Grenzgänge in Sepia

Die Zeit steht still

Die Zeit steht still

Siebenmeilenstiefel sieben Geschichten lang
Ich bin an einem Ort, wo die Zeit still steht. Und damit meine ich nicht das schwarze Kunstledersofa aus den 90ern zu Hause, auf dem man wartet, bis der endlose Werbeblock mitten im bescheuerten scripted Reality TV endlich zu Ende ist, sondern so richtig in Echt. Heute eisenbahnen wir kurz nach Basel und machen am Abend in Bad Säckingen Pause. Wo? Ja, genau. Das kennt kein Mensch. Den „Goldenen Knopf“ sicherlich auch nicht. Wir lernen heute, dass Hotel nicht gleich Hotel ist, eine Brücke ein Holzweg sein kann und „Gutedel“ als ein alkoholhaltiges Grundnahrungsmittel im Schwarzwald gehandelt wird. Und auch nur da gut schmeckt. Einen Trompeter gibt es auch. Und am Ende weiß wohl niemand so recht, welche Bilder jetzt eigentlich alt und welche neu sind…

Aber bevor wir golden knöpfen, hoppsen wir nach Basel!

Angeblich ist das Basel

Angeblich ist das Basel

Warum Basel? Ay, weil die Kurkarte von Bad Säckingen das Gratis-Pendeln mit der Eisenbahn rüber in den Badischen Bahnhof von Basel beinhaltet (lernen mit Jens: das war gerade eben eine Alliteration). Und man sagt, das soll da recht beschaulich sein, und es gäbe gute Schokolade. Also driften die drei Sandmanns nach der Stipvisite in Züri noch einmal rüber in die Schweiz, diesmal sind es nur 20 Minuten Fahrt auf schaurig scheppernden Schienen. Der Bahnhof erinnert mein halbfinnisches Fräulein Altona an den von Helsinki. Ob es der gleiche Architekt war, fragt sie in die warme Mittagsluft? Nein. Hab ich gerade mal gegoogelt, der heutige Hauptbahnhof von Helsinki wurde von 1919 von Eliel Saarinen gebaut und der Badische Bahnhof von Basel 1913 von Karl Moser. Schade. Aber es war ja wenigstens ungefähr die gleiche Zeit, in den Architektenhirnen türmten sich damals sandsteinig-romanische Entwürfe. Als wir von dort aus in die Stadt schieben, habe ich eher den Eindruck der hinlänglich bekannten Bilder des Konzentrationslagers Auschwitz. Aber ich denke da nicht weiter drüber nach, die erste Tram bimmelt mich schon von den Schienen und ich möchte den Abend gern ungeteilt erleben…

Heute ist Markt

Heute ist Markt

Basel war bisher für mich immer nur eine Autobahnausfahrt auf dem Weg nach Frankreich. Bâle. Ich glaube, mittendrin war ich noch nie. Hier ist alles schön alt, die Straßen mit den hohen Häusern wirken südlich maritim und überall wuseln mehr oder weniger freundliche Menschen durch die Gegend. Sie sprechen drei verschiedene Sprachen, manchmal gleichzeitig. Weiße Federwolken zaubern ein kontrastreiches Licht auf eine Postkartenszenerie, es duftet nach frischem Obst und Gemüse, irgendwo wird was gegrillt. Neben einem Marktplatz spielt eine unfassbar gute Bigband lustige Smash Hits aus Musikrichtungen, die ich auf den ersten Ton nicht unbedingt mit Blasinstrumenten in Verbindung bringen würde (Grunge, Hard Rock…) 🙂 Das viertelfinnische Sandmädchen tanzt ausgelassen auf dem Vorplatz, wischt sich die wehenden Haare aus dem Gesicht und teilt eloquent den Wunsch nach einer Kugel Zitroneneis mit. So soll es sein.

