus unerfindlichen Gründen auf >MUTE< gestellt). Heute früh dann der Schreck, aber 2x vorgeglüht und der Haufen sprang an. 96 Ah sei dank. Sandmann, ich drück Euch die Daumen. Fahrt sinnig. Bon Voyage, Bronx

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