Knudsen Taunus einmal anders, bitte.

Tage vor der digitalen Revolution.

Landschaft mit Exfreundin

Landschaft mit Exfreundin

Wir befinden uns im Jahre 2008, eigentlich August, gefühlt aber November, doch das ist eine andere Geschichte. Während die Autoindustrie immer glattgelutschtere Armaturenbretter mit rein-integrierten Navigationssystemen auf multifunktions-Entertainment-Panels produziert, während Plastik endlich wieder wie Plastik aussieht und in vielen Fahrzeugen die Übersicht und Funktionalität dem Design gewichen ist – sitze ich nach Jahren wieder einmal im frostfrei eingelagerten Knudsen-Taunus meines Freundes Örg und kann es nicht glauben. Ich hatte diese absurden Landschaften schon fast vergessen, diese Relikte aus der Zeit, als wir uns kennen lernten. Diese kleine, sorglos verrückte Welt, bevor wir richtig erwachsen wurden.

Warum das jetzt?

Wer findet da was wieder?

Wer findet da was wieder?

Örg hat seinen treuen R4 obenrum enthauptet und orange angemalt, um ihn als ein etwas anderes Hochzeits-Cabrio einzusetzen. Und dieser R4 soll nun nach dem Ereignis mit meinen kräftigen V8 in seine Halle getrailert werden, jene Halle, in der auch mein Granada Coupé lange Jahre seinen Dornröschenschlaf schlief. In dieser Scheune, weitab von jeglicher Zivilisation irgendwo in der Nähe von Rendsburg, stehen seit Mitte der 90er sein ’75er Knudsen 4-Türer und sein Kombi, eigentlich ein Taunus II, aber dank des Baukastensystems hat er damals einen Knudsen draus gemacht. Also den mit der Nase vorn. Genaugenommen stehen sie da nicht, sie liegen inzwischen. Die Reifen sind schlapp, auf dem Blech steht eine zentimeterdicke Staubschicht und drinnen muchelt es semi-unangenehm. Es riecht nach Fäulnis, Rattenfäkalien und alter Zeit. Vertrocknetes Gras im Fußraum spricht die Sprache der Biotope aus Apfelsinenresten, Sand und reingewehten Sämlingen Jahrgang ’94.

Wie 1993, nur schimmeliger

Wie 1993, nur schimmeliger

Aber hier, auf dem Sitz, bin ich für einen kurzen Moment wieder in der verrückten Welt des Comiczeichners. Örg hat einfach alles, was seinen Weg gekreuzt hat, auf sein Cockpit geklebt oder gesteckt oder geschraubt. Spielzeugautos fahren hin und her, Plastiktiere laufen eine nie endende Safari. Nadeln halten Zettel und Bilder, Ketten, Anhänger und Girlanden sind irgendwie kunstvoll dazwischen drapiert. Alles so schön bunt hier, ist das die gute PLAKAfarbe? Statt des Sekundenzeigers der Zeituhr dreht sich ein Rochen aus Plastik. Es wirkt wie eine Symbiose aus Kunst und Wahnsinn, aber es ist kein spätes Werk von Joseph Beuys, sondern ein Alltagsauto. So ist er rumgefahren, und bei so mancher Polizeikontrolle hat er sich den unangenehmen Fragen der Beamten stellen müssen. Immer wieder. Und alles sieht noch genau so aus wie damals, nur ein bisschen schimmeliger.

Spielplatz für Große

Spielplatz für Große

So kann man nun darüber philosophieren, wie viele Blumentöpfe mein Chef noch in seinen Mini plumpsen lassen muss, um ihm ein solches Gesicht zu geben… Aber wer will das schon? Auch Örg nicht mehr. Er fährt jetzt Golf 3, weil der so unglaublich praktisch ist. Und im Sommer seine DS als Alltagsfahrzeug. Wir werden älter und ein bisschen weniger verrückt. Die Zeit des Klüngelkrams auf den Armaturenbrettern ist vorbei und abgehakt, und wenn ich mich hier in dieser rostigen Zeitkapsel so umsehe ist das auch gut so. Der zugemüllte Fußraum ist dem Kindersitz gewichen, und unsere Radios heute haben sogar Tasten, über die man sie bedienen kann. Und nicht offene LEDs und Kabel, die, geschickt kombiniert, das alte Gerät überhaupt erst einmal temporär mit Strom versorgen. Und dann Rage against the Machine rausbrüllten. Wir waren jung. Wir brauchten das Geld…

Wie sieht es in ihrem Auto aus, speziell auf dem Armaturenbrett? Schicke Design-Klemme für lose Zettel? Gar mit Block und Stift aus dem Baumarkt? Groschenspender? Leselampe im Zigarettenanzünder? Universal-Handyhalterung, dezent mit Spaxschrauben ins Plastik gedreht? Oder haben wir vielleicht auch echte Messies unter uns? Oder heißen die Steckies? Oder Klebies? Na da bin ich jetzt ja gespannt…

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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9 Responses to Knudsen Taunus einmal anders, bitte.

