Der Tag vor dem Morgen danach

Für die, die nicht über Nacht weggeschwommen sind…

Alternative Fortbewegungsmethoden

Alternative Fortbewegungsmethoden

Endspurt. Nicht immer aus eigener Kraft, aber na gut, ab einem bestimmten Alter kommen SIE morgens auch nicht mehr allein aus dem Bett. Warum sollte es anderen (alten Autos) besser gehen? 🙂 Wohl denen, die auf dem Fahrerfest am Flesensee irgendwann in der Nacht den Absprung gefunden haben und nicht wie ich in einer illustren Runde versackt sind. Wenigstens irgendwann dann nur noch mit Wasser und nicht mehr mit Rotwein, denn heute fahren wir in die Bundeshauptstadt! Da muss ich fit sein. Das dennoch latent vorhandene Schlafdefizit wird mit Kaffee und Morgensonne ausgeglichen. Gentlemen, start your Engines. Die letzte Etappe der Rallye Hamburg-Berlin-Klassik aus der Sicht der nicht ganz normalen Berichterstatter…

Und wie gesagt aus kleinen Augen…

Der K70 scheint noch zu schlafen, hat das aber heute Nacht in guter Gesellschaft getan. Um ihn herum viele interessante Gesprächspartner, vom alten Bulli über den Lincoln Continental Convertible über Skoda bis hin zu dem einen oder anderen Porsche haben die Klassiker bestimmt eine Menge zu erzählen gehabt. Wer weiß, wann die Autos eingeschlafen sind, man kennt das ja noch von Klassenfahrten und Chorfreizeiten. Entsprechend müde kommt er nach dem Anlassen auch daher, er quietscht und pöppelt unwillig vor sich hin. Das Pöppeln kommt ab Werk, weil der Choke das fettere Gemisch nur auf zwei der vier Zylinder verteilt. Lustig, funktioniert aber. Das Quietschen entweicht dem viel zu schmalen Keilriemen, der nun, wo das Licht wieder funktioniert, wesentlich mehr an der kleinen 42AH Batterie rumladen muss als vorher und mit aller Gewalt an der Lichtmaschine reißt. Herr Doktor? Können Sie das mal richten?

Während an heutigen Autos die meisten Reparaturen mit einem Laptop über die Diagnosestecker vorgenommen werden, ist hier noch echte Handarbeit angesagt. Dicke Muttern lösen, mit einem zölligen Rohr den Generator spannen und die Muttern wieder festziehen. Einfach, effektiv, und kein Virus kann in irgend einem Steuergerät für das Blockieren der Wegfahrsperre oder das unerwartete Abbremsen der Räder sorgen. No chip on board. Nach 5 Minuten ist unser Patient entquietscht und bereit für die nächste Runde. Das Leben kann so einfach sein, und vielleicht ist das einer der Gründe für die vielen gut gelaunten Rallyeteilnehmer, die allesamt in solch stressbefreiten Autos sitzen! Ach ja – die Kühlwasserschläuche muss ich beizeiten einmal austauschen, die sind porös. Und ich meine mich zu erinnern, dass die meinem Papa im gleichen Auto anno 1973 mal geplatzt sind…

So, wo geht es denn hier nach Berlin? Indirekt über Templin, kommend aus Beutel, und das alles bitte auch noch auf Russisch. Großartig. Ich glaube, wir sind wirklich tief im Osten 😀 Das alte TapeRadio der Marke mit dem blauen Punkt umschmeichelt meine Ohren mit ausgewählten Klassikern von Police, und Lars singt mehr oder weniger textsicher mit. Männer unter sich. Männer können einfach so autofahren. Sie reden ein bisschen, hören Musik, gucken raus – und das reicht ihnen schon zum Glücklich sein. Entlang der verwobenen Strecke gibt es reichlich zu entdecken, ganz anders als auf Malle oder sonstwo im Ausland. Himmel, ist das schön hier! Schön einsam.

