Un(d) endlich Sand

Noch steht er da, der Turm

Noch steht er da, der Turm

Es gibt einen einsamen Ort hoch im Norden, wo die Natur ihre zerstörerische Kraft eindrucksvoll demonstriert. Sie gibt Anschauungsunterricht am Beispiel eines sterbenden Leuchtturms, eines 100 Jahre alten Bollwerks aus Stein, gebaut um den Elementen zu trotzen. Nix trotzen. Erst hat sich der Sand die vier umliegenden Häuser geholt, und jetzt bleiben Rubjerg Knude Fyr nur noch ein paar Jahre, bis er die Steilküste runterkippen wird. An seinem Lebensabend ist er noch einmal für den Aufstieg geöffnet worden. Ich hasse Abschiede, aber die tragische Kraft unter den alten Steinen zieht mich dort hin. Um ein erstes und vermutlich letztes Mal nach oben zu steigen. Um Lebewohl zu sagen.

Wer braucht denn heute noch Leuchttürme? Niemand.
Trotzdem liegt eine Tragik auf der Geschichte dieses wunderschönen Bauwerks.

Als der 23 Meter hohe Turm an der nördlichen Westküste Dänemarks im Dezember 1900 mit vier Nebengebäuden seinen Betrieb aufnahm, waren die Schiffe auf der Nordsee noch auf Leuchtfeuer angewiesen. Bis zu 42 Kilometer weit war das Licht zu sehen, gebündelt von über 130 handgeschliffenen Fresnel Linsen aus Frankreich. Schon 10 Jahre später wurde ersichtlich, dass die flache Düne durch die ständigen Winde zu wandern begann und den Gebäuden immer näher kam. Der Brunnen wehte zu, der kleine Küchengarten versandete. Bis in die 50er Jahre wurden wöchentlich  Sandfuhren weggebuddelt, auch große Bauunternehmen rückten mit Kränen und Baggern an. Ohne Erfolg. Als findige Köpfe entschieden, Strandhafer als Befestigung zu pflanzen und mit gesteckten Kiefernzweigen die Form zu stabilisieren türmte sich nur noch mehr Sand auf, und als die Düne mit über 50 Metern Höhe den Leuchtturm einschloss, wurde das Leuchtfeuer 1968 abgeschaltet. Es konnte ja hinter dem Sand sowieso niemand da draußen mehr das Licht sehen. In die Häuschen rund um den Turm zogen ein Museum und eine Cafeteria ein, Parkplätze direkt vor der Tür, eine nette kleine Touristenattraktion.
Ich mache mich heute Abend auf den Weg zum Fyr. Geschichten im Netz erzählen, dass inzwischen alles anders ist als damals. Das will ich mir angucken.

Heute ist nix mehr parken direkt am Leuchtturm.

Heute ist nix mehr parken direkt am Leuchtturm.

Die gute Nachricht: Er ist noch da.
Der Leuchtturm steht, von der Landstraße aus gut sichtbar, wie eine 1 am Horizont. Allerdings ist der Parkplatz heute nicht mehr direkt am Haus, sondern zwei Kilometer entfernt an der Straße. Eine Herde dicker, brauner Kühe mampft das saftige grüne Gras, die Chefkuh verspricht mir mit diesem lustigen Akzent, dass man auf mein Auto gut aufpassen werde. Hier sprechen sogar die Kühe Deutsch. Ziemlich neugierig und gut gelaunt (denn die Bilder im Internet sahen wunderschön aus) stapfe ich mit meinem Stativ und der Kamera den sandigen Weg zwischen den Dünen durch und lache über süße, dämlich guckende Schafe und kleine niedliche Lämmer, die hochfrequent blöken und unbeholfen im Gras rumruppsen. Notiz an mich selbst: Das nächste Osterfest wird vegetarisch.

