Re-CHARGE my Life!

Wertanlage mit Hüftschwung

Wertanlage mit Hüftschwung

Wie sich ein 68er Dodge in ein Leben einschleicht …
Als Kinder seid ihr irgendwann aus dem Spielzeugalter raus,  habt dann aber kein Geld. Jedenfalls nicht viel mehr als für ein Eis, ein YPS und ein Smartphone. Wenn ihr als Männer später Geld haben, nimmt es euch meist der Alltag, das Finanzamt oder die knapp kalkulierte Doppelhaushälfte wieder ab. Oder die Lebensgefährtin. Denn die legt üblicherweise ein Veto gegen Spielzeug jeder Art ein, so habe ich das jedenfalls in meinem Freundeskreis mehr als einmal beobachten dürfen. Bei Martin Hofmann ist das irgendwie alles anders. Der ist erwachsen, hat Geld gespart und die Freundin auf seiner Seite. Er will auch wieder spielen, und er tut es, und sie lässt ihn.

Besser als jede Therapie

Besser als jede Therapie

Keine Spur Midlife-Crisis
Kinder und maskuline Erwachsene spielen gern mit Autos – aber die Form eines 911er, die so viele Männer in der Mitte ihres Lebens erregt (und meist einhergeht mit dem Austausch der Lebenagefährtin gegen ein wesentlich jüngeres Modell), reizt Martin nicht. Er ist ein Kind der 80er. Amischlitten – sie fallen ihm wieder ein, zuerst gesehen in den amerikanischen TV-Serien. Erinnerungen an das „A-Team“, „Knight Rider“ und „Ein Colt für alle Fälle“ erwecken den berühmten Virus für amerikanische Autos wieder zum Leben. Seiner Freundin gebührt an dieser Stelle großer Respekt, denn statt zickig mit der klappernden Haushaltskasse zu wedeln unterstützt sie geduldig und verständnisvoll diesen Mann in seinem Vorhaben. Obwohl er nichts anderes mehr im Kopf zu haben scheint, aber das kennen wir ja.

Volltreffer in Wisconsin
In Hamburg werden Nägel mit Köpfen gemacht. Mit einem kundigen Importeur bringt Martin monetäre Voraussetzungen mit Wunschvorstellungen in Einklang, und er beginnt die detektivische Suche im Internet. Und gerade das gestaltet sich gar nicht so einfach, wenn man konkrete Gedanken und Vorstellungen besitzt. Es soll ein Dodge Charger werden, das klassische, leider inzwischen recht hochpreisige Muscle-Car der 60er. Martin befolgt den Rat des Importeurs und sieht sich viele, sehr viele Muskelkisten an – und wird immer wieder enttäuscht. Da ihm ein bestimmtes Baujahr mit einer klar definierten Motorisierung vorschwebt, dünnt sich das Angebot im deutschen Lande ohnehin immer weiter aus, und Dichtung und Wahrheit besorgen den Rest. Also erweitert er seine Recherche auf die USA, und schon kurze Zeit später macht es endlich „Klick“. Bei einer Anzeige passt alles – Motor, Innenausstattung, Übersetzung der Hinterachse und der beschriebene Allgemeinzustand. Martin greift zum Telefon.

Da geht noch was...

Da geht noch was…

Auf der anderen Seite des großen Meeres meldet sich Chris aus der Nähe von Milwaukee in Wisconsin. Ja, der Wagen sei noch da, er habe auch schon eine lange Geschichte in seiner Familie hinter sich. Als das ursprüngliche Fahrzeug in die Jahre gekommen war, erwarb es sein Bruder und wollte es eigentlich zeitgenössisch zum Drag-Racer pimpen. Dieses Vorhaben zog sich aber anscheinend erheblich in die Länge, und Chris konnte es irgendwann nicht mehr ertragen, den schon damals recht seltenen Wagen ohne Motor ausgeweidet auf dem Hof stehen zu sehen. Also kaufte er ihn seinem Bruder ab und baute ihn bis 2004 nach und nach genau so auf, wie er selbst sich einen fabrikneuen Dodge Charger bestellt hätte. Und da scheint zwischen Martin und Chris geschmackliche Einigkeit zu bestehen. Was für ein Treffer!

Farbe? Passt.

Farbe? Passt.