Natürlich will ich zwischenzeitlich den eigentlichen Anlass der vorliegenden Lebenszeitbeschreibung nicht allzusehr aus den Augen verlieren. Autos. 190 alte Autos, allesamt wunderschön und jeder irgendwie einzigartig. Und definitiv ganz anders als jeder neue Focus, Matiz oder ForTwo. Wir bewegen uns mit unserem 1971er VW K70 irgendwo im Mittelfeld der Startnummern, daher haben uns die GANZ alten schon abgehängt, leider kommen die GANZ jungen nicht hinterher. Und immer, wenn wir für ein Fotopäuschen anhalten kommen gar keine. Genau wie gestern! Das ist wie verhext 🙂 Widmen wir uns demnach einer weiteren Wertungsprüfung mit einem kleinen Klassikerstau. Opel. Er fährt wie auf Schienen! Die meisten Fahrer hier, die ich auf dieses liebenswerte Wortspiel anspreche lächeln, winken und verstehen gar nicht, was ich meine. Na gut, die Aufregung…

Sind wir Papas eigentlich emotionaler als die Nicht-Papas? Schwer verliebt telefoniere ich mit meinem halbfinnischen Fräulein Altona und berichte mit einem kleinen Tränchen im Auge von der liebenswerten Darbietung einiger einheimischer Kinder, die mit drehenden Schirmchen zu banaler Musik filigrane, schöne Tänzchen aufführen. Ein süßes Rahmenprogramm, ich bin ernsthaft gerührt und vergesse für einen Moment die Autos. Meine Freundin lacht (ich höre regelrecht, wie sie knirschend die Augen verdreht) und sagt ein paar Sätze, die mich nicht gerade als knallharten Cowboy der Straße abstempeln. Hm. Das muss wohl dann die wahre Liebe sein, so hat jeder seine Stärken und Schwächen…

Cowboys haben hier ohnehin nichts zu suchen, auch wenn wir virtuelle Pferde durch die Landschaft scheuchen. Die bunten Mohnblumen mitten in gelben Rapsfeldern erinnern eher an ein Gemälde von Monet als eine Werbung von Marlboro. Gut so. Denn nicht jedes Auto, was von seinen Fahrern die Sporen bekommt, hat einen so breitbeinigen Auftritt wie John Wayne. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir nicht mit meinem Audi V8, sondern mit meinem VW K70 hier unterwegs sind. Understatement ist doch etwas ganz besonderes zwischen all den restaurierten Schönheiten! Die Motoren brummeln oder röhren, und das haben sie jetzt mit meinem Magen gemeinsam. Zeitreisen machen hungrig. Gleich sind wir in Groß Dölln auf dem alten Militärflughafen, wo man uns schon ein Buffet und Erbsensuppe angekündigt hat. Erbsensuppe! Mit Würstchen!! Ganz hervorragend, mögen die anderen sich gern zum Buffet begeben 🙂 Häppchen? Braucht Mann nicht.

Gibt es an einem langen Autotag eine attraktivere Nahrungsquelle als eben diese heiße, sähmige Erbsensuppe aus der großen Gulaschkanone, mit einem zerschnibbelten Würstchen und frisch gebackenem Brot? Dazu eine kalte Cola? Aber ich schweife ab, das ist hier ja kein kulinarischer Koch-Blog 🙂 Vielmehr präsentieren sich uns hier einige klassische Superlativen der Luftfahrt. Wem die Queen Mary II am Anfang auf dem Wasser nicht gereicht hat, der bekommt hier Zeitgeschichte zum Anfassen und zum Fühlen. Die Antonow AN-2, der größte noch fliegende Doppeldecker der Welt, im fiktiven „Zweikampf“ mit einer knuddeligen Isetta der Deutschen Lufthansa-Stiftung. Bilder, die ich nicht jeden Tag zu sehen bekomme. Sie vermutlich auch nicht.

Parallel dazu zeigt sich uns die „Tante JU„. Wenn Sie im Umfeld von Berlin wohnen haben Sie diesen silbrigen Koloss mit Wellblechbeplankung vielleicht schon einmal kreisen sehen und hören. Sie scheint in der Luft still zu stehen! Diese beiden fliegenden Klassiker offerieren Rundflüge und sorgen hier in einem Landstrich zwischen Nichts und Gar Nichts für einen erhöhten Pulsschlag! Wahnsinnige Motoren, herrliche Sounds. Ich gerate ins Schwärmen. Verzeihen Sie bitte. Machen wir uns, tatsächlich gestärkt durch jeweils rund einen Kubikmeter Erbsensuppe, auf die letzte Etappe. Berlin lockt mit seinen breiten Prachtstraßen voller Schlaglöcher, mit seiner wohlgemeinten Patzigkeit und seiner irgendwie schlechten Luft. Berlin lockt außerdem mit dem Zieleinlauf der alten Autos beim Meilenwerk. Wegen der erwarteten Tumulte lenken wir den KaSi lieber daran vorbei…