Da ist wirklich eine Menge Sand links und rechts

Da ist wirklich eine Menge Sand links und rechts

Was ich weiterhin nachlesen konnte: Der Sand hörte auch nach der Stillegung des Leuchtturms nicht auf zu wandern, warum sollte er auch, wenn er erstmal angefangen hat? Es ist mir unvorstellbar, wie es nicht möglich sein kann, ein paar Häuser und einen Turm soweit von Sand frei zu halten, dass es keine Probleme gibt. Aber ich bin auch noch nie eingesandet worden oder habe mich mit Küstenschutz beschäftigt, anscheinend ist die Zerstörungskraft einer Wanderdüne unaufhaltsam. So auch bei dieser hier. Rubjerg Knude ist inzwischen die größte Wanderdüne Europas und bewegt sich jedes Jahr um 5 Meter weiter nach Nordosten. Das wäre für den Leuchtturm und die Nebengebäude nicht schlimm gewesen, hätte man nicht die Höhe der Aufschüttungen mit den Versuchen, sie zu befestigen, dramatisch beeinflusst. 1990 gaben die vielen grabenden Hände auf, man stellte das Gebiet unter Naturschutz und ließ dem Sand freien Lauf. Und so ein Sand lässt sich das nicht zweimal sagen.

Wo sind die denn alle?

Wo sind die denn alle?

Als die Sonne schon tief steht komme ich am Leuchtturm an. Die Knude ist menschenleer, wieder einmal frage ich mich warum, und wieder einmal breche ich eine Lanze für die Vorsaison. Oder einen Kiefernast. Oder gleich einen ganzen Dachbalken? Jesus, hier sieht die Fläche aus wie nach einem Bombenabwurf! Alles voller Steine.
Während man 1994 von zweien der Nebengebäude aus Sicherheitsgründen das Dach abdeckte und sie dem Sand überließ, legte sich der Turm selbst durch Abwinde immer wieder selbst frei und stand in einer über 10 Meter tiefen Kuhle. Aus dieser Zeit kommen die meisten bekannten Bilder. Das Treppenhaus nach oben wurde ebenfalls aus Sicherheitsgründen abgebaut, die Eingänge zugemauert. Der ganze Ort verschwand mit erschreckender Geschwindigkeit unter dem alles bedeckenden Sand.

machtvoll und völlig frei stehend

machtvoll und völlig frei stehend

Die Wanderdüne hatte 2003 das letzte Haus, das Museum, fast völlig begraben. Man gab es letztendlich ebenfalls auf, deckte das Dach ab und ließ der umtriebigen Natur freien Weg. Nur ein Jahr später hatte der Sand so viel Strecke gemacht, dass die 10 Jahre zuvor verschütteten Gebäude auf der anderen Seite völlig zerstört wieder auftauchten. Die Knude nimmt, und die Knude gibt wieder her. Aber was sie ausspuckt, enthält kein Leben mehr. Heute, im Jahr 2016, steht der Leuchtturm wieder völlig frei. Jetzt ist klar, warum man nicht mehr direkt an den Häusern parken kann. Die Düne ist einmal über das Anwesen drübergewandert und weitergezogen, hinter ihr hat sie von den Nebengebäuden nur die Grundmauern und unzählige gelbe Backsteine übrig gelassen, die weit verteilt das Gelände bedecken. Wie ein mahlender, schwerer Gletscher, der die Umgebung bearbeitet hat und in seinem Schweif längst vergangene Geheimnisse freigibt.

