Heinz Körner

Er ist es wirklich

Er ist es wirklich

Siebenmeilenstiefel sieben Geschichten lang
YPS. Habt ihr früher auch jede Woche das YPS Heft gekauft? Als Micky Maus zu doof wurde? Die erste Geschichte in jedem YPS Heft: Yinni und Yan, das Reporterteam mit dem tappsigen Kabelträger Yorick, der immer von sich in der dritten Person sprach. Ich habe damals jede einzelne Episode verschlungen, und ich habe lange, bildreiche Fanpost an Heinz Körner geschrieben. Der war der Zeichner dieser Geschichten. Und der war sich damals nicht zu schade, dem kleinen Jens ebenso episch zurück zu schreiben. Damit hat er meine eigene Zeichnerei maßgeblich losgetreten, ohne das zu ahnen.
Über 30 Jahre später kratze ich all meinen Mut zusammen und rufe mein Idol an. Und – ich besuche ihn zu Hause, mit Ehefrau, Kuchen und Zeichentisch.

Ich habe bei jedem neuen YPS immer erst stürmisch erfreut die Gimmicks aus Plastik gebastelt, und wenn die nach ein paar Minuten kaputtgespielt waren – rührte ich mir einen Galetta Pudding, flätzte mich auf meinen braunen Cordsessel und las die Comics.

YPS gibt es wieder - jetzt für große Kinder.

YPS gibt es wieder – jetzt für große Kinder.

Eigentlich wollte ich auch immer Fernsehreporter werden, so wie Yinni und Yan. Na ja, so etwas ähnliches ist es dann am Ende auch geworden. Aufgeregt suchte ich in den späten 70ern den Kontakt zum Zeichner dieser Geschichten und schrieb die YPS Redaktion bei Gruner & Jahr an. Ein paar Wochen später kam ein Brief, und man gab mir die Adressen von Heinz Körner und dem Texter Michael Forster. Der kleine Jens ist fast geplatzt vor Freude und schrieb allen beiden einen langen Brief. Ich schrieb ihn mit der Hand, mit meinem grünen Geha Füller, Computer gab es nicht. Mit vielen unbeholfenen Zeichnungen drin. Michael Forster schrieb als erster zurück und gab mir viele wertvolle Tipps, wie ich an meinen Geschichten feilen könnte. Ich hatte eigentlich ein „wow du hast echt Talent!!!“ erwartet und war ein bisschen enttäuscht, aber ich glaube heute, der Mann hatte mehr Weitblick als ich mit meinen 8 oder 9 Jahren.
Kurz danach kam Post vom Zeichner selbst. Auf drei Seiten schrieb er mir, was er den ganzen Tag so macht und wie er mit seinem großen alten Auto schlecht einparken kann – und garnierte das auch mit kleinen Zeichnungen. Himmel war ich stolz! DER Typ, von dem ich seit Jahren jede Woche die Geschichten verschlang. Er SELBST! Wir schrieben ein paar Mal hin und her, irgendwann hört man dann ja auch damit auf, das YPS zu lesen. Und irgendwie hatte ich als Teenager andere Sorgen.

YPS gibt es jetzt wieder, für Erwachsene, noch immer mit Gimmick für die komplett Zurückblickenden wie mich. Leider ohne neue Geschichten von Yinni & Yan, aber ich frug mich nun natürlich, was eigentlich mein „Brieffreund“ Heinz Körner heute macht? Hallo Internet, hallo Facebook, ich liebe euch dafür, dass ihr so viel wisst. Heinz lebt im fränkischen Lichtenfels, hat fröhlich meine vorsichtige Mail beantwortet und würde sich freuen, wenn wir uns mal sehen. WAAAAHHHHH!!!!!

Ein Künstler a.D. an seinem Zeichentisch.

