Herr der Gezeiten

Fell auf den Händen

Fell auf den Händen

Dänemarks Westküste im Novæmber.
Reizvoll? Nun. Reizvoll ist das vielleicht, wenn man ein introvertierter Einsamkeitsfanatiker ist, die Schnauze endgültig voll hat von anderen Menschen und die Schatten der Dunkelheit verehrt. Äh… ich erfülle wenige dieser Kriterien, trotzdem finde ich mich im November an der dänischen Westküste wieder. Meine Freunde sind in diesen Tagen zwangsläufig der Regen und der Wind, ich schreie die Nordsee an (weil niemand anderes da ist) und werde meine weisen Worte ausschließlich schriftlich los. Ich könnte mich mit dem Wasserkocher oder der Besteckschublade unterhalten, aber das macht auf Dauer wunderlich. Die antworten so selten. Und dann ist auch noch Vollmond.

Zurück aus Nr. Nebel. 17:45 Uhr.

Kurz nach 17 Uhr, alles schon zu.

Kurz nach 17 Uhr, alles schon zu.

Zurück aus dem Nachbarort, im Gepäck eine Pizza, und Henne ist so leer wir an den letzten Tagen der Menschheit. Nr. Nebel ist 12 Kilometer von hier entfernt. Die Lust auf eine Pizza muss schon ziemlich groß sein, wenn jemand beschließt, am Abend extra da hin zu fahren. Ach, Sie denken jetzt dass in jenem sagenumwobenen Ort ein supertoller Italiener mit Weltruf sein Restaurant betreibt und ich diesem Geheimtipp für ein gourmethaftes Abendmahl nachgegangen bin? Nein. Ganz und gar nicht 😀 In Nr. Nebel haben nur die Supermärkte länger auf als in Henne, denn als ich eben um kurz nach fünf vor dem geschlossenen Kobmand Hansen stand wurde ich trotzig. Mein Kühlschrank ist leer. Ich habe Hunger! Und auch wenn mir sowohl auf dem dunklen Hinweg nach Nr. Nebel als auch auf dem vollmondbeschienenen Rückweg nicht ein einziges Auto begegnet ist bereue ich den Weg nicht. Ich bin nur noch ein wenig erschütterter, wie saisonal entvölkert eine Urlaubsregion sein kann. Außerdem wachsen mir Fellbüschel auf den Händen und spitze Eckzähne. Bestimmt ist das morgen früh schon ganz anders, wenn ich beim Bager friske Brøtchen holen fahre. Oder?

komplett entvölkert

komplett entvölkert

Nein. Überhaupt nicht. Der nächste Morgen ist nicht anders, nur grauer und nasser. Und durch das Vorhandensein von so etwas wie Tageslicht ist alles nur noch viel klarer als ich das eigentlich sehen will. Wo verdammt nochmal sind alle Leute? Dass neben der Saison hier wenig los ist war klar. Und Ferien sind auch nicht. Aber trotzdem leben hier doch auch noch irgendwelche Einheimischen, und es gibt doch bestimmt außer mir noch andere, welche die Ruhe gerade jetzt hier suchen und buchen?? Ja. Genau zwei Menschen, der Cowboyhut und die Meckifrisur, vermeintlich aus NRW oder Hessen. Die stehen ausgerechnet beim Bäcker vor mir und echauffieren sich darüber, dass sie keine Vollkornbrötchen bekommen. Bevor ich traurig werde und ernsthafte Zweifel am Überleben der menschlichen Rasse entwickel greife ich mir meine drei Rundstücke, fahre ein paar Kilometer raus aus Henne und stelle mich mitten auf die verlassene Straße. Der Regen ist jetzt viel stärker geworden und weht mir ins Gesicht. Was macht man in solchen Momenten? Tanzen. Tanzen für besseres Wetter. Ich lasse meinen Schirm aufploppen und hopse wie Mary Poppins singend ♫ durch die Gegend. Irgendwie muss Petrus doch zu beeindrucken sein? Oder Neptun?

