Vier Uhr Morgens

Auf dem Rücksitz die üblichen Utensilien

Auf dem Rücksitz die üblichen Utensilien

Am Anfang war das Bild. Und am Ende eine Zahl. Die Vier war allerdings noch nie eine besondere Zahl in meinem Leben, das wird sich heute auch nicht nennenswert ändern. Eher die Drei. Oder die Zweiundvierzig. Was sich heute aber wohl ändert ist mein Kenntnisstand bezüglich der letzten 20 Jahre im Leben meines alten Freundes Lutz, den ich seit der Oberstufe nicht mehr gesehen habe. Wir waren Gitarren-Homies in den 80ern und wir haben 1986 zusammen in Silkes Garten gezeltet. So schließt sich der Kreis. Aus zwei Teenagern mit Gitarren sind zwei alte Männer mit Gitarren geworden. Ich habe den Audi vollgetankt und mache mich auf in Richtung Fehmarn Sund Brücke, in eine Ferienwohnung an der Ostsee, um mit Lutz ein paar Jahre Freundschaft nachzuholen.

Ein Bild. Über Peinlichkeiten sprechen wir später 🙂

lustige Barden 1986

lustige Barden 1986

Es gibt so viele Momente, in denen die Vergangenheit aufpoppt. Ein Foto, ein Gedanke beim Durchfahren einer besonderen Gegend, eine Erinnerung beim Hören eines Liedes oder Blumen im Kopf beim Erschnuppern eines bestimmten Parfums. Lutz und ich haben uns vor einiger Zeit auf Facebook wiedergefunden. Eher zufällig. Es ist (das habe ich ja schon an anderer Stelle vermutet) in unserem Alter völlig normal, sich an alte Freunde zu erinnern und die wieder auszugraben. Bei einigen weiß man noch, warum man über Dekaden nicht mehr befreundet war. Spätestens wenn man sich wieder mal trifft, zufällig oder geplant, fällt es einem wieder ein. Bei anderen scheint das im Dunkeln zu liegen. Und manchmal gibt es auch einfach keinen Grund, manchmal hat sich die Welt einfach weiter gedreht während alle Beteiligten ihre eigenen Wege gegangen sind. Mein Weg heute führt mich an die Kante, wo der Ozean das Land trifft. Das ist in Deutschland ganz oben rechts, da geht eine Brücke rüber, aber Lutz schreibt mir ich soll kurz vorher rechts abbiegen. Irgendwie bin ich richtig ein bisschen aufgeregt…

Götterdämmerung? Nein. Nur Abend.

Götterdämmerung? Nein. Nur Abend.

And she walks along the edge of where the ocean meets the land
Just like she’s walking on a wire in a circus
Auf dem Rücksitz des alten Audis liegt mein inzwischen in diesem Thema erprobtes Zubehör. Kopfkissen und Schlafsack, meine Gitarre, ein bisschen Wein… Mein Fotoapparat und – ein Haufen Noten sowie eine Fototasche von 1986 🙂 Die Bilder waren schon Silke im August peinlich, und hey – sie kommt auf denen noch ganz gut weg. Im Gegensatz zu uns beiden. Lutz und Jens waren damals zwei Teenager, beide um die Wette verknallt in die Gastgeberin und redlich bemüht, ihre Gunst singend zu erobern. Also haben wir die schöne Frau mit Balladenstoff von Simon and Garfunkel, Bob Dylan und den Beatles umworben und waren damit mehr oder weniger erfolgreich. Eher weniger. Balladenstoff soll es heute Abend auch geben, und ich bin ehrlich gesagt gespannt, was… nein WER mich da nachher erwartet. Die musikalischen Helden der 60er haben wir inzwischen zu den Akten gelegt, ich gehe mal davon aus, dass wir heute Abend Lieder von dem singen werden, was unser eigenes Leben uns angetan hat. Da gibt es eine Menge zu erzählen und zu singen. 1986 ist inzwischen 29 Jahre her.

