Franken. Nicht Bayern.

Richard und ich

Richard und ich

Siebenmeilenstiefel sieben Geschichten lang
In Hummeltal legt man nicht so sehr Wert darauf, FRRRANKE (bitte das R rollen) und kein!! Bayer zu sein. Schließlich ist Franken mitten in Bayern. In Hummeltal wird aber, wie überall in Bayern, gern Fleisch serviert. Lecker und reichlich. Während in meinem Magen vier Grillwürste, drei Steaks, einige Grillkäse (von allem zu viel) und ein paar Hackbällchen mit den ohnehin nicht abgezählten einheimischen Bieren eine Polka zur afrikanischen Musik tanzen, kommen mir die seltsamsten Gedanken. Was war denn das da heute? Sehr geerdet, aber irgendwie doch nicht. Hitlers Lieblingskomponist und tote Sänger zwischen Prunk und Pose? Das Fleisch, ich sage es euch. Das macht komische Sachen.

Also raus damit.

Keine Fragen, bitte.

Keine Fragen, bitte.

Ich sitze im farbenfrohen Garten von Mali Mellis Eltern. Eigentlich schlichtet sie in Krisengebieten auf der anderen Seite des Planeten im Namen der United Nations Konflikte, und das macht sie gut. Man sieht sie manchmal in kleinen Filmchen, neben ihr schwarze Generäle in weißen Klamotten. Alle reden französisch, und am Ende jeder Geschichte schütteln sich alle die Hände. Mali Melli ist hier in Hummeltal aufgewachsen. Heute legt sie Fleisch auf einen großen Grill, es duftet, dampft und zischt und das frrrrrängische Bier wird und wird nicht alle. Wer braucht Salat? Ich nicht. Das halbfinnische Sandmädchen tapst barfuß über die Platten und gießt die ungezählten Blumen, die in den vergangenen Tagen schon ganz viel Regenwasser zu trinken bekommen haben. Ich nage noch einen Knochen ab und mache den nächsten halben Liter auf. In meinem Kopf kreisen große, graue Tafeln. Tafeln mit Bildern von wunderschönen Frauen, Bildern von gut gekleideten Männern, Bildern von starken Charakteren. Die Bilder sind alle Schwarz und Weiß.

Mehr als nur Tafeln

Mehr als nur Tafeln

Ganz anders als das Leben, da sind eine Menge Grautöne dazwischen, noch mehr als das Wetter heute zu bieten hat. Da man nicht den ganzen Tag nur Fleisch essen kann (äh… Korrektur, ich kann das nicht – viele Einheimische scheinen da kein Problem mit zu haben) sind meine Halbfinnin, meine Viertelfinnin und ich heute mit der UNHCR Gesandten im lieblichen Bayreuth gewesen und haben uns beim Festspielhaus rumgedrückt. Irgendwann, es ist noch gar nicht lange her, haben die Bayreuther begonnen, sich auch mit den dunklen Seiten ihres Superhelden Richard Wagner auseinanderzusetzen. Das macht seine Musik nicht schlechter. Auch konnte Wagner nichts dafür, dass mindestens ein Österreicher ihn heftig abfeierte. Adele kann sich wenigstens wortgewaltig dagegen wehren, dass Donald Trump ihre Musik auf seinen propagandistischen Wahlkampftouren spielt. Wagner jedoch hatte damals nicht mehr mitbekommen, dass der verrückte Österreicher ihn verehrte. Er starb sechs Jahre vor seiner Geburt. Aber wäre es anders gewesen, hätte er es vielleicht auch hingenommen. Mit eben diesem Thema setzt man sich in Bayreuth ja gerade auseinander.

Ja, lachen geht noch.

Ja, lachen geht noch.

Bin ich eigentlich der einzige, der findet, dass die Fahnen vor dem Festspielhaus aussehen wie aus 80 Jahre alten Filmen? Entschuldigung, das wird den friedlichen und stolzen Nationen nicht gerecht, die hier ihre Stoffe gespannt haben. Dieses Fleisch, ich sage euch….. Eben ist mein kleines Sandmädchen mit ihren nassen Füßchen auf den Schieferplatten ausgerutscht und wird gerade von ihrer Mama getröstet. Gleich will sie weiter Blumen gießen. Derweil (und jetzt esse ich einfach noch ein Stück Schnitzel, weil es da ist) denke ich über eine Freundin von mir nach. Sie ist Jüdin. Sieht man ihr gar nicht an. Wo das doch damals alle behauptet haben. Den Sängerinnen und Sängern, Musikern und Dirigenten auf den grauen Tafeln sieht man das auch nicht an. Einige Menschen haben sie damals nicht mehr singen lassen. Und mit singen meine ich jetzt mehr, als nur Töne zu produzieren. Hätte es doch mehr Menschen wie Mali Melli gegeben, die vermitteln, die schlichten und die Krisen lösen. Vielleicht hätte man dann auch Richard auf sein geniales Werk reduzieren können.

Ich habe euch lange nichts von unserem Reisemobil und seinen so episch kritisierten Firestone Ganzjahresreifen erzählt. Der Daimler schnurrt wie ein Uhrwerk, keine Federteller sind aus dem Rahmen des „schlimmsten Rosters aller Zeiten“ rausgebrochen, keine Elektronik spinnt und die Multiseasons machen sich ganz hervorragend. Ich werde an anderer Stelle darauf zurück kommen. Da liegen noch drei marinierte Putensteaks, die sollen nicht kalt werden.

