Sommerhitze – Leiden in Lack auf Leder

Hol raus was geht!

Hol raus was geht!

Er lächelt mich wohlwollend an, der freundliche Mechaniker bei Audi, als er sagt „… und denken Sie daran, dass demnächst mal wieder eine Klimaanlagen-Inspektion dran ist!“ Ja sicher, denke ich, rechne kurz ein bisschen die Kosten aus und freue mich anschließend darüber, dass alles funktioniert. Tschüss und gute Fahrt und bis bald. Dieser Dialog ist vier Jahre alt.

Der Sommer in Kiel zwischen Nord- und Ostsee ist normalerweise der Rede nicht wert, er unterscheidet sich vom Winter eigentlich nur dadurch, dass der Regen wärmer wird. Vielleicht liegt es an El Nino, vielleicht an den seit kurzem hochaktuellen Klimadiskussionen, aber plötzlich haben wir hier oben Tropenhitze. Schon im Mai sieht man Möwen mit Sonnenbrillen. Und erstmalig schmelzen die Schokoladenweihnachtsmänner leicht an, wenn sie Mitte August in die Verkaufsregale der Supermärkte gestellt werden.

Seit der Auffahrt auf die A7 reißen die acht Zylinder energisch am mürrischen Klimakompressor, um mir den gleitenden Weg nach Pinneberg bei Hamburg mit kühlem Hauch zu veredeln, kombiniert mit einer Tasse Tee und einem experimentellen Reinhören in die neue CD von Revolverheld. Aber aus den Düsen kommt nur warme Luft, so warm wie die da draußen, um 7.30 Uhr am Morgen schon 23 Grad. Die Sonne brennt unbarmherzig auf die schwarze Karosserie, auf das schwarze Leder und meine schwarze Seele.

Wolkenlos - erbarmungslos

Wolkenlos – erbarmungslos

Das kann ja heiter werden. Irgendwie schaffe ich es, mit viel guter Laune (und einem frischen Wind von der Elbe) Pinneberg schweißfrei zu erreichen. Doch nun, fünf Stunden später, stehe ich vor meinem Audi. Die Sonne steht auch, nämlich im Zenit und über dem pantheroschwarzen Lack wabert die Luft wie eine Fata Morgana. Immer wieder bläue ich mir ein, dass ich in Schleswig-Holstein bin und das alles nicht sein kann.

Mir selbst Mut zuredend, öffne ich die Fahrertür und bekomme einen Fausschlag aus warmem Schaumgummi ins Gesicht. Jemand sollte einen Aufguss machen! Schnell reingesetzt, Luft angehalten, Triebwerk gestartet, Schiebedach auf und Fenster runter. Oh, nein: Das Beifahrerfenster lässt sich nicht öffnen!! Träge summt der Elektromotor gegen verharztes Fett an, rien ne va plus.

Ölwechsel im Gesicht

Ölwechsel im Gesicht

Komm schon, Sandmann, früher gings doch auch ohne Klimatronic, dein alter Granada hat schließlich auch keine. Ist ja auch richtig, aber früher war es maximal an der Côte d’Azur so warm, jetzt bin ich auf der A23 in Richtung Dreieck Nordwest! Die Jungs von Revolverheld leiden die letzten Lieder brutal vor sich hin, dem Sänger scheint’s auch nicht gut zu gehen, ich denke das wird aber weniger an seinem Auto liegen. Nach Luft schnappend und aus allen Poren ölend, quäle ich mich durch die Mittagshitze. Durch die drei intakten Fenster fächelt schwül-warme Luft, das elektrische Heckrollo dunkelt hinten ein wenig ab, und durch das Schiebedach hole ich mir den ersten nennenswerten Sonnenbrand der Saison am Hals und den Unterarmen!

Quickborn: Es ist so unerträglich warm, dass ich sogar die Musik ausmache. Auf der Mittelkonsole krümmt sich eine unschuldige CD in der Sonne. Noch ein Stück weiter nördlich beschließe ich, barfuß zu fahren. Ist das eigentlich erlaubt? Dieser Entschluss wiederum fördert weitere unangenehme Abgründe zu Tage. Mir läuft der Schweiß in die Augen und am Hals runter, kriecht den Rücken hinab und versickert unter dem Sitz bei den Stellmotoren.

Völlig dehydriert rolle ich auf einen Rastplatz, um mir Mineralwasser zu kaufen. Erst nach dem Zuschlagen der Tür macht sich der heiße Asphalt unter meinen blanken Füßen bemerkbar, und ich hüpfe schreiend, Haken schlagend und französische Flüche ausstoßend in den Verkaufsraum. Ein junger Mann, dadurch auf mich aufmerksam geworden, schaut mich mit großen Augen an. „Hat denn der schöne Audi 200 von Ihnen nun fünf oder gar sechs Zylinder?“ Das gibt mir damit den Rest. Ich will nach Hause.

Tanken, um zu überleben

Tanken, um zu überleben

Die Siglachromscheiben geben ihr Bestes, können die Sonne aber nicht draußen halten. Es gibt einen kurzen Lichtblick, als bei Tempo 160 plötzlich leicht gekühlte Luft aus den Düsen tropft! Sollte die gehobene Drehzahl den verbliebenen Rest Kühlmittel umgewälzt haben? Keimende Topspeed-Hoffnung wird jäh von der Dauerbaustelle auf der A7 in Höhe Neumünster Nord zerstört. Hier bitte nur 60 fahren. Beim Spurwechsel kippt meine Thermoskanne mit dem Kaffee von heute Morgen um. Auch hier war noch ein Rest drin. Mit Milch. Jetzt ist sie leer, und die Beifahrerfußmatte ein tropisches Feuchtgebiet. Da haben wir den gewünschten Aufguss, dreht mal jemand die Sanduhr um?