Ein Künstler a.D. an seinem Zeichentisch.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon nicht mehr beim Wählen einer Telefonnummer so aufgeregt war. Es ist sehr lange her. Am anderen Ende geht Ingrid ran, die Ehefrau des Zeichners. Sie hat mich durchaus auf dem Schirm und ruft durch die Wohnung „komm mal her, der Jens aus Kiel ist dran!“ Ach guck 🙂 Und dann spreche ich mit Heinz, der sich freut, dass wir uns endlich mal kennen lernen. So einfach ist das? Ein Kontakt aus Zeiten, wo man während Ilja Richters Disco noch Autogrammkarten bei einer Adresse wie 65 Mainz 500 oder sowas bestellen konnte. Wo es quasi unmöglich war, die kleinen und großen Idole persönlich zu erreichen. Heinz Körner ist zwar nicht Walt Disney, hat aber schon für Rolf Kauka die Fix und Foxi Hefte gefüllt und mit über 1200 Geschichten dem YPS Heft sein Lebenswerk gewidmet. Für mich war er ein größerer Held als Nena oder Limahl! „Mensch, ja der Jens aus Uelzen damals, wir haben uns geschrieben oder?“ Hat er ein gutes Gedächtnis? Hatte er nicht viele Fans, die ihn angeschrieben haben? Ich weiß es nicht und freue mich mit meinen 45 Jahren halbtot. Die Einladung erfolgte im nächsten Satz.

Und jetzt stehe ich direkt neben ihm. Er sitzt an seinem Zeichentisch, hat mit ein paar Bleistiftstrichen eine Skizze angefertigt und zeichnet mir jetzt mit einem schwarzen Filzstift auf ausdrücklichen Wunsch einen Jens, der am Steuer eines Mercedes sitzt. Wollte er eigentlich nicht. Muss er aber.

Ein Jens im Benz

Ein Jens im Benz

Ingrid hat sich derweil mein viertelfinnisches Sandmädchen geschnappt und ist mit ihr gut gelaunt zum Spielplatz um die Ecke gestapft. Einfach so. Aus der Küche duften Kaffee und frisch gebackener Kuchen durch das schöne, helle Haus mit dem bunten, grünen Garten drumrum. Was für wundervolle, was für liebe und herzliche Menschen. Als die beiden Damen wiederkommen und ich noch immer leicht verblitzt mit Heinz über seine und meine Zeit zwischen 1980 und 2016 rede, zupft meine kleine Thronfolgerin dem Zeichner am Hosenbein und möchte gern einen kleinen Löwen gezeichnet haben. Auch das wird von dem 75jährigen lachend erledigt. Nach Knox, Hops und Stops, dem Eichhörnchen Hörni und Wups und Waldi sollten Tiere kein Problem für ihn sein. Der süße, kleine Löwe hängt inzwischen eingerahmt in ihrem Zimmer, sie wird ihn den ganzen Rest unserer Reise nicht mehr loslassen! „Den hat Heinz mir gezeichnet…..
Ingrid zaubert uns den Kaffee und den Kuchen auf den Tisch, und wir erzählen reihum von unseren Leben im Norden und im Süden der Republik. Wobei – eigentlich bin ich es, der ständig was wissen will und immer wieder Fragen stellt. Das viertelfinnische Sandmädchen spachtelt derweil köstlichen fränkischen Apfelkuchen.

Ein Löwe für den Löwen

Ein Löwe für den Löwen

25 Jahre lang lieferte Heinz Körner jede einzelne Woche sein Werk über das Fernsehteam ab. Sein Stil veränderte sich in den Jahren, aber die Geschichten waren immer gleich schräg, bunt und lustig. Er erzählt mir, dass es schwierig war, dass er gefühlt ständig bis tief in die Nacht gezeichnet hatte und dass der Druck enorm auf seinen Schultern lastete. Trotzdem hat er es fast bis zum Ende des YPS Heftes zur Jahrtausendwende durchgezogen, jede Woche wieder, und immer wieder gut. Sein damaliges Zeichenzimmer ist inzwischen anderen Aufgaben gewichen, aber seinen Tisch mit Stiften und viel Papier hat er noch immer im Haus stehen. Heinz engagiert sich heute in vielen kleinen und großen Projekten und arbeitet für das Projekt Simeoni, wo in Lichtenfels Erwachsenen und Kindern Wildnis- und Naturbegegnungen angeboten werden. Klasse.
Ich babbel dummes Zeug ohne Punkt und Komma und lächel während unseres Treffens pausenlos leicht beduselt vor mich hin. Ich bin zu Hause bei Heinz Körner, dem Zeichner aus dem YPS. Wer ist denn schon Robbie Williams? Wen interessiert John Grisham? Das hier ist ein kreativer, ein prägender Teil meiner Kindheit. Man kann ihn anfassen und mit ihm Kuchen essen. Er empfängt einen gastfreundlich und gut gelaunt, erzählt aus dem Nähkästchen und scheint sich – warum auch immer – tatsächlich zu freuen, dass wir da sind.

