S-Klasse… Ein Viertel ein Jahr.

Eine weiße Galeere

„Hey, hier ist Boris. Du hast auf Facebook geschrieben, dass du gern mal einen 126er fahren willst. Ich hab einen. Der soll jetzt weg. Willste den haben?“ So gehen Autogeschichten los. Manchmal sind sie spannend, manchmal lustig, dieser wohnt eine gewisse Tragik inne. Vor rund einem Jahr sollte mein Glupschi-Scorpio seine Reise nach Berlin in Kürze antreten, ich hätte also bald wieder Platz auf dem Hof. Der anrufende Boris lebte auf einem kleinen Bauernhof am nördlichen Rand von Kiel, nicht weit weg von mir also. Ich sah kurz in den Spiegel und tief in meine Augen. 1986er S-Klasse der Baureihe 126, 300 SE Reihensechszylinder, Gasanlage, blaues Velours, viele neue Teile, äußerlich liebebedürftig. Das Gesicht im Spiegel blickte fragend zurück. Warum ich denn nicht längst im Auto dorthin sitzen würde? Also saß ich kurz darauf im Auto dorthin.

Bei solchen Aktionen habe ich gern eine meiner Töchter dabei, die können mir im schlimmsten Fall einen unüberlegten Deal wortgewaltig wieder ausreden.

Letzte Wartungsarbeiten.

Mein kleinstes viertelfinnisches Sandmädchen gluckste geduldig und abenteuerlustig vor sich hin, als wir bei bestem Wetter auf den Hof rollten. Der dicke Daimler aus der genialen Hand von Designer Bruno Sacco gilt landläufig als DIE beste S-Klasse aller Zeiten. Tatsächlich liebäugel ich schon lange mit so einem alten Herren, in meinen Augen ist die Baureihe 126 ein durch und durch stimmiges Meisterwerk aus einer Zeit, als man in Stuttgart noch nicht sparen musste. Die Haube stand offen, und ein freundlicher Typ schraubte am Motor rum. „Scheiß Marder. Ich hab noch eben neue Zündkabel bei Anneliese gekauft, soll ja rund laufen wenn du kommst das Ding“ grinste mich Boris an. Anneliese, das ist die weit über 130 Jahre alte Chefin von Autoteile Blöcker, auch lange Jahre mein eigener Leib- und Magen Teileladen im Herzen von Kiel. Zumindest bevor das Internet kam. Ich hatte ein leicht schlechtes Gewissen, weil ich da lange nicht mehr einkaufen war. Und weil Boris da mal eben 120 Euro ausgegeben hatte.

Soll ja rund laufen das Ding.

Diese Aktion wiederum beschrieb ganz gut, wie der Mann tickte. Das Auto war im Lack nicht mehr schön, aber technisch gesund. Das Automatikgetriebe hatte bei einem alten Mercedes-Hasen ein nagelneues Innenleben bekommen, was über 10 Seiten Teilebestellungen belegen. Neue Katalysatoren, neuer Auspuff. Das tadellose dunkelblaue Velours sah aus, als hätte ein Verrückter vier Schlümpfe skalpiert und mit ihrer Haut Autositze bezogen. Aber es fühlte sich an wie bei einem Jahreswagen! Boris war Fahrer, nicht Pfleger. Der Lack war okay, aber kratzig. Hier und da linsten Roststellen an den Ecken und Kanten hervor, alles nicht dramatisch, hätte man aber bald machen müssen. „Du kriegst noch einen neuen Kotflügel, ne neue Tür und Scheinwerferleisten in Wagenfarbe lackiert mit. Und einen Kofferraum voller Ersatzteile, wenn du willst“. Das alles zwar ohne TÜV, dafür aber quasi zu dem Preis, den der Neuaufbau des Automatikgetriebes gekostet hatte. Sollte das mit ein wenig Arbeit meine neuer Daily Driver werden? Warum eigentlich nicht? Die kleine Spezialistin in ihrem Maxi Cosi hob ebenfalls den Daumen.

„Ja. Ich will“…. hörte ich mich sagen. Als ich sowas das letzte Mal formulierte hatte es immerhin sieben Jahre gehalten.

Schlumpfblau und sehr kommod.

