Der italienische Ami

Stilvoller geht es kaum

Stilvoller geht es kaum

„Fehler in allen Teilen“? Nö. Die Suche nach einem preiswerten, aber speziellen Studentenauto endete für Ralf Krause in den bunten 80er Jahren mit einem großen, alten FIAT. Er heiratete seine große Liebe in diesem Auto. Die Frau ist noch immer an seiner Seite, und von dem Auto hat er sich ebenfalls nie trennen können. Ich habe mich mit ihm vor Schloss Monrepos in Ludwigsburg getroffen, Petrus war auch dabei, aber er hat mal wieder geflennt. Stört uns das? Nochmal nö 🙂

Ein Student muss anständig motorisiert sein, sagte sich Ralf Krause vor mehr als 25 Jahren. Da schnatterten seine Kommilitonen zeitgenössisch in ihren Enten, Käfern und VW Bussen durch das Land. Er aber wollte mehr: Ein Auto, in dem man auch mal mit allen seinen Freunden feiern und schlafen kann, das aber trotzdem billig ist. Haben Sie schon mal im Auto geschlafen? Wenn nicht – holen Sie das nach.

Ich hör die Glocken läuten

Ich hör die Glocken läuten

Hinter den Hallen eines Fiat-Autohauses nahe seiner Wohnung erblickte er einen damals schon seltenen Fiat 2300 – irgendwie sehr amerikanisch, sehr cool und so ziemlich genau das, was er sich vorstellte. Das Auto wurde ursprünglich von einem 70jährigen Erstbesitzer gepflegt, nur wenig gefahren und von seinen Erben dann gegen irgend einen plastilinen, kleinen Neuwagen in Zahlung gegeben. Eigentlich wollte man den Italo-Amerikaner im Autohaus restaurieren, hat ihn dann aber hinter der Halle auf der Wiese irgendwie vergessen. Vielleicht hat ihn das gerettet? Die Preisansage des Händlers von 1800 Mark erschien angesichts der zweieinhalb Jahre im Freien und dem Unkraut, das schon aus den Radkästen wuchs, relativ hoch. Mehr als 1000 Mark wollte der junge Student eigentlich nicht investieren. Der gute Allgemeinzustand, die echten 32.000 Kilometer auf dem Tacho und dieser spezielle Charme des Oberklassemodells ließen ihn aber dann doch all sein Erspartes zusammenkratzen und den Fiat kaufen.

Schneller als der Regen

Schneller als der Regen

Nach einem Wechsel der noch originalen Reifen, die sich auf der Wiese kaputt gestanden haben, der Batterie und aller üblichen Flüssigkeiten sprang das Auto auf Anhieb an – und geboren war die individuelle Studentenkarre. Mit angenehmer Leichtigkeit steuerte Krause den seidenweich laufenden Reihen­sechszylinder mit seinen 105 PS durch den Alltag und erfreute sich der vielen tadellos funktionierenden Goodies wie Scheibenbremsen rundherum, Servolenkung, Golde-Schiebedach und der typisch italienischen Stadt- und Landhupe. In der Stadt tutete brav die kleine Elektro-Schnarre, auf dem Land oder bei den anvisierten Partys drückte dann auch gern mal die ruppige Kompressorfan­fare die Trommelfelle tiefer in die Köpfe.
Der Fiat 2300, der schon in jungen Jahren irgendwie antik aussah, diente den Krauses 1989 als Hochzeitsauto. Man hat bei den Italienern mit dieser Luxuslimousine seinerzeit auf die S-Klasse von Mercedes abgezielt, deshalb war beim Ja-Wort nicht mit Prestigeproblemen zu rechnen, was den Brautwagen betraf. Derartige Meilensteine (und besagte Partys, über die hier nicht näher berichtet werden soll, gehörten auch dazu) schufen dem irgendwie schratigen Fahrzeug einen Platz im Herzen des Besitzers, und mit viel Liebe und Spachtelmasse wurde es immer weiter über die Jahre gerettet.

Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut

Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut
Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut

Irgendwie war er nicht kaputt zu kriegen, er lief und lief, vielleicht hatte er wenigstens das mit den Studentenkäfern gemeinsam. Der erste Job nach dem Studium brachte endlich das nötige Kleingeld ins Haus, um das Familienmitglied vernünftig zu restaurieren. Der Gesamtzustand wurde noch mit allen neu und günstig zu bekommenden Chromteilen aufgepeppt, schon damals gab es keinen großen Abnehmerkreis für diese Artikel. Die technisch ausgereifte Oberklasse von Fiat wurde zwar insgesamt rund 155.000 Mal gebaut, verkaufte sich aber in Italien viel besser als in Deutschland. Und das, obwohl ein Mercedes 220 S mit den gleichen Fahrleistungen wesentlich teurer war.

1994 meldete sich Nachwuchs bei Krauses an, und trotz der sechs Sitze wurde der altgediente Italiener abgemeldet und verschwand in der Garage als Ablage für alles Mögliche – was ihn unter den Stapeln an unnützem Zeug in Vergessenheit geraten lies. Und das rettete ihn erneut über die Zeit.

Ein familiärer Vernunfts-Verkauf, wie ihn so manch verständnislose Ehefrau irgendwann immer mal vorschlägt, konnte so vermieden werden. Kinder werden älter, und im Rahmen einer Aufräumaktion im Jahr 2000 entdeckte Krause seinen Fiat unter dem ganzen Plunder wieder. Der immer noch gute Allgemeinzustand ermöglichte das H-Kennzeichen, und seitdem ist der große Italiener wieder täglich dabei.

Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut
Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut

Ralf Krause machte es genau richtig: Er zerlegte nicht das ganze Fahrzeug für eine Komplettrestauration, um dann irgendwann den Überblick zu verlieren und den Wagen bei ebay in Einzelteilen anbieten zu müssen. Nein, er nahm sich jedes Jahr einen Teil des 2300 vor und ließ ihn so schrittweise wieder in altem Glanz erstrahlen. Vorderwagen, Türen, Hinterwagen. 2011 ist eine neue Lederausstattung angeschafft worden, 2013 wird der Unterboden neu versiegelt. Und man sieht dem Auto die vielen liebevollen Arbeiten an.

Was da auf das Gelände von Schloss Monrepos bei Stuttgart-Ludwigsburg rollt und die Landfanfare ertönen lässt, sieht aus wie ein Neuwagen-Relikt aus einer anderen Zeit. An der Ampel sorgt der Sechszylinder zeitweilig für überraschte Gesichter, und das nicht nur wegen des guten Drucks nach vorn… Pininfarinas exotischer Trapez-Stil im Mix mit den damals modernen US-Linien erregt nach mehr als 45 Jahren ungeteiltes Aufsehen und hinterlässt begeisterte Menschen, die dem Wagen noch lange nachsehen und sich fragen, was das denn eigentlich für ein Auto war.

Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut

Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut

Fiat hatte damals an nichts, aber auch wirklich an gar nichts gespart. Ein Gang um das zwischen 1961 und 1968 gebaute Auto herum erinnert fast an ein Kreuzfahrtschiff: überall leuchten kleine, liebevoll gestaltete Lämpchen, sogar an der C-Säule befinden sich kleine Positionslichterchen. Sicken und Kanten hinter schwarzem, hochglänzendem Lack lassen den Landregen stilvoll abperlen, er sammelt sich hinter chromigen Griffen oder im aufwändigen Kühlergrill aus Zink. Die kleinen Heckflossen ragen selbstsicher in den Wolken verhangenen Himmel, die dicken Stoßstangen machen klare „Platz da“-Ansagen und der noch immer ungeöffnete Motor blubbert leise, kraftvoll und zuverlässig.

Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut
Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut

Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut
Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut Fiat 2300 - Für die Ewigkeit gebaut

Tatsächlich gab es laut Krause technisch noch keine Probleme außer den üblichen Verschleißteilen, einigen Wasserschläuchen und den Zylindern der hydraulischen Kupplungsbetätigung. Mit dem damals modernen Fahrwerk lässt sich auch heute noch im Straßenverkehr gut mitschwimmen, den Rest besorgen die Fanfaren. Auch lange Reisen gestalten sich angenehm, der gediegene, schlichte Komfort der 60er Jahre strömt aus jeder Ritze. Wenn hinter dem Fahrer die Tür ins schwere Schloss fällt, fühlt man sich geborgen. Das helle Leder duftet angenehm. Auf der Hutablage liegt ein kleines Häkeldeckchen, daneben findet sich ein kleines Zusatzgebläse, mit dem sich die Heckscheibe freiblasen lässt. Und vorn im Cockpit geben viele kantige Instrumente Auskunft über den Öldruck, die Kühlwassertemperatur, die Zeit, den Zustand des Wechselstromgenerators und den Tankinhalt, geflankt von einem Tacho wie einem Fieberthermometer, der bis 180km/h reicht. Fiat eben.