Ein RegenTANZ

Ein RegenTANZ

Ich fahr nochmal zum Strand. Vielleicht schrei ich auch noch ein bisschen das Meer an. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist schon okay mit dem schlechten Wetter und der völligen Abwesenheit von intelligentem Leben, so komme ich wenigstens dazu, ordentlich viele Artikel über geile alte Autos zu schreiben. Deshalb bin ich hier, und tolles Drachensteigenlassen-Wetter mit Strandsonne würde nur mein schlechtes Gewissen befeuern, wenn ich nicht raus gehe. Aber ich muss mich ab und an auch mal strecken, ein paar Schritte laufen, durchatmen. Ich kann nicht 24 Stunden in diesem Häuschen verbringen, zumal ich da in den letzten Tagen auch aus anderen Gründen ein bisschen nervös geworden bin. Mein übermäßiges Kaminbefeuern hat nicht nur die Glasscheibe hinter dem Ofen bersten lassen – in den Nachrichten sprach man außerdem von einer unkontrollierten Kernschmelze irgendwo bei Henne Strand in Dänemark, das würden die Thermokameras im Orbit belegen. Und im Umkreis von 800 Metern um mein Haus herum blühen die Blumen, schlagen die Bäume aus und fangen tropische Tierarten das Brüten an. Das geht nicht. Da muss ich auch mal an die frische Luft, Sie verstehen?

Bonjour Tristesse

Bonjour Tristesse

Allerdings ist die Luft hier am Strand jetzt nicht nur frisch, sie ist auch nass und grau. Kennen Sie graue Luft? Die gibt es, und wenn man schon einmal die Schönheit der Nordsee an der dänischen Küste erlebt hat rücken diese fifty shades of grey ohne irgend eine Spur von Sex einem ziemlich auf den Vollmondpelz von gestern. Die See ist aufgepeitscht und donnert an den Strand, der so mit Regen getränkt ist dass nicht mal der starke Wind kleinste Verwehungen produzieren kann. Auch hier bin ich völlig alleine, alles andere hätte mich jetzt allerdings auch gewundert. Schon schräg. Irgendwie finde ich es beruhigend, dass es Orte auf der Welt gibt, an die man fliehen kann, wenn es einem zu bunt wird. Weil man da ganz alleine ist. Nun war das gar nicht mein Ansinnen, und ich gedenke, meinen Regentanz hoffnungsvoll noch ein wenig auf Petrus wirken zu lassen. Vielleicht bei einem kleinen Mittagsschläfchen auf der Couch, in der Nähe des wärmenden Oblivions in Form eines Jøtul Kaminofens.

Hinterm Horizont geht's weiter

Hinterm Horizont geht’s weiter

Und das war eine gute Idee. Also nicht unbedingt der Mittagsschlaf, denn jetzt bin ich erst recht platt, lechze nach Sauerstoff und zische auf der Haut wie ein Wasserkessel. „Autor und Texter im Wohnzimmer verdampft“. Aber der Regentanz heute Morgen. Der war gut. Anscheinend hat da oben jemand Mitleid mit mir und bekam es irgendwie hin, innerhalb dieser einen Stunde zwischen 12:00 Uhr und 13:00 Uhr die Wolken weitestgehend wegzuschieben. Dahinter versteckt sich doch tatsächlich die Sonne, und trotz einiger daherziehender Regenschleier ist die Wikingerwelt plötzlich wie verwandelt. Ich auch. Träge von der Wärme des Ofens, die den Erdmittelpunkt thermisch an die dänische Westküste verlegt hat ziehe ich mir warme Klamotten an (und widerstehe damit auf höchstem zivilisatorischen Niveau dem Drang, komplett nackt da rauszurennen, um nicht zu verkochen) und stapfe durch die Dünen ans Wasser….