Neugier und Skepsis

Neugier und Skepsis

Wir haben uns vorher ein bisschen hin und her getextet und befürchten, die Nacht könnte verdammt lang werden (oder verdammt kurz, je nachdem aus welcher Perspektive man guckt). Das wäre ein bisschen doof, denn ich muss mich spätestens um 8:00 Uhr in Richtung Hamburg aufmachen. Aber 8:00 Uhr ist noch lange hin. Ob ich ein paar Karteikarten mitnehme, um so eine Art Mindmap auf dem Tisch auszubreiten? Um nichts zu vergessen und um strukturiert erzählen zu können? 🙂 Hab ich die richtigen Lieder dabei? Hab ich mich sehr verändert…? So ein Unsinn. Ich mach mir Gedanken, als führe ich zu meinem ersten Date und versuche, möglichst cool rüberzukommen. Überflüssig. Lutz und ich waren mal sowas wie beste Freunde, und auch wenn das echt lange her ist – damals haben wir ein Zelt geteilt, und gegenseitig vollgepupst, gemeinsam Kakao gegluggert und uns nachts gegenseitig erzählt, wie verknallt wir in Silke waren. Das schweißt zusammen, und das wird alles verzeihen, was heute aus uns geworden ist. Glaube ich. Und wenn nicht dann eben nicht…

Unscharf aus Kiel raus

Unscharf aus Kiel raus

Der Weg von Kiel nach Fehmarn dauert ein bisschen länger als eine Stunde, und ich nehme natürlich meine alte geduldige rollende Zeitmaschine anstatt des Daimlers. Auf der Kassette schrabbeln die Goo Goo Dolls, nicht gerade was von damals, aber ich hab da jetzt Bock drauf. Die Autofahrer um mich rum sind die gleichen wie immer, sie fahren neben mir, winken, heben den Daumen oder machen Fotos mit dem Handy. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie dieser damals als so bieder beschimpfte Audi heute die Herzen öffnet und Freude verbreitet. 🙂 Schön, das. Meine Fotos werden allerdings reichlich unscharf, sehen Sie das mal als eine Kunstform an bitte. Ich mag Aufnahmen mit Blitz einfach nicht, und es ist langsam recht dunkel. Ich kann meine Hand einfach beim Fahren nicht so ruhig halten, dass nichts verwackelt. Nicht bei diesen langen Verschlusszeiten 😀

Verschwommen wie die Vergangenheit

Verschwommen wie die Vergangenheit

Sag ich doch. Hihi 😀 Erschwerend hinzu kommt, dass es ab dem Verlassen der B76 in Richtung Selent und Lütjenburg dunkel wird. Sehr dunkel. Und wenn ich mal irgendwann was von einem dunklen Niedersachsen oder anderen lichtlosen Abschnitten im Norden erzählt haben sollte – vergessen Sie das. Hier ist es WIRKLICH dunkel, und je weiter ich in Richtung Küste fahre desto geringer ist die Straßenlaternendichte. Ich brauch was Fröhliches im Kassettendeck. Meine erste selbst gewünschte Platte. Truck Stop – Nicht zu bremsen 🙂 Sehr entspannte Countrymusik, nur ein wenig gedämpft von der Nachricht, dass so langsam einer nach dem anderen von den Jungs das Zeitliche segnet. Vor ein paar Tagen ist Cisco gestorben. Lucius vor zwei Jahren. Die Einschläge kommen näher, ich tröste mich damit dass die Jungs schon recht alt waren, als ich die damals gehört habe und singe einigermaßen gut gelaunt mit…

