Tagebuch eines verrückten Autofahrers Teil 2

Wir schwelgten im Damals und bewegen nun die Ringe.

Alle versammelt

Alle versammelt

Tiengen im Schwarzwald, irgendwo zwischen Feldberg und dem schweizer Atomkraftwerk Leibstadt. Irgend ein einheimisches Tier schlief heute Nacht auf meinem Auto, glitt des Morgens unkontrolliert auf dem Morgentau die Scheibe herunter und überschlug sich mehrfach über den Kofferraumdeckel. Während ich noch mit vollem Körpereinsatz und ein wenig hochgelobtem Caramba Magic Wonder diese Spuren beseitige, sammeln sich die ersten Audis auf dem Marktplatz. 26 Stück sollen es werden, und Herr H. taucht tatsächlich mit seinem blauen Audi Coupé S auf. Was für ein wunderschöner Anblick! Generationen von Automobilen reichen sich die Hand. Und noch immer habe ich Tina Dico im Kopf. But if you don’t question what has been… Does it mean that you don’t care what’s coming next. Wenn man erst einmal einen Ohrwurm hat… Nicht nur die Generationen reichen sich die Hand, nein, ich treffe auch neben Stefan H. meine schweizer Freunde MichiRoy und Dani wieder, die es ja nicht weit haben! Audis – ihr wollt bewegt werden und bewegen!

Auszeit, kurz und intensiv.

Kornkreise? Jedenfalls nicht vom Coupe

Kornkreise? Jedenfalls nicht vom Coupe

Herr H. muss noch weiter zu einem längst verabredeten Grillieren, deshalb nutzen wir die verbleibenden Minuten für eine kleine unzüchtige Ausfahrt im Coupé, ähnlich wie gestern mit dem Granada. Mit dem Unterschied, dass es für das Coupé nur einen einzigen in Frage kommenden Fahrer gibt, und das bin nicht ich. Aber auch vom Beifahrergestühl ist der Ritt ein Erlebnis, die Doppelquerlenker-Vorderachse liegt bretthart und der Motor brummt begierig und frech. Ich stelle mir daneben einen Suzuki Alto vor und werde blass vor Scham. Gebt mir die 70er zurück, zumindest was die Autos anbelangt. Was ist das? Vor uns waren offensichtlich schon ein paar fröhliche DKW-Biker hier. Was ich heute gelernt habe: Kornkreise sind im Schwarzwald aus schwarzem Gummi.

Warten auf die Nachzügler

Warten auf die Nachzügler

Zurück zu verzinktem Blech und Motoren aus Aluminium. Katze und Susi verteilen an die nun vollzählig angereisten Achtzylinderpiloten eine Übersichtskarte mit der geplanten Strecke. Das navigationshörige Volk – ich zähle mich dazu – nimmt den Übersichtsplan begeistert entgegen, scheitert jedoch schon am Tiengener Innenstadtverkehr. Auf der ersten Ausfallstraße fehlt bereits fast die Hälfte des Konvois, aber die Vorfahren warten brav am Straßenrand. So viel Zigarette muss sein. Liebes Tagebuch, wie würdest du so etwas machen? Darf man einfach ein paar Autos quer stellen, um den Verkehr zu stoppen? Oder macht man sich da strafbar? Weißt du das?

So parken doch sonst nur Frauen, oder?

So parken doch sonst nur Frauen, oder?

Keine Zeit zum Schlafen. Weiter oben in den Bergen entlang der schönen Strecke macht die Gemeinde eine erneute Pause, weil Herr H. im Coupé und einige weitere Vergessene fernmündlich bei der Rennleitung mit den travertinfarbenen Sitzen ihren Streckenverlust angekündigt haben. Wir sollen sie viel später wieder einfangen, aber bis dahin wollen die verbliebenen Autos gewendet und neu ausgerichtet werden. Die V8s von Carsten und Markus G.B. sind offensichtlich erleichtert über den kurzen Stopp und kündigen ihre Freude durch verdampfenden Ölverlust am Einfülldeckel an. Billige Pyrotechnik vor der omnipräsenten Kühlturmkulisse von Leibstadt. Hier oben ist es so einsam, dass das einzige vorhandene Handynetz das schweizer Sunrise ist. Meine Freundin kann dies nicht wissen, ruft mich in diesem Moment an und treibt mich binnen weniger Gesprächsminuten in eine Roaming-Pleite auf deutschem Boden 🙂 Was ich heute lerne: Wenn du im Konvoi fährst, achte darauf, dass du allzeit ein bekanntes Auto vor dir hast.

