Noch einmal Audi V8 – der Virus sitzt tief!

Liebe hat viele Gesichter

Liebe hat viele Gesichter

Die Augen der kleinen Margret sind groß und weit geöffnet, als sie neben Papas 78er Ford Bronco steht. Und ihre Ohren öffnen sich noch weiter, als die 5,7 Liter Hubraum sich mit Super füllen und kraftvoll ihren Sound in die Täler des Schwarzwalds blubbern. Lange her – doch so etwas prägt ein Leben. Nicht ganz drei Jahrzehnte später sind die akustischen Sehnsüchte und die genetisch verankerte Lust nach mechanischer Kraft noch immer aktiv. Aus Margret ist Frau Meincken geworden, sie betreibt als staatlich geprüfte Übersetzerin das Büro CaTranslations in München und stellt ernüchtert fest, dass es vernünftige Broncos zu einem akzeptablen Preis nicht mehr gibt. Also sucht sie nach einem etwas zeitgemäßeren Fahrzeug. Aber ein V8 muss drin sein. Und sie wird erstaunlicherweise bei ihrer Lieblingsmarke Audi fündig.

Alles feinstes Leder

Alles feinstes Leder

Am Konzern mit den vier Ringen haftete in den 80er Jahren trotz Quattro das biedere Image der praktischen und wahnsinnig langweiligen Lehrerlimousine. Ein erster Versuch, BMW und Mercedes anzugreifen, war 1979 der Audi 200 Typ 43. Sein legendärer Fünfzylinder-Turbomotor begeisterte die Presse mit sagenhaften Fahreigenschaften und kernigem Sound, der zylinderzählenden Kundschaft war das Auto aber für stolze 100.000 Mark nicht oberklassig genug. 1984 begann Audi mit der Entwicklung eines eigenen Vollaluminium-Achtzylinders. Und was dann 1988 der Presse vorgestellt wurde, sprengte rückblickend jeglichen Rahmen. Eine fast fünf Meter lange Stufenhecklimousine, erstmalig mit der markanten Front aller späteren Modelle. Ein längs eingebauter V8 mit 250 PS, vier obenliegenden Nockenwellen und 32 Ventilen. Permanenter Allradantrieb mit selbstsperrendem Torsen-Differenzial, Vierstufen-ZF-Automatik mit elektronischer Wandlerüberbrückung und innenumgriffene Scheibenbremsen.

Lenkrad nicht original, aber schön.

Lenkrad nicht original, aber schön.

Der Grundpreis von 102.000 Mark beinhaltete bereits alle notwendigen Oberklasse-Extras wie Lederausstattung mit Sitzheizung, Klimaanlage, vier elektrische Fensterheber, ABS und Procon-Ten, Breitreifen auf Alufelgen, ein Soundsystem und ein Cockpit wie in einem Flugzeug. Rot beleuchtet, selbstverständlich. Audi wählte als Modellbezeichnung schlicht den Namen „Audi V8“ und ließ damit keine Zweifel über die Motorisierung zu.

Schalten für Freunde des hochwertigen Gefühls

Schalten für Freunde des hochwertigen Gefühls

Die Presse zeigte sich weiterhin zurückhaltend, die Konkurrenz lächelte. Die sportwagenähnlichen Fahreigenschaften des 1,7 Tonnen schweren Überfliegers und der souveräne zweimalige Gewinn der DTM 1991/1992 konnten das festsitzende Image der Marke noch nicht polieren.

Wurzelholz und alles elektrisch

Wurzelholz und alles elektrisch

Audi legte mit weiteren Ausstattungsvarianten wie Tempomat, elektrischen Sport-Ledersitzen mit Vierfach-Memory, Bose-Soundsystem mit vier digitalen aktiven Endstufen noch eine Schippe drauf. Gewagte Farbkombinationen und ab 1991 ein noch größerer Achtzylinder mit 4,2 Litern Hubraum, 280 PS und 400 Newtonmetern Drehmoment sollten anspruchsvolle Kunden mit Hang zum Understatement ansprechen. Die damaligen Werbefilme zeigen zwei androgyne junge Männer in Anzügen, die es beruflich offensichtlich „geschafft“ hatten, es aber nicht jedem mit ihrem Auto zeigen wollten.