Es wird immer kälter

Es wird immer kälter

Step out the front door like a ghost into the fog
Where no one notices the contrast of white on white
Letzter Rastplatz vor der absoluten Dunkelheit. Angeblich mit Ostseeblick, was um diese Jahreszeit einigermaßen absurd ist, denn ich kann nicht mal 20 Meter weit gucken. Dunkelheit ist ja physikalisch gesehen nur das Fehlen von Licht, aber hier oben in der Nähe von Heiligenhafen ist die Dunkelheit irgendwie auch das Fehlen von Zeit und Raum. Ich mach den Motor lieber nicht aus. Wenn ich hier liegen bleiben sollte wird man mich nie wieder finden. Hier ist ja niemand. Warum dann Lutz? Er schreibt, es ist eine dauergemietete Ferienwohnung direkt am Wasser, wo er sich eine Woche Auszeit zum Lernen und zum Durchatmen genommen hat. Okay. Wenn die Einsamkeit sich weiter nach jeden Kilometer so potenziert ist das hier tatsächlich ein feiner Ort, um mal durchzuatmen. Um sich selbst zu finden. Und um ungestört auf die Gitarren einzuschlagen und dabei zu viel Wein zu trinken. Man könnte hier auch die ganzen Leichen entsorgen, die man noch im Keller hat. Die findet niemals jemand wieder. Aber die hätte ich nicht alle in den Kofferraum bekommen, und auf dem Rücksitz liegen ja die Gitarre, mein Schlafkrams und die Noten… Und der Wein. Und die Bilder 🙂

Irgendwo hier.

Irgendwo hier.

Letztes Unscharfes Bild vorm Ziel. Versprochen. Aber ich will das doch alles trotzdem dokumentieren 🙂 Ich glaube, ich bin gleich da.
I can’t see nothing, nothing round here.
Mein Navi auf dem Handy (die treue Lisa liegt ja im Mercedes) hat mich schon drei mal gefragt, wo es hier bitte zum nächsten geostationären Satelliten geht. Gibt es Gegenden, die so einsam sind, dass ein Navi Depressionen bekommt und sich schmollend in sich zurückzieht? Die Antwort lautet: Ja. Aber egal, es ist noch angenehm früh, ich habe einen guten Hunger auf ungesundes Essen in mir drin und so richtig Bock, mal wieder ne halbe Nacht durchzusingen ♫ Außerdem habe ich Lutz‘ Telefonnummer, und die wähle ich jetzt mal, um ihn zu fragen, wo ich hin muss. Ah. Er ist dran, er ist da und ich parke ferngesteuert den alten Audi auf einer Art Schotterplatz hinter einer kleinen Gruppe von Häuschen. Links von mir reihen sich in der Dunkelheit Lichterperlen am Himmel auf. Sie bewegen sich. Ich habe noch gar keinen Wein getrunken? Geografisch vermute ich, wenig unterstützt von meinem eingeschnappten Navi, dass das Autos auf der Brücke über den Fehmarn Sund sein könnten. Ah. Die Tür geht auf. Und nach ich-weiß-nicht-wie-vielen Jahren öffnet mir: Klaus Lage. Nein. Lutz. Hallo, alter Freund!

Er ist es!

Er ist es!

Okay, da ist sie, die Zeit. An dem grinsenden Typen mit Bart wäre ich in der Fußgängerzone direkt und ohne mit der Wimper zu zucken vorbei gelaufen. Das liegt vor allem am Bart. Aber die Stimme….. die ist noch die gleiche 🙂 Ich geh rein, packe meinen Kram aus, klapp schon mal das Sofa zurecht (ich habe so eine Ahnung, dass ich das nachher vielleicht nicht mehr hinbekommen könnte) und gucke dann Lutz ein bisschen intensiver an. Krass. 29 Jahre seit wir die Fotos gemacht haben. Jetzt ich:

