Motoren, Prominenz und Emotionen

Live-Bloggen auf der 3. Rallye Hamburg-Berlin-Klassik. Tag 1

Haben Sie schon einmal an einer Rallye teilgenommen? Nicht an so einer im Stil von Paris-Dakar, wo Sie eine super Chance bekommen, Ihr Auto zu ruinieren. Und vielleicht Ihr Leben, wenn nicht noch mehr verlieren. Nein, eher so eine, wo sich 180 ein bisschen verrückte Autonarren drei Tage lang durch 5 deutsche Bundesländer fräsen und dabei mit ihren Autos fast aller erdenklicher Baujahre bei Zeit- und Geschicklichkeitsprüfungen messen. Und der Welt da draußen automobile Geschichte zum Anfassen zeigen. Zum Riechen und sogar zum Schmecken. Okay, teilgenommen haben wir dieses mal nicht. Schlimmer. Wir haben berichtet, und das tagesfrisch bis tief in die Nacht. Tagebuch eines Live-Bloggers…

Liebes Tagebuch. Das ist ja noch ganz schön früh.

Da lassen wir doch das Auto erst einmal stehen! Lars Busemann, frischer Autobild.de-Redakteur und ich radeln nach einem deftigen Frühstück quer durch Hamburg in die Hafen City. Zwischen Speicherstadt und Elbphilharmonie wird hier in Rekordzeit ein neuer, teurer Stadtteil aus Glas und Beton hochgezogen, in dessen Zentrum die Rallye Hamburg-Berlin-Klassik ihren Prolog starten wird. Prolog – das bedeutet ein Kennenlernen der Fahrer und der Fahrzeuge, ein erster Ausritt über eine vorgegebene Strecke durch den Hamburger Hafen und die Möglichkeit für alle Zuschauer, einmal alle teilnehmenden Fahrzeuge auf einem Haufen zu bestaunen.

Recht schnell zeichnet sich allerdings ab, dass man hier ohne Auto ganz schön nackt dasteht, also holen wir schon bald darauf den Mercedes 560 SEC aus der Tiefgarage. Ein relativ pornöses Fortbewegungsmittel aus dem Jahre des Herrn 1988 mit dem damaligen Gegenwert eines Einfamilienhauses, dem Luxus einer Präsidentensuite und dem späteren Image eines Kiez-Königs. In seinem rauchsilber mit dem dunkelroten Leder steht er dem Lars allerdings sehr gut. Der Mann ist ohnehin ziemlich verrückt, was seinen automobilen Perfektionismus betrifft. Und so gleite ich als Beifahrer in die kommode Lederwelt, die für die nächsten drei Tage und 1000 Kilometer mein Zuhause sein wird.

An dem eingezäunten Parkplatz des Hamburg Cruise Center 1 ziehen auch die Cruise Days, die große Parade der Kreuzfahrtschiffe in diesen Tagen vorbei. Wir bekommen hier bei ganz anderen Schiffen Herzklopfen und kindliche Kulleraugen. Nach und nach sammeln sich Rennsportlegenden, Youngtimer, Oldtimer und Raritäten. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Nehmen wir der Einfachheit halber einen ausgestellten Audi V8, da weiß man im Gegensatz zu den eintreffenden Teilnehmerfahrzeugen, was man hat. Wobei die spektakuläre DTM Lackierung für mich maximal geschichtlichen Wert hat, es soll ja Leute geben, die so auf der Straße rumfahren…

180 Fahrzeuge der Baujahre 1907 (ein Renault Grand Prix) bis 1990 (ein Mazda MX-5), einige Ersatzfahrzeuge und doppelt so viele Fahrerinnen und Beifahrer sehen und werden gesehen. Weil Katalysatoren noch maximal in den Köpfen der Zukunftsforscher existierten, riecht es wie früher in den großen Städten. Es donnert und röhrt, es hupt und brabbelt. Hafen City erwacht zum Leben, um 14.00 Uhr geht es los durch nie gesehene, abgesperrte Bereiche des Hamburger Freihafens und der Zoll-Grenzbezirke. Erstaunlich, wie viele Menschen hier rumwuseln. Das stimmt irgendwie fröhlich, schönes Blech scheint doch noch mehr Publikum anzuziehen als aktuelle Designwarzen aus Alu und Plastik!

