Frühlingserwachen

Hunger nach Schraubereien. Los geht's.

Zuneigung und  Hunger nach Schraubereien. Los geht’s.

Endlich!!!! ist es draußen so warm, dass mir beim Freiluft-Schrauben am Auto weder die Finger abfallen noch jedes zweite Plastikteil durchbricht. Der kantige XM braucht Liebe. Viel Liebe, viel Zuneigung und Aufmerksamkeit, die ihm in den letzten 10 Jahren nicht zuteil geworden ist. Dass er überhaupt noch läuft grenzt an ein Wunder, aber jetzt hat er ja mich. Und ich habe Feierabend, bewaffne mich mit Werkzeug und lege endlich!!! mal los. Ohne Rotwein. Ich finde: Chaotisch verlegte Relais, Farben, die ich in der Elektronik so nicht vermutet hätte, noch farbigere gut versteckte Steuergeräte und eine Form der Wiederauferstehung. Passt? *krach* AUA!

Frühlingshafte Stromperformance beginnt hinter dem Handschuhfach.

Aus der Sicht eines Steuergerätes

Aus der Sicht eines Steuergerätes

Handschuhfach? Ja, Handschuhfach. Was meinen Sie, was da alles hinter ist!
Ich fange klein an. Ich habe das schwarze Baguette ohne die Schlüssel mit den Sendern für die Zentralverriegelung bekommen. Diese dicken knubbeligen Funk-Freunde mit einem Knopf drauf, der, mutig gedrückt, von Geisterhand das Auto aufmacht. Bei der Y4 Serie ist das tatsächlich „schon“ über Funk und nicht mehr wie bei einem Telefunken Fernseher aus den 80ern über Infrarot gelöst. Gleichwohl ich dieses herumhüpfende Geziele auf irgend einen Punkt im Auto schon beim Audi V8 nicht uncharmant fand 😀 Ich könnte mir natürlich einfach so einen Universalshizzle bei ebay holen, der ist schnell eingebaut und soll ganz gut FUNKtionieren. Aber ich habe ja meinen frühlingsgrünen Zweit-XM. Mit zwei Funk-Schlüsseln 🙂 Nun ist aber die Frage: Wo sitzt der Empfänger für das Steuergerät, an den sich das Signal unmissverständlich richtet?? Den brauche ich. Im Netz sprechen sie alle immer nur vom Infrarotempfänger, der bei der Innenraumleuchte sitzt. Der funkige ist woanders. Ja – aber WO??? Entriegel ich den grünen XM, klickert es irgendwo unter dem Handschuhfach. Also raus damit, ich denke da werde ich auch bei meinem schwarzen fündig. In das mikroskopisch kleine Handschuhfach eines Citroën XM passt tatsächlich (dank des dicken Airbags) maximal ein Paar Handschuhe rein. Gottseidank ist es mit sagenhaften neun Torx Schrauben atombombensicher mit dem Armaturenbrett verschraubt. Kurz vor einer Sehnenscheidenentzündung hab ich den Lump draußen.

Oh. Bunt. Nahezu frühlingshaft bunt.

Oh. Bunt. Nahezu frühlingshaft bunt.

Da drunter ist es so bunt wie in meinem Kopf. Angesichts dieser kreativ verlegten Kabelstränge, die alle irgendwie miteinander kommunizieren fragt man sich, wie so ein VW Käfer eigentlich fahren kann, wenn er das alles doch nicht hat. Okay, Komfort und so. Anschließend fragt man sich, ob sowas eigentlich alles wirklich nötig ist. Aber das ist mir eigentlich heute auch egal, denn ich freue mich ob einer gewissen Übersichtlichkeit, auch wenn ich gar nicht weiß, wozu die kleinen Kisten mit den vielen bunten Strippen drin alle gut sind. Und ich bin gewillt, zu lernen.
Ich Schlaufuchs habe einen Schlüssel mit Sender aus dem grünen Vagabunden mitgenommen, gleichzeitig aber völlig ignoriert, dass der ja nicht auf den hier eingebauten Empfänger passt. Die sind ja nicht gleich codiert. Also kann ich trotz freigelegter Kabelwiese auch nicht lokalisieren, was da beim Drücken klackt. Denn da klackt ja nichts beim Drücken. Hm.
Wenn ich den dicken gesicherten Stecker von dem schwarzen Kasten abhebel springt das Auto nicht mehr an. Der war es also nicht. Wenn ich den braunen Stecker von dem blauen Kasten abziehe spinnt das Display für die Uhr im Cockpit und zeigt blinkend irgendwelchen kryptischen Unsinn an. Spannend, aber das war es also auch nicht.

