Geschichte eines Bullitypen

Teil 1: (M)ein erstes Nutzfahrzeug

1981: Ronald Reagan wurde als 40. Präsident der USA in sein Amt eingeführt, der US-amerikanische Rock ’n‘ Roll-Star Bill Haley starb im Alter von 53 Jahren in Harlington/Texas, die amerikanische, wiederverwendbare Raumfähre Columbia startete zu ihrem ersten Weltraumflug als Space Shuttle, ein durch Sonnenkraft angetriebenes Leichtflugzeug überflog ebenso erstmalig von Paris aus den Ärmelkanal und der britische Thronfolger Prinz Charles und Lady Diana Spencer heirateten in der Londoner St. Pauls Cathedral.
Der Spiegel“ titelte: Saurer Regen über Deutschland – Der Wald stirbt“, Normalbenzin kostete 1,40 DM, Super 1,43 DM und Diesel 1,30 DM. Mercedes präsentierte seinen Airbag für einen Aufpreis von knapp 1.500 D-Mark, VW konterte übrigens mit gepolsterten Lenkrädern(!), BMW brachte die zweite Generation des 5ers heraus und der VW Polo zeigte sich in der zweiten Generation mit noch mehr Platz für die Fahrgäste und für das Gepäck, anfangs übrigens nur als Steilheck-Variante. Auch der VW Scirocco ging in die zweite Generation, Ford präsentierte auf der IAA in Frankfurt den Fiesta XR2 – mit immerhin 84 PS und Audi veröffentlichte die neuen Modelle des Audi 80. Coca-Cola’s Werbespruch des Jahres 1981 lautete „Zeit für Coca-Cola“.

Ich, El Gigante, zählte derzeit knapp zwanzig Lenze und hatte im Mai gerade meinen grauen Führerschein ausgehändigt bekommen, musste aber aus finanziellen Gründen die meisten Alltagsstrecken aus eigener Kraft mit meinem Pedalomaten bezwingen. Laufbahnmäßig mühte ich mich mehr schlecht als recht, auf der Fachoberschule der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau in Osnabrück die Fachhochschulreife zu erlangen. Dazu absolvierte ich außerdem pflichtgemäß ein einjähriges Praktikum in Garten- und Landschaftsbaubetrieben.

Ralf, mein bester Freund aus Realschulzeiten, lernte Autolackierer und fuhr bereits einen eigenen Wagen, genauer gesagt einen Audi 50 LS. Zusammen hatten wir beide die Idee, ein altes Auto fahrbereit zu machen… und nicht nur das.

Die Story beginnt: Zunächst tat sich also die logische Frage auf, was für ein Fahrzeug für unser gemeinsames Interesse denn wohl in Betracht käme. Mir fiel dabei der alte, unglaublich robuste Typ 2 VW-Bus meines damaligen Chefs ein. Diese damals knapp zehn Jahre alte Schüssel war ein ausgemusterter Cola-Bulli. Ich brauche sicherlich hier nicht näher zu erklären, dass dieses Fahrzeug eines Gartenbaubetriebes eigentlich ständig nur einstecken musste – und das irgendwie auch klaglos tat. Auf der Ladefläche hätte man getrost alle Sorten von Gemüse säen respektive Kartoffeln setzen können, so hoch lag dort ständig Boden, Torf, und Dreck. Saubermachen hieß dann einfach: Schiebetüren auf, Wasserschlauch rein und anschließend Dreck mit Wasser rauslaufen lassen – fertig!