Immer auf der Überholspur

Immer auf der Überholspur

In den ausklingenden 80ern und beginnenden 90ern ging diese Rechnung aber nicht auf. Der an sich völlig eigenständige Audi V8 erinnerte zu stark an einen dicklichen Audi 200, und wer damals den Gegenwert eines Einfamilienhauses und 20.000 Mark mehr als für eine S-Klasse auf den Tisch legte, wollte offensichtlich auch, dass man das sehen konnte. Anfang 1994 stellt Audi die Produktion des V8 nach nur 21.000 Exemplaren (271 Langversionen) ein. Er wird vom A8 abgelöst, der die Modellbezeichnung bis heute trägt.

Wenige Worte

Wenige Worte

Details des Understatement

Details des Understatement

Sag es ins Eis geschmolzen

Sag es ins Eis geschmolzen

Understatement. Das Wort klingt so wunderbar in Margret Meinckens Ohren wie seinerzeit der blubbernde Bronco von Papi. Ihr erster eigener V8 ist das klassische Lehrstück für Einsteiger in die alternde Oberklasse-Szene. Wer noch niemals in einem V8 gesessen oder einen gefahren hat, ist anfänglich selbst von der allerletzten abgerockten Möhre restlos begeistert. Sie auch. Der schwarze 3.6 mit epischen 14 Vorbesitzern wurde ihr von einem 19-jährigen Betrüger aufgeschwatzt und enttäuschte mit runtergedrehter Laufleistung, nicht angegebenem Unfallschaden und deftigem Reparaturstau. Der Anwalt hats gerichtet, und der V8-Virus saß trotz allem fest.

Klotz aus Alu

Klotz aus Alu

Meinckens zweite Visite wurde von einem Fachmann begleitet. Ein komplexes Fahrzeug wie der Audi V8 zeigt im Alter bei hohen Laufleistungen viele kleine und große Wehwehchen, die den Kaufpreis kurz mal um das doppelte übersteigen können. Zahnriemenwechsel: 1.300 Euro. Bremsen rundrum: 800 Euro. Edelstahlauspuffanlage: 900 Euro. Zylinderkopfdichtungen: 1.500 Euro. Das Hochdruck-Zentralhydrauliksystem und die aufwändigen Motorölführungen kleckern bei mangelnder Wartung gern einmal, Kühlwasser findet sich an völlig unorthodoxen Stellen, der Ausbau des Gebläsekastens (Lüftung, Heizung) dauert allein einen halben Tag. Es befindet sich eine Menge hochkarätige Technik unter der langen Motorhaube, die um permanente Zuneigung buhlt.

Breitbeiniger Auftritt

Breitbeiniger Auftritt

V8 Nummer zwei soll es trotzdem werden. Die mutige Farbkombination aus Ragusa Metallic (irgend so eine Art dunkles Jägergrün) und einer Innenausstattung komplett in Travertin (zwischen Erdnuss und Karamell) erinnert ein wenig an alte englische Limousinen. Die Ausstattung gleicht in dieser Klasse einem „Kassengestell“, es gibt keine Mittelarmlehne, kein Schiebedach, keinen Tempomat und keine elektrischen Sitze. Aber es gibt einen gesunden 4,2-Liter-V8 und eine durchgängig gewartete Technik, die eigentlich keine großen Überraschungen beherbergen sollte. Der Fachmann nickt, der Wagen wird 2008 gekauft.

Klare Linie aus Neckarsulm

Klare Linie aus Neckarsulm

Da ist er wieder, der Sound der Kindheit. Nicht das großvolumige Bollern eines amerikanischen Big-Blocks. Aber noch immer eine nicht zu überhörende grollende Zündfolge, gepaart mit unglaublich bequemem Luxus und Fahreigenschaften, die auch 20 Jahre später noch das Maß der Dinge sind. Das tröstet bei Perfektionisten wie Meincken über dennoch zu erwartende Investitionen hinweg.