Auch nicht viel besser

Auch nicht viel besser

Was machen zwei alte Freunde, die nicht so richtig wissen, warum sie zwischendurch keine Freunde mehr waren und die emotional wichtigsten teile ihres Lebens mit anderen Menschen verbrachten? Sie reden. Sie reden vor allem über diese anderen Menschen, mit denen sie die emotional wichtigsten Teile ihres Lebens verbracht haben. Das waren gute Menschen, das waren nicht so gute Menschen, das waren Vollpfosten und das waren totale Psychopathen. In fast 30 Jahren sammelt sich eine Menge von dem an, was man allgemein als „Leben“ bezeichnet. Wenn das damals alles im Prospekt gestanden hätte, ich weiß nicht, ob meine Unterschrift unter dem allen vielleicht gefälscht worden wäre. Die erste Flasche Wein ist leer, bevor wir es uns eigentlich so richtig auf den Sesseln bequem gemacht haben. Lutz hat einen australischen Yellow Tail gekauft, ich möchte den als einen meiner fünf Lieblingsweine bezeichnen. Cool. Damals haben wir Kakao getrunken und Rumkugeln gemampft. Viele Rumkugeln. Bei Café Ebeling in Uelzen gab es die für 10 Pfennig, da haben wir immer gleich 50 Stück gekauft 😉 Fünfzig. Wir reden. Wir trinken. Wir reden noch mehr und wir trinken noch mehr. Und irgendwann wird es einfacher, das, was man sagen will in Melodien zu verpacken. Schade, dass Silke nicht dabei ist.

das Repertoire hat sich erweitert

das Repertoire hat sich erweitert

Step out the front door like a ghost into the fog
Where no one notices the contrast of white on white
And in between the moon and you, angels get a better view
Of the crumbling difference between wrong and right

Well, I walk in the air between the rain
Through myself and back again
Where? I don’t know
Maria says she’s dying
Through the door, I hear her crying
Why? I don’t know

Round here we always stand up straight
Round here something radiates

Maria came from Nashville with a suitcase in her hand
She said she’d like to meet a boy who looks like Elvis
And she walks along the edge of where the ocean meets the land
Just like she’s walking on a wire in a circus

She parks her car outside of my house and
Takes her clothes off, says she’s close to understanding Jesus
And she knows she’s more than just a little misunderstood
She has trouble acting normal when she’s nervous

Round here we’re carving out our names
Round here we all look the same
Round here we talk just like lions but we sacrifice like lambs
Round here she’s slipping through my hands

Woah
Sleeping children better run like the wind
Out of the lightning dream
Mama’s little baby better get herself in
Out of the lightning

She says, „It’s only in my head“
She says, „Shh, I know it’s only in my head“

But the girl on the car in the parking lot
Says, „Man, you should try to take a shot
Can’t you see my walls are crumbling?“

Then she looks up at the building
And says she’s thinking of jumping
She says she’s tired of life
She must be tired of something

Round here she’s always on my mind
Round here, hey man, got lots of time
Round here we’re never sent to bed early and nobody makes us wait
Round here we stay up very, very, very, very late

I, I can’t see nothing, nothing round here
You catch me if I’m falling, you catch me if I’m falling
Will you catch me? ‚Cause I’m falling down on you

I said I’m under the gun round here
Oh man, I said I’m under the gun round here
Well I can’t see nothing, nothing round here

