„Der Rost macht erst die Münze wert“

Zitat:  Johann Wolfgang von Goethe, Faust II
Sleeping Beauty

Sleeping Beauty

Da surfe ich, wie so häufig, durch die Seiten des weltgrößten Internetauktionshauses. Dabei sehe ich mir unter anderem oft und gern an, was die Menschheit so an mobilen Produkten aus dem Volkswagen – Transporterwerk Hannover zum Kauf anbietet. Nicht etwa, weil ich mir jetzt womöglich auch noch einen richtig uralten VW Bus, Transporter, Bulli, Samba – oder wie auch immer die Wolfsburger Namenskreationen heißen – kaufen will. Nein – Gott bewahre!

REDSTAR-Schweiss-Contest

REDSTAR-Schweiss-Contest

Ich habe mir ja schließlich einen sehr seltenen REDSTAR gesichert, meine Restaurationslust ist damit mehr als befriedigt… ich habe mir selbst ehrlicherweise sogar schon geschworen, dass dieses die letzte große Staub-, Rost-, Flex- und Schweiss – Aktion in meinem Leben sein wird (… man wird doch langsam älter, ruhiger und bequemer… *seufz*… wie viele elende Stunden habe ich am aktuellen Projekt schon wieder in meiner Garagenwerkstatt gewerkelt… )… obwohl mein gelber VW K70 – seit letzten Oktober hochglänzend – hinsichtlich des Zusammenbaues auf seine baldige Wiederauferstehung wartet. Ich muss echt alt werden, um das alles vernünftig zu Ende bringen und selbst noch genießen zu können. Aber das ist hier eben jetzt nicht das Thema.

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Ruine unterm Hammer

Ruine unterm Hammer

Zurück zu den Bullis bei eBay. An den dort letztendlich wirklich gezahlten Preisen dieser Fahrzeuge läßt sich richtig gut erkennen, dass

a.) immer mehr Menschen ihr Geld in alte Autos investieren und

b.) dass bestimmte Fahrzeuge ohne ihr eigenes Zutun gleich eine Menge Geld kosten können.

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Selbst Kopfschütteln ist zuviel

Selbst Kopfschütteln ist zuviel

Logisch, werden viele sagen, auch ein Ferrari 308 GTS kann finanziell eine gute Anlage mit möglicherweise schneller Rendite sein.

Ich meine hier aber eben keinen Mittelmotor-Sportwagen aus der Mitte der 1980er Jahre, bei dem einem allein der Name die Dollarzeichen in die Pupille projeziert. Nein, ich meine wirklich jene ganz profanen Nutzfahrzeuge, die zu ihrer Zeit möglicherweise beim Wiederaufbau Deutschlands halfen, absolut minimalistisch und spartanisch ausgestattet waren und damals eigentlich nur „einen Appel und’n Ei“ kosteten.

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Aus gnädiger Natur zu verkaufen!

Aus gnädiger Natur zu verkaufen!

Genau die, die dann an ihrem Autolebensabend abgel(i)ebt irgendwo in der letzten Ecke eines Hinterhofs, dem trostlosen Gelände einer Kiesgrube oder sogar, wie luxuriös, in einer dunklen Scheune vergessen wurden. Nach ihrem offiziellen Einsatz im täglichen Straßenverkehr waren sie somit „aus den Augen, aus dem Sinn“, sie waren plötzlich zwecklos wie ein abgelegtes Kleidungsstück. Die ganze progressive Gesellschaft überholte die alten irgendwie „aus der Mode“ gekommenen Gefährte mit neuen Modellgenerationen. Sicherer, schicker, sparsamer, teurer und eben neuerer.

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Feuerwehr rudimentär

Feuerwehr rudimentär für 2.550,- EUR

Der Ruf aus der Wildnis für 505,- EUR

Der Ruf aus der Wildnis für 505,- EUR

 

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Bildliche Definition für "verwarzt"

Bildliche Definition für „verwarzt“

Doch bei aller Liebe für den Fortschritt – niemand hätte es je für möglich gehalten! Die verstaubten Schätzchen sind alles andere als vergessen.