Raum in der kleinsten Hütte

Raum in der kleinsten Hütte

Blauäugige junge Hüpfer glauben immer wieder, sie können eine alte Oberklasselimousine billig kaufen und ohne weitere Kosten ein paar Jahre auf dicke Hose machen. Problematisch im übertragenen Sinne ist hierbei die gute Verarbeitungsqualität des V8. Diverse schleichende Krankheiten verhindern nicht immer direkt das Vorwärtskommen und werden so lange ignoriert, bis sie sich zu kapitalen Schäden entwickeln. Horrende Werkstattkosten rufen selbst ernannte „Fachmänner“ auf den Plan, die ohne Erfahrungen vor der Technik kapitulieren. Solche Fahrzeuge findet man anschließend ohne TÜV für 1.000 Euro bei ebay. Nicht umsonst wurden in den 90ern extra sogenannte V8-Stützpunkte eingerichtet und Audi-Meister direkt auf dem Fahrzeug geschult, eine normale „Fachwerkstatt“ scheitert oft schon am Öffnen der Motorhaube. Die Übersetzerin denkt also weiter und investiert rechtzeitig in Reparaturen und in Originalteile, allein in den ersten zwei Jahren schon mehr als 5.000 Euro, davon allerdings auch optische Goodies wie die Aufpolsterung der Sitze und eine Lackaufbereitung. Sie pflegt das Auto wie eine Beziehung. Und der Wagen dankt es ihr mit Zuverlässigkeit und Wertbeständigkeit.

Zwischen Villen fühlt er sich wohl

Zwischen Villen fühlt er sich wohl

Heute ist Margret Meincken davon überzeugt, dass der Audi V8 damals ihr Leben in die Hand genommen hat. Seit dem Kauf werden viele Weichen neu gestellt. Sie lernt ihr Auto mit allen Macken und Kanten kennen und probiert zwangsläufig verschiedene Werkstätten aus. In einer arbeitet Christian – und er verliebt sich in die attraktive Münchnerin. Doch die Prinzessin zieht in ihrer Kutsche zunächst weiter von Schloss zu Schloss, die V8-Gemeinschaft ist leidgebeutelt und deshalb sehr hilfsbereit. Bei gelegentlichen Treffen der Community zwischen Legan in Holstein und Kloster Andechs bei München sitzen Hochschulprofessoren neben arbeitslosen Bäckern und fachsimpeln über ihre gemeinsame Leidenschaft. Einen V8 im Alltag zu bewegen bezeichnet sie als meistens, aber nicht ausschließlich freudestiftend. Neben dem nicht mehr zeitgemäßen Verbrauch von rund 15 Litern Super legt der Bolide bisweilen ein sehr divenhaftes Verhalten an den Tag. Altert der OT-Geber, springt der Herr nicht mehr an. Zicken Relais rum, rollt sie plötzlich unbeleuchtet durch die Dunkelheit. Auch kommt es vor, dass heimliche Verbraucher oder Kurzschlüsse schon mal binnen sieben Tagen die 80-AH-Batterie restlos leersaugen und den Weg zur Arbeit abrupt beenden. Das gehört für Meincken zum Alltag, sie hat sich damit arrangiert. Inklusive der Anschaffung sind 15.000 Euro in den Audi geflossen, der aktuelle Zeitwert beträgt rund die Hälfte davon im echten Zustand 2. Dank der konsequenten Wartung und Beseitigung der Mängel hat der V8 seit 2010 keine Werkstatt mehr von innen gesehen und ist heute ihr täglicher, zuverlässiger Begleiter. Der lange Weg bis hier ist gezeichnet vom wunderbaren Fahrgefühl in einer agilen, sportlichen Luxuslimousine. Und er wird begleitet von den Menschen hinter den Autos. Aus Schrauberkumpels entwickeln sich Freunde, aus falscher Menschenkenntnis entwickelt sich bittere Gewissheit und aus dem Unmöglichen entsteht echte Liebe.

Es ist Liebe

Es ist Liebe

Ebenfalls seit 2010 ist Christian an ihrer Seite, der Schrauber, der sie damals in ihrem V8 vorfahren sah und glaubte, eine Prinzessin käme vorbei, um ihn von seinem derzeitigen Leben zu erlösen. Die beiden haben sich gefunden und finden ihr Glück in einer ungleichen Dreiecksbeziehung.

Ziel: Das H-Kennzeichen in zehn Jahren. Sie sind verrückt genug, sich auf einander und den Audi V8 einzulassen…

Audi V8 4.2 Quattro
Bauzeitraum: 1988-1994
Motor: V8 (Vollaluminium)
Hubraum: 4.200 ccm
Leistung: 280 PS
max. Drehmoment: 400 Nm
Getriebe: ZF-Automatik vierstufig
Antrieb: permanent Allrad
Leergewicht: 1.710 kg
Höchstgeschwindigkeit (abgeriegelt): 249 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 6,8 s

Meine ganz persönliche Hommage an das Fräulein Katze und ihren Audi V8 ist jetzt auch bei TRÄUME WAGEN online. Klick HIER . Viel Spaß!

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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