Wir gaben uns die Hand, wie Männer das beim Autokauf machen. Ich wollte den weißen Riesen noch ein wenig bei ihm stehen lassen, ohne TÜV, aber immer noch zugelassen, um bei mir aufzuräumen und Platz zu machen. Um den Scorpio Deal fix zu machen und um mein halbfinnisches Fräulein Altona sanft auf den Familienzuwachs vorzubereiten. Die folgenden Monate besorgte ich mir Lektüre, recherchierte Preise für Bremssättel und Bremsscheiben und nahm schon einmal Kontakt zu meinem Gas-Gerd auf, der Mann, der schon den Audi V8 mit LPG sauber am Laufen gehalten hatte. Als ich innerlich bereit war, schrieb ich Boris über Facebook, ob ich den Benz jetzt mal holen kommen könne. Einen Tag später tippte ich die gleiche Nachricht über WhatsApp. Und weil ich jetzt echt Bock auf den Wagen hatte rief ich am dritten Tag an. Am anderen Ende ging nicht er ran, sondern seine Frau, die ich beim Angucken auch kurz kennen gelernt hatte. Ich erzählte ihr kurz wer ich bin und dass ich die Tage gern den Mercedes abholen wolle.

„Boris ist am 3. April unerwartet verstorben. Ich habe am Ende der Woche die Beerdigung. Melde dich gern danach, dann schauen wir wie wir das machen.“ …  …  …  So gehen Autogeschichten los. Manchmal sind sie spannend, manchmal lustig, dieser wohnt eine gewisse Tragik inne. Aber es geht immer weiter.

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

8 Antworten zu S-Klasse… Ein Viertel ein Jahr.

  1. MainzMichel sagt:

    Und schon hat man einen Kloß im Hals, der einen kaum schlucken lässt.
    Böse Sache, aber das Auto kann nichts dafür und ist auch nur eine Sache. Wahrscheinlich nimmst Du der Frau sogar eine Belastung ab, wenn Du den Wagen mitnimmst. Ich gehe davon aus, dass Du Dich mit Boris bereits über den Preis geeinigt hast.

    Adios
    Michael

    • Sandmann sagt:

      Ay Michael,
      tatsächlich war es eine Hilfe, das Auto und die Teile abzuholen. Den Preis hatten wir schon ausgehandelt, und sie wusste zum Glück auch davon. Ich schreibe die Tage die Fortsetzung. Wir haben ja erst ein Viertel von einem Jahr…
      Grüße aus dem Norden
      Sandmann

  2. pico24 sagt:

    Verlockendes Auto.. dann noch mit Gasanlage 🙂

    Leider findet man, obwohl es viele LPG-Autos gibt, selten jmd der sich damit auskennt in einer werkstatt.
    Zum Glück musste bisher noch nichts weiter lpg-spezifisches auf meinen über 200.000 Gas-KM repariert werden.

    • Sandmann sagt:

      Die einen sagen so, die anderen so.
      Die Gasanlage wäre für mich auch ein Kaufargument gewesen (und war sie auch), andere haben mir geschrieben dass die das erste ist, was wieder rausfliegt, wenn sie ihn kaufen. Hm.
      Ich bin 10 Jahre lang Audi V8 4.2 gefahren, und drei davon auf LPG. Ich hatte nie Probleme. Aber ich habe hier oben auch einen echten Gasspezialisten, den Gerd. Der hätte sich auch der Anlage im Benz angenommen. Na, nun ist er Geschichte für mich. Und drei Geschichten kommen noch 🙂
      Falls du mal Support brauchst: https://www.flammarasteam.de/
      Grüße
      Sandmann

      • pico24 sagt:

        Ich denke das kommt nur von leuten die selber noch nie einen Gaser hatten..
        Danke für den Link.

        • Sandmann sagt:

          LPG ist eine Religion mit Anhängern und Gegnern.
          Es gibt Leute, denen ist der Motor deshalb geplatzt und es gibt Leute, die damit schon jahrelang fahren.
          Die einen wollen ihr Auto nicht „verschandeln“ und die anderen wollen Geld sparen, weil der Liter nur 55 Cent kostet.
          Ich glaube, die einzig wahre Vorgehensweise ist, es zu MACHEN wenn man Lust drauf hat und sich für sein Fahrzeug vom Fachmann beraten zu lassen. Punkt. Und dann lasse reden 🙂

          Gerd (hinter dem Link) ist ein wirklich kompetenter und vor allem sehr lieber und hilfsbereiter Mensch. Da ist kein Weg zu weit. Solltest du mal Kontakt aufnehmen, bestell ihm von mir einen lieben Gruß. Und schwupps – bist du Premium-Kunde 😀
          Schönes Wochenende
          Sandmann

  3. Maik Mugato sagt:

    Okay, wow!

    Hatte die ganze Zeit beim lesen ein grinsen im Gesicht, welches dann beim letzten Satz ziemlich brutal in sich zusammengefallen ist…

    Extrem traurige Geschichte, RIP Boris!

    • Sandmann sagt:

      Jep. Du kannst dir vorstellen, wie es mir erging, als ich das Telefonat führte. Und vor allem hängt für seine arme Witwe ja noch ein langer Rattenschwanz an Organisation da dran.
      Das Leben ist manchmal ein echtes Arschloch 🙁

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