Die Grundmauern der Häuser tauchen wieder auf

Die Grundmauern der Häuser tauchen wieder auf

Was mich dabei so fasziniert ist die Geschwindigkeit, mir der das alles passiert ist. In nur 10 Jahren, und was sind denn schon 10 Jahre??, hat der feine Sand sich 50 Meter aufgetürmt und zwei Gebäude verschlungen, anscheinend ohne dass Menschenhand irgend etwas dagegen unternehmen konnte. Wieder nur 10 Jahre später ist der ganze Ort unter dem Sand begraben, die Häuser sind verschwunden, ihre Dächer sind eingedrückt und der Leuchtturm steht in einem wüsten Krater ohne Grün. Ohne Leben. Und jetzt, noch einmal nur 10 Jahre danach liegt alles wieder frei und bloß. Als hätte die Natur sich die von Menschen geschaffenen Bauwerke einverleibt, ausgesaugt, verdaut und verächtlich wieder ausgespuckt. Die Mauern auf den 100 Jahre alten Fundamenten lassen sich noch erahnen. Hier und da liegen blasse, trockene Reste der alten Dachbalken herum. Und Steine. Überall diese Ziegelsteine.

Auf der Steilküste, wo es runtergehen wird

Auf der Steilküste, wo es runtergehen wird

Die Ziegel liegen verstreut bis runter an die Steilküste zwischen der Düne und dem Meer. Ich ziehe meine Schuhe und Socken aus und rutsche/gleite/klettere ein paar wüste Ebenen abwärts, bis dahin wo ich gerade noch sicher stehen und ein paar Fotos machen kann. Direkt vor mir fällt der Sand metertief ins Meer ab, hinter mit türmt sich die Düne auf, oben drauf guckt der Leuchtturm ein bisschen hilflos auf das Szenario. Hier ist nicht mal mehr ein Handynetz. Etwas wackeling auf den Beinen ob der ziemlich nahen Klippe (zum Glück ist es heute fast windstill) stapfe ich wie Rüdiger Nehberg auf der anderen Seite der Sandmassen wieder nach oben. Von hier betrachtet wird klar, dass der wandernde Sand nach über 100 Jahren für den Leuchtturm nicht mehr das Hauptproblem ist. Heute bedroht ihn die Steilküste. Als er gebaut wurde stand er über 200 Meter vom abfallenden Ufer entfernt auf grünen Wiesen. Heute trennen ihn von der bedrohlichen, grauen Kante vielleicht noch 30 Meter. Dann geht es 70 Meter steil bergab, und dann kommt da nur noch eine Menge Wasser. Was für die Düne gilt, gilt auch für das gesamte Steilufer, das Meer und der Wind holen sich jedes Jahr 5 Meter zurück. Rechnen Sie mal nach, was bald passiert.

Kiefern. Reste von erzweifelten Versuchen

Kiefern. Reste von erzweifelten Versuchen

Mir war vorhin noch gar nicht klar, dass hier gerade eine kleine historische Katastrophe passiert und ich ihr regelrecht beiwohnen kann. Der Leuchtturm wird sterben. Nach so langer Zeit und so viel zerstörerischem Sand ist sein Ende nun fast greifbar, und er steht da, irgendwie nicht mehr so stolz wie einst, und scheint es zu wissen. Ist das nicht furchtbar? Kurz bevor ich wieder oben auf dem Dünenkamm bin sehe ich Reste von Hecken aus Kiefernzweigen im Sand. Auch sie hat die Düne wieder freigegeben. Sie waren seit den 50er Jahren von meterhohem Sand bedeckt und kommen jetzt wieder hervor, um über den Leuchtturm zu lachen, dessen Ende sie mitbegründet haben. Sie werden hier noch immer im Sand stecken, wenn sich ein paar Meter entfernt die Steilküste den Turm holt. Wenn sein Fundament keinen Halt mehr findet und das ganze Bauwerk, zusammen mit den Grundmauern der Nebengebäude, fast 70 Meter tief ins Meer stürzen wird. Man sagt, das wird in den nächsten Jahren passieren. In noch einmal 10 Jahren steht hier kein Leuchtturm mehr.