Wie aus dem Nebel des Nichts kommen sie zurück, „back to life“! Jeder Bulli ist Kult – dieses Wort bedeutet im Übrigen „Götterverehrung“ (aus colere = anbauen, pflegen). Und das bezieht sich auf wirklich jedes Modell, jede Spielart, jede erdenkliche Variation seines Herstellers und über die gesamten Baujahre. So weit so gut.

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Kult - Meilenweit vom TÜV entfernt

Kult – meilenweit vom TÜV entfernt. Die Gurke hat übrigens bei eBay 2010,- EUR gebracht.

Nichts Neues, ich weiß! Was mich aber bei meinem eBay-Surfen immer wieder umhaut, sind offensichtlich quasi kernschrottige Transporterleichen, für die Preise bezahlt werden, als ob es sich um archäologische oder paläontologische Seltenheiten handelt. So wertvoll war Eisenoxid noch nie!

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Originaltext: "Der Wagen ist im Prinzip vollständig erhalten, allerdings nicht fahrbereit." - Ja nee, iss klaa!

Originaltext: „Der Wagen ist im Prinzip vollständig erhalten, allerdings nicht fahrbereit.“ – Ja nee, iss klaa! 🙂

Schon die Wortwahl in der eBay-Überschrift entblößt die geldgeile Absicht des Anbieters: „Seltenheit“, „Rarität“, „Schätzchen“ … die Bilder sprechen dann oft jedoch eine ganz andere Sprache. Wie gut, dass beim Betrachten der Monitor nicht zu rosten anfangen kann.

Doch trotz dieser Bilder des Jammers bietet die besessene Menschheit, als ob es sich bei dem Objekt der Begierde um reines Gold oder eine Gratis-Nacht im Swingerclub handelt. Oder als ob sie in den Tiefen der verrosteten Holme vielleicht geschmuggelte Tütchen mit illegalen Betäubungsmitteln erwartet.

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Gold-Samba zum "SOFORTKAUFEN" für nur 49.500,- EUR. GEHT'S NOCH? ... und NICHT verkauft!

Gold-Samba zum „SOFORTKAUFEN“ für nur 49.500,- EUR. GEHT’S NOCH? … Ergebnis:  NICHT verkauft!

Andererseits werden natürlich auch Toprestaurierte feilgeboten… zum Beispiel zu einem Preis, zu dem man auch ein fabrikneues Fahrzeug käuflich erwerben könnte. Doch wer zu hoch pokert, der kann auch bei eBay tief fallen. Die eBay-Gemeinde sucht eben Schnäppchen und stößt Verkäufer, die hoch zu Ross sitzen, durch Nichtbeachtung von ihrem Thron.

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Topgepflegter "Limited Last Edition"

Topgepflegter „Limited Last Edition“

Wenn ich diese Entwicklungen so betrachte – der Verkäufer meines Vertrauens deutete beim REDSTAR-Kauf bereits darauf hin: „… mit dem Kauf eines T3 kannst du eigentlich nichts falsch machen. Wenn du ihn pflegst und erhältst steigt sein Preis automatisch“. Neulich fand ich bei eBay einen etwa gleichaltrigen, ausstattungsgleichen tornadoroten „Limited Last Edition“ in absolut gepflegtem Zustand (die fast 120 Bilder [!!!]  sprachen eine ehrliche Sprache). Der Wagen brachte nach 47 Geboten in der

Mit 13.550,- EUR hat dieser "LLE" eigentlich in 21 Jahren kaum an Wert verloren.

Mit 13.550,- EUR hat dieser „LLE“ eigentlich in 21 Jahren kaum an Wert verloren.

Versteigerung 13.550,- EUR, erreichte damit allerdings nicht den Mindestpreis (da er nicht wieder eingestellt wurde, gehe ich davon aus, dass man sich aber wohl handelseinig geworden ist!).