Über den großen Ozean
Der nun erneut wieder auf den Plan gerufene Importeur einigt sich mit dem Besitzer des Muscle-Cars auf die Bestellung eines unabhängigen Gutachters vor Ort, der 120 Fotos vom Auto macht und alle eventuellen Schwachpunkte und Mängel in einem Schriftstück festhält. Die Fotos und die umfangreichen Beschreibungen überzeugen Martin sofort – und das Ja seiner Freundin bekommt er umgehend. Das muss Liebe sein. Also… von beiden Seiten 🙂 Er kauft den 42 Jahre alten Dodge, ohne ihn je selbst gesehen zu haben und nimmt ihn sieben Wochen später überglücklich und mit Herzklopfen in Empfang. Nach einem kurzen Umbau für den deutschen TÜV und eine auf Anhieb erfolgreiche Zulassung gehört der Dodge zur Familie.

So soll ein Muscle Car aussehen

So soll ein Muscle Car aussehen

Eine eigene Dimension
Und Familientreffen mag ich. Da folge ich der Einladung sehr gern, zumal die Anreise nicht weit ist und es am Treffpunkt einen leckeren Mittagstisch, serviert von der süßen Mary, zu futtern gibt 😉 Martin stellt mich seinem Charger höflich vor, während ich mich verbeuge und ehrfürchtig damit beginne, die Dimensionen zu erfassen. Erstmal innen drin. Ein für die späten 60er Jahre unaufgeregtes Armaturenbrett beherbergt in schwarzem Kunststoff einige Rundinstrumente und dicke Kippschalter. Kleine Aufkleber auf dem Tacho erzählen von Stundenkilometern und verdecken die Meilenangaben. Ein Lichtlein aus dem Mitteltunnel leuchtet den Weg, als sich der Steuermann in das weiße Kunstledergestühl fallen lässt.

Alles im Blick

Alles im Blick

Beleuchtete Füße. Cool.

Beleuchtete Füße. Cool.

Schalter, die noch geschaltet werden WOLLEN

Schalter, die noch geschaltet werden WOLLEN

Musik zwo drei...

Musik zwo drei…

Ich trete zurück, um dieses glänzende, grüne Muskelpaket einmal in Gänze vor die Linse und in mein Bewusstsein zu bekommen. Ich muss dafür ziemlich weit zurücktreten, das Ding ist sagenhaft lang. Was gerade noch als Matchbox-Auto in einer irren Farbe mit dicken Reifen und kurvenreichen Formen in meiner Sandkiste auf eine kleine Reise ins benachbarte Erdbeerbeet wartete, steht hier jetzt im Maßstab 1:1 vor mir. Seine Schnauze wirkt gierig, sein Body wie von einem heißen Gegenwind nach hinten ausgeformt. Ein faszinierender Hüftschwung mit wunderschönen Details wie dem seitlichen Tankdeckel oder den kleinen, runden Rücklichtern lassen meinen Mund permanent offen stehen. Ich beginne zu begreifen, warum dieses Modell bei den Freaks in der Szene so begehrt ist. Hier war ein Künstler am Werk. Der Dodge scheint zu warten.

Nordische Wangenknochen, sehr sexy

Nordische Wangenknochen, sehr sexy

Grip auf jedem Meter. Die Walzen versprechen es.

Grip auf jedem Meter. Die Walzen versprechen es.

Bremslichter, die aber nicht gebraucht werden.

Bremslichter, die aber nicht gebraucht werden.

Ein Motor wie ein Gewitter
Im Hintergrund holpert ein Toyota Aygo die Kopfsteinpflasterstraße entlang, und ich kann mich nicht entscheiden, was mir hier deplatzierter vorkommt. Der knubbelige, japanische Kleinwagen im Angesicht einer gewaltigen, völlig sinnentleerten Fahrmaschine – oder eben diese vor Kraft strotzende, irgendwie unwirkliche Symbiose aus wunderschönen Kurven und Ressourcen vernichtendem 440cui Big Block in einer grauen Welt voller Abgasnormen und Elektroautos. Wie sagten sie so schön im Trailer des ersten Jurassic-Park-Films? „Etwas… hat überlebt!“. Ja geil, und dieses etwas passt, wie ich finde, noch immer wunderbar in diese Welt. Nennen wir es Ansichtssache. Der Anlasser dreht sich.

Zwischen viel Platz und viel Motor.