Wie ein Mahnmal in der Wüste

Wie ein Mahnmal in der Wüste

Und als wäre das alles noch nicht tragisch genug, hat die dänische Naturbehörde im vergangenen Jahr den Leuchtturm für seine letzte Lebensphase wieder geöffnet. Der Parkplatz und der Weg hier hin wurden ausgebessert, der Eingang wieder freigelegt und im Inneren ein neues Wendeltreppenhaus verbaut, über das nun jedermann bis oben auf die Plattform zum Leuchtfeuer steigen kann. Ich muss schlucken, als sich diese Worte in meinem Kopf zur Ruhe betten. „Letzte Lebensphase“. Es fühlt sich ein bisschen so an, als zeige man einem tödlich kranken Freund noch einmal Paris. Oder als lasse man in den letzten Momenten dieses Turms die Menschen noch einmal Anteil nehmen, sie dürfen kondolieren. Und sie dürfen frei sein Inneres betreten und von oben das vernichtende Werk von Rubjerg Knude betrachten, ohne irgend etwas dagegen tun zu können.

Aufstieg auf den Todgeweihten

Aufstieg auf den Todgeweihten

Kommen Sie mit rauf? Keine Tür, kein Eintritt, kein Kiosk. Keine „ALLES verboten!“ Schilder. Einfach ein offener Turm. Keine Angst, die Treppen sind aus massivem Stahl geschweißt und haben ein robustes Geländer. Das Metall ist nicht konserviert worden und flächendeckend mit Flugrost bedeckt. Wofür sollte man es auch konservieren? Diese letzten paar Jahre wird es unbeschadet überstehen, und dann ist es sowieso egal. Während ich Etage für Etage höher klettere rieselt der Sand der Düne aus meinen Socken und meinen Schuhen. Er fällt durch die gelochten Stahlplatten nach unten und bildet dort wieder kleine Dünen. So wie damals. Niemand wird hier fegen oder sauber machen.

Die Weite des Horizonts, 100 Meter ü.N.N.

Die Weite des Horizonts, 100 Meter ü.N.N.

Holla. Uff. Ich hatte nicht erwartet, dass der Blick von hier oben so schön sein würde. In der einen Richtung erstreckt sich das Steilufer, in der anderen ein paar Häuschen, auch alle bedenklich nah am Wasser gebaut. Hinter mir das Landesinnere, nicht weit bis zur Ostsee, wo in 40 Kilometern Entfernung mein Schreib-Häuschen steht. Völlig unversandet. Die Verglasung der Laterne ist herausgenommen worden, nur noch vier riesige Spiegel und eine umlaufende Schiene erzählen hier von dem Leuchtfeuer, was jede halbe Minute die Runde machte. Meine Facebookfreundin Andrea wollte hier immer schon mal hin, schreibt mir Nachrichten und fragt, wie es oben sei 🙂 Schön ist es hier. Windstill und wunderschön, wir könn‘ die Welt von oben sehn ♫ Sie singt virtuell den Nena Klassiker und philosophiert über lange Achselhaare. Es ist ganz gut, hier oben nicht mit der Welt und den emotionalen Gedanken ganz allein zu sein. Ach Facebook, dafür mag ich dich ja schon wieder.

Selfie ganz oben, na klar.

Selfie ganz oben, na klar.

Denn ich selbst komme mir noch viel vergänglicher vor als dieser alte Turm mit den dicken Steinmauern. Und die Tatsache, dass selbst so ein Bollwerk nicht für immer auf dieser Welt steht macht mich nachdenklich. Mal wieder. Immer diese Nachdenklichkeit. Auch habe ich ganz andere Melodien im Kopf als den unbeschwerten Wave der frühen 80er Jahre. Ich summe eine Passage aus Warm Wet Circles, einem meiner Lieblingslieder der alten Marillion Formation mit Fish als Sänger. Gegen Ende eskalieren die bis dahin lieblichen Melodien in einem wundervollen ProgRock Stakkato mit den schreienden Gitarren von Steve Rothery. Unfassbar ergreifend.

