Der italienische Amerikaner

Eine Legende, die es wirklich gibt!

Ein lange vergessenes Matchbox-Auto aus Kinderzeiten rollt mir entgegen. Unten steht Iso Grifo drauf, aber damals konnte ich mit diesem Namen nichts anfangen. Dieser Kindheit bin ich schon lange entschlüpft, dem Wunsch, einmal so einen Iso Grifo in echt zu sehen oder womöglich zu fahren noch nicht. Nach 45 Jahren stehe ich endlich vor so einem Exoten – diesmal im Maßstab 1:1. Und die Sehnsucht ist nicht befriedigt, sondern seit dem noch schlimmer…

Der Held meiner Sandkiste

Kindheitserinnerungen

Erinnerungen kommen wieder hoch. Dieses bespielte Matchbox-Auto war damals das schnellste Ding in meiner Sandkiste neben dem silbernen Volvo Kipplaster und dem Chevrolet Pick-Up. Es hatte endlose Highways durch Rhabarberbeete bis zum Komposthaufen gemeistert, aber nie fiel mein Blick auf die Unterseite des Spielzeugs, denn ich konnte noch nicht richtig lesen. Jetzt, rund 45 Jahre später, drehe ich das kleine Auto um. No 14 ISO GRIFO, darunter die Zeile „Made in England“ und ganz unten „by Lesney„. Die gibt es seit 1982 nicht mehr. Und das Wörtchen „Superfast“ auf der verbogenen Hinterachse besagt, dass sich diese Spielzeugserie von den anderen durch besonders leicht laufende Räder unterscheidet. Soweit zum in Metall gegossenen Text. Aber was ist das bitte für ein sagenhaftes Traumauto, so formvollendet und so elegant?

Diese Front verspricht Kraft

Bekannt geworden mit der Isetta

Die italienische Firma Iso Rivolta tauchte im Weltbild der noch jungen Bundesrepublik Deutschland zunächst nur inkognito auf. Jeder von euch wird das zweisitzige Rollermobil kennen, was bei BMW entstanden ist: Die Isetta! Der kleine Knubbel war ein Design-Meisterstück der Italiener und wurde unter diversen Lizenzen in verschiedenen Ländern gefertigt, als Erfüllung des Nachkriegstraums der Mobilität in Deutschland von 1954 bis 1962 allein 130.000 mal.

GT im Baukastensystem

Aber noch lange nicht alles, was dort in der Nähe von Mailand bei Iso Rivolta entstand hatte Kleinwagencharakter. Unter Mitwirkung des ehemaligen Ferrari Mitarbeiters Giotto Bizzarrini, der Karosserieschmiede Bertone und dessen neuem, jungen Designchef Giorgetto Giugiaro entstanden verschiedene Coupés und Limousinen im Werk von Renzo Rivolta. Weil selbst die genialsten Konstrukteure und Designer nicht mal eben ein neues Auto auf die Räder stellen können, wurde sich (wie so oft) in den Regalen diverser anderer Hersteller bedient. Der bekannteste Gran Turismo war – der Iso Grifo.

Egal aus welcher Perspektive – der ist überall SCHÖN

Das ursprüngliche Herz der italienischen Schönheit war ein 5,4 Liter V8 aus der Corvette, die Lenkung lieferte Burman, die manuellen und automatischen Getriebe kamen von Borg-Warner und ZF Friedrichshafen. Zwischen 1965 und 1974 wurden nur 412 Fahrzeuge vom Typ Iso Grifo gefertigt. Auch so einen seltenen Exoten könnt ihr [jetzt kommt ziemlich coole Werbung!] bei Hiscox als Oldtimer versichern. Oder euch ein Angebot für eine Classic Car Versicherung eurer Isetta machen lassen 😀 Klickt mal rein. Ich für meinen Teil… will so einen Wagen sehen, fühlen, fahren!

Wie der in der Sandkiste… nur größer…

Es gibt ihn wirklich!