Zwischen viel Platz und viel Motor.

Und das, was jetzt kommt, lässt sich kaum in Worte kleiden. 7,2 Liter Brennraum füllen sich mit leicht entzündlichem Nass. Der Anlasser klingt wie bei jedem amerikanischen Hubraumwunder ein bisschen so, als schaffe er es nicht ganz. Tut er dann aber irgendwie doch immer. BRROOOOAAMMMMM!!!!! Ein kurzes, turbinenhaftes Aufbrüllen, dann ein ruhiges Grummeln wie von einem fernen Gewitter, gleichmäßig und völlig unaufgeregt. Martin legt den mittigen Wählhebel des TFT 727 Getriebes in die Fahrstufe ein und fährt an mir vorbei… und fährt vorbei… und fährt vorbei… Ich habe schon kürzere Autos gesehen. Der Aygo ist hoffentlich langsam mal in seinen Vorort verschwunden, wir brauchen gleich die ganze Straße!

Ein Gewitter donnert durch den Hafen

Ein Gewitter donnert durch den Hafen

Käufliche Sehnsucht
Wow – deshalb heißen die auch Muscle Cars. Das tiefe Grollen erzählt von etwas, was gern frei gelassen werden möchte, von einem Raubtier in Lauerstellung, von einem endlich erfüllten Traum. Und Martin lässt es frei. Katzenhaft schnellt der Dodge nach vorn. Wie bei einer nahenden U-Bahn bebt die Straße, er ist gar nicht laut dabei, ich fühle es trotz der Entfernung eher im Magen und bewundere, wie unangestrengt das Fahrzeug dabei wirkt. Ich bin von Evel Knievel geprägt. Ich erwarte einen am anderen Ende der Straße sich entfaltenden Bremsfallschirm, aber diese Aufgabe müssen die vier zeitgenössischen Trommelbremsen übernehmen. Meine Nackenhaare haben sich noch gar nicht wieder gelegt, da brennt er erneut an mir vorbei. Shit, ich soll ja Fotos machen 🙂 Okay. Die breite, scheinwerferlose Schnauze taucht tief in die Bodenwellen ein, hart und bestimmt stemmen sich die Pneus gegen das Kopfsteinpflaster – und schon ist er wieder weg. Es riecht angenehm nach sauber verbranntem, unkatalysiertem Super.
Das hier ist Sex. Das ist Form und Kraft in einem, das ist käufliche Sehnsucht und erfüllte Lust bei der Kontrolle über die Maschine. Mich fröstelt. Als das Gerät (kann man so etwas überhaupt noch Auto nennen?) wieder an mir vorbei auf den Parkplatz rollt, blicke ich nur noch andächtig lächelnd und ein bisschen irre.

Wer braucht da noch einen Therapeuten?

Wer braucht da noch einen Therapeuten?

Aufladen im Alltag
Martin Hofmann, setzen, alles richtig gemacht. Der Mann erzählt am Ende unseres Treffens bei einem Kaffee in der Oldtimertankstelle Brandshof die Geschichte seines Autos, während es draußen ungeduldig auf ihn wartet. Martin ist noch immer ein bisschen Kind. Und er wirkt glücklich, so glücklich wie ein Mann nur wirken kann, wenn er sich einen Traum erfüllt hat. Der Nachbar muss jeden Tag sein Elektroauto wieder aufladen. Der Charger lädt andersrum Martin jeden Tag wieder auf, bringt Farbe und Sound in den grauen, monotonen norddeutschen Winter und  gewährt einen Ausblick auf viele weitere spektakuläre Reisen und Erlebnisse mit einem mehr als ungewöhnlichen Auto.

Das Schiff ist im Hafen

Das Schiff ist im Hafen

So soll es sein. Hier hat ein Mann seine Religion gefunden und lebt sie nun. Und noch immer mit dem Segen seiner Freundin. Der Fahrer des Aygo wird das niemals verstehen…

Sandmann

Location: www.tankstelle-brandshof.de und der Hamburger Hafen
Artikel (und mehr Bilder) original bei TRÄUME WAGEN

Bilder: Jens Tanz und Susann Drews
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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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8 Responses to Re-CHARGE my Life!