She nervously undressed in the dancing beams of the Fidra lighthouse
Giving it all away before it’s too late
She’ll let a lovers tongue move in a warm wet circle
Giving it all away and showing no shame

Noch’n Leuchtturm. Der steht auf der unbewohnten Insel Fidra in East Lothian. Der ist nicht auf Sand gebaut, und auch in 10 Jahren können sich dort Liebende in seinem tanzenden Licht irgendwelchen Dingen hingeben. Ich muss was albernes machen, sonst werde ich traurig.

Und... Selfie vorm Toilettenspiegel kann ja jeder.

Und… Selfie vorm Toilettenspiegel kann ja jeder.

Unten liegen Steine. Überall Steine. Hier oben sind Spiegel. Überall Spiegel. Was die Teenies auf öffentlichen Toiletten können kann ich auch, nur weiter oben 🙂 Ich halte mir nicht ein schultafelgroßes Smartphone direkt vor die Fresse, und ich gucke auch nicht mit Duckface auf’s Display statt in die Kamera. Für sowas bin ich zu alt. So, bidde, Sand, Sandmann, Stahl, Meer und Steine. Ach ja, und Spiegel. Wer bekommt eigentlich für jeden einzelnen sieben Jahre Pech, wenn die ganze todgeweihte Figur in den Abgrund kippt? Die Natur selbst? Nee, die hat schon genug Probleme. Also, ich finde das muss noch okkult eruiert werden. Bevor ich mich wieder an den Abstieg mache gucke ich noch ein bisschen schweigend über die Nordsee. Immer noch niemand hier. Da, wo nachher die Sonne im Meer versinkt werden in ein paar Jahren die Trümmer des Leuchtturms liegen. Noch mehr Steine.

Alles versinkt im Meer. Alles.

Alles versinkt im Meer. Alles.

Abwärts. Klonk  –  klonk  –  klonk   riesel riesel riesel. Es ist angenehm hell hier im Treppenhaus, weil die kleinen, fensterlosen Scharten viel Licht reinlassen. An den Wänden stehen Namen von Verliebten oder einfach nur die klassischen „Ich war hier“ Botschaften, in verschiedenen Sprachen, aus verschiedenen Jahrzehnten. In den Stein oder den Putz geritzt und niemals übergeputzt oder ausgebessert. Ein Museum des Dasein. Schon wieder ein bisschen ergreifend, denn auch diese teils schon über 30 Jahre alten Herzen und Liebesbotschaften werden bald mit dem Turm in den Abgrund stürzen, irgendwann, nur Neptun weiß wann das wohl sein wird. MAAANNNN das macht mich fertig, dass ich hier rumstiefel und genau weiß, dass es diesen wundervollen Platz bald nicht mehr geben wird. Ich hasse sowas! GNARF!!
Ich beschließe, unten mit ein paar Steinen nach dem Wind zu werfen und die Wellen anzubrüllen oder ähnlich weiterbringende Aktionen zu starten. Als ich schon in dem rostigen Türrahmen nach draußen stehe drehe ich mich um und sehe eine Reflektion unten in dem dreieckigen Mittelschacht, an dem die Treppe fixiert ist. Hey – der Blick nach oben zur Spitze könnte ein super Foto ergeben 🙂 Denke ich so. Und als ich mich in den Schacht stelle und hochgucke bin ich regelrecht überwältigt….