Ein Auto mit solchen unglaublichen Nehmerqualitäten sollte es für uns also schon sein. Von meinem Chef erfuhr ich, dass er den Wagen seinerzeit beim ortsansässigen Getränkegroßhändler in einer jener häufiger vorkommenden Fuhrpark-Ausmusterungsaktionen erstanden hatte. Wenige Tage später sprach ich also genau dort beim Fuhrparkleiter vor und erfuhr hocherfreut, dass er gerade einen jener legendären alten Bullis im Keller stehen hatte. Keine drei Minuten später stand ich aufgeregt in einer wohl locker zwei fußballfeldgroßen, fahl beleuchteten Tiefgarage. Irgendwo in einer ganz dunklen Ecke erkannte ich das rot-weiße Fundstück. Nachdem ich mich langsam in die feuchtkalte Dunkelheit vorgetastet hatte, fiel ich vor dem Fahrzeug auf die Knie… um mit den Händen die Längsträger im Spritzwasserbereich des Unterbodens abzutasten. Ich erwartete eigentlich Löcher in der Größe, dass man die Faust, oder wenigstens ganze Finger darin hätte verschwinden lassen können. Doch dieser Bulli schien in zwar ausgelutschtem aber aufbaufähigem Zustand… ohne erkennbaren Rostfrass größeren Ausmaßes. Weitere drei Minuten später waren Fuhrparkleiter und ich uns einig: für 150,- DM zuzüglich Mehrwertsteuer war ich neuer Besitzer eines alten Cola-Bullis. Einen Tag später holte ich stolz wie Oskar meinen Fang mit roten Nummern aus der Tiefgarage ab. Der 1,6 Liter 50-PS Luftboxer im Heck lief einwandfrei, es war sogar noch Sprit im Tank… also los.

Zuhause angekommen musste ich die wahren Besitzverhältnisse zunächst vertuschen. Obwohl ich ja bereits volljährig war, handelte ich mit dem Kauf dieses Autos gegen den Willen meines Herrn Vater. Sein Tenor war ständig „Auto fängt mit Au an und hört mit O auf. Das kannst du dir gar nicht leisten. Sieh‘ mal zu, dass du deine Schule erstmal auf die Reihe kriegst…“ Doch mein Drang nach automobiler Freiheit hatte mich längst überrannt.

In der Folgezeit bemühten wir, Freund Ralf und ich, uns um eine bezahlbare KFZ-Werkstatt, denn es musste noch Einiges an diesem Fahrzeug gemacht werden, sollte je wieder eine TÜV-Plakette auf seinem Kennzeichen prangen. Irgendwann stand dann der Bulli tatsächlich eines Tages in schwindelerregender Höhe einer Hebebühne, die zu einer Ein-Mann-Meisterwerkstatt gehörte. Dort wurde dann Tacheles geredet und eine vernünftige Bestandsaufnahme gemacht. Das Ergebnis wunderte nicht: das Projekt „Cola -Bulli“ entsprach keiner Wirtschaftlichkeit, war aber grundsätzlich technisch im Bereich des Machbaren.

Das Bulli-Fieber begann.

Am Ende standen gut 1500,- DM auf der Rechnung. Allein damit hatte sich der Wert des Fahrzeugs verzehnfacht. Außerdem hatte ich das kleine Fenster aus der entfallenen Trennwand zwischen Fahrerhaus und Laderaum in die Wand gegenüber der Schiebetür verpflanzt, die alte, geschlossene Schiebetür mit einer Fenstertür vom Schrott ersetzt. Nun ging es an die Lackierung. In der Lackiererei, in der Freund Ralf sein Handwerk erlernte, konnten wir unserem Bulli sein neues Outfit anlegen. Nach langer Farbsuche entschieden wir uns für ein helles Silbermetallic oben und ein sattes Maroonrot unten. Doch vorher hatten wir reichlich zu spachteln, zu schleifen, zu füllern… es vergingen Wochen harter Arbeit. Doch eines Tages war es endlich soweit. Das Werk war vollbracht und es sah sogar richtig gut aus. Jetzt nahm ich den Innenausbau in Angriff. Unser Bulli sollte ein Wohnmobil werden. Monatelang plante und entwarf ich, setzte Ideen um, löste Details ,und schuf einen wohnlichen Innenraum. Zuletzt stellte ich dem TÜV einen richtigen Eyecatcher vor und bekam auf Anhieb die ersehnte TÜV-Plakette.