Am Ziel. Ihr, die Teilnehmer, zumindest! Nach drei Tagen mehr oder weniger bequem sitzend hinter dem Lenkrad eines mehr oder weniger komfortablen Autos sammeln sich die Damen und Herren unter dem Zielbogen und werden von den wartenden Zuschauern frenetisch bejubelt und beklatscht. Während Lars und ich schon wieder in unserem Zimmerchen die Fotos sammeln und online die Berichte schreiben, nutzen die Mitgefahrenen noch ein kleines Zeitloch für eine Erfrischung, denn lange wird hier nicht gerastet. Gleich steigt im Grand Hyatt noch die große Abschlussgala und die Preisverleihung! Also, Leute, raus aus den Lederkombis und Fliegermützen. Setzen Sie Ihr strahlendstes Lächeln auf und schlüpfen Sie in Ihren attraktivsten Zwirn. Denn der Abend wird festlich.

Essen, trinken, gut aussehen und Preise entgegen nehmen. Musik hören und tanzen. In den Tanzpausen gute Zigarren eines Sponsors rauchen. Und sich die ganzen aufgestauten Geschichten der vergangenen drei Tage einmal unter Gleichgesinnten von der Seele reden, während die Beifahrerin mit den anderen Ladies gackernd eimerweise Sekt kübelt. Das klingt nach einem guten Abend, sagen Sie? Stimmt. Das hat man uns auch so zurück gemeldet. Den größten Teil dieser Veranstaltung haben die beiden fröhlichen Liveblogger auf Sandmanns Zimmerchen irgendwo über den Dächern von Berlin verbracht, gefesselt ans W-LAN und in direktem Dialog mit der Fotoredaktion. Ich sorge zwischendurch für das eine oder andere frische Kaltgetränk und pendel mit zwei bis drei manchmal vollen, manchmal leeren Gläsern regelmäßig zwischen den Bars auf der Gala und unserem kleinen Bloggerstübchen.

Und der KaSi? Der ist nach 1000 Kilometern ganz unten angekommen. Nicht technisch, eher räumlich, in der reservierten Etage der Tiefgarage. Tickend und knackend kühlt er langsam ab. Er hat großartiges geleistet mit seinen 40 Lenzen und allen bewiesen, dass eine patinabetonte Gesamtoptik nichts über sein gesundes Herz und seine Verlässlichkeit aussagen. Morgen früh (sehr früh) auf dem Rückweg sollen wir noch an zwei gepflegten, heimreisenden Teilnehmerfahrzeugen vorbeikommen, die mit Warnblinker am Straßenrand stehen. Aber niemand verlangt von einem alten Auto grenzenlose Zuverlässigkeit. Das manchmal unerwartete gestaltet den ansonsten berechenbaren Alltag frisch und neu. Es ist wie eine große Liebe, um die man jeden neuen Tag wieder unermüdlich kämpfen sollte. Dacia Logan fahren kann doch jeder. Wir sehen uns im nächsten Jahr!

Sandmann

HIER die große Gala!

Sag es auch den anderen...
Pin It

About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

Tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

2 Responses to Der Tag vor dem Morgen danach

  1. calimero says:

    Tach Sandmann,

    das ist meiner Meinung nach einer der besten Texte, die du in den letzten Monaten geschrieben hast 🙂
    Du bringst die Rallye und die Berichterstattung darüber wesentlich unterhaltsamer rüber als die normalen Fachblätter, weil die immer alle aufpassen müssen, daß sie keine zahlenden Teilnehmer oder Sponsoren verärgern. Und du bringst auch den Geist der Veranstaltung so rüber, daß sie spannend und gut organisiert rüberkommt. Klasse. Ich wäre da gern mal dabei!
    Abel

    • Sandmann says:

      Dann fahr doch mal mit 🙂
      Es könnte in ein paar Jahren schwierig werden, die Berichterstattung so zu gestalten, dass sie sich von den vorherigen Jahren unterscheidet. Aber wir schaffen das schon. Ich habe da so ein paar Ideen…

      Sandmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ein bisschen Mathematik: *