  1. SteffenG says:

    Hi Sandmann

    Ich hasse zugeklebte Armaturenbretter!
    Bei mir gibt es nur schnöden blanken Kunststoff oder Leder.

    Vor vielen Monden, als ich noch Autos aufbereitete, war es immer Horror solche Löcher oder Aufkleber ungeschehen zu machen….

    Steffen.

  2. Touranus says:

    Moin,
    die Plastiklandschaft meines Tourans ist unverändert öde…
    Das liegt aber nicht daran, dass ich es so mag, sondern weil es letztendlich nicht MEIN Auto ist (auch wenn ich monatlich fleißig dafür bezahle).

    Ich mag einfach keine Beziehung dazu aufbauen, weil ich ihn eh im Sommer wieder abgeben werde. Auch wenn er mir über die letzten 90.000 Kilometer schon sehr ans Herz gewachsen ist und ich eine Menge Geschichten damit verbinde.

    Aber wenn ich das Armaturenbrett verändere, wird dieses auto noch persönlicher… und nachher tuts mir noch leid, wenn er weg muss…?

    Nee, ich freu mich lieber darau,f mir nächstes Jahr wieder was Gebrauchtes zu holen, was ich dann zu MEINEM Auto machen kann. Bin jetzt schon fleißig am gucken bei Mobile und Ebay, da das Budget dank Trennung von Ehefrau und gerade erst gemeinsam erworbenem Haus nicht gerade üppig ausfallen wird….

    Vielleicht wird ja eine blogfähige Geschichte draus… 😉

    Touranus

    • Sandmann says:

      Na,

      dann weih mich gern in deine Gedanken ein, zumindest wenn es was unvernünftiges werden soll. Tipps? Citroen XM 3.0V6 Technic oder Exclusive, gibt es mit Scheckheft und Erstbesitzer schon für 2000,- Euro. IN der grünen Variante auch als 2.5 Liter Turbodiesel, hatte ich selbst, mit 5 Litern ist der zufrieden. Oder Ur-Phaeton, erste Hand, wenig gelaufen, auch V6 und Vollausstattung für schlanke 9000,- Euro? 🙂

      Fang hier nicht wieder an mit was Vernünftigem, wenn du es schon bereust, die Plastiklandschaft deines Touran nicht individualisieren zu können, weil er nicht deiner ist… Na ich bin gespannt…

      Sandmann

      • Touranus says:

        Moin,
        naja vernünftig….? Das Problem ist, dass ich Platz brauche und das Auto muss zuverlässig laufen. Also ich würde ja gerne dran schrauben, aber es sollte auch morgens einfach anspringen und mich zuverlässig zur Arbeit bringen. Mal schauen..

        Mit ’nem Omega Kombi brauch ich hier wohl nicht zu erscheinen? 🙂

        Ich schau mal nach den von Dir vorgeschlagenen Gefährten, wobei der Phaeton ausscheidet. Zu teuer und zu hohe Betriebskosten. Da müssen erst noch andere Dinge geregelt werden.
        Bis später

        Touranus

        • Sandmann says:

          Ay Touranus,

          beim XM aber vorsichtig sein… Da ist ein heftiger Suchtfaktor, weil du relativ hochwertige (wenn auch französische) Technik und gehobenen Luxus für kleines Geld bekommst. Das Hydractive-Fahrwerk ist unfassbar gut, danach fragst du dich, wie du jemals auf ordinären Stoßdämpfern fahren konntest…
          Aaaaaber…. du kommst überall noch schlechter ran als beim V8, weil NOCH weniger Platz da ist. Der Diesel hat Ausgleichswellen und somit ZWEI Zahnriemen, und zu einem quer eingebauten V6 muss ich vom Platzangebot nicht viel sagen…

          Aber die sind SOOOOOO geil… Ich hatte den TD ein Jahr und nicht eine einzige Panne. Nix. Alles gut.

          Sandmann

  3. Wob79 says:

    Uff, die Bilder erinnern mich irgendwie an eine Kindergeburtstagsparty, oder an ein indisches Taxi. 🙂 Ich hab es lieber wenn alles wie neu aussieht, was bei mir im Auto so “rumliegt“ sind nur unzälige Schlüssel für dies und das.

    Gruß Rene‘

    • Sandmann says:

      Örgs ganzes Leben ist ein Kindergeburtstag 😀

      Wir haben heute gerade erst wieder meine alten Granadafotos angesehen. Die Welt ist noch voller Geschichten. Auf auf, lass sie uns erleben!

      Sandmann

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