Kinderspielzeug #2

Wahre Größe zeigen

Wahre Größe zeigen

Die frühen 80er. Meine Freunde waren entweder im BMX Wahn oder scheuchten ferngesteuerte Jeeps über die asphaltierten Straßen unserer kleinen Siedlung am Rand des Zuckerrübenfeldes. Ein BMX Rad durfte ich irgendwie nicht haben. Das musste ich dann später (also… äh… vor zwei Wochen…) nachholen. Aber die Trennung meiner Eltern hatte mindestens meine Mutter bei dem Thema „der Junge will Spielzeug haben, um zu kompensieren“ großzügig gemacht. Ich wollte was, das schneller als die RC Geländewagen meiner Freunde war. Und ich bekam es. Jaha! Ebay ist eine Bitch. Mit genau diesem Porsche 935 von damals und ein paar frischen Batterien stiefel ich raus in die Kälte, raus auf die Straße durch die dänischen Dünen. War der wirklich so schnell? Kommt, wir gehen noch einmal spielen!

Ich habe mich ja schon in der Eisenbahngeschichte über meine Beweggründe ausgelassen 🙂 Ein Mann muss spielen, womit ein Mann spielen muss.

Ich liebe diese großen Kartons

Ich liebe diese großen Kartons

Der Weg zu meiner Asphalt-Dominanz anno 1982 war lang und sprichwörtlich steinig. In einem kleinen Spielwarengeschäft in Uelzen, dessen Präsenz ich inzwischen schon längst vergessen hatte (ich glaube „Schliewe“ hieß der und war in einer Seitenstraße nahe dem Schnellenmarkt…?), kaufte ich erst einen silbernen Mazda RX-7 von irgend einem japanischen Hersteller. Mit Klappscheinwerfern und geilem, gelbem Licht. Ich konnte es nicht bis nach Hause abwarten und bestückte das Ding schon auf dem Ilmenauufer gleich hinter der Langen Brücke mit den Batterien. Und ich war enttäuscht. Das Auto fuhr träge an, beschleunigte irgendwie kraftlos und surrte mehr schlecht als recht über den Fahrradweg. Das war ganz und gar nicht die Action, die ich von „Auf dem Highway ist die Hölle los“ oder „Condorman“ gewohnt war und die ich selbststeuernd mutig nachspielen wollte. Nach zwei Tagen brachte ich den RX-7 wieder zurück (mit welcher Begründung…?) und bekam einen teureren Porsche 935. Ein Hochgeschwindigkeits-Modell mit Digital Proportional Fernsteuerung. Und mit Zuzahlung. Wo kam die ganze Kohle her? Ich muss meine Mama mal fragen.

Ja, ich erinnere mich...

Ja, ich erinnere mich…

Das Auto kam meinem Heiligen Gral ziemlich nahe. „Digital Proportional“ bedeutete, dass sowohl der Gashebel als auch die Lenkung in beide Richtungen stufenlos zu bedienen waren. Also nicht nur Vollgas, Stopp, Rückwärts – sondern fein dosiert. Der Porsche hatte eine Ladebuchse für eingelegte Akkus und ein unter dem Fahrzeug umschaltbares Getriebe. Für drinnen und draußen. Eigentlich für Alkali oder Nickel-Cadmium, aber was wusste ich damals schon? Mit LOW konnte ich prima durch das Wohnzimmer brettern, zwischen den Stuhlbeinen durch, immer mit dem Kopf direkt auf dem Teppich liegend und somit quasi in der Froschperspektive des virtuellen Porschefahrers, der das Auto auf sich zu rasen lassen konnte. Und ja, wenn ein ferngesteuertes Auto auf dich zu fährt musst du mit den Steuerknüppeln ein wenig umdenken. Aber das lernt man recht schnell, wenn die Nase weh tut 😀
HIGH wiederum war meiner damaligen Meinung nach für draußen, für die Straße. Und Leute, was ging da ab! Gefühlt schneller als die Mofas der Großen und sogar schneller als einige große Autos surrte der Rennwagen an mir vorbei, die Straße rauf und runter. Das machten die teuren Daimon NiCd Akkus nur ein paar Minuten lang mit, dann waren sie leer. Aber ich war damit in diesen paar Minuten schneller als der Jeep Renegade und der Jeep Golden Eagle meiner Freunde! Und das war es, was einem Jungen extrem wichtig war.