So hatte ich mir das vorgestellt

So hatte ich mir das vorgestellt

Jahaaaa. Das ist mein Henne Strand.
Die Ebbe ist da, ich glaube mein Schreien gegen das Meer hat das Wasser ein wenig zurückweichen lassen. Warum hat denn nur das Meer solchen Respekt vor mir? Wenn ich ähnliche Ansprachen an mein viertelfinnisches Sandmädchen richte guckt sie mich nur patzig an und sagt „STOP Papa„. Von zurückweichen kann da keine Rede sein. Na wenigstens die Gezeiten sind noch verlässlich. Verlässliche Zeiten sind solche wie die Selbstauslöserzeiten allerdings nicht, vielleicht bin ich auch zu langsam, vielleicht habe ich meine Kamera auch einfach zu weit von der Bank weg aufgebaut, auf die ich mich pathetisch in den Horizont guckend setzen wollte. Es gelingt mir trotz mehrerer Versuche nicht, den Weg zum optischen Ziel innerhalb der 10 Sekunden zurück zu legen. Werde ich alt?

Selbstauslöserzeiten und Gezeiten

Selbstauslöserzeiten und Gezeiten

Na gut, ich setze mich trotzdem (oder gerade deshalb) mal nieder und blicke auf das, was eine neue ferne Regenfront mit der Sonne im Nacken an Himmelszaubereien zu bieten hat. Ich weiß nicht, wann ich zuletz einen kompletten Regenbogen mit Anfang und Ende gesehen habe. Noch dazu mit einem zweiten Bogen oben drüber. Noch dazu direkt am Strand, wo weder Bäume noch Häuser im Weg stehen. Es scheint Petrus wolle mich versöhnlich stimmen, falls das so ist hat er es geschafft. Ob ich mal losgehe und nach dem Topf voll Gold buddel? Nee, lieber nicht. Das muss ich dann ja versteuern 🙁 Also lege ich lieber eine Schweigeviertelstunde ein und blicke einfach nur auf das sich ständig verändernde Schauspiel. Wie wundervoll doch die Welt ist, wenn auf einmal Licht mitspielt.

Einmal rund rum

Einmal rund rum

Plötzlich finde ich es nicht mehr ganz so schlimm, dass überhaupt keine Menschen hier sind. Und keine Hunde. Und keine Katzen. Ein paar Möven kreisen kreischend in der Luft, vermutlich suchen sie nach Fischen, die es sicher im November hier ebenfalls nicht gibt. Was wohl das Päärchen aus NRW oder Hessen gerade macht? Die Sonne senkt sich langsam, ich vermute es läuft in deren Häuschen RTLII auf dem Flachbildschirm, er guckt Die Geißens oder Mieten Kaufen Wohnen und sie kocht Geschnetzeltes mit Spätzle. Dazu werden sie ein deutsches Bier trinken. Ich – ich betone ja immer wieder gern dass ich ein paar Sachen anders machen will als andere. Vor allem wenn ich in einem fremden Land bin. Fernsehen mag ich hier nicht. Also suche ich am Strand nach Treibholz, Seilen, Planen und anderem Kram. Und baue mir ein kleines Schiffchen in die Düne, mit einem richtigen Korbstuhl (wo kommt hier am Strand ein Korbstuhl her?) und einem unverbaubaren Blick auf den Sonnenuntergang, der genau in dem Moment seine Farbenpracht ausreizt, als ich fertig mit der Bastelei bin.