Klare Kanten in grüner Idylle

Klare Kanten in grüner Idylle

Wer kennt nicht das schöne Flüsschen Schlücht? Es schlängelt sich durch eine Schlucht, das Schlüchttal, wo sich zwischen fallendem Geröll, lebensmüden Motorradfahrern und dunklen Tannenwäldern eine serpentinenreiche schmale Straße windet. Für ortsansässiges Getier muss die Kulisse bedrohlich wirken. 26 Achtzylinder donnern durch die Kurven, bremsen, beschleunigen und hinterlassen bei entgegenkommenden Passanten einen bleibenden Eindruck. Ja, liebes Tagebuch, was glaubtst du, wo es überall langgeht? Sogar an der berühmten Tannenzäpfle-Brauerei in Rothaus sind wir vorbei gekommen! Später wechselt Susi noch von der Katzen-Pole-Position in mein etwas weiter zurück hängendes Gefährt, um gegebenenfalls Nachzügler auf den rechten Weg zu bringen.

Hier starben viele Schweden

Hier starben viele Schweden

Das stellt sich unterdess als gar nicht nötig heraus. Als die Luft schon ein wenig dünner wird, winke ich den Doc rein, ein wenig später finden wir auch Herrn H. und sein blaues Coupé wieder. Man ist komplett. So erleben wir bei Kaiserwetter die liebevoll ausgearbeitete Strecke und passieren sogar ein paar geschichtsträchtige Punkte wie den „Schwedenfelsen„, wo nach dem 30jährigen Krieg die schwedischen Gefangenen in den Tod gestürzt wurden. *grusel* Ein bisschen Mille Miglia Feeling kommt wieder einmal bei mir auf… Was ich heute gelernt habe: Überbeanspruchte UFOs (die innenumgriffenen Scheibenbremsen des V8) stinken bergab genau so wie andere Bremsen.

Nahrungsaufnahme wie 1970

Nahrungsaufnahme wie 1970

Wegen unerwartet vieler Anmeldungen hat Katze die eigentlich geplante Mittags-Kulisse der Küssaburg zurück ins Rössle in Berau verlegt. Nachdem man hier heute Morgen schon bei mir für eine kapitale Magendehnung gesorgt hat, ist man nun bemüht, allen gemeinsam den Rest zu geben. Von Wurstsalat über Schnitzel bis zum Kalbsragout werden schwarzwälder Köstlichkeiten serviert, denn Auto fahren macht hungrig. Träge vor sich pendelnd *burps* finden sich alle wieder bei den parkenden Boliden ein, der Tag ist noch recht jung und man könnte ja noch zum Schluchsee fahren, oder? Somewhere along the line you gave up askin‘, when it got a little too complex. Aber, liebes Tagebuch, hast du einmal etwas von Tarantinos „Death Proof“ gehört? Nein? Dann schau mal hier, das ist sozusagen eine Szene aus dem Film:


Und das sind noch die normalsten Aktionen von und mit Christian… Man beachte, wie er von der polierten Haube glitscht 🙂 Was ich heute lerne: Man kann auch ohne einen Dodge Challenger Spaß haben.

Der Doc hat sich nass gemacht

Der Doc hat sich nass gemacht

Liebes Tagebuch. An den sandigen Ufern des Schluchsees sieht es ein bisschen aus wie im berühmten Südseecamp, nur mit ein paar mehr Höhenmetern drum herum. Deutet man die Blicke der Schmiede-Team-Mitglieder richtig, bleiben einem zwei Möglichkeiten: Entweder man hält sich immer hübsch weit hinter den Herren, oder man legt rechtzeitig Telefon, Brieftasche und Schlüssel beiseite. Somewhere along the line you just stopped walking, when the undercurrent got too strong. Doktor Schlunz (vorn im Bild) ist dies nicht gelungen. Unglaublicherweise finden sich jedoch später in seiner Zigarettenpackung noch trockene Exemplare. Am späteren Abend raucht er aber auch die feuchten. Was ich heute lerne: Niemals zu dicht bei Carsten dem V8-Schmied stehen, außer er schenkt dir gerade ein T-Shirt mit deinem Namen drauf.

