Pech & Glück über den Dächern von Osnabrück

Wir haben uns einen Montagnachmittag ausgesucht um mit dem Fahrschulauto nicht nur eine besondere Ausbildungsfahrt zu unternehmen – sondern diese auch noch mit einer kleinen Besonderheit zu würzen. Meine beiden Fahrschülerinnen, die Freundinnen Neele und Kristin, haben in ihrer Ausbildung zum Autofahrer ziemlich genau den gleichen Stand. In solchen Fällen bietet unsere Fahrschule schon mal die Möglichkeit zur „Shopping-Tour“ in eine der nächstgelegenen größeren Städte. Das macht unsere Ausbildung attraktiv.

Nachdem ich die Beiden also pünktlich von der Schule abgeholt habe, steuert zunächst Neele über die Autobahn A1 Richtung Osnabrück. Dieses Ziel haben sich die Mädchen ausgesucht – da kennen sie sich aus. Lediglich das (vom Fahrlehrer bewußt gewählte) enge Galeria-Parkhaus in der Innenstadt bereitet ein paar kleine Probleme, immerhin soviele, dass Neele den Wagen schließlich ganz oben auf dem sonnigen Parkdeck 9 ziemlich schief einparkt und obendrein den Motor auch noch abwürgt, als die Betonmauer der Frontschürze des Toyota Auris zu nahe scheint.

Ich Fahrlehrer lasse also Gnade vor Recht ergehen – soll sie den Wagen halt so stehen lassen, ich fahre ihn ja eh gleich weiter. Die Mädels freuen sich, sind schon ganz hibbelig, bekommen eine Stunde Zeit und sind eine Sekunde später über alle Berge… äh… alle Treppen.

weiss

Als ich in das Fahrschulauto steige, bemerke ich, dass der Zündschlüssel fehlt. Wo hat Neele ihn hingelegt? Alles Suchen bringt kein Ergebnis. Also renne ich den Beiden über die Stufen des grauen Parkhaustreppenhauses hinterher – allzulange kann ich das Auto da oben aber nicht allein lassen… ich kann es ja nicht verschließen. Ich renne sogar durch die Deutsch-Passage bis in die nahe Fußgängerzone – nichts, wie vom Erdboden verschluckt. Keine Spur von meinen beiden Heldinnen.

Als ich schwer atmend wieder zurück am Auto bin – so bekommt auch ein Fahrlehrer während der Arbeitszeit mal ein bisschen Bewegung – fällt mir die Möglichkeit des Telefonierens ein. In meinem Kalender finde ich nur Neele’s Handynummer… doch ihr Handy scheint ausgeschaltet. In diesem Augenblick steht fest, dass ich binnen der nächste Stunde dieses gemütliche Parkhaus wohl kaum verlassen werde. Also vertreibe ich mir die Zeit mit dem phantastischen Blick auf die Dächer von Osnabrück, einem kurzerhand durchgeführten Sicherheitscheck eines Parkdecks (Feuerlöscher fehlt!), gehe „Was-wäre-wenn“– Szenarien durch (wenn ich den Autoschlüssel hätte, würde ich zur Ausfahrt herunterfahren), beobachte die Welt rundum und vor allem von oben oder schlage in der Sonne sitzend/liegend/stehend die Zeit tot.

Genau eine Stunde später sind meine Damen wieder zur Stelle. „Durften wir den Schlüssel eigentlich mitnehmen? Hattest du keinen eigenen Schlüssel?“ „Nein!?!“ „Ups…!“

Ich zu Neele: „Ich habe versucht dich über dein Handy zu erreichen…“ Sie: „Mein Handy hab‘ ich auf’m Stoppelmarkt geschrottet…!“

„Schon okay… ich hatte hier oben eine gute Zeit… und ihr? Was habt ihr gemacht? ‚N bisschen geshopped?“ „Wir haben was gegessen – bei Mc Donald’s“

Kristin ist nun am Volant, fährt neun Etagen im Parkhaus herunter, kurvt quer durch Osnabrück, dann über die Autobahn und hält pünktlich zum Abendessen wieder zuhause.

Passt schon, Mädels! 😉

EL
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8 Responses to Pech & Glück über den Dächern von Osnabrück

  1. Mumpitz1409 says:

    Hallo El,

    ich sag nur Danke!!! Tolle Story.

    Gruß aus dem kalten Stutensee

    Mumpitz

  2. Daemonarch says:

    Sehr interessante kurze Einblicke ins Fahrlehrerleben… Ich schätze das war noch eine der harmloseren Situationen in deinem Arbeitsalltag…

    Be cool…

  3. El Gigante says:

    Hi Daemonarch… ja, über diese Geschichte konnte ich noch lachen.

    Momentan befinde ich mich aber mal wieder in einem Ausdauertest. Fahrschülerin (über 50) hat gerade ihre 100ste Fahrstunde hinter sich… und das Parken ist noch immer grauenhaft, obwohl wir schon geübt haben, bis der Arzt kam.

    Ich habe beschlossen, dass ich sie noch VOR WEIHNACHTEN zur Prüfung vorstellen will.

    Du kannst dir garantiert unmöglich vorstellen, wieviel reißfeste Geduld ein Fahrlehrer haben muss!

    … aber darüber gibt es bald mal einen Beitrag HIER bei „Sandmanns Welt“
    Der Beruf des Fahrlehrers passt gut zum Bücher schreiben… Stoff gibt es OHNE ENDE.

    El

  4. pewu says:

    Hallo El,

    tolle Geschichte! Hab‘ mich kringelig gelacht und mir vorgestellt, wie das sein wird, wenn mein Töchterchen in 3 Jahren mit Ihrer besten Freundin den Führerschein macht…. Der Fahrlehrer braucht dann Nerven wie Stahlseile der Golden Gate Bridge und einen Gaggerfilter für die Ohren.

    Und dann ein weiterer Gedanke: in 3 1/2 Jahren dann die Frage nach dem V8-Schlüssel… Naja – uff – ähm – schaun wer mal.

    So long

    Pewu

    • pewu says:

      Auweia – sie hat’s gerade gelesen und ist seeeeeeeeeeeeeeehr ….. angenervt :/ (was ja auch irgendwie verständlich ist!!) Grüße an Neele und Kristin,
      von
      Annika

      Uff – ich lebe noch. Nur leichte Kitzelattacke ohne nennenswerte bleibende Schäden 🙂

      Pewu

      • Sandmann says:

        Ay Pewu,

        du scheinst gemerkt zu haben, dass hier Menschen, über die man schreibt, durchaus mitlesen 😀

        Meine Große macht wohl kommendes Jahr auch den Führerschein, ab 17 darf man dann ja auch mit Begleitung fahren. Und wenn es auch kein Audi V8 sein wird, ich werde sie fahren lassen. Damit sie das kann, bevor der böse Alltag und die fiesen Leute in ihr Leben treten…

        Sandmann

  5. El Gigante says:

    Übrigens: heute, Mittwoch, 2. November 2011, haben die beiden Hauptdarstellerinnen der obigen Geschichte ihre Führerscheinprüfungen BESTANDEN!

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