Inzwischen haben sich schon drei Hochzeitspaare im Fiat zum Altar bringen lassen, und alle drei sind noch immer glücklich vereint. Wen das nicht restlos überzeugt, der blicke in die wachen Augen des Wagens und spüre die handwerkliche Perfektion, die man damals in Italien erschuf. Er scheint für die Ewigkeit gebaut.

FIAT 2300 Bj. 1966

Motor: Reihen-Sechszylinder
Hubraum: 2279 ccm
Leistung: 105 PS
Getriebe: Viergang-Lenkradschaltung
Antrieb: Hinterachse
Länge/Breite/Höhe: 4485/1620/1470 mm
Leergewicht: 1285 kg

Mit freundlicher Genehmigung von Schloss Monrepos in Ludwigsburg

Sandmann

Den Artikel Auf TRÄUME WAGEN gibt es hier: http://www.traeume-wagen.de/magazin-traume-wagen/fiat-2300-fur-die-ewigkeit-gebaut/

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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24 Responses to Der italienische Ami

  1. stefanh says:

    Klasse! Perfekt, würde mir auch sehr gut gefallen! Gratulation dem Besitzer für die jahrelange Pflege und den herausragenden Zustand! Obwohl ich sonst nur wenig mit Italo-Autos am Hut habe, könnte ich mich mit so einem Fiat 2300, oder einem 130 Coupé, gut anfreunden. Alternativ wäre auch ein Alfa 6 reizvoll, gerade weil er in Alfisti-Kreisen ziemlich verpönt ist…

    Gruss, Stefan H.

    • Sandmann says:

      Ay Stefan, Hüter der heiligen Hallen,

      der Wagen fuhr sich einfach wunderbar, man hatte das Gefühl, direkt in einer Zeitmaschine zu sitzen. Das geht also auch ohne DeLorean 😉

      Den Alfa Romeo 6 finde ich seit JAAAAAAHHHHREN klasse, er ist innen so wunderbar kantig und klotzig – leider ist der ja noch viel teurer und seltener als der von mir so bejammerte Fiat 131 Mirafiori. Warum mögen die Alfisti den nicht? Der Motor ist doch Zucker…….

      Sandmann

  2. Snoopy says:

    Toll der Wagen und vor passender Kulisse !

    • Sandmann says:

      Ay Snoopy,

      den Wagen kannte ich vorher schon, Schloss Monrepos aber nicht. Warum auch, wann komme ich schon mal in die Gegend 😉 Aber es ist echt schön da, ein See, ein Lustschlösschen und ein Kaffee mit leckerem Kuchen. War echt nett von den Leuten da, dass man uns nicht gleich verscheucht hat. Aber ich denke der Regen und die daraufhin fehlenden Touristen haben auch ihren Teil dazu beigetragen…..

      Sandmann

  3. bronx says:

    Ich habe den Artikel ja damals schon gelesen und wiederhole es hier gerne, dieser Fiat ist für mich einer der Schönsten, je gebauten Modelle dieser Marke. Das typische Fiat-Gesicht jener Tage, kraftvoll und unverwechselbar. Seinerzeit brauchte man sich keinen „bösen Blick“ ankleben. Alfas und Fiats hatten ihn, in Blech gepresst 😉

    • Sandmann says:

      Ay Bronx,

      leider gibt es so wenige davon. Ich weiß gar nicht warum den damals auch in Deutschland nicht JEDER haben wollte? Dass er was taugt hat er ja nun mehrfach bewiesen…… 🙂

      Sandmann

      • bronx says:

        Nun,

        in Deutschland fuhr man halt lieber Mercedes oder große Opel, auch wenn der FIAT um einiges günstiger war und genau so viel bot. Wenn man sich dieses Auto mal in Ruhe betrachtet, entdeckt man sehr viel liebevolle Details (du hast es ja auch gut beschrieben). Allein das Gebläse für die Heckscheibe oder die hinteren (!) Dreieckfenster. . .
        So ging Oberklasse auf italienisch 😉 Ich bin da aber auch nicht objektiv, mag die FIATS dieser Zeit sowieso sehr 😀