Alsbald wurde stolz die erste große Sommerreise geplant. Yugoslawien sollte günstig sein, außerdem sollte dort immer die Sonne scheinen. Das galt es zu überprüfen. Aber auch die Haltbarkeit unseres Gefährts sollte bewiesen werden. Mutig machten wir uns im Sommer 1984 auf den Weg und stellten schon bald erstaunt fest, wie sehr sich bei unserem Auto der alte VW Werbeslogan…ein VW läuft… und läuft… und läuft… und läuft… bewahrheitete. Ohne große Probleme spulte diese alte Kiste Kilometer für Kilometer ab. Es ließ sich zwar nicht zweifelsfrei herausfinden, welche Strecke sie in ihrem Leben als Limonadendampfer schon hinter sich gebracht hatte, vermutlich war der Kilometerzähler jedoch schon mehrere Male rum. Auch der Verbrauch hielt sich für ein Fahrzeug mit einem cW-Wert ähnlich einer Schrankwand mit etwa acht Litern Normalbenzin erstaunlicherweise in Grenzen. Das Beste an unserem Wohnmobil war jedoch das angenehme Gefühl, jederzeit und überall zuhause zu sein. Wir erlebten ein paar wirklich schöne Ferienwochen mit diesem Bus an und auf der Jadranska Magistrala der yugoslawischen Adria.

Nach dem Urlaub fuhr ich den Bus natürlich weiter. Selbst den folgenden harten Winter mit über zwanzig Minusgraden meisterte er vorbildlich. Im Frühjahr 1985 stand für mich dann die Bundeswehr an.

Der Pfingstsonntag des Jahres 1985 sollte mir noch lange in Erinnerung bleiben: eine betrunkene Frau aus meinem Heimatdorf rammte nach ihrem Besuch des hiesigen Schützenfests mit ihrem giftgrünen FIAT Mirafiori in die Seite des Bullis. Die Versicherung attestierte einen Gesamtschaden von über 6000,- DM. Da ich mich aufgrund meiner Wehrdienstzeit wenig um den Vorfall kümmern konnte, kaufte mein Vater meinem Freund Ralf dessen Anteil am Fahrzeug ab und ließ es in einer VW-Werkstatt fachmännisch reparieren. Dort ersetzte man auch das verformte Seitenteil mit kleinem Fenster durch ein Originales mit großem Fenster. Als neues Extra baute ich sogar noch ein, damals absolut hippes, Sonnendach ein. Schließlich wurde der gesamte Wagen neu lackiert und der durch den Unfall teilweise zerstörte Innenausbau erneuert. Im Endeffekt erwies sich der Unfall, bzw. was daraus entstand, als Aufwertung.

Doch der hälftige Wechsel der Fahrzeugbesitzverhältnisse von Freund Ralf zu meinem Vater waren natürlich an Bedingungen geknüpft. Er bestimmte nämlich, dass der Wagen nur zu Urlaubszwecken angemeldet wurde und wollte auch selbst damit verreisen.

Ich musste wohl oder übel damit leben. Schon im darauffolgenden Jahr bereiste ich mit dem Bulli wieder Yugoslawien, meine Eltern fuhren danach mit ihm nach Griechenland. Wieder ein Jahr später kutschierte ich fünf Wochen lang über 5000 Kilometer an der kompletten Küste entlang um den italienischen Stiefel, übrigens eine herrliche Tour.

Einige Wochen darauf prallten meine Eltern mit dem Bulli auf ihrer Tour durch Montenegro frontal mit einem LKW zusammen, dessen Fahrer sie übersehen hatte. Die Front des Bulli in Höhe der Windschutzscheibe war Matsch, meinen Eltern war aber glücklicherweise wie durch ein Wunder nichts passiert. Notdürftig zusammengeflickt kehrten sie mit dem Fahrzeug wieder heim. Mein Bulli: ein Bild des Jammers. Vom Schrott organisierten wir eine neue Front und setzten sie in aufwendiger Heimarbeit ein. Gut, das es sich um einen VW-Bulli handelte – Mitsubishi L300-Fronten hätten wir wohl auf den Schrottplätzen vergeblich gesucht. Allerdings hätte ein Fahrzeug dieser Art und Marke einen solchen Unfall auch sicher nicht so weg gesteckt. Einige Zeit später war jedenfalls von dem Schaden nicht mehr die geringste Spur zu erkennen.