Im Treeeeetboooot in Seeeenooooot.....

Im Treeeeetboooot in Seeeenooooot…..

Es müssen ja nicht immer Autos sein. Das habe ich seit den vergangenen Treffen ebenfalls schon lernen können. Tief in meinem Blog-Archiv finden sich pathetische Epen voller Freundschaft und interaktiver Freizeitplanung. Hier, im Schwarzwald, sieht man dies ähnlich und mietet kurzerhand ein paar Tretboote für ein Wettrennen zur Staumauer! Männer müssen wetteifern. Und wenn alle das gleiche Auto fahren, bleiben nur die sportlichen Messlatten. Ich sehe mir den schaumschlagenden Sport gemeinsam mit den anderen vom Ufer aus an, während Katze und Susi sich im Sprint zur Mauer begeben, um ein Zielfoto einzufangen. Wer hat eigentlich gewonnen?

Die Boliden warten mit treuem Blick

Die Boliden warten mit treuem Blick

Ich sprach von schweizer Freunden. Einer fehlt noch. Remo, der Mann aus den Weinbergen. Das Pendant zu Katzes Ragusa-metallic-farbendem mit Travertin-Inneneinrichtung ausgestattetem V8. Nein, liebes Tagebuch, du siehst nicht doppelt. Diese sehr seltene Farbkombination gibt es tatsächlich mindestens zwei mal. Remo taucht auf und bereichert alle Anwesenden mit seinem Kompaktwissen über die Gemeinde Hallau und die ortsansässigen Blaskapellen. Und ist einer des sympathischen harten Kerns, der bis zum späten Abend bleibt! Ab und an macht es mich ein wenig verlegen, dass mein eigener V8 einfach nur schwarz ist. Na gut, wenigstens panthero mit so einem Blaustich drin. Aber schwarze Sitze. Es gibt so wahnsinnig abgefahrene Farbkombinationen in der automobilen Oberklasse der ausklingenden Achtziger… Hätte ich das Geld für einen Klassik Line, er wäre mein. Jemand einen über? Was ich heute lerne: Schwarz ist keine Farbe.

Sehnsucht quer durch die Bundesrepublik

Sehnsucht quer durch die Bundesrepublik

Liebes Tagebuch. Ich habe Sehnsucht. Hier ist alles voller Berge, und mir fehlt der klare Horizont zwischen dem Meer und dem Himmel. Wenigstens gibt es in diesem Leben Mobiltelefone, die einem ermöglichen, ein Gespräch mit einer Person 850 Kilometer entfernt zu führen, die sich nicht so wahnsinnig viel aus Audis macht. Aber aus mir. Was ist wohl in 20 Jahren? Fahren wir dann noch Autos? Telefonieren wir dann noch mit Handys?? Habe ich dann noch immer Tina Dico im Kopf??? Was ich heute lerne: Lass nie deinen Fotoapparat ungesichert inmitten einer Horde von Verrückten auf dem Tisch liegen, wenn du telefonieren gehst.

Klassenfoto der Autoverrückten

Klassenfoto der Autoverrückten

Klassentreffen. Oberklassentreffen. Stilsicher vor dem Eingang der ehemaligen Grundschule in Berau. Von links nach rechts: Nein :O) das sprengt den Rahmen. Für mich ist es das erste Treffen, an dem ich das Gefühl hatte, die meisten zu kennen oder zumindest wieder zu erkennen. Es ist schon eine schräge Gemeinschaft. Katze hat hier aus vielen Ecken der Republik Menschen zu einem schönen, gemeinsamen Tag zusammengetragen, die eigentlich wieder einmal nur eins eint: Das unvernünftige Auto. Was ist dieser Zauber über dem Audi V8? Halten wir so fest zusammen, weil wir eigentlich immer alle pleite sind? Weil es bald keine Ersatzteile mehr geben wird? Oder weil es vielleicht doch ein ganz besonderer Menschenschlag ist, der diesen Wagen fährt und pflegt? Was ich heute lerne: Hm. Sowas wie Gemeinschaft?