Counting Crows, 1994

definitiv die bessere Gitarre

definitiv die bessere Gitarre

Wir singen tatsächlich nicht den alten Stoff, den ganzen Kram, mit dem man in den 80ern Gitarre spielen lernt und den mal schon in den 90ern nicht mehr hören konnte. Wir singen Lieder, die das Leben schrieb und formte. Laut. Leise. Vorsichtig und aggressiv. Hier draußen gehen wir niemandem auf den Sack, stören wir keinen Nachbarn, rauben wir keinem kinderlosen Pärchen den verdienten Nachtschlaf. Hier draußen ist ja niemand außer uns. Der zweite Wein ist schon längst alle, in meinem leichten Gepäck sind noch zwei weitere Flaschen, die haben allerdings traubenmäßig mit den beiden guten Überseetropfen von Lutz nix zu tun. Nun. Die Überseetropfen sind alle. Meine beiden Flaschen wiederum bedeuten mir historisch gesehen sehr viel. Ohne Rücksicht darauf, ob es guter Wein ist oder nicht. Da ist einmal ein Rotwein aus der Schweiz, nicht nennenswert, denn es ist der einzige den ich im Supermarkt gefunden habe und er war nicht außergewöhnlich lecker. Aber während ich Lutz von der Mona Lisa und dem Jahr in der Schweiz erzähle und davon singe… trinken wir schweizer Wein. Na klar. Und dann gibt es da noch den ersten Wein. Meinen ersten Wein. Also – den Wein, den ich mit meiner allerersten Freundin Simone getrunken habe. Das war ein 1986er Château de Mornag aus Tunesien. Lieblich, süffig, aber der erste. Ich habe einen 2013er Château de Mornag dabei, immer noch lieblich, immer noch süffig, aber wen stört das jetzt noch?
Round here we’re never sent to bed early and nobody makes us wait
Round here we stay up very, very, very, very late

Well...

Well…

Vier. Vier Flaschen.
Es ist nicht die Qualität des Weines, es sind die Geschichten, auf die es ankommt. Einige haben wir gemeinsam erlebt, viele nicht. Und die erzählen wir uns zwischen den Liedern und den einzelnen Schlücken aus viel zu kleinen Gläsern. Irgendwann zwischendurch gab es ein Baguette mit Käse und Salami, Remoulade und geriebenem Ingwer zu futtern. Mjam. Und dann irgendwann später noch eins. *burps* Nicht ganz ohne Neid sehe und höre ich die Gitarre von Lutz, eine Fender, ich wollte schon immer eine Fender haben… Meine kleine „Jim Dandy“ tut trotzdem gute Dienste. Ganz ohne die unter Gitarren übliche Eifersucht wird sie ein bisschen mehr beansprucht als sie gewohnt ist und bringt die untermalenden Töne raus, die zusammen mit den beiden angekratzten Stimmen einen manchmal leisen, oft lauten Klangteppich über der Bucht von Fehmarn weben. Die beleuchtete Perlenschnur zieht sich noch immer durch die Nacht. Wie gut, dass hier so wenig Menschen wohnen. Lutz murmelt irgendwas vom Hafenmeister, und dass wir besser das Fenster zumachen sollten. Vermutlich hat er Recht.

29 Jahre dazwischen

29 Jahre dazwischen

Vier. Vier Uhr Morgens.
Eine wahrlich beschissene Zeit, wenn man in der Nacht wach wird. Kennen Sie das? Noch nicht genug Schlaf, um ausgeschlafen zu sein und vor allem – nicht mehr genug Zeit, um noch einmal tief einzuschlafen, bevor einen der Wecker rausreißt und den neuen Arbeitstag einläutet. Das Gewicht dieser Zahl wiegt noch viel schwerer, wenn der erste Teil des Satzes, also die nicht ausreichende Menge Schlaf, noch gar nicht stattgefunden hat. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so lange wach war, auf jeden Fall war ich da noch viel viel jünger und es war bestimmt nicht unter der Woche. Oha.

Okay is gut jetzt.

Okay is gut jetzt.

Das schon vorgeklappte Klappsofa (ich lobe mich selbst dafür) ist wahrscheinlich wesentlich gemütlicher als die Ladefläche des Mercedes, Januar ist definitiv nicht der Monat, in dem man noch im Auto schlafen sollte. Bei aller Liebe zu diesem Schlafplatz als solchem, die Tatsache dass ich nicht wie im August in Ripdorf bei Uelzen mit dem Kombi, sondern mit dem ladeflächenlosen Audi hier bin spricht ebenfalls für das Schlafsofa. Also Schlafsofa. Macht das überhaupt noch Sinn, wenn der Wecker sowieso gleich bimmelt? Ich gucke den alten Mann im Spiegel mit roten Augen an und mache keine Fotos mehr. Ich träume irgendwas von schnell fahrenden Zügen, kurz darauf dämmert es und ich finde mich nur kurze Zeit später in meinem Auto wieder, irgendwo auf der A1 zwischen Fehmarn und Hamburg. Neben mir meine Gitarre, die mich anguckt, als hätte ich sie nach einem schönen Erlebnis in die Realität zurück entführt.