Unfassbar teurer Treibstoff

Unfassbar teurer Treibstoff

Was ist aus dem ferngesteuerten Auto geworden? Keine Ahnung. Nach unserem Umzug nach Plön im Jahr 1983 gab es ihn noch, aber ich glaube ich habe ihn dann auf dem Flohmarkt verkauft. Der Reiz eines kleinen Spielzeugautos schwindet, wenn die echten Autos im Maßstab 1:1 in Reichweite kommen. Ich war 15, als ich meinen ersten Ford Taunus erwarb. Aber das ist eine andere Geschichte.
Letzten Sommer habe ich in meinem Retro-Sog angefangen, nach so einem Porsche von Dickie Toys zu suchen. Das war gar nicht so einfach, denn ich kannte die genaue Bezeichnung nicht mehr und fand vor allem kleine, neuere, billige Modelle. Ich wollte nicht irgend einen, ich wollte genau den! Aber was ein echter Sherlock Holmes ist, der gibt so schnell nicht auf. Über die Google Bildersuche sprang mir plötzlich die Abbildung des weißen Kartons, an den ich mich noch genau erinnern konnte, vor die Augen. Dieser Karton war damals die unantastbare Truhe zu meinem großen Schatz, zu meiner ersten automobilen Selbstbestimmung nach Matchbox und Siku. Sowas bleibt im Kopf. Mit meinen neuen Informationen speicherte ich einen Suchauftrag bei eBay, und drei Wochen später hatte ich meinen Porsche 935 K3 wieder auf dem Schoß. Viel zu teuer, aber voll funktionstüchtig, mit der originalen Bedienungsanleitung und sogar der Garantiekarte.

Leuchtet. Surrt und zuckt. Läuft.

Leuchtet. Surrt und zuckt. Läuft.

Der Alltag in Kiel und Hamburg lässt wenig Raum für spielende Prioritäten, deshalb mussten der kleine Junge und das alte Auto seit letzten Sommer bis zur Woche in Dänemark warten. Also bis jetzt. Die frischen Batterien habe ich schon eingelegt. NiMh Akkus (NiCd gibt es nicht mehr) waren in diesen Größen so unfassbar teuer, dass ich erstmal nur „ganz normale“ Batterien gekauft habe. Die waren auch schon kostspielig genug 🙁 Sechs in die Fernsteuerung, vier dicke für den Motor und einen 9V Block für den Empfänger ins Auto. Beide Deckel drauf und einrasten lassen. Fernsteuerung an, LED leuchtet. Auto an, Servos zucken und surren. Einmal Gas gegeben, Räder drehen. Geil. Ich geh dann mal spielen.

Auf zum Spielplatz "Straße"

Auf zum Spielplatz „Straße“

So ein ähnliches Bild gibt es auch aus meiner letzten Dänemark Woche, als ich mit einem ferngesteuerten Flugzeug in die Dünen gegangen bin. Der Weg aus Schotter und Kieseln vor dem Ferienhaus ist zu holperig, der Porsche ruft heute wie damals nach Asphalt. Und zwei Ecken weiter ist der Gejlbjergvej rein nach Henne Strand, auf der sollte das Rennspektakel im ungewöhnlichen Maßstab 1:12 gut gehen. Himmel, ist das kalt heute Abend. Aber das Licht ist dafür schon wieder so wundervoll, wie es die letzten Tage hier immer war. Ach Dänemark, deine Westküste. Die Sonne wühlt sich durch die zerfaserten Wolken und taucht alles in eine gelbliche, fast schon südfranzösische Stimmung. Das kleine Spielzeugauto wird heute quasi dem Sonnenuntergang entgegen fahren, diese Art von Pathos fehlte mir als Elfjähriger noch ein wenig.

Okay. Dann wollen wir mal.

Okay. Dann wollen wir mal.

Ich stelle die kleinen Schieber der Feintrimmung von Gas und Lenkung am Sender jeweils auf die Mitte und sehe (und höre) mit Wohlwollen, dass die Servos im Auto den Befehlen folgen. Ab und an zuckten die Vorderräder nervös, das kenne ich noch von damals. Das passiert, wenn die Fernsteuerung zu nah am Empfänger des Autos ist. Ich stelle den Porsche auf die Straße, gehe ein paar Schritte zurück, atme einmal tief durch, lasse die letzten Jahre meiner Kindheit in drei Millisekunden an mir vorbeiziehen und gebe Gas.

Geht gut ab!

Geht gut ab!