Ein Kaleidoskop der letzten Lichter

Ein Kaleidoskop der letzten Lichter

Hier wurde aus den alten Spiegeln ein wundervolles, riesengroßes Kaleidoskop vom Boden bis zur Spitze des Leuchtturms erbaut! Die Sonne, der Sand, das Wasser und die Steine, alles reflektiert und vervielfältigt sich im flirrenden Labyrinth aus Licht und Schatten. Wie wunderschön. Wie vergänglich. Hier haben die Dänen tatsächlich keine Kosten gescheut und dem Leuchtturm noch einmal so etwas wie eine letzte Ehre zu erweisen. Völlig uneigennützig, ohne Eintritt, einfach nur so für die Menschen, die hier in seinen letzten Jahren noch einmal vorbeikommen. Auch dieses Kaleidoskop wird es bald nicht mehr geben.
Draußen stehe ich wieder auf dem Trümmerfeld aus Ziegeln, was der Sand hinterlassen hat. Es ist hell, es ist warm und es bleibt menschenleer. Wenn ich mir dieses Szenario mit ein wenig Abstand vor Augen führe müsste es hier eigentlich vor Menschen nur so wimmeln. Ein sterbender Leuchtturm auf einer Düne in den letzten Jahren seines Lebens ist jedenfalls für mich beeindruckender als jedes Prachtschloss. Vielleicht, weil man seine Endlichkeit förmlich anfassen kann.

Auf Wiedersehen? Wer weiß...

Auf Wiedersehen? Wer weiß…

Lebewohl, Rubjerg Knude Fyr.
Vielleicht sehen wir uns mal wieder. Aber vielleicht liegst du dann auch schon zertrümmert von den Naturgewalten unten an der Steilküste, wenn ich wieder einmal hier bin. Wenn das so ist, werde ich ein Blümchen auf deine Reste legen. Irgendwie bewegst du mich. Ich weiß gar nicht so richtig, was das hier alles mit mir macht. Ich habe jedenfalls nach dem Kaleidoskop keine Lust mehr, mit Ziegeln zu werfen oder zu schreien.
Ich trage lieber ein paar der Ziegel zusammen und schreibe damit in großen Lettern den Namen meines kleinen, viertelfinnischen Sandmädchens in die Düne. Ich möchte auch ein Zeichen hinterlassen, dass ich hier war. So wie alle anderen. Heute Abend bin ich tief bewegt und emotional hin und her gerissen zwischen der Freude am Leben und der Gegenwart der Vergänglichkeit. Hey. Es ist doch nur ein alter Turm aus Steinen und Holz. Manno. Aber verstehen Sie was ich meine?

Sandmann

 


About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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19 Responses to Un(d) endlich Sand

  1. Glockenkoenigin says:

  2. Björn says:

    Tach auch!

    Wow, ein toller Ort der alte Knude und ein super Wetter hast du erwischt! Ich glaube, ich muss dort auch noch einmal hin bevor der der alte Turm in den Abgrund fällt.

    Ist dir übrigens aufgefallen, dass der Sand bei Rubjerg Knude irgendwie gelber ist, als der weiße Sand der Rabjerg Mile 🙂 . Verrückt, oder?! 😉

    Grüße!

    • Sandmann says:

      Ay Björn,

      lustig. Das mit dem gelberen Sand ist mir tatsächlich aufgefallen! Ich dachte noch so – hey, dann muss ich mit Photoshop ja gar nicht so viel Farbe nachziehen 😀
      Ich führe das mal darauf zurück, dass hier viele gelbe Ziegel im Sand liegen und dass man den Turm wohl zumeist bei Sonnenuntergang besucht. Beides macht ja irgendwie gelb…..

      Sandmann

      • Anonymous says:

        Tach auch!

        Der Sand war allerdings auch sehr gelb, als wir damals tagsüber am Leuchtturm waren. 🙂 Wir sollten eine wissenschaftliche Untersuchung darüber in Auftrag geben, nicht wahr?! 😀 Ist hier ein Geologe anwesend?

        Grüße,
        Björn

  3. Pingback: Am 3. Juni 2016 gefunden … | wABss

  4. Sammy says:

    toll und faszinierend…
    bitte mehr davon 😉

    • Sandmann says:

      Ay Sammy,

      freut mich dass es dich freut. Ein Sonnenuntergangs-Stakkato kommt noch in Grenen. Vielleicht schaffe ich das sogar heute Abend noch 🙂 Pathos und Kitsch de Luxe. Und dann bald mal wieder ein paar Autos ….