Bei aller Arbeit, die wir in unseren REDSTAR stecken – DEN werden wir nicht veräußern wollen! Wir sind uns seines steigenden Wertes bewußt, sehen ihn aber nicht als Wertanlage. Doch letztendlich huldigen natürlich auch wir mit ihm dem Bulli-Kult.

Bis auf Bild 2 („REDSTAR-Schweiss-Contest“) stammen alle Abbildungen dieses Artikels aus dem Internet.
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8 Responses to „Der Rost macht erst die Münze wert“

  1. marc1 says:

    Ich sach nur:: Bulli ist Kult. Nen frischer T3 ist Seltenheit. Ein vernünftig restaurierter Schweine teuer. Last Edition ist immer Special. Nen roten Red Star als Diesel hätt ich auch gern. Aber die Plakette??? Gruss, der gasende Oberlehrer

  2. El Gigante says:

    Hi marc1,

    Mann bin ich froh, dass DU den Beinamen „Oberlehrer“ hast … eigentlich bin ICH hier nämlich als der große „Fingerheber“ bekannt. Schön, dass dieser Kelch nun an mir vorübergegangen ist 🙂

    Wobei wir auch schon beim Thema wären:
    * den REDSTAR gibt es nur in tornadorot – wie das „RED“ im Namen schon sagt 😉 und
    * den REDSTAR gab es werksseitig ausschließlich mit dem JX-Motor, also dem Turbodiesel. Jede andere Konfiguration ist gefaked und wäre somit definitiv NICHT ORIGINAL.

    Bei den Plaketten gibt es inzwischen die freie Auswahl. Je nach Ausrüstung und/oder Umbau ist mittlerweile von Rot bis Grün ALLES möglich!

    Wir werden den REDSTAR aber zunächst als Saisonfahrzeug bewegen – später soll er eine H-Zulassung erhalten (… deshalb behält er auch seinen 70-PS-Turbodiesel – mit ’ner TDI-Maschine wäre eine Zulassung als „Historisches Fahrzeug“ nicht möglich!). Als Oldtimer braucht er dann eh keine Plakette. Die nächste Umweltschhutzzone ist zudem 60 Kilometer entfernt… und wann muß ICH mit dem Multivan schon mal unbedingt nach Osnabrück oder Bremen? Und für das Gewissen ist unser T3 bereits mit einem Oxikat ausgerüstet.

    Ohne das politische Spektakel um Umweltschutzzonen hier erneut breitzutreten und auch wenn ich hier oft ökologische Gedanken raushängen lasse: mittlerweile ist der hanebüchene Unsinn dieser Einrichtung x-fach bewiesen – so what?

    Einen angenehmen Wochenanfang wünscht
    … der wahrscheinlich längste Fahrlehrer der Welt

    El Gigante 😉

    • bronx says:

      Moinsen long El.

      Schön mal wieder was von Reddy zu lesen. Heruntergefallen bist Du auch nicht, 2013 scheint in der Tat gut zu verlaufen. 😉

      Zu den Umweltzonen sag ich hier auch nichts, zuviel schon gemeckert darüber.

      Diesem Trend zur Wertanlage als Garagengold kann ich nicht ganz folgen. Viele von den hier gezeigten „Klassikern“ sind in Mond-Regionen endschwunden. Kernschrott, aber eben (vermeintlich) Kult. (was für ein blödes Wort) Ich denke, der Markt wird das über lang oder kurz bereinigen.
      Ein T3 bewegt sich ja noch in knapp akzeptablen Regionen. Ihr macht das mit eurem roten Baron genau richtig. Vernünftig herrichten, fahren und nicht mehr verkaufen. Das Auto als Erlebnis und nicht als Sparbuch, so sehe ich das auch.
      Auf jeden Fall interessant, was Du da so ausgegraben hast, amüsant!