Profilbilder

Profilbilder

Außer essen, trinken, schlafen und Mücken plattklatschen ist in Hummeltal nichts passiert. Ich könnte euch noch die Geschichte von meinem großen kleinen Schwesterchen Klaudia erzählen, die in Bayreuth wohnt. Der ich verschmitzt das Bild mit Richard und mir geschickt habe und als Antwort „Wo seid ihr?“ bekam 🙂 Aber ich habe euch die Geschichte von den grauen Tafeln und allem, was da dran hängt, erzählt. Die Darstellung der Verstummten Stimmen. Ich bin sehr froh, dass wir alle uns hier in erster Linie über die Autos gefunden haben. Deshalb lasse ich die Finger auch weitestgehend von politischen Statements und hole mir die drei Putensteaks, die sind jetzt richtig schön kross. Und noch ein frrrrängisches Bier. Aber vielleicht könnt ihr ein bisschen nachvollziehen, was mich umtreibt. Gerade in diesen Tagen. Die Welt ist seltsam geworden, und sie war es in der Vergangenheit immer wieder mal.

Vergängliche Spuren

Vergängliche Spuren

Mein kleines viertelfinnisches Sandmädchen gießt weiter die bunten, nassen Blumen. Ihre kleinen Fußspuren trocknet die schwüle Spätsommerwärme schnell von den Steinen. Hoffentlich ist sie jemand, der später bleibende Spuren hinterlassen wird. Ich glaube schon. Diese Finnen sind ein schräges Völkchen. Sehr freiheitsliebend, sehr unvoreingenommen (außer vielleicht gegenüber den Russen) – wenn viele liberal gefärbte Tropfen finnischen Blutes durch dieses kleine Mädchen fließen kann das so schlecht nicht sein.
Was war das denn jetzt für eine komische Geschichte? Weiß ich auch nicht. Muss daran liegen, dass im bayerischen Frankenland echt nicht viel passiert, was auch einmal sehr angenehm ist. Dann mischen sich zu viel Fleisch und zu viel süffiges Bier zu einer Melange, die mich über graue Tafeln nachdenken lässt. Euch kann ich nur bitten: hört niemals auf zu denken. Nicht im Virtuellen, und auch nicht im Realen. Lasst uns diese Welt ein bisschen bunter und fröhlicher machen. Bitte. Und ja, den Klorollenhalter auf dem zweiten Bild gibt es genau so wirklich.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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2 Responses to Franken. Nicht Bayern.

  1. thorsten says:

    Trump ist Präsident. Zitat aus der Tageszeitung: „Ich warte immer noch auf den Moment, in dem er die Maske absetzt und sich als Hape Kerkeling entpuppt“

    David Bowie und Leonard Cohen sind tot.

    Die halbe Welt spinnt völlig ab….

    In diesem Sinne, 2016 wird nicht das beste Jahr gewesen sein.

    Beim Lesen deines Blogs kommen mir viele positive, lustige oder nachdenkliche Sachen in den Kopf, deswegen: Weiter so!
    Auch (oder gerade??) wenn es mal nichts mit Autos oder Musik zu tun hat.

    Deswegen lese ich gerade sowas auch gern mal.

    Cheers!

    BTW: Fränkisches Bier kann süchtig machen!

    • Sandmann says:

      Bester Thorsten,

      und genau für Menschen wie dich schreibe ich auch diese Geschichten, die auf Facebook nicht gut performen und auch nicht viel Reichweite haben. Aber darum geht es mir ja auch nicht (gleichwohl viele Likes bei Facebook auch eine schöne Bestätigung sind). Ich verdiene mit meinem Blog kein Geld, also verdiene ich auch nicht mehr, wenn alle Geschichten super performen 🙂 Es ist mein kleines beklopptes Tagebuch, und ich bekomme regelmäßig Nachrichten wie deine hier, die mir zeigen, dass auch die etwas ruhigeren, nachdenklichen Geschichten die richtigen Menschen erreichen. Schön.

      Ja, die Welt spinnt völlig ab. Da draußen passieren viele Sachen, die mich sehr sehr beunruhigen. Und das liegt sicherlich nicht daran, dass ich älter werde und die Welt sich für mich zu schnell dreht…. Ja, und es sterben zu viele Musiker in diesem Jahr.
      Ich versuche, meine kleine Welt in Ordnung zu halten. Mit Liebe, Offenheit und Humor. Also… nicht die Welt HIER, sondern die in Kiel und Hamburg. Aber ein bisschen färbt bestimmt auch auf die Welt hier im Netz ab. Und wenn jemand von euch ab und an mal lachen muss… oder nachdenkt…. oder melancholisch wird, wenn ich schreibe – dann ist doch schon ein kleines Stück des Weges geschafft.
      In diesem Sinne: Weitermachen.
      Prost. Mit einem 2012er Neronet vom Weingut Dürk, proudly presented by Steffen Gasse, meinem Hoflieferanten für guten Wein.

      Sandmann

      P.S.: Alkohol ganz allgemein macht süchtig, nicht nur fränkisches Bier 😉

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