JAAAAAAAAAAAAA dieses Geräusch, wenn der Elektromotor an den Zahnrädern reißt und den Plastikklumpen vorwärts treibt! Herrlich! Sirrend flitzt das kleine Auto auf seinen weichen Gummireifen ungefedert über die Straße, einmal zum Horizont, dann umdrehen, dann an mir vorbei bis zur nächsten Kurve und immer so weiter. Echte Autos fahren hier heute keine, im Januar trifft man an der dänischen Nordseeküste nicht mal Einheimische.

Der Sonne entgegen

Der Sonne entgegen

Siiiiiiiiiiiiiiiiirrrrrrrrhhhhhhhhhhhhhhhh. Die Langzeit-Tabelle der spektakulären Spielzeuge führt für mich definitiv noch immer das ferngesteuerte Flugzeug an. Keine Drohne und kein Gyrokopter, die sind lustig als Partyspielchen im Wohnzimmer, aber da die quasi von alleine fliegen geht für mich der Reiz schnell flöten. Und Luftaufnahmen will ich nicht machen, ich spreche ausschließlich von Spielzeug. Wenn du bei einem Flugzeug aufhörst zu steuern – ist es entweder weg oder am Boden. Das hat einen großartigen Reiz, immer wieder, weil ein bisschen Unberechenbarkeit dabei ist.
An Platz zwei würde ich ferngesteuerte Autos setzen.
Dann kommt lange nichts, und an Platz sieben dann erst ferngesteuerte Schiffe. Das Medium Wasser ist einfach zu eben und zu öde, um mich dauerhaft zu begeistern.
Selbst beim ferngesteuerten Auto merke ich, dass es zwar ein paar Minuten lang Spaß macht, aber dann schon bald die Herausforderung irgendwie fehlt. Oder nein – es fehlen die anderen! Meine Freunde Tobi, Niels und Klaus sind halt nicht mit ihren Autos dabei. Das war etwas völlig anderes. Und irgendwie… war der Wagen damals viel schneller. War ich nur kleiner? Oder lag das an den Akkus? Da vier NiCd Akkus (je 1,2 Volt) insgesamt weniger Spannung haben als vier Alkali Batterien (je 1,5 Volt), müsste doch hier im Einweg-Sektor eigentlich mehr BUMMS sein? Siiiiiiiiiiiirrhhhhhhhh egal. Es macht trotzdem eine Menge Gaudi 😀 und ich schwirre noch ein paar Mal die Straße rauf und runter.

Und wieder was abgehakt. Schön.

Und wieder was abgehakt. Schön.

Meine Finger sind eiskalt. Reicht für heute. Ich notiere in meinem Kopf: Gemeinsam mit Freunden machen ferngesteuerte Autos erst richtig Spaß. So wie auf der Straße in Uelzen, und so wie später auf dem Plöner Schulhof mit Binz und Felix. Das waren richtige Geländewagen, wir alle hatten den „Fox“ von Tamiya mit Mabuchi Motoren und Öldruck Stoßdämpfern. Mit denen konnte man den Sandplatz einmal auf links krempeln. Ich verstehe inzwischen auch den Jeep-Ansatz meiner Freunde aus der Siedlung anno 1982. Mit den hochbeinigen Karren konnten die nämlich runter von der Straße, auf den Sand, den Fußweg, die Grasnarbe und den Rübenacker. Das konnte ich mit meinem Porsche nicht, auch wenn der schneller war. Sobald ein Kieselstein im Weg lag lief er darauf auf und drehte durch wie eine Hummel auf Koks. Aber irgendwas ist ja immer.
Die Firma Dickie Toys mit dem roten fetten Nilpferd als Logo gibt es heute immer noch. Aber so langsam habe ich meine Spielzeug Erinnerungen ausgelebt. So langsam kann ich wieder nach vorn gucken und konstruktiv an meiner Zukunft bauen. Und ich sollte mich mal wieder mit meinen Freunden treffen.

Sandmann

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Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

10 Responses to Kinderspielzeug #2

  1. Arno says:

    JAAAAA!!!

    Die Freunde fehlen, und die Strecke – wir sind damals, in den 90ern, immer sonntags auf dem Schulhof gewesen, haben leere Konservendosen zu einer Rennstrecke aufgestellt, und wer (mit dem entsprechenden Getöse) eine umgefahren hat, musste hinrennen und wieder aufstellen.