        Bronx

        • Sandmann says:

          Ay Bronx,

          … und er sieht auch im Vergleich zu zeitgenössischen deutschen Autos gar nicht altbacken aus. Aber vor allem die liebevollen Details (allein diese chromgefassten Lampen!) sind wundervoll, und technisch war FIAT damals ganz weit vorn dabei…
          Platz und Geld und Zeit müsste man haben. Da sind wir wieder 🙁

          Sandmann

  4. El Gigante says:

    … das ist doch kein „böser Blick“. Das ist der vornehme Gesichtsausdruck jenes edlen italienischen Gutsherren, bei dem sich später herausstellt, dass er ein Pate der Mafia ist. 🙂

  5. LarsDithmarschen says:

    Ein wunderschöner Artikel über ein wunderschönes Auto, Sandmann :-).

    Die italienischen Schönheiten scheinen hier verdammt selten zu sein, wie du schon sagst. Ich habe noch nie einen in der Realität gesehen. Schade eigentlich, dass so etwas nicht mehr gebaut wird. Früher haben sich ja anscheinend viele europäischen Hersteller sich von den Designer aus Amerika inspirieren lassen. Ist ja bei Volvo genauso, wenn ich mir Elsa so ansehe ;-).

    Der dunkle Lack passt perfekt zu dem Auto, genauso die Weißwandreifen. Wirklich – sehr elegant! Der wäre mir persönlich sogar ein wenig lieber, als ein Mercedes – die sieht man doch sooft ;-). Und Lenkradschaltung mag ich eh :-).

    Schöne Grüße

    Lars, der eigentlich etwas für die Schule tun müsste… 😉

    • Sandmann says:

      Ay Schüler,

      seit ich immerhin EIN mal ein Auto mit Lenkradschaltung hatte (ein 1981er Cadillac Eldorado, das war der Vorwahlhebel für die Automatik am Schrankwand-Tacho) bin ich da auch ein großer Fan von. Leider ist die irgendwann bei allen Herstellern der Mittelschaltung gewichen. Hab ich nie verstanden 🙁

      Wenn du mal bei Opel schaust findest du auch in den frühen 60ern viele SEHR amerikanische Designs. Sehr cool. Nur alles eben ein bisschen … kleiner 😉

      Schönen Sonntag Abend zusammen
      Sandmann

      • stefanh says:

        Solltest Du es irgenwann mal wieder während der salzfreien Zeit in den Süden schaffen, dann darfst Du gerne eine Lenkrad-Handschaltung ausprobieren. Das Zusammenspiel der 4 Gänge mit den bärenstarken 40 Diesel-Kilowatt will aber geübt sein… 😉

        • Sandmann says:

          Stefan, Hüter der heiligen Hallen,

          das steht auf meinen Reisewünschen GANZ oben. Wenn ich den Willy Kayser und den Peter Kraus noch zusammenbringe und die Oldtimersammlung in der Schweiz begutachten darf – dann bin ich auch wieder mal bei dir. Und sehr gern auch beim Michi. Und beim Remo………

          Sandmann

  6. marc1 says:

    Ein sehr schönes und seltenes Gefährt. Sagt mir zu! Ich war die Wochen bei den Nachbarn, in Brummen in Holland. Da gibt es eine Autogallerie auf drei Etagen mit den abgefahrensten Autos und einigen Zweirädern. Neben 911ern auch etliche Exoten, mir teils unbekannter Hersteller (zB. Glass). einen Besuch kann ich nur wärmstens empfehlen. Gruss, der gasende Benzer

    • Sandmann says:

      Guten Morgen Benzgaser,

      dann gib doch mal einen Link auf die Galerie, sonst wissen wir ja gar nicht welche du meinst 😉 Ich kenne da nur „The Gallery“, die verkaufen vor allem Autos und da steht ab und an mal ein feiner DeLorean auf dem Hof *schwärm*

      Sandmann

      • marc1 says:

        Genau die Gallery meine ich. Für nen link fehlt es mir leider an PC Kenntnissen. Sorry. Aber war ne coole Herrentour. 3 Mann von Borken mit „Übersetzen“ . War nen netter Tach. mit drei „Auto verrückten Freunden. Gruss, der gasende Oberlehrer Marc

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