Hauptsache Cartier. Ich hab ne Uhr von Cartier!

Hauptsache Cartier. Ich hab ne Uhr von Cartier!

Aber ich finde es ganz geil, Bauteile zu haben, die von Cartier ist 😀 Und das hier steuert sogar die Uhr. Und hat eine 42. Na siehste. Als der klickende Kandidat, das habe ich inzwischen auch im Netz nachlesen können, entpuppt sich der kleine hellgraue Kasten mit dem großen braunen Stecker, rechtwinklig zu dem schwarzen eingebaut, der das Auto lahmlegen kann. Super, jetzt kenne ich das Steuergerät für die Zentralverriegelung persönlich, wo der Empfänger für das Schlüsselsignal sitzt weiß ich aber noch immer nicht. Trotzdem habe ich in den letzten 15 Minuten wieder mehr Verständnis für die Legokiste meines viertelfinnischen Sandmädchens entwickelt, die ist ähnlich bunt und unaufgeräumt. Ein bisschen frustriert, das passt gar nicht zum guten Wetter, setze ich das Handschuhfach wieder rein und widme mich der „neuen“ frisch-grünen Frontmaske des Autos und den dahinter versteckten Relais. In Sachen Farbgebung geht der Frühling hier definitiv weiter, in Sachen Pflegezustand ist es eher Herbst. Jessas. Hier haben Dreck, Wasser, Salz und Öl jahrelang munter ihr Werk verrichtet. Ich lasse vor Schreck mein iPhone in den Motorraum fallen und mache beim Rausangeln aus Versehen ein Foto. Cool? Ansichtssache.

Arty farty Kameraperspektiven

Arty farty Kameraperspektiven

Künstlerisch angehauchte Fotos passen zu den ähnlich künstlerisch verlegten Kabelbäumen unter dem Handschuhfach und den avantgardistisch angeordneten kleinen Schaltrelais, die sich in ihren Farbgebungen selbst übertreffen. Was hier ganz gut zu sehen ist: Alle wichtigen Relais stecken beim XM in schwarzen Plastikhaltern, die unter der Frontmaske hinter den Scheinwerfern verankert sind. Nackt und offen. Normalerweise. Zumindest, wenn ihre Halterungen nicht abgebrochen sind, wie das bei denen hier der Fall ist. Da hat wohl mal jemand die Geduld verloren und die einfach rausgebrochen. Es wird kein Franzose gewesen sein. Der Franzose trinkt erstmal ein großes Glas Rotwein, egal wie spät es ist, und macht sich danach sehr beruhigt an die Arbeit. Diese drei Relais flattern also lose an ihren Kabeln im Motorraum zwischen dem linken Scheinwerfer und dem Batteriekasten rum (an dem sehe ich auch diverse dicke und dünne Kabel, die nicht mehr lange machen, aber das ist eine andere Geschichte). Eins dieser Relais schaltet das ABS, mich wundert nun nicht mehr, dass die Kontrolllampe manchmal orange aufblinkt. Die anderen steuern die Lüfter im Innenraum, das tun sie auch, und das ist ganz gut denn der Fensterheber auf der Fahrerseite geht immer noch nicht. Ich mache die kleinen Kästchen sauber, schmirgel die Kontakte mit Sandpapier blank und lege den bunten Blumenstrauß aus Kupfer und Kunststoff erstmal wieder zurück. Notiz an mich selbst: Irgendwie diese schwarzen Stecker mit denen aus dem grünen Auto tauschen. Mal sehen ob das möglich ist. Folgen Sie mir zur Beifahrerseite.

Dass hier überhaupt noch irgendwas funktioniert...?

Dass hier überhaupt noch irgendwas funktioniert…?