Im Ruhrgebiet findet sich tatsächlich der leibhaftige Besitzer eines Iso Grifo, noch dazu mit der nur rund 50 mal gebauten und verschwenderisch kräftigen 7-Liter Version der ersten Serie. Das Ruhrgebiet ist nicht weit, Termine sind schnell gemacht. Mein Herz klopft bis zum Hals, als der Mann das breite Garagentor unter seinem Haus aufgleiten lässt und meinen Blick freigibt auf einen echten und anfassbaren Iso Grifo 7 Litri. Daneben steht passenderweise auch noch ein Bizzarrini, aber das ist eine andere Geschichte. Was in meiner Sandkiste mittelblau, rechtsgelenkt und absurderweise mit einer kleinen Anhängerkupplung versehen war steht hier als dunkelrote, links gelenkte rostfreie Schönheit mit schwarzem Leder. Ich fühle mich wie beim ersten Date.

So schön kann zurückblicken sein.

Ein Schatz in der Garage

Das Herausrangieren des 250.000 Euro Autos überlasse ich lieber dem Besitzer, umso genussvoller lässt sich der satte Sound aus den beiden Auspuffrohren genießen. In guten Zeiten trinkt das versammelte achtköpfige Orchester gern 25 Liter auf 100 Kilometern, belohnt sein Publikum aber mit mindestens 630NM Drehmoment und 400 SAE-PS. Das genügte in den späten 60er Jahren, um in der Liga von Ferrari und Lamborghini mitzuspielen! Das entsprach für einen normalen Autofahrer dem Leistungsspektrum der Apollo 11 Mondrakete. Und es wurde für den unvorbereiteten Bundesbürger dieser Zeit in eine Karosserie verpackt, die in ihrer makellosen Schönheit die Venus von Urbino mit Mona Lisas Lächeln vereint.

Hereinspaziert und losgefahren

Gran Turismo

An diesem Auto stimmt fast alles. Ein kleiner Haken: es erfordert ein wenig körperliche Verwindung, am Steuer Platz zu nehmen, aber wenn man erstmal sitzt passt wieder alles. Genau so viele analoge Rundinstrumente wie Zylinder in V-Form geben sachlich Auskunft über das Allgemeinbefinden des Big-Blocks. Kleine Schalter und Hebelchen verteilen sich großzügig über den breiten, hölzernen Armaturenträger, ich werde ihre Funktion heute nicht vollständig ergründen.

So muss Gran Turismo aussehen.

Wir fahren den Iso durch die adretten Straßen mit den Schatten spendenden Bäumen zu einem hellen Schotterplatz. Das Getriebe schaltet sich hart und präzise, während für das dünne, kleine Holzlenkrad durchaus Männerarme notwendig sind. Fahrer und Beifahrer sitzen gefühlt direkt auf der Straße, hart aber trotzdem komfortabel – wie es sich für einen klassischen GT gehört. Schulterblick – hinter den Sitzen kauert eine knappe Notsitz-Bank, gerade einmal geeignet für einen Maxi Cosy und eine Kiste Bier.

Der Notsitz ist wirklich nur ein Notsitz!

7 Liter unter der Haube

Trotz der dominierenden Heckscheibe, die formvollendet in der Kofferraumklappe zwischen den Rücklichtern ausläuft wirkt das Auto unübersichtlich. Die Karosserieüberhänge sind zu elegant, die Seitenscheiben zu schmal und die Art, wie es seinen Fahrer umschließt einfach zu passgenau. Über uns der Himmel, fischgrätenähnlich gelocht und makellos. Die Augen haben Mühe, den Blick nach oben scharf zu stellen, aber die Aussicht über die lange Motorhaube ist sowieso wesentlich attraktiver.

Diese Zahl verspricht Hubraum und Hutze

Mittig thront auf ihr das Erkennungsmerkmal der großen 7-Liter-Maschine: die liebevoll als „Penthouse“ bezeichnete rechteckige Hutze. Der Motor hat einfach nicht ganz in diese Karosserie reingepasst. Ich kann die Power spüren – dieses Kraftpaket made in Italy mit dem amerikanischen Herzen benötigt weniger als 6 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h.