Die Kilometer schlagen sich als Falten ins Gesicht

Die Kilometer schlagen sich als Falten ins Gesicht

Die Geschichte ist durch. Aber sie ist nicht zu Ende. Tina singt: And who’s gonna tell the story straight? Does anyone believe there’s still a story to be told. Es geht immer weiter. Katze hat ein illustres Treffen vor wunderschöner Kulisse inszeniert! Am Vatertag ist das Treffen in Legan, mal wieder hier im Norden. Südseecamp im September. Irgendwie lässt sich das alles unter einen Hut bringen. Mit einem Audi V8 spielen Kilometer nur eine untergeordnete Rolle… nun… Ich für meinen Teil muss wieder zurück nach Norddeutschland. 850 untergeordnete Kilometer an einem einzigen Montag. Liebes Tagebuch, ich glaube, ich sehe müde aus. Mein Bart wird langsam grau, und die Falten um meine Augen herum ein wenig tiefer. Aber ich habe wieder eine weitere Geschichte, die ich erzählen kann.

Oder wie ist das mit Ihnen? Sind Sie jemand, der oder die sein oder ihr Auto einfach nur fährt…?

Liebes Tagebuch. Wer braucht schon Schlaf? Ich schließe, bevor ich in mein Bettchen krabbel, mit meinem Ohrwurm, der mich diese vier Tage begleitet hat.

Sandmann


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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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2 Responses to Tagebuch eines verrückten Autofahrers Teil 2

  1. Touranus says:

    N’Abend,

    wow, seeeehr schöner Beitrag! Da ich momentan vom „Handy-Internet“ zum „Lahmarsch-Stick“ aufgestiegen bin, muss ich erstmal meinen Sandmanns-Welt-Rückstand aufholen ;-)…

    Was mein(e) Autos für mich bedeuten, brauch ich ja nun nicht mehr zu erklären…
    Beim Lesen dieses Beitrags kamen spontan die Erinnerung an meinen kurzen Besuch im Südseecamp wieder hoch. Eine super Gemeinschaft, die keine Schmerzen damit hatte, auch einen Touranfahrer auf den Platz zu lassen.

    Zu einer Zeit, als die Berufsausbildung noch kurze Nächte und Magenverstimmungen, hervorgerufen durch die Verwendung unüblicher Grillmethoden zuließ, war das Wichtigste am Wochenende mit dem weißen, 87er Quattro-Coupé vor der Schrauberscheune vorzufahren und gemeinsam mit Vectra, Kadett, R4, Bulli und 3er BMW fahrenden Freunden im Konvoi zu irgendwelchen Norddeutschen Deichen zu fahren, den selbstgebauten Grill aufzubauen, und das umgefahrene Tempo 70 Schild (Na waaaaas? Ich musste das Ding nach dem Unfall bezahlen, dann konnte ich es auch mitnehmen…) als Campingtisch zu benutzen. Diskutiert wurde über Mädels, PS, und automobile Träume, die man nicht erreichen würde…. Unterschiede zwischen den Fahrern wurden nicht gemacht, die Gemeinschaft zählte, und tatsächlich entdeckte man interessante Orte im kühlen Norden.

    Ich beobachte gerade jetzt in der sonnigen Jahreszeit immer etwas neidisch am Wochenende Konvois von verschiedenen Autoliebhabern, die in der Gruppe unterwegs sind und den Weg das Ziel sein lassen, lächelnd auf ihre Armaturenbretter blicken oder verträumt auf den Klang ihrer Motoren lauschen…

    Nun ja, ich fahre Touran…. was soll ich sagen? Man grüßt sich nicht unbedingt untereinander oder verabredet sich zu Ausfahrten…. aber manchmal, wenn ich das Cabrio meiner Freundin fahre und unerwartet von anderen Cabriofahrern gegrüßt werde, erinnere ich mich wieder… das da mal was war….
    Hm… im September könnt ich ja mal wieder nach Soltau fahren…. vielleicht lässt der Sandmann ja noch einmal mit mir ein Bierchen aufploppen? 😉

    Norddeutsche Grüße vom
    Touranus

    • Sandmann says:

      Bester Touranus,

      und wenn du nicht bis zum September warten möchtest komm doch schon am Vatertag (am 02.06., das ist ein Donnerstag) nach Legan zwischen Rendsburg und Itzehoe an der B77. Retter Tom. Da ist die Norddeutsche Mischpoke fast komplett versammelt, und ich werde diesmal wohl mit meinem K70 kommen 😀 Natürlich auch mit Grillerei, Lagerfeuer und in den Autos schlafen…

      Na? Naaaaa?

      Sandmann

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