Da steckt ein frisches grünes Relais, was maßgeblich für das Abblendlicht zuständig ist. Der Stecker davon ist komplett verdreckt, sandig, ölig und korrodiert, na klar, hier spritzt ja auch reichlich Mist von der Straße rein. Und Regenwasser. Und Motoröl. Und Hydraulikflüssigkeit, die Pumpe ist ganz nah und nicht mehr ganz dicht. Ich biege die labberigen Kontakte des Steckers wieder gerade, puste alles aus und schmirgel die Kontakte der kleinen Schaltbox blank. Dann stecke sie wieder rein, setze den ganzen Stecker wieder in seine Halterung und wundere mich nicht, dass das Abblendlicht plötzlich wieder einwandfrei und ohne Aussetzer funktioniert. Licht. Ich sehe das Licht! Warum kümmert sich eigentlich niemand bei einem älteren französischen Gebrauchtwagen mal um diese freiliegenden, gut zugänglichen elektrischen Kontakte? Ist das denn ein Wunder, dass die Karren irgendwann liegenbleiben, weil der Strom irgendwo hin fließt, wo er nicht gebraucht wird? Und dann schimpfen immer alle über die Unzuverlässigkeit der französischen Autos 🙁 Wenn ich mir diesen ausschließlich von den Fahrern verursachten Pfusch hier angucke wundert mich gar nichts mehr.
Eben so säuberlich und mit einem Liedchen auf den Lippen reinige ich das wundervoll pinke Relais, was glaube ich für den Tempomaten zuständig ist. Dessen Stecker, im oberen Bild, muss ich mir nochmal genauer vornehmen, da hat sich auch schon reichlich was angesammelt.

Wer kann bei solchen Farben schon fluchen?

Wer kann bei solchen Farben schon fluchen?

Okay, die Kreativität französischer Konstrukteure in der Verlegung von Kabelbäumen ist in den 90ern vermutlich eher mit der Kunst eines Matisse oder eines Gauguin zu vergleichen. Expressionistisch, provokant und anders als alles, was man erwartet hatte. Ob das tatsächlich mit dem Genuss von Rotwein zusammenhängt kann ich heute nicht mehr reproduzieren. Was mir jetzt klar geworden ist: Es reicht nicht, das Auto zu waschen und zu saugen. Auch unter der Haut sind sensible Zonen, die gereinigt, gefettet und von Korrosion befreit werden wollen. Wieder einmal mehr breche ich eine Lanze für dieses alte Auto, was trotz seiner jahrelangen Vernachlässigung noch immer treu seinen Dienst verrichtet. Ein bisschen fühle ich mich, als hätte ich ein altes, ungeliebtes Tier aus dem Tierheim gerettet. Aber wenn ich jetzt nicht weitermache, stirbt es trotzdem. Also auf, Kameraden. Da ist noch viel Arbeit, und ich habe da richtig Bock drauf. Die zerbrochene Frontmaske habe ich auch gleich ausgetauscht, die musste sowieso ab, um an die Scheinwerfer ranzukommen. Vielleicht….. muss ich noch was gegen das Grün machen, auch wenn Frühling ist 🙂 Spätestens wenn ich die ebenfalls zerbrochene vordere Stoßstange und die Nebelscheinwerfer auch noch gegen die grüne austausche wird schwarzer Sprühnebel alles richten. Warum ist das eigentlich alles kaputt, verdammt? Hatte ich denn kein unfallfreies Auto gekauft…….?

Knick in der Linse? Nein.

Knick in der Linse? Nein.

„Grüner Schimmer spielet wieder
drüben über Wies‘ und Feld.“
Ach ja, der Hoffmann, der von Fallersleben der. Dieses Stündchen war für mich der Kick Off 2016. Jetzt will ich weitermachen. Ich stelle mal eine Liste zusammen, was ich noch alles brauche. Einiges spendet mir der Aus-Versehen-Gekauft XM, andere Teile wie Bremsen oder den Wärmetauscher bestelle ich neu. Und ich schau mal, ob ich für den nächsten Blog für euch hier einen Gutscheincode für Rabatte bei der Teilebestellung aushandeln kann, also wenn ihr jetzt auch loslegen wollt – wartet noch ein paar Tage mit dem Kaufen 😉
Mir ist so, als tutete die Hupe nicht so wie sie soll. Das geht ja gar nicht! Und die Spannrollen klappern auch noch immer. Hach – ich freu mich auf’s Schrauben. Ihr auch?