Jim Dandy ist nun Beifahrer

Jim Dandy ist nun Beifahrer

Vier. Vier Stunden Schlaf.
Sie merken langsam, warum diese Zahl und ich nicht die besten Freunde werden? Der Typ mit dem grauen Bart und der Fender Gitarre hat mir noch einen Kaffee in den Hals gekippt und sich hoffentlich wieder in sein Bett gelegt, als ich vom Hof gefahren bin. 🙂 Hihi irgendwie ist es tatsächlich ein bisschen so wie bei einem Date gewesen, die Aufregung in der Erwartung der Person, das viele Erzählen – und jetzt stehle ich mich in der Morgendämmerung aus dem Haus. Was sollen die Nachbarn denken? Ach nee – die gibt es ja im Umkreis von 10 Kilometern quasi nicht. Und Fische petzen nicht. Mir ist kalt, das Radio bekommt hier am Rand dieser Scheibe, die sich Erde nennt keine vernünftigen Sender rein und alle Kassetten leiern heute Morgen. Das Handy-Navi schmollt noch immer. Weiber. Ich glaube, wenn mich jetzt jemand anhält werde ich an Ort und Stelle verhaftet, aus verschiedenen Gründen, mindestens aber weil ich wohl so aussehe als hätte ich grad jemanden umgebracht. Puh. Vielleicht hab ich das sogar. Das Phantom der Virtualität. Ich hab mich mal wieder mit einem alten Freund getroffen. Nicht nur ne SMS oder ne Whatsapp geschickt oder ne Mail mit kopierten Inhalten… nein… ich bin hingefahren. Das tut gut. Das ist besser als 500 Facebook-Freunde, aber das muss ich Ihnen vermutlich nicht sagen.

reden wir nicht drüber

reden wir nicht drüber

Ich schaffe es tatsächlich ohne nennenswerte Vorfälle bis in den Verlag nach Hamburg (wie langweilig), und nur wenige meiner Kollegen bemerken meine sehr tiefe Stimme… Die Texte fließen gut aus den Fingern, warum auch nicht, so ein Treffen inspiriert, und meine Finger greifen im Geiste noch schnell ein paar weinselige Akkorde. Nur Silke war gestern (vorhin) leider nicht dabei, weder in Echt noch sonstwie fernmündlich virtuell. Sie hatte ihr Handy irgendwo im Universum einer Damenhandtasche vergraben und erst einen Tag später unsere flehenden Nachrichten, die plakative Notwendigkeit einer Live Konferenz und die provozierenden Fotos bekommen. Da war ich schon wieder nüchtern. Trotzdem war sie des öfteren Thema dort oben in der Nähe der Fehmarn Sund Brücke, aber what happens in Großenbroderfähre stays in Großenbroderfähre 😉 Mehr von sowas. Das tut gut.
Am Anfang war das Bild. Aber am Ende auch, die Zahl hat das echt nicht verdient.

Sandmann

Am Ende war auch das Bild

Am Ende war auch das Bild


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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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12 Responses to Vier Uhr Morgens

  1. Holger sagt:

    Ach ja… alte Autos, alte Männer, alte Freunde die sich lange nicht sahen und irgendwann einfach wiederfanden und weiter machten nach vielen Jahren, als wenn es nie anders gewesen wäre…
    Es gibt erstaunlich viele Parallelen in Deinem und meinem Universum!
    Auch eine Silke gab es in meiner Sturm- und Drangzeit-Jugend, die nicht nur ich umschmachtete… 🙂
    Und ich hatte einen Fender Bass.
    Es tut gut Deine Geschichten zu lesen!
    Ich Danke Dir dafür!