Doch trotz des wiederhergestellten Zustands, fand ich irgendwie innerlich nicht wieder zum Fahrzeug zurück. Schweren Herzens musste ich eingestehen, dass für mich der Geist des Bullis verflogen war. Lost and gone!

Ich entschied, mich nach einem Nachfolger umzusehen…

Acht Jahre nach der Rettung aus der Tiefgarage des Getränkegroßhändlers in Osnabrück, versuchte ich letztendlich „meinen Bulli“ mit Zustimmung meines Vaters auf dem privaten Wochenend-Automarkt am Rolandcenter in Bremen zu verkaufen. Aufgrund der teils unverschämten Angebote für den schmucken T2, kehrte ich jedoch unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück und veräußerte ihn schließlich ein paar Wochen später für stattliche 3500,- Mark an den äußerst interessierten Besitzer einer Tankstelle im Nachbarort. Dort fuhr er noch bis Mitte der 90er Jahre bei sehr guter Pflege. Da der Sohn häufig zum Surfen an die Adria fuhr, spendierte man dem Wagen noch eine 70-PS Maschine. „Meinen“ alten Motor verpflanzte man in den Bus seines Opas. Ich erkannte ihn am Klang wieder, als ich mal mit dem Fahrrad auf dem Radweg an der Bundesstraße entlang fuhr und sich der Bulli des Großvaters von hinten näherte. Verwundert drehte ich mich damals nach dem Geräusch um, ohne zu wissen, warum. Erst später erklärte mir der Tankstellenbesitzer, dass dieser Bulli durch „meinen“ Motor angetrieben wurde. Seltsam, wie innerlich verbunden man auch nach längerer Zeit noch mit „seinem“ Auto oder sogar Teilen davon ist.

Irgendwann haben sie den rot-silbernen Bulli dann nach Bremen verkauft. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört oder gesehen. Ob er noch lebt?

Doch der aufmerksame Leser ahnt den Fortgang dieser Geschichte, denn er hat gelesen, dass es wohl einen Nachfolger geben sollte. Wir schreiben inzwischen das Jahr 1989… und die Geschichte nimmt ihren Lauf… hier!

El Gigante

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4 Responses to Geschichte eines Bullitypen

  1. Sandmann says:

    Herrjeh EL!

    Du wirfst da mit Jahreszahlen um dich, bei denen es mir eiskalt den Rücken herunter läuft. Sehr schöne Bilder, und hey, ihr habt damals ja wirklich ganze Arbeit geleistet! Der sah ja richtig GUT aus. Wow.

    Frontalcrash mit einem LKW? Und nichts passiert? Ich hoffe, dein eigener Schutzengel hat seine 7 Leben nicht damals in deinem Auto bei deinen Eltern gelassen und du hast noch immer was gut bei ihm.

    Meine Luftboxererfahrungen sind weniger erbaulich. Ich war mit einer der ersten Versionen des T3 in Frankreich, mit dem 2 Liter Boxer. Das Ding hat gesoffen wie ein Loch, gestunken wie eine defekte Tankstelle und einen Krach gemacht wie ein Panzer. Aber er hat durchgehalten. Erst den weiteren Besitzern ist er irgendwo im Ostblock um die Ohren geflogen. Aber seit dem träume ich eigentlich von einem Käfer, das Motorengeräusch ist schon mehr als einmalig…

    Sandmann 🙂

    • Sandmann says:

      Nachsatz:
      Gräm dich nicht auf technischer Ebene wegen der Bildunterschriften. Das sind SO coole Bilder, die sind es wert, dass sie nach dem Einfügen noch ein bisschen bekuschelt werden. WordPress ist manchmal zickig, aber darunter leiden wir Schreiber hier alle – und es kostet nichts und sieht gut aus 🙂

      Schönen Start in den Tag
      Sandmann

  2. Mumpitz1409 says:

    Schöne Bilder, noch schönere Geschichte.

    Echt toll, weiter so!!!!

    Grüße aus Stutensee

  3. Wob79 says:

    Hallo El Gigante,

    wirklich eine schöne Geschichte, und der Bully sah ja richtig gut aus.

    Ich freue mich schon auf den nächsten Abschnitt. 🙂

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