7 Liter… und das ist nicht die Verbrauchsangabe…

Ein unsterbliches Meisterwerk

Ich schäle mich aus dem Sitz und gehe noch einmal um den Hybriden herum, der raubkatzengleich auf dem Platz kauert. Meine rechte Hand umgreift unbemerkt das kleine, blaue Spielzeug in meiner Hosentasche. Schaut euch diese Doppelscheinwerfer in dem gitterähnlichen Grill an. Die Lufteinlässe an den Flanken, die perfekten Proportionen von Reifengröße und Gürtellinie! Die Art, wie die Dachform nach hinten ausläuft und in einer konkaven Heckblende endet, als hätte ein verliebter Maler mit präzisem Daumen seinem Gesamtwerk noch einen letzten Schliff gegeben. Ich muss seinen Besitzer noch fragen, wo er das Schmuckstück versichert hat. Habt ihr weiter oben schon auf den Link zur Hiscox Classic Cars Spezialversicherung geklickt? Am Himmel über Dortmund brauen sich kontrastreiche Regenwolken zusammen und verkünden das baldige Ende unseres Treffens.

Manche Erlebnisse glaubt man erst einen Tag später

Wie eine Fata Morgana

Als auf dem Rückweg in den Norden die ersten, dicken Tropfen auf die Scheibe meines Ford Taunus klatschen kommt mir der Italiener schon wie eine Fata Morgana vor. Ich mir sicher, es hat nach dem Aus für Iso Rivolta 1974 nie wieder so ein Auto gegeben. Der Iso Grifo verdreht die Köpfe der Menschen, die ihn sehen, die von ihm lesen. Viel dokumentierendes Material gibt es nicht. All seine zeitlosenden, wegweisenden Details hatten schon mit dem Matchbox-Auto in meiner Sandkiste Spuren in meinem Kopf hinterlassen.
Es kann nicht nur an den frühen, sorglosen Jahren der Kindheit liegen, dass mich hier und heute das Gefühl beschleicht, ich könnte vielleicht dem mit Abstand schönsten Auto der Welt begegnet sein.

Sandmann

ISO GRIFO 7 Litri Serie 1 1969
Motor: V8, General Motors Corvette Big Block
Hubraum: 6998 ccm
Leistung: 400 SAE-PS bei 5200/min
Drehmoment: 630 NM bei 3600/min
Höchstgeschwindigkeit: >270 km/h
Beschleunigung von 0 auf 100: <6 s
Getriebe: 5-Gang Schaltung von ZF
Antrieb: Hinterrad auf De Dion Achse
Länge: 4430 mm
Breite: 1770 mm
Höhe: 1220 mm
Gewicht: 1400 kg
Bereifung: 225×15
Stückzahl: insgesamt 412

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

8 Antworten zu Der italienische Amerikaner

  1. Anonymous sagt:

    Danke Dir!
    Ein Träumchen ?,
    von dem du noch lange zehren wirst ??

    • Sandmann sagt:

      Hey Mr. X,

      sehr gern. Ich habe beruflich schon in einigen Autos gesessen, aber der hier war definitiv ein ganz besonderes Erlebnis! Mal sehen wo es mich nächstes Mal hintreibt 🙂

      Sandmann

  2. bronx.1965 sagt:

    Eines der schönsten Sportcoupes die je das Licht der Welt erblickten. Die 2. Serie mit den halben Schlafaugen gefällt mir nicht mehr so gut. Zuviel „Miura“ in der Front. Auch wenn das damals ‚angesagt‘ war.