      Gruß nach Drebber,
      Bronx

      • El Gigante says:

        Tagchen Bronx,

        deiner Einstellung bezüglich 2013 muss ich leider widersprechen. Lass uns den Inhalt der Aussage einfach anders gestalten – dann könnte ich damit eventuell leben: beziehen wir den Zeitraum nicht auf ein Jahr, sondern nur auf die Jahreszeit, okay? Die hoffentlich so langsam beendete letzte dunkle Jahreszeit war nicht nur deprimierend und grau. Für mich war sie durch meinen schweren Sturz vom Terrassendach Ende Oktober auch schicksalhaft und entwickelte sich durch den plötzlichen Tod meiner Mutter im Januar sogar zu einem leider zur Realität gewordenen Alptraum der mich natürlich mental sehr heruntergerissen hat. Man kann also allenfalls davon sprechen, dass 2013 so grausam angefangen hat, wie 2012 aufgehört hat. Ich glaube, das trifft’s am ehesten.

        Mit jedem Tag, den die Sonne höher steigt und wärmer scheint, verbessert sich glücklicherweise meine Stimmung. Der letzte Winter hat mir verdammt schwer zugesetzt und steckt mir sicher noch lange in den Knochen.

        Zum Kernschrott: ja – ich weiß auch nicht, was die Käufer dazu bringt, knäckebrotartiges Rostblech derart zu versilbern. Offensichtlich gibt es immer wieder Bekloppte, die das Gelumpe tatsächlich wieder aufarbeiten. Mein T3 ist zwar weißgott nicht mehr neuwertig – vom Zustand „Kernschrott“, wie definitiv einige der bei eBay hoch gehandelten Objekte, ist er aber meilenweit entfernt. Ich erlebe daher gerade live, wieviel Arbeitszeit, -kraft und Material in die Restauration unseres REDSTAR fließen. Über den Aufwand für die oben abgebildeten Rostbomber mag ich mir wirklich keine Gedanken machen. In diesen Fällen muss es wohl tatsächlich Fachleute geben, die „aus Scheisse Bonbons machen“. Das müssen dann wohl KFZ-Mentalisten sein … Zauberer oder Scharlatane.

        Winke winke nach Dahlewitz,
        El

        • bronx says:

          Hi El,

          ich wollte Dich ein wenig aufmuntern und liess darum das andere, traurige Thema hier mal außen vor 😉
          Es wird wohl Zeit für Frühling, nicht nur bei uns…

          Grüße an alle in Drebber
          Bronx

  3. Snoopy says:

    Schöner Artikel. Und auf das der Bus bald fährt und der K70 zusammengesetzt wird.
    Ja auf der Retro habe ich auch sehr gestaunt was teilweise für Summen für Kernschrott aufgerufen wurden. Nicht so beliebte Modelle rangieren noch im halbwegs normalen Bereich aber T1 und auch ein paar T2 haben inzwischen teilweise utopische Regionen erreicht.

  4. SteffenG says:

    Eben.

    Ich suchte vor einiger Zeit auch nach einem bezahlbaren Transporter. Tatsächlich sind die besseren T3 schon so teuer, dass es keinen Sinn mehr macht. Die nicht so brauchbaren Modelle übersteigen meine Schweißkünste bei weitem.

    Die Transit sind da auch keine Option, die bröseln ja schon beim anschauen weg.

    Steffen.

  5. Sandmann says:

    Ay Jungs,

    dann melde ich mich mal aus dem RegionalExpress von Bützöö über Güströö nach Neubrandenburg auch mal zum Thema. Ich habe tiefen Respekt vor El’s Arbeiten an dem RedStar. Beim Weinsberg T3 meines Freundes Heiko haben wir nur mal das klassische Seitenblech hinter dem Küchenblock getauscht – das war schon ein kleines Abenteuer!
    Ich selbst (bzw die damalige Dame an meiner Seite) hatte einen 1990er Ersthand Multivan mit originalem Klappdach. Tolles, riesengroßes und einfach zu wartendes Auto. Läuft noch immer in Kiel, inzwischen restauriert 🙂

    Wenn ich nochmal einen Bulli haben sollte dann eigentlich einen T2. Allerdings – bei den Preisen… das hat nicht Priorität a.

    Grüße aus dem verschneiten Osten, rollend

    Sandmann

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