Alte Bekannte. Wer hätte das gedacht?

Alte Bekannte. Wer hätte das gedacht?

Danke, dass ich dich kennen lernen durfte. Du bist heute ein alter Mann, aber so langsam bin ich das ja auch. Danke, dass wir in deinen vier Wänden den skurrilen Geschichten aus der Kauka Villa, dem YPS Imperium und deiner Zeit als Comiczeichner lauschen durften. Danke für deine Bildchen, die Ehrenplätze an unseren eigenen Wänden haben. Wie wundervoll ist es, nach so vielen Jahren einen lieben Menschen und seine liebe Frau persönlich kennen zu lernen und zu verstehen, dass es damals gut war, Kontakt aufgenommen zu haben. Mir wohnt keine Promi-Hörigkeit inne, ich bin schlicht beseelt, einen bedeutenden Menschen meiner Kindheit getroffen zu haben. Zu sehen, dass er ein ganz normaler Mann ist, der mit den gleichen Sorgen und Problemen zu kämpfen hat wie wir alle. Und der sich im schönen Lichtenfels einen kleinen Platz in dieser Welt erschuf, den er mit gezeichneten Geschichten über ein Kamerateam bezahlen konnte.
Ingrid gibt meinem halbfinnischen Fräulein Altona noch ein paar getrocknete Rosensamen aus ihrem schönen Garten in die Hand. Auch die werden einen Platz in unserem eigenen Gärtchen bekommen…

Gedankenverloren in Franken

Gedankenverloren in Franken

Ich bin ganz still, als wir weiterfahren. Die Halbfinnin neben mir lässt mich still sein, sie weiß, warum ich es bin. Meine drei Jahre alte Tochter ist in ihrem Kindersitz hinten erschöpft weggedöst und hört leise ihre Klassiker von Element of Crime und Rammstein. Während die von euch so argwöhnisch betrachteten Firestone Ganzjahresreifen in Richtung Hummeltal schnurren beschäftigen mich viele Gedanken über die Kindheit und das Älterwerden. Über Kapitel, die für immer zu Ende sind. Über liebe Menschen, die noch immer da sind und über andere liebe Menschen, die schon lange eben nicht mehr da sind. Und die eigene Vergänglichkeit. Mir tun solche Begegnungen so gut! Jemand von damals, ein wenig Beständigkeit in einer sich immer schneller drehenden Welt. Ein analoger Fels, an dem ich mich festhalten kann, inmitten der Brandung aus Virtualität. Ich brauche diese Anker, um weiterzumachen, um frisch aufgetankt nach vorn schauen zu können. Und ihr?

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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11 Responses to Heinz Körner

  1. Pingback: Wermanns Märgel

  2. SteffenG says:

    Moin Sandmann!

    Die Tour scheint je der absolute Volltreffer zu sein! Da ich ja mittlerweile wenigstens etwas weiß, wie Du tickst, freue ich mich, dass Du das so durchgezogen hast!
    Übrigens kennen wir uns auch schon seit fast 9 Jahren. Die Zeit rennt!