    • Sandmann sagt:

      Bester Holger,

      🙂 freut mich, dass du verschiedene Synapsen angeregt wähnst. Das ist gut.
      Ein bisschen schwierig in meinem Fall war, dass wir uns tatsächlich so RICHTIG lange nicht gesehen haben und fast keine Struktur in unsere Erzählungen kriegen konnten. Und es so, so, SO viel passiert in diesen Jahren, dass wir noch lange nicht durch sind. Wir müssen uns wohl noch mal treffen 🙂
      Und dann kommen wir vielleicht auch wieder dazu, Simon and Garfunkel zu singen. Ich habe noch irgendwo ein Tape von 1986, wo wir im Wohnzimmer von Silkes Eltern gesessen und mit meinem Kassettenrecorder 90 Minuten Bardengesülze aufgenommen haben. Wenn ich das wiederfinde….. 😀 das wird ein Fest!

      Sandmann

  2. Markus1975 sagt:

    Hey Jensi

    Da werde ich doch glatt ein wenig gefühlsduselig. Was für eine geile Nummer! Ich sitze hier mit Merlin auf dem Schoß, die Tastatur rechts neben mir und schreibe den Oberkörper verdreht diese Zeilen. Dabei gehen auch bei mir einige Bilder durch den Kopf. Einen „alten“ habe ich ja auch. Der Kontakt ist aber schon ewig abgebrochen. Man hat nur gehört das er schon einen Schlaganfall hinter sich hat. Letztes Jahr. Hm. Die Einschläge kommen dichter…? Mach keinen Dreck Keule. Sönke ist einen Monat jünger wie ich. 😉
    Und der Lutz / Klaus Lage…Tränen wegwisch…hat eine Fender? Oh mein lieber Schwan. Was feines

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann sagt:

      Ay Markus,

      nachdem ich mich nun aus gegebenem Anlass ein bisschen mit Fender Akustikgitarren beschäftigt habe kann ich verlauten lassen, dass die gar nicht so teuer sind 🙂 Geht bei unter 100 Euro los. Hm. Aber meine kleine neue Gretsch tut ihre Dienste, ist handlich und sieht cool aus. Und eine Gitarre, die „Jim Dandy“ heißt MUSSTE ich einfach kaufen 😉

      Dein alter Freund… Warum rufst du ihn nicht einfach mal an? Geh mal ein paar Minuten früher aus deiner Schrauberhöhle nach Hause und melde dich doch mal bei ihm. Und dann trefft euch doch mal. Autos allein machen zwar glücklich, aber nicht endgültig. Mach mal. Bald…..

      Sandmann

  3. Snoopy sagt:

    Ja Treffen mit alten Freunden aus der Schulzeit.
    Habe schon diverses erlebt von:
    Hat geklappt und war sehr schön oder…
    Die legen keinen Wert drauf oder…
    Man ist froh wenn die Zeit rum ist oder…
    Die wollen angeblich gerne haben aber einfach nie Zeit…
    Oder es gibt sie nicht mehr 🙁
    Meine Jugendliebe würde ich ja mal so gerne wiedertreffen, aber die mag nicht schaaade… nicht mal auf einen schnellen Kaffee.

    • Sandmann sagt:

      Ay Snoopy,

      in der Tat, es geht seltsame Wege, das Leben. Und nicht immer parallel zu denen, von denen man glaubte, man wisse es besser.

      Selbst beruflich bin ich schon über alte Kumpels („Freunde“ wäre ein bisschen zu groß) gestolpert. Man trifft sich wieder, wenn man alte Autos mag 😉 Ich selbst bin leider auch einer von diesen Typen, die immer wieder sagen, dass sie sich treffen wollen (und das auch durchaus ernst meinen) aber sich dann lange nicht melden. Ich fürchte, da hat man sich in meinem Umfeld inzwischen schon dran gewöhnt. Ich arbeite daran, dass das besser wird (wie man dieser Geschichte entnehmen kann).