Komm doch, Meer. Ich bin bereit

Komm doch, Meer. Ich bin bereit

So begehe ich die letzten Stunden dieser kleinen Reise angenehm alternativ und bin wieder Freund mit dem Alleinsein. Ich mag vor allem keinen Regen und keine grauen Wolken. Dass hier keine Menschen sind ist retrospektiv nicht mehr ganz so schlimm, wenn die Natur ihren Farbkasten auspackt. Als ich Ende Mai hier war habe ich den letzten Abend dank Sonnenuntergang auch einigermaßen überlebt. Ich gedenke, nachher noch einmal die kleine Sauna anzuwerfen und ein bisschen Tristesse einfach auszuschwitzen. Ich habe in den sieben Tagen tatsächlich noch ein bisschen mehr geschrieben als ich eingeplant hatte. Na klar, wenn das Wetter keine Spaziergänge erlaubt und die versammelten dänischen Graustufen jegliche Motivation übermalen, einmal nach Esbjerg oder zumindest nach Varde zu fahren, um einzukaufen – kommt man zum Schreiben. Eine dicke Winterjacke und Ringelsocken standen auf meiner Liste. Zum Glück habe ich heute einen lichten Moment in Henne Strand abgepasst, als der Einheimische von der Supermarktkasse schnell einen der Klamottenläden aufgemacht hat, aus Versehen alle Preisschilder mit tilbud und udsalg überpinselte und ich binnen weniger Minuten 15 neue Paar Ringelsocken und eine dicke wasserdichte Winterjacke mit Pelzkragen erwerben konnte. Kaum kommt die Sonne raus klappt einfach alles.

Farewell Danmark.

Farewell Danmark.

Aber nun geht sie unter, die Sonne. Und mit ihr das Licht des letzten Abends. Ich nehme ein paar Erkenntnisse aus dieser Arbeitswoche mit in den norddeutschen Alltag: ♣ Im November ist Dänemark selbst für jemanden, der gern mal alleine ist, zu entvölkert. Das ist zu doll. ♣ Generell ist im Winter, wenn man mit einem Ofen heizt, so eine unter dem Dach gelegene Schlafempore mit Blick über die Dünen nur theoretisch gemütlich und romantisch. Da oben herrschen bei meiner Heizwut ähnliche Temperaturen wie auf der Sonnenoberfläche. An schlafen ist da nicht zu denken. ♣ Wenn du an der Kasse so gekonnt „Hej“ sagst, dass du danach auf dänisch zugetextet wirst hast du was richtig gemacht. Cowboyhut und Meckifrisur reden in klassischer Besatzermanier pauschal Deutsch, ohne vorher zu fragen ob man sie versteht. Da kippt der Umrechnungskurs für „kann ich auch in Euro zahlen?“ gern mal ins Absurde 🙂 Und nicht zuguterletzt… ♣ Ich brauche eine gerade Horizontlinie und die Weite des Meeres. Das inspiriert mich und gibt mir Kraft für neuen Unsinn. So sei es. Ich hoffe Sie sind dabei.

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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8 Responses to Herr der Gezeiten

  1. schotte sagt:

    danke schön geschrieben, ich freue mich schon auf den Urlaub in den Niederlanden mit viel Strand , Meer und Wind und auch DK ist in der Wunschliste
    gruß schotte

  2. Daemonarch sagt:

    So ein Hundewetter, da muss sogar der Kaffeevollautomat drinnen bleiben! 😀

    • Sandmann sagt:

      gniiihihihi 😀

      Der kennt ja Dänemark schon. Der ist diesmal zu Hause geblieben, ich habe mir des Morgens meinen dänischen Filterkaffee klassisch in einer alten Melitta Maschine gebrüht 🙂

      Sandmann

  3. Kerstin Wotzlaw sagt:

    Ich fahre jedes Jahr zwischen November und Februar nach Henne. Nicht weil ich keine Menschen mag, sondern weil ich dieses wilde Wetter, die Wetterumschwünge, das sehr raue Klima liebe. Früher mit den kleinen Kindern bin ich immer im Sommer da gewesen. Jetzt allein mit Hund nur im Winter. Ich mag beides.

    • Sandmann sagt:

      Hallo Kerstin,

      ich glaube auch nicht dass man sich diese Zeit aussucht, weil man keine Menschen mag 😉 Ich selbst bin ja auch ein Freund des Alleinseins, ich habe auch seit über 20 Jahren mehr oder weniger große Kinder um mich herum – es hat mich schlicht geplättet, WIE einsam es dort war.
      Und mit dem schlechten Wetter konnte ich mich nur bedingt anfreunden. Aber ich werde immer wieder hinfahren, nach Dänemark sowieso, nach Henne auch. Im Mai ist nun erst einmal Skagen dran…..

      Sandmann

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