    Der Markennahme leitet sich übrigens von „Isothermos“ ab. Als Renzo Rivolta Ende ’39 des letzten Jahrhunderts das Unternehmen übernahm produzierte man Kühlanlagen jeglicher Art. Nach dem Krieg verlangte der italienische Markt Motorräder und Roller. Diese hießen Isomoto und Isoscooter (glaube 125er Klasse) und waren ein großer Erfolg, ähnlich der Lambretta, also von den Absatzzahlen her vergleichbar. Die logische Konsequenz und Steigerung war dann zwingend die Isetta. Der Grundstein des Erfolges (und der Kapitaldecke) war gelegt.

    Bizzarrini und ISO, das ist untrennbar. Ob Grifo, Lele oder Rivolta, stets hatte er seine Finger im Spiel. Angefeuert durch sein Zerwürfnis mit dem „Commendatore“ 1962, fand er bei ISO einen dankbaren Partner für seine Ideen und Konstruktionen.

    Das „Penthouse“ auf der Motorhaube konnte übrigens die massiven thermischen Probleme des 7,3 Liter nicht lösen.
    Ein bekanntes Promi-Autohaus in Düsseldorf hatte seinerzeit sogar eine eigene Mannschaft zum Motorentausch abgestellt. Das kann man sogar bei WIKI nachlesen. 😀 Nach 70 Exemplaren mit diesem Motor war denn auch Ende.

    Der von Dallara entwickelte Prototyp, welchen Piero Rivolta 1991 als „Grifo 90“ vorstellte, blieb trotz einer von Marcello Gandini gezeichneten Karosserie dagegen ein Flop und wurde nie realisiert.

    • Sandmann sagt:

      Ay Bronx,

      ich überlege, ob ich dich beim nächsten neu zu recherchierenden Artikel mal konsultiere, du lieferst immer wieder Seitengeschichten die mir trotz intensiven Kämmens des Netzes noch neu sind 😉 Vielen Dank für diese Bereicherungen!

      Wenn sogar der 2-Liter V6 meines Taunus mit starrem Lüfter im Sommer manchmal besorgniserregend warm wird, wundert mich das bei dem 7-Liter Klotz nicht. Da wird jede Menge Benzin verbrannt, das verursacht jede Menge Wärme. Und viel Platz um die wegzuschaufeln ist da nun mal nicht. Ich werde es beim Taunus mit einem neuen Kühler (preiswert) plus einem kleinen, flachen zuschaltbaren E-Lüfter lösen. Die Sommer werden ja eher wärmer als kälter…

      Viele Grüße ins Land der Maiskolben. Wir sehen uns wieder. Ich verspreche es 🙂
      Sandmann

  3. Micha sagt:

    Lieber Sandmann,

    Dein Matchbox-Auto mit der Anhängerkupplung hatte ich nie. Aber ich hatte ein Quartettspiel und egal, wonach gefragt wurde, der Iso Grifo sackte den Sieg ein. So eine Art früher Chuck Norris der Quartettspieler. Wir kleinen Jungs ahnten ja nicht, dass man beim Verbrauch die Karte sofort losgeworden wäre…

    • Sandmann sagt:

      Ay Micha,

      ach… die höchste Zahl beim Verbrauch hatte NICHT gewonnen??? 😀 Hunderte von Quartettrunden auf dem sommerlichen Pausenhof müssen rückwirkend neu bewertet werden!!

      Ich hatte ein Lieblingsquartett mit bodenständigen Sportwagen. Manta und so. Da war ein oranger Capri der „Blitz Trumpf“ und hat sie auch alle nass gemacht. Warum hat Quartett spielen uns eigentlich so einen Spaß gemacht? War das schon das erste Schwanzmessen? Haben wir uns damals mit „unseren“ Autos so gefühlt wie heute die Leute mit Tagesfreizeit, die ständig fremde Videos teilen und dann für sich die Lorbeeren einheimsen, ohne jemals selbst was geleistet zu haben? 😉 Ein Mysterium.

      Sandmann

  4. Axel sagt:

    Ein Wunderschönes Auto. Damit würde ich auch gern mal fahren.

    Gruß Axel

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