  1. Jens sagt:

    Herrlich. Wirklich herrlich. Ein ehrliches Fahrzeug und wenn es ein Jahr älter wäre, wäre es mein absoluter Traumwagen. Ich bin ja schon fast alles gefahren, aber auf meiner Wunschliste da steht er noch, der 69er Dodge Charger – denn auch ich bin ein Kind der 80er und bin verdammt froh, dass ich noch verbleiten Kraftstoff einatmen durfte 😉

    • Sandmann sagt:

      Jens, du alter Weltenbummler,

      mit meinen TRÄUME WAGEN Stories bekomme ich dich immer hinter dem warmen Ofen vor 😉 Freut mich.
      Der 69er Charger ist allerdings ein Jahr JÜNGER als der 68er *pfennigfuchs* Dir ist aber schon klar, dass man hier inzwischen mittlere fünfstellige Beträge für vernünftige Exemplare auf den Tresen legt, oder? Aber mit Zeit und dickem Fell findet sich was. Kennst du Jens Wilde? Der holt dir bestimmt einen rüber 🙂

      Nur am Rand: Auch unverbleiter Kraftstoff riecht noch wie früher, wenn er nicht durch einen Katalysator gejagt wird. Möchtest du mal ne Nase von meinem Audi 100 nehmen? 🙂 Oder ist dein Japaner auch noch nicht gesäubert…?

      Sandmann

  2. Marc R. sagt:

    Erstmal ein Merci aus der Schwiz für den wunderbaren Artikel, nein die Hymne auf den Charger! 🙂

    Ich bin selbst vom Typ43 welcher diesen Lenz verkauft wurde auf den Ami gekommen.

    Allerdings fahre ich aus Budgetgründen eine fahrende Ölkrise, aber auch die macht Spass, vorallem ebenfalls mit Bewilligung der eigenen Regierung 🙂
    (Firebird Formula 350 von 1975)

    ich wünsche Dir eine gute Woche, geniesse die letzten warmen Herbsttage

    (ich freue mich schon auf die K70 Bilder zu Weihnachten) 🙂

    • Sandmann sagt:

      Ay Marc,

      yayyyyy einen 70er Jahre Muskel! Geil 🙂 Sozusagen der Ami Manta! Sehr cooles Gefährt, long nose, short deck, immer sexy.

      Wie kommt man denn vom Typ 43 auf sowas? Was ist DA denn schief gelaufen? 😉

      Wir lesen uns. Viele Grüße in die schöne Schweiz!
      Sandmann

  3. Marc R. sagt:

    😀
    Lach mich nicht aus, aber unter anderem waren das ganz rationale Gründe:

    Ich mag meine Oldies, WEIL ich sie im Alltag einsetze und so auch richtig erlebe.
    Nur ist bei AUdi und speziell beim 43er leider die Ersatzteillage wie Du ja weisst gelinde gesagt prekär.

    Beim Firebird kriegt man im Land der begrenzten Möglichkeiten fast alles, meist sogar für einen schmalen Taler.

    Die emotionale Seite hingegen meinte, KAUF DIR ENDLICH was blubberndes, schliesslich bin ich via Grossvater und Vater damit aufgewachsen. Amis haben in der Schweiz ja eh eine lange Tradition, u.a. auch mit eigener Montage.

    Mein Exemplar wurde aber 1 Jahr in Ohio gefahren und kam 1976 nach Europa. Er ist etwas rostig aber technisch fit, hat ein Vinyldach, eine heisere, sexy Stimme, einfach eine super „einsteigenlosfahrenzuverlässignakommenunddabeinemengespasshaben“ Kombination 🙂

    • Sandmann sagt:

      Hach Marc 🙂

      ja, ich verstehe dich. Sehr gut sogar.
      Ich habe meine beiden „Blubberer“ ja schon hinter mir. Ford LTD von 1978 und Cadillac Eldorado Biarritz von 1981. Seit dem lassen die mich nicht los, aber ich kann und will mir momentan keinen Ami ans Knie nageln. Dann nehme ich lieber die prekäre Ersatzteillage vom Typ 43 in Kauf. Nach 10 Jahren Audi V8 ist das trotz allem fast so wie Golf 3 fahren 🙂

      Sandmann

  4. Das bringt alles auf den Punkt „Das hier ist Sex. Das ist Form und Kraft in einem, das ist käufliche Sehnsucht und erfüllte Lust bei der Kontrolle über die Maschine. „

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