Ein persönliches Highlight, mit dem die anderen vermutlich gar nicht so viel anfangen können, ist für mich das Eintreffen von Karl-August Almstadt und Christian Steiger in einem… na?… VW K70!!! Die Herren aus der Autobild Chefredaktion steuern das Wolfsburger Werksfahrzeug von Hamburg nach Berlin und gehören damit schon zu meinen Top-5 Teilnehmerteams. Es muss ja nicht immer ein Bentley sein. Auch sonst tummelt sich hier auf dem Platz nicht ausschließlich wahnsinnig teures Metall, wir finden auch durchaus Butter-und-Brot Youngtimer in einem angenehmen Mix mit den klassischen Boliden!

Prominent sind aber nicht nur manche Autos, prominent sind auch manche Teilnehmer. Als Gewürz fürs Publikum und die normal sterblichen Fahrer finden wir das eine oder andere Gesicht in der Menge…

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Nun, umringt von Kameras und fragenden Reportern aus aller Welt schlängeln auch diese Damen und Herren sich durch die Menge.

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Einige kennt man, andere nicht. Haben Sie schon einmal von Ellen Lohr gehört, wenn Sie nicht in der Rallye-Szene sind? Coole Frau. Oder von Christian Geistdörfer? Rallye Monte Carlo? Na ja, es soll ja auch welche geben, die Buck nicht einordnen können und es soll auch welche geben, die von MIR ein Autogramm aus dem Auto heraus haben wollten. Wer dachten die bin ich? Connery? Du Mont mit Hut? Ja sehe ich denn wirklich schon so alt aus??? Komm Lars, lass uns losfahren. Ist schon 14.00 Uhr durch…

Wie müssen Sie sich so eine Rallye vorstellen? Es geht mittels der gedruckten Anweisungen eines Road Books eintlang einer vorgegebenen öffentlichen Strecke von einer Etappe zur nächsten. Ob Sie auch wirklich die vorgegebene Strecke in einem definierten Zeitfenster bewältigen wird bei verschiedenen geheimen und angekündigten Durchfahrtkontrollen abgestempelt und notiert. Weg verlieren bedeutet Strafpunkte. Die Zeit ist dabei so vorgegeben, dass Sie ganz entspannt im Straßenverkehr mitschwimmen können. Es geht also nicht um schnelles Ankommen, sondern um genaues Navigieren und präzises Fahren zwischen all den anderen Verkehrsteilnehmern.

Entlang der Strecken sind sogenannte Wertungsprüfungen verteilt, in denen die Fahrerinnen und Beifahrer Zeitprüfungen absolvieren müssen. Vorgabe wäre beispielsweise, die 300 Meter Distanz zwischen zwei Lichtschranken in exakt 17 Sekunden zu fahren. Je genauer Sie diesen Wert (ohne Stop auf der Strecke!) einhalten, desto mehr Punkte bekommen Sie. Alles in Allem ergibt sich aus diesem Reglement jeweils ein Etappensieger und am Ende der Rallye ein Gesamtsieger. Vor zwei Jahren haben wir Platz 19 erreicht. In einem Käfer Cabrio mit einer einfachen Uhr mit Sekundenzeiger. High-Tech bringt einen also nicht unbedingt ans Ziel 🙂

Die Faszination Automobil ist auf einer solchen Veranstaltung allgegenwärtig. Und Sie sind da mitten drin. Es ist ziemlich schwer, da nicht ins schwülstige Schwärmen zu geraten, denn es macht ECHT einen Riesenspaß. Gut gelaunte Menschen, die alle durch die Liebe zum Automobil vereint werden. Und da spielt es kaum eine Rolle, ob dieses Automobil ein englischer Jaguar V12 oder ein tschechischer Tatra mit luftgekühltem V8 im Heck ist. Und alle inmitten der maritimen Landschaft rund herum um den Hamburger Hafen, die Containerterminals und Toll Collect.