Schweißgebadet, in meinem eigenen Saft sitzend, erreiche ich Kiel. Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf.

  • Ob Spanienurlauber es auch so schön warm haben?
  • Ist es heutzutage wirklich wärmer als vor 17 Jahren oder bin ich einfach nur weicher geworden?
  • Hat das Audi Zentrum Samstags geöffnet, um meine Anlage umgehend neu zu befüllen?
  • Warum ist der Sänger von Revolverheld so gefrustet?
  • Hat es auch sein Gutes, wieder mit offenen Fenstern die nordische Landluft zu atmen, das frische Gras und den Duft der Blumen, statt in luftdichten Kapseln nördliches Polarklima zu inhalieren und die nächste Sommergrippe einzuleiten?

Ich weiß nicht.

Hallo, Autofahrer in Deutschland: Nehmt den Mechaniker ernst und lasst ihn mal über die Klimaanlage drübergucken. Es lohnt sich. Und ich geh jetzt mal duschen.

Sandmann

Komm schon, Sandmann, früher gings doch auch ohne Klimatronic, dein alter Granada hat schließlich auch keine. Ist ja auch richtig, aber früher war es maximal an der Côte d’Azur so warm, jetzt bin ich auf der A23 in Richtung Dreieck Nordwest! Die Jungs von Revolverheld leiden die letzten Lieder brutal vor sich hin, dem Sänger scheint’s auch nicht gut zu gehen, ich denke das wird aber weniger an seinem Auto liegen. Nach Luft schnappend und aus allen Poren ölend, quäle ich mich durch die Mittagshitze. Durch die drei intakten Fenster fächelt schwül-warme Luft, das elektrische Heckrollo dunkelt hinten ein wenig ab, und durch das Schiebedach hole ich mir den ersten nennenswerten Sonnenbrand der Saison am Hals und den Unterarmen!Quickborn: Es ist so unerträglich warm, dass ich sogar die Musik ausmache. Auf der Mittelkonsole krümmt sich eine unschuldige CD in der Sonne. Noch ein Stück weiter nördlich beschließe ich, barfuß zu fahren. Ist das eigentlich erlaubt? Dieser Entschluss wiederum fördert weitere unangenehme Abgründe zu Tage. Mir läuft der Schweiß in die Augen und am Hals runter, kriecht den Rücken hinab und versickert unter dem Sitz bei den Stellmotoren.Völlig dehydriert rolle ich auf einen Rastplatz, um mir Mineralwasser zu kaufen. Erst nach dem Zuschlagen der Tür macht sich der heiße Asphalt unter meinen blanken Füßen bemerkbar, und ich hüpfe schreiend, Haken schlagend und französische Flüche ausstoßend in den Verkaufsraum. Ein junger Mann, dadurch auf mich aufmerksam geworden, schaut mich mit großen Augen an. „Hat denn der schöne Audi 200 von Ihnen nun fünf oder gar sechs Zylinder?“ Das gibt mir damit den Rest. Ich will nach Hause.
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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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2 Responses to Sommerhitze – Leiden in Lack auf Leder

  1. LarsDithmarschen says:

    Hey Sandmann,

    ich musste doch mal ein wenig in deinem Archiv graben ;-). Revolverheld sagt mir lustigerweise gar nichts. Hm. Muss ich wohl mal nachhören.

    Mit ging es neulich genauso. Das Auto zeigte in Hamburg an der Ampel in der Mittagssonne 26 Grad an, der Schweiß tropfte und aus den Düsen kam nur warme Luft. Zusätzlich genau dann noch ein schwarzes Hemd und ein schwarzes T-Shirt drunter. Auto ist zum Glück rot. Ich bin noch nie so genervt in der Uni angekommen wie an dem Tag. Fenster runter geht ja auch kaum. Warme Luft und Abgase. Ein Glück hat das Auto Stoffsitze. Im Volvo habe ich im Sommer immer ein Handtuch zwischen Körper und Ledersitz – so gerne ich auf Ledersitzen sitze und sie leiden mag – im Sommer ist das schon ein wenig Quälkram, oder? . Aber der Volvo ist ja auch schwarz, das heizt auch nochmal zusätzlich.

    Gestern war ich beim Klimaservice. 400 Gramm Kältemittel fehlten. Nun ist es angenehm kühl im Auto ;-).

    Schöne Grüße
    Lars

    • Sandmann says:

      Ay Lars,

      na wo treibst du dich denn rum? 😀
      Sei froh dass nur 400g Kältemittel fehlten, das ist ja nach einigen Jahren normal. Ich bin mal gespannt was beim XM ist, die Anlage ist auch leer. Hab schon vorsichtshalber einen Klimakompressor auf Halde gelegt 😉

      Ledersitze sind natürlich bei direkter Sonneneinstrahlung echt heiß, aber ich mag Leder einfach. Es fühlt sich weich und warm an, an Stoff klebe ich immer irgendwie fest und dann beißt der mich. Und im Winter…. so eine Sitzheizung unterm Ledersitz….. wundervoll.

      Aber Fenster runter geht jetzt ja beim XM auch wieder 🙂
      Revolverheld ich ganz nett. Wenn man deutsche Musik mag 🙂

      Grüße aus Stuttgart
      Sandmann

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