Überall immer alles verboten

Überall immer alles verboten

Wir shoppen noch ein bisschen dreisprachig (schließlich ist hier das Dreiländer-Eck, aber italienisch kann ich so richtig gar nicht) lecker Schoggi und machen uns dann auf den Rückweg. Eisreste im Mundwinkel inklusive. Heute Abend wartet noch der schwarzwälder Traditionswein gemeinsam mit Schwiegervaters Schwester nebst Gatten auf eine ausgiebige Verkostung.
Das nach dem hochwertigen Jackenschließer benannte Hotel ist schön, es liegt direkt am Rhein und unser Zimmer guckt rüber auf die Schweiz. Soweit so gut. Dienstleistung wird hier leider nicht so groß geschrieben wie bei unserem Auftakt in Quedlinburg. Lag dort noch eine riesige Tüte Gummibärchen im liebevoll zurechtgemachten Kinderbettchen, ist hier – nicht mal ein Kinderbettchen da. Wir hatten über Tantchen ein Doppelzimmer mit Kinderbett reservieren lassen, irgend jemand vor Ort hat das nicht bedacht. Meine Bitte, doch einfach unkompliziert eins aufzubauen (ich würde auch gern helfen) wurde von der kühlen Rezeptionsdame mit den Worten „die Zimmermädchen sind nicht mehr da, wir können also keine Bettwäsche beziehen“ abgelehnt. Ah. Und nun? Bei einem gesalzenen dreistelligen Preis für die Übernachtung ist man sich zu schade, mal kurz Bettwäsche rauszurücken? Nein. Das ginge nicht.

Ein traditionsreiches Haus

Ein traditionsreiches Haus

Schade. Also wird die kleine Thronfolgerin heute Nacht zwischen ihrer Mama und ihrem Papa schlafen, das tut sie am liebsten quer und auf permanenter Wanderschaft. Mein späterer Hinweis darauf, dass irgend ein Spaßvogel das große Bild über dem jetzt drei-Personen-Bett (mit der Spiegelung eines Felsens im Wasser) verkehrt herum aufgehängt habe, wurde an der Rezeption mit den Worten „nein, glauben Sie mir, das gehört so. Das ist ja ne Spiegelung“ quittiert. Nein, es… äh… also das ist ja der Witz, jemand hat…. ach egal. Im Goldenen Knopf scheint man irgend etwas ernst zu nehmen, die Wünsche der gut zahlenden Gäste sind es jedenfalls nicht. Sehnsuchtsvoll denke ich an das Hotel zur Goldenen Sonne zurück und hoffe, nachher genug Gutedel trinken zu können, um ausreichend Schlaf zu finden. Auf auf, raus da, wir wollen die Abendsonne mitten auf der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland genießen. Ungeteilt.

Auf dem Holzweg sein

Auf dem Holzweg sein

Es füüüührt über den Maaain eine Brücke aus Steiiiin ♫“ Ich bekomme das alte Lied nicht aus dem Kopf 🙂 Irgend so ein Mundorgel-Klassiker, meine Eltern haben das damals immer mit uns gesungen, wenn wir durch den Schwarzwald gestapft sind. Hier führt über den Rhein eine Brücke aus Holz! Also was ganz anderes. Die Ausläufer des Hotzenwaldes, dem man viele Mythen und innerfamiliäre Affären nachsagt (ich zitiere nur), grenzen mit diesem träge fließenden Gewässer direkt an die Schweiz. Die Brücke war einst sogar mit Autos befahrbar. Als wir auf ihr drauf stehen finde ich es eine gute Idee, dass heute nur noch Fußgänger diese Grenzquerung nutzen dürfen. Obwohl… die steht schon so lange hier, sie scheint den Naturgewalten ausreichend zu trotzen. Kennt ihr die Serie „Die Brücke – Transit in den Tod„? Da wird zu Beginn die durchtrennte Leiche einer Frau auf der Öresundbrücke gefunden. Halb auf der schwedischen, halb auf der dänischen Seite. Was die hübsche schwedische Ermittlerin mit Asperger und den bärigen dänischen Ermittler unfreiwillig zum Team macht. Aber äh…. das ist eine andere Geschichte, schaut es euch an, guter Stoff in inzwischen drei Staffeln. Ohne Straßenbahnen. Auf dieser Holzbrücke kann man wunderbar mit jedem Fuß in einem anderen Land stehen, auch ohne zertrennten Körper.