Auto Bild Klassik hat zusammen mit Helge Jost und Rallyemeister Peter Göbel eine landschaftlich wunderschöne Strecke auf das Papier geworfen, der Hafen und die erste Ausfahrt während des Prologs lassen erahnen, wie es morgen, am ersten richtigen Rallyetag, wohl weitergehen wird. Lars und ich hüpfen zwischen den Autos und den offiziellen Fotografen umher, sprechen mit Teilnehmern und verteilen Programmheftchen an die winkenden Zuschauer. Davon sollen morgen noch viel mehr kommen, aber das ist eine andere Geschichte.

Auch geht es bei so alten Autos nicht immer ganz pannenfrei zu, wie uns hier der Geschäftsführende Redakteur der Auto Bild Klassik, Frank Meyer, mit seiner goldenen DS demonstriert.

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Der poröse Benzinschlauch, wohl genau so alt wie das Auto, muss vom begleitenden AvD getauscht werden. Das bekommen wir mit unserem Schrauberfundus allein nicht behoben 🙂

Als dann die Sonne hinter dem Terminal verschwindet, sind fast alle Fahrer wohlbehalten wieder zurück und haben einen Vorgeschmack auf den morgigen Tag bekommen. Sie alle lassen den Prolog auf einem gemeinsamen Abend noch einmal Revue passieren und dinieren beim Come Together an Bord des (Fake)Raddampfers Louisiana Star auf einer kleinen nächtlichen Tour durch den Hamburger Hafen. Der Platz leert sich. Alle gehen ins Bett, um noch ein paar Stunden Schlaf zu erhaschen, den sie für morgen brauch werden. Alle?

Nein – nicht alle. Da sind noch ein Blogger und ein Redakteur, die versprochen haben, die Artikel tagesaktuell ins Internet zu setzen. Mit den eigenen Fotos und einer Auswahl von den mitgereisten Fotografen. Hurra. Und das müssen wir jetzt noch machen. Das beste UMTS Netz und die meiste Ruhe finden wir auf dem Dach von Lars‘ Wohnung im Schanzenviertel, direkt gegenüber der Roten Flora. Gute Nacht Hamburg, morgen geht es quer durchs Land über den Heidepark Soltau bis nach Wolfsburg. Und wir sind wieder dabei!

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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2 Responses to Motoren, Prominenz und Emotionen

  1. calimero says:

    Ein Ereignis der Extraklasse.
    Ich war schon bei ein paar kleineren Rallys hier in Niedersachsen dabei, und ich muß sagen, daß mir die Art der Organisation in diesem Fall *zumindest von außen betrachtet* sehr gut gefällt. Die Jungs scheinen ihr Handwerk zu verstehen, aber die werden ja auch dafür bezahlt 🙂
    Ich mag deine Texte hier ein bißchen mehr als die auf der offiziellen Seite. Die sind recht trocken, aber da geht es ja wohl vorwiegend um die Bilder, oder?

    SEHR geil daß Herr Almstadt und Herr Steiger in einem K70 fahren! Wie kam denn das, hast du die inspiriert? 🙂
    Ich lese dann mal weiter.
    Abel

    • Sandmann says:

      Ay calimero und herzlich willkommen hier,

      der KaSi kommt aus Wolfsburg und ist eines der Autos, die von den Sponsoren mitgeschickt werden. Ich selbst war auch sehr erfreut, dass ausgerechnet meine beiden hohen „Chefs“ aus den Bereichen Auto Bild und Auto Bild Klassik in so einem Auto fahren. 🙂

      Und ja, die Organisation war in diesem Jahr tatsächlich sehr gut. Ich persönlich hätte keine Beschwerden vorzubringen. Und allein dieser Freitag Abend… *schwärm*

      Sandmann

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