    Steffen

    • Sandmann says:

      Die Zeit rennt wirklich!!!
      Und was soll’s – eben gerade hab ich mir am Kiosk das neue YPS Heft gekauft 🙂 Hihi. Fein in der Mittagspause zu Fuß hingepilgert (okay und nebenbei noch das zersprungene Display an meinem iPhone austauschen lassen, was mir heute Morgen runtergefallen ist *grummel*).
      Aber es ist doch schön, wenn man zurückblicken kann und sagt: Ich habe die Zeit bis hier gut genutzt. Also, zumindest ich kann das von mir bisher definitiv behaupten…

      Sandmann

  3. Hi Sandmann,
    lese hier schon länger mit.Bin über den KLE hier gelandet.
    Aber nach der Geschichte muss ich echt mal schreiben!
    Drei von zwei Daumen hoch.
    Ypsheft habe ich auch jede Woche gelesen.
    Grüsse ausm Ruhrgebiet vom Tobias

    • Sandmann says:

      Ay Tobias,

      danke für die Blumen 🙂 Ich bin nicht ganz so crazy wie KLE und schreibe seltener, aber dafür mach ich auch nicht sein Bett kaputt (er hat mal meins geschrottet) 😉 Freut mich dass du hier gern bist.

      Wann hast du aufgehört, das YPS zu lesen? Ich weiß das bei mir gar nicht mehr. Irgendwann…… hört man einfach auf. Aber nun hab ich mir sogar eins mit in den Urlaub genommen und lese am Strand ♫
      Wir lesen uns

      Sandmann

  4. Daemonarch says:

    Mein „Idol“ meiner Jugend war ja immer „Jason Dark“… Dessen ziviler Name natürlich um einiges Bürgerlicher klingt. Dieser ist Schöpfer der Gruselserie „John Sinclair“, witzigerweise im Jahr meiner Geburt 1973 ersonnen.

    In den späten 80ern, und durch die 90er hab ich die Heftchen verschlungen, und kaum eins ausgelassen, später ist das aber irgendwann eingeschlafen.

    In den 90ern war ich schon verwundert, wie man – es gab damals schon die 1.000te Ausgabe plus Bücher plus Hörspiele plus plus plus schaffen kann, heute 20 Jahre später gibt es sicher schon 2.000 Heftchen, ich hab aber durchklingen hören, dass er mittlerweile co-Autoren hat, die ihm unter die Arme greifen.

    Alles schon sehr interessant, wie nostalgisch man wird, wenns um die vergangene Jugend/Kindheit geht.

    • Sandmann says:

      Ay Daemonarch,

      wie geil, diese A5 großen Heftchen, die zu hunderten jeden Kiosk fluten 🙂 Da hab ich mir mal einen Western und einen „Landser“ geholt, war mir aber beides zu doof. Sinclair habe ich nie gelesen, aber die Titelblätter kann ich gut erinnern. Immer sehr spooky…..

      Es scheint echt Menschen da draußen zu geben, die reißen so richtig fett die Geschichten in Massenproduktion runter, oft gar nicht schlecht. Ob es diesen Markt noch gibt….?

      Sandmann

  5. Wow, eine geniale Story. YPS gehört auch ganz fest zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen – obwohl oder gerade weil es da nicht so viel Schönes gab.

    Aber hier mal was zum YPS-Revival: https://www.facebook.com/sprengerbleilevens.intergalactic/photos/a.1495746277322998.1073741830.1478158889081737/1589797981251160/?type=3&theater
    Das Bildchen hat einer unserer Mitarbeiter gezeichnet, der leider nicht mehr für die Agentur arbeitet. Der Typ ganz links ist der aktuelle YPS-Zeichner, Martin Tazl 🙂

    • Sandmann says:

      Ay Oliver,

      ich versuche noch immer, den Namen der Facebookseite richtig auszusprechen… 😀
      Ah, Herr Tazl. Ich kann mit dem YPS heute nicht mehr so viel anfangen, aber das war ja klar. Es ist trotzdem schön, zum Kiosk zu stapfen und es zu kaufen. Irgendwie retro. Ein YPS kaufen 🙂 Irgendwann abonniere ich auch wieder die Micky Maus, die hatte ich als Erwachsener lange Jahre im Briefkasten. Macht Spaß 🙂

      Sandmann

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