Zweiländerholz

Zweiländerholz

Yay. Klassische Touristenfotos, ich stehe dazu 😀
Und endlich kann ich auch wieder Emoticons in den Text einbauen 😉 Hihi. Während die Formate der Fotos für diese Geschichte seltsame Auswüchse annehmen, denke ich ein bisschen über die Zeit nach, als noch Autos über die Brücke fahren durften. Mach ich ja öfter mal. Irgendwas war damals besser. Sicher nicht alles, aber die Welt war ein ruhiger, das Land war ein bisschen übersichtlicher. Oder zumindest hat man von dem Elend in anderen Ländern, oft vom Westen selbst verursacht, nicht so viel mitbekommen. In Bad Säckingen habe ich das Gefühl, der Horizont beginnt direkt hinter dem Hotzenwald. Das macht die Gegend hier auf eine sehr geranienlastige Art ruhig und entspannt. Das wirf natürlich aber auch Fragen nach fehlender Weltoffenheit und Ü-70-Tourismus auf, der hier bunte Blüten treibt. Na, man kann nicht alles haben. Heute Abend haben wir ja nicht mal ein Kinderbett und schlafen unter einem falsch herum hängenden Großbild. Vielleicht drehe ich das noch selbst um, bevor mich Albträume beuteln.
Irgendwo in diesen alten, ehrwürdigen Balken hängt noch das Knattern von luftgekühlten VW Boxermotoren und mechanisch klackernden Opels oder Fords. Wenn man ganz leise ist, kann man es noch hören.

Doch wieder für Autos freigegeben?

Doch wieder für Autos freigegeben?

Von fern klingen Gläser und Besteck. Bevor ich im Beisein liebenswerter Verwandtschaft die eine oder andere gekühlte Karaffe leere, muss abschließend die Frage nach Rapunzel geklärt werden. Der Legende nach lebte sie einst in einem hohen Turm wie diesem hier am Ufer des Rheins mit Blick auf die alte Holzbrücke. Nachdem ich vor rund vier Jahren herausgefunden habe, dass Frau Holle und Petrus eine schwierige On-Off-Beziehung führen, bezweifel ich nun das nächste Märchen. Nehmen wir einmal an, ich sei ein Prinz. Die junge Frau da oben in dem Turm kenne ich doch gar nicht, warum sollte ich sie heiraten wollen? Oder sie mich? Oder gibt es im Hotzenwald sonst keine anderen Frauen? Und macht es wirklich Sinn, dass sie ihre langen Haare herablässt, damit ich an denen hochklettern kann? Tut das nicht aasig weh? Fragen über Fragen. Zerstört ein Staatsexamen in Physik die Fähigkeit, an Wunder zu glauben? Nein, keine Sorge. Viel mehr treibt mich um, dass hier alle Schilder vom „Trompeter von Säckingen“ sprechen, von dem ich selbst noch nie gehört habe. Aber irgend etwas muss man sich ja auf die Tourismus-Karte schreiben, damit man nicht völlig im Nebel der Dienstleistungswüste versinkt. Ich höre keine Trompete. Ich sehe kein Rapunzel. *PLOPP* also auf in den Abend.

Rapunzel! Rapunzel?? Wo steckst du?

Rapunzel! Rapunzel?? Wo steckst du?

Zwischen dem Holzweg, dem Rapunzelturm und der Weinterrasse am Rhein steht der alte Daimler und ruht sich von den gefahrenen Meilen aus. Ich gucke den riesigen Wagen immer wieder mit einer Mischung aus Respekt und wahrer automobiler Freude an. Schön ist er nicht, aber seit ich 1989 den Führerschein gemacht habe, hatte ich kein so bedingungslos zuverlässiges und unanfälliges Auto. Okay, inzwischen gehört er meinem halbfinnischen Fräulein Altona, aber auch sie fühlt sich in dem sindelfinger Raumwunder vorbehaltlos sicher und zu Hause. Eine kurze Bilanz nach mehr als 1500 Kilometern auf den von euch so hart kritisierten Firestone Multiseason in 205er Breite: Absolut ruhiger Rundlauf, super Handling auf trockener und nasser Fahrbahn, keine Schmerzen mit Aquaplaning auch bei tiefen Pfützen (zum Beispiel in Bayreuth) – und sie sehen noch immer aus wie neu. Die Reifen. Schade, dass die bunten Streifen nun runtergefahren sind 😉 Also was soll ich sagen – wenn die sich auch im Winter so gut schlagen sehe ich keinen Grund, irgendwann irgend etwas anderes auf die Felgen der alten E-Klasse zu ziehen.