    20 Minuten machten die kleinen Tamiya-Allradler mit einer Akkuladung – das war schon nicht verkehrt. Und irgendwo in irgendeinem Schrank hab ich das Auto noch. Mit den heutigen Akkus müssten die ja noch viel, viel heftiger…

    …aber das ist ein Thema für die Rente.

    MfG, Arno

    • Sandmann says:

      Ay Arno,

      heb den auf 🙂 Und warte nicht bis zur Rente! Meinen FOX habe ich damals leider verkauft. Die bekommt man auch nicht oft bei ebay, weil die jeder eigentlich verheizt hat… Mit einer Autobatterie waren die Akkus damals in 30 Minuten wieder voll 🙂

      Sandmann

  2. Jens says:

    Wir haben da noch ein Rennen offen! Meinen Flitzer habe ich mal verlinkt!

  3. Krass! Weißte, was mir gerade einfällt?
    Es gab doch auch damals die „ferngelenkten“ Autos.
    Also die zwischen „Controller“ und Auto ne Verbindung hatten.
    Völlig verdrängt, da hatte ich (ähnlich groß wie dein Porsche) einen MERCEDES C111 in orange. Und die Lenkung erfolgte nicht über einen Welle, sondern elektrisch auf nen Servo! Das muß Mitte/Ende der 70er gewesen sein….ohhhh ich werde mal online nach dem Teil gucken.. 😉

    • Sandmann says:

      Ay Dirk,

      hahaha angefixt ANGEFIXT!!! Auf Facebook haben wir schon ausgiebig über diese und jene Varianten gefachsimpelt. Auch ich hatte ein Auto mit Kabelfernsteuerung, einen Golf 1. Damals gerade neu. Das war die Einstiegsdroge.
      Es gab welche mit mechanischer Verbindung, eine Leserin schrieb sogar von einem Auto, bei dem an der „Fernsteuerung“ am Kabel eine Kurbel war. Mit der trieb man das Auto an! Dein C 111 scheint ja quasi „richtig“ ferngesteuert gewesen zu sein, nur eben nicht über Funk. Hol ihn dir schnell. Dieses Jahr wird die Ikone 50, da werden viele drauf aufmerksam, die bisher keinen Plan von dem Auto hatten 😉

      Ich war grad mal auf deiner Seite und deinem Blog. Kerl, wir ticken recht ähnlich. Da werde ich hier und da mal reinlesen…

      Sandmann

  4. Cool, danke, herzlich willkommen jederzeit!

    Den C 111 habe ich gefunden.
    Der war auch noch von… SCHUCO…

    • Sandmann says:

      War nicht gefühlt eine Zeit lang ALLES von Schuco? Schade, dass ein paar Traditionsfirmen einfach nicht mehr da sind, oder deren Name jetzt nur noch als Aufkleber auf Korea-Kram klebt.
      Hast du das Ding denn gekauft, jetzt?

      Sandmann

  5. Micky says:

    Ich hatte einen öden Jeep, nicht mal ein Jeep, das war ein kurzer Toyota Landcruiser, offen mit Überrollbügel und klappbarer Windschutzscheibe. 8 Batterien schluckte das Luder, mein Vater war immerhin so klug und hat gleich wiederaufladbare samt Ladegerät dazu bestellt. Lahm war er trotzdem.

    Dann kam irgendwann ein 2WD Biggy von Tamiya den ich selbst mit 2 linken Händen zusammengebaut bekam. Danach natürlich der Midnight Pumpkin, ebenfalls von Tamiya, mit Wheeliebar.

    Als ich meinen MX-5 in 1:1 kaufte, folgte irgendwann der kleine von Tamiya, der braucht wohl nur einen frisch geladenen Akku und Batterien für den Controller…

    • Sandmann says:

      Ay Micky,

      ja klar, die „ganz alten“ Dinger fraßen viel Strom für wenig Action. Das ist mit dem Porsche hier genau so.
      Der Spaß kommt tatsächlich erst, wenn du ins Segment von Tamiya oder Graupner vorrückst. Mit dicken Mabuchi 540 Motoren. Ich habe gerade den Fox von Tamiya als Neuauflage gefunden, anscheinend nicht ungeiler als damals 1985. Kostet als NovaFox Komplettset mit Sender und Akku 230 Euro. Für einen Spaß ist mir das zu teuer, aber der Preis ist schon sexy. Und das Ding ging RICHTIG ab…..

      Ich fahr mal wieder meinen Taunus im Maßstab 1:1…..

      Sandmann

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