Sandmann

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Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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5 Responses to Frühlingserwachen

  1. Daemonarch says:

    Manchmal… Selten, aber heimtückisch schleicht sich eine Angst in meine Seele… Die Angst vor dem Dämonen.

    Dieser Dämon ist eine menschliche Erfindung, und hört auf den Namen CAN-Bus… Dies ist keinesfalls ein Türkisches Nahverkehrsmittel, sondern eine vermeintlich fortschrittliche Vernetzung sämtlicher elektronik im Auto, die bei meinem 500€-Passi das erste mal größer in Serie verbaut wurde.

    Bisher tut sie schweigend und zuverlässig ihren Dienst, ich hoffe das bleibt so, denn was ich früher schon mit wesentlich harmloseren Kabeleien wie Massekabeln und ähnlichem erlebt hatte, reicht völlig!

    • Sandmann says:

      Ay Daemonarch,

      der böse böse CAN Bus. Ich machte bisher nur seine Bekanntschaft in der Form, dass sich Radios, die auf den ausgelegt waren plötzlich nicht mehr vom Lenkrad aus steuern lassen. Aber das sind ja Luxussorgen 🙂

      Was mich mit Respekt erfüllt sind die Relais im XM vorn im Motorraum. Da muss ich bei, bevor es draußen warm wird. Die regeln die zwei E-Lüfter am Kühler, und die laufen immer mal an wenn es gar nicht nötig ist. Am Relais wackeln – wieder Ruhe. Und ich fürchte sie laufen NICHT an wenn sie gebraucht werden. Also ran da.
      Und an den Wärmetauscher.
      Und die Stellmotoren der Lüftung im Innenraum.
      Und die ABS Sensoren….

      Langeweile? Was war das?

      Sandmann

      • Daemonarch says:

        Hauptsache, die Dinger kommen nur dann, wenn man auch wirklich zeit und Bock zu schrauben hat, sonst wird’s stressig. 😀

        • Sandmann says:

          Du weißt, Defekte kommen IMMER, wenn es nicht passt. Wenn es dunkel ist, kalt ist oder regnet. Oder alles zusammen 😉

          Aber ich bin dran. Nach und nach.
          Fensterheber geht schon wieder. Und dem Empfänger für die ZV bin ich auch auf der Spur, ich habe vage Ortsangaben wo der sitzen könnte……

          Sandmann

  2. bronx says:

    „Manchmal… Selten, aber heimtückisch schleicht sich eine Angst in meine Seele… Die Angst vor dem Dämonen.
    Dieser Dämon ist eine menschliche Erfindung, und hört auf den Namen CAN-Bus…“

    Gut zusammen gefasst, neulich auf der A 10, W 203, knapp 140 Km/h, gegen 23:00 Uhr, will sagen: im Dunkeln, Total-Ausfall des Abblendlichts. Bereits das 3. mal. Aus heiterem Himmel. Daimler bekommts nicht in den Griff. O-Ton des Daimler-Maitre: „in ihrem alten „zwo-null-einser“ machen sie das Licht an oder aus, ganz wie sie es belieben. Hier jedoch entscheiden 4 Steuergeräte, ob ihr Wunsch nach Licht berechtigt ist. Das kann ALLES sein“.

    Herzlichen Dank, der Kahn ist inzwischen verkauft. Mögen andere damit glücklich werden. Eine Suche ’nach reizvollen Kobolden‘ mag für einen lustigen Beitrag taugen, von mir aus auch für Unterhaltung, grundsätzlich kann ich solchen Dingen jedoch keine positiv besetzten Reize abgewinnen. Meine Karren müssen laufen, jeden Tag ca 120 Km am Stück.

    „Langeweile, was war das?“

    Hab ich auch ohne Karren nicht. Und wünsche Dir viel Erfolg bei der Therapie/Suche, wie auch immer. Ehrlich, ich bewundere deine Geduld und Einstellung. 😉

    Beste Grüsse aus dem Land der Maiskolben.

    bronx

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