      Sandmann

  5. Snoopy says:

    Ich liebe den Turm und die Gegend. Letztes Jahr bin ich zwei Wochen dort gewesen. Leider war die neue Treppe noch nicht fertig. Die alte Mårup Kirke ist ja schon verschwunden und mit ihr etliche Ferienhäuser.
    P.S.: Blick von der Terrasse:
    https://lh6.googleusercontent.com/3jn8k466n9FUNwwARWkOGbb7Txwux7IliV_8ZY5Z7swa8BPyWeZcPc09lLpLdrStl-LIQy7iyA=w958-h719-no

    • Sandmann says:

      Snooopy!

      Dann hast du in einem der Häuser gewohnt, die ich von oben gesehen habe. Wow. Sehr schon und sehr nah dran. Aber die stehen dann ja auch nicht mehr ewig da oder…..?

      Ich kann nach diesem Abend jedem empfehlen, einmal oder wieder einmal dort hin zu fahren. Um 18 Uhr herum ist man Anfang Juni da quasi alleine…. 🙂 Und wenn jemand von euch da hin fährt bitte Bescheid sagen. Dann gebe ich einen Suchauftrag mit, ob der Name meines Töchterchens noch da steht, wo ich ihn geschrieben habe…..

      Sandmann

  6. Daemonarch says:

    Ich mag ja Türme… Aussichtstürme, Fernsehtürme, Leuchttürme, Flaktürme (von der gruseligen einstigen Bestimmung mal ab)…

    Auch wenn mein Körpergewicht, und die seit den letzten 20 Jahren anscheinend stark mutierte Erdanziehungskraft (warum gibt es dazu eigentlich keine Studien?) den Spaß am erklimmen solcher Bauwerke etwas schmälert, nachdem der Lebenserhaltende Atem wieder hergestellt ist, und die Liter Schweiß aus den Augen gewischt, entschädigt die Aussicht doch meist alle Qual.

    Artikelbewertung 9/10

    • Sandmann says:

      Ay Daemonarch,

      du musst dir mal so Schildchen mit Nummern basteln und dann hochhalten 😀

      Ich mag Türme auch. Besonders Fernsehtürme. Ich gucke aus der Wohnung in Kiel vom Balkon auf den Fernsehturm, und je nach Himmel und Beleuchtung ist das ein sagenhafter Anblick.
      Es gab da mal so einen Lauschturm an der Grenze zum ehemaligen Osten….. da waren wir drauf….. DIE Bilder muss ich mal suchen!

      Sandmann

  7. Heye says:

    Moin Sandmann,

    danke für den Artikel – und den Tip 😉
    Hab mir meine Freundin geschnappt, ’ne Matratze in den ollen A6 geworfen – Kombis braucht man mitunter nämlich sehr wohl 😉 – und bin ’ne Woche durch Dänemark geschippert. Der Leuchtturm und seine Düne sind auch Mitte September abends menschenleer; bei Sonnenuntergang ist das eine wunderbare Stimmung.
    War ein schicker Urlaub – vielen Dank für die Inspiration!

    Gruß,
    Heye.

    • Sandmann says:

      Ay Heye,

      aaawwwwww das freut mich! Ob ich ne Woche im Kombi pennen würde weiß ich nicht, ich schätze ja sehr ein bequemes Bett, eine Leselampe und ein Glas Rotwein 🙂 Aber cool dass ihr das gemacht habt. Und auch schön zu erfahren, dass es noch andere menschenfreie Zeiten am Leuchtturm gibt.

      Fahrt wieder hin. Dänemark ist jedes Mal wieder wunderschön und immer anders…..

      Sandmann

  8. Snoopy says:

    Letztes Jahr war ich oben 🙂
    Das Meer rückt immer näher…

    • Sandmann says:

      Ay Snoopy,

      ich ja auch. Herbst 2016 war es. Mal schauen, dieses Jahr bin ich wieder im Herbst zum Schreiben in Dänemark. Ob ich nochmal zum Leuchtturm hoch fahre? Ich denke ja…

      Sandmann

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