      Ende des Jahres steht ein Treffen nach 25 Jahren Abi an. Oha oha. Ich werde mein halbfinnisches Fräulein Altona übers Parkett schwingen und mal schauen, was aus den alten Klassenkameraden geworden ist. Und hoffentlich auch aus ein paar Lehrern…

      Und warum will sich deine Jugendliebe denn nicht mit dir treffen? Hat sie Angst, dass du noch immer der unwiderstehlich smarte Typ von damals sein könntest und ihr Leben sich komplett ändern würde? 🙂 Und wenn das so sein sollte – na und?

      Sandmann

      Sandmann

      • Snoopy sagt:

        Hmm.
        Sie hat mich von mir aus schwierigen Gründen getrennt (das zu tippen würde den Blog sprengen…seufz).
        Es war meine erste lange Beziehung und ich war über das Ende ziemlich geschockt.
        Böse waren wir uns nie.
        Wir haben uns noch einmal kurz getroffen. War aber merkwürdig. Dann kamen ab und zu noch kurze Meldungen nach dem Motto was treibst du denn … aber getroffen haben wir uns nie wieder.
        Ich denke sie ahnte damals das uns das beide (oder nur mich(?)) zu sehr schmerzt.

        Wegen Studium und Beruf bin ich dann weggezogen…

        Ich habe sie dann nach über 20 Jahren über Stayfriends entdeckt. Der Kaffee wurde eigentlich anberaumt… aber vielleicht hat sie ja Sorge das Wunden aufreißen… jedenfalls hat sie immer wieder Rückzieher gemacht…

        Dafür habe ich einen Schulfreund mit dem ich mich jetzt doch immer mal wieder treffe. Beide haben wir Oldtimer als Hobby und einen Spider hat er neben xx Oldtimern hat er auch… 🙂

        • Sandmann sagt:

          Autos verbinden…… 🙂
          Stayfriends gibt es noch? Krass. Womöglich auch StudiVZ? Gleich mal gucken…..

          Wenn es nicht sein soll dann eben nicht. Ich versuche auch schon etwas länger, eine alte Freundin wiederzufinden. Hat auch fast geklappt. Der Anrufbeantworter, auf dem ich dann gelandet bin war aber entweder der falsche – oder sie will nicht zurückrufen. Na gut. Irgendwann fragt man sich dann auch, warum man das eigentlich macht? Bei mir ist es reine Neugierde…..

          Aber da fällt mir jemand von StudiVZ ein….. ich bin mal suchen……. 🙂
          Sandmann

  4. Will Sagen sagt:

    Westerngitarre? Takamine rules. 😉

    Alte Freunde, die mit mir Gitarre spielen, habe ich nicht. In den letzten paar Jahren bin ich auch von „alten Bekannten“ wesentlich mehr enttäuscht worden, als das ich positives erlebt hab. Darum freue ich mich viel mehr darüber, mit neuen Bekannten z. B. Musik zu machen. Vlt. werden daraus auch mal Freunde. Wer weiß.

    • Sandmann sagt:

      Ay Will,

      Takamine baut feine Gitarren, aber ich glaube die bauen nur Jumbos, oder? Die sind mir zu dick. Ich steh ja mehr so auf die kleinen Modelle, oder Halbacoustics mit E-Gitarrenhals und Cutaway.

      Ich bin ebenfalls sehr gespannt, wie sich das mit meiner Freizeit so weiterentwickelt. Was aus alten Freunden werden wird und was sich auch aus den sehr netten neuen Bekanntschaften entwickeln könnte, die ich so in den vergangenen Jahren angesammelt habe. Spannend. Wir zwei haben ja auch noch einen Koffer in Berlin stehen, das vergesse ich nicht, keine Sorge 🙂