Sieht gut aus

Sieht gut aus

Feierabend jetzt. Onkel und Tante haben sich schon auf der Rheinterrasse eingefunden und die erste Karaffe Gutedel am Start. Es werden weitere Gläser gereicht, die Luft ist lau und der alte Fluss zieht träge seinen Lauf unter der alten Brücke durch. Es ist schön hier, in Bad Säckingen. Auch wenn wir nächstes Mal sicherlich in einem anderen Hotel übernachten würden, das kleine Städtchen hat durchaus seinen eigenen Charme. Ein Highlight des Abends ist Onkelchen, der nach unseren Kinderbetterzählungen direkt zur Rezeption stratzt und die dort kauernde Dame laut und wortgewaltig neu frisiert. Als Rapunzel wird sie nie wieder auftreten können. In einem nicht enden wollenden Monolog wird ihr mitgeteilt, dass dieses Verhalten eine Unverschämtheit sei und man sich bei der Direktion beschweren wird. Oha. Ein weiteres Highlight des Abends ist Tantchen, die sich kurz darauf bemüßigt fühlt, die gleiche Aktion zu starten. Denn sie war es, die uns das Zimmer reserviert hatte und an der nun der Vorwurf hängt, sie könnte das Kinderbett bei der Buchung vielleicht „vergessen“ haben 🙂 Sie ist nicht weniger laut und direkt, ich höre noch Fragmente von „… äh Ihr Gatte hat uns schon gerade darauf hingewiesen, dass…“ und giggel in meinen Weißwein rein. Herrlich. Alte Schule, die beiden passen gut hier her, wo die Zeit stehen geblieben ist. Darauf einen Gutedel, und sei es nur, damit die beiden wieder ausglühen.

Gute Nacht, alte E-Klasse. Bis morgen.

Gute Nacht, alte E-Klasse. Bis morgen.

Gut. Und edel. Ich habe vorher noch nie von dieser Rebsorte gehört, lerne aber, dass schon die alten Ägypter daran nippten und das Tröpchen hier im Schwarzwald sehr beliebt sei. Ich gestehe, der Wein schmeckt gut gekühlt und mit Blick auf den Rhein in der Abendsonne sehr gut. Und edel. Ich bin mir allerdings sicher, dass er zu Hause im verregneten Kiel nicht mehr so gut und edel schmecken wird. Das Urlaubswein-Phänomen, probieren wir es aus 🙂 Onkel und Tante ziehen sich später gut gelaunt in ihre Kemenate zurück, wir sind wieder auf dem neuesten Stand der Familienbeziehungen und haben wieder einmal mit lieben Menschen gelacht und geplaudert.
What a day. Müde von diversen fußläufigen Kilometern in zwei verschiedenen Ländern (und ein bisschen zu viel Gutedel) fallen wir in das bequeme, aber leicht überbevölkerte Doppelbett. Golden geknöpft unter einem verdrehten Bild. Hinter dem offenen Fenster murmelt der große Fluss sein Lied. Draußen klingt noch Geschirr und Glas, fröhliche Menschen sitzen im Spätsommer draußen und genießen das Leben. Und irgendwo hört man eine Trompete.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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4 Responses to Grenzgänge in Sepia

  1. SteffenG says:

    Moin Sandmann!

    Gutedel ist in Baden ein traditioneller Wein, alle anderen Regionen sind oft zu trocken oder haben den falschen Boden.
    Trocken ausgebaut sollte er auch im Sommer zu Hause schmecken. Allerdings sollte er nicht zu alt sein…

    Schöne Reise in eine nette Gegend! Gerade solche alten Hotels sind bieten doch oft eine überbordende Freundlichkeit! Aber der Kleinen hat es sicher gut gefallen.

    Steffen

    • Sandmann says:

      Ay Steffen,

      ich hatte fast schon gehofft, dass mein persönlicher Weinexperte sich zu der Sache meldet 🙂
      Ich gebe dem Gutedel von meinem Leib-und-Magen-Supermarkt noch eine Chance, auch in Kiel.

      Aber das mit der Freundlichkeit in diesem alten Hotel hast du glaube ich irgendwie falsch gelesen…
      So oder so, unser Nachwuchs hatte Spaß.

      Sandmann

  2. Jo says:

    Gib´s zu, den ersten Teil, strotzend vor Alliterationen und anderen sprachlichen Kunstgriffen hast du nach dem Weingenuss noch vor dem ins Bett gehen geschrieben 😀
    Gefällt!

    • Sandmann says:

      Ay Jo,

      ungern, sehr ungern gebe ich zu, dass ich die ersten vier Absätze nüchtern und am helllichten Tag geschrieben habe 🙂 Manchmal ergeben sich einfach so nette Wortspiele wie der Badische Bahnhof Basel, da verschlucke ich mich kurz am Kaffee und dann schreibe ich los.
      Aber bald kommen wieder Themen, die mit einem guten Schluck Wein besser aus den Fingern fließen. Bleiben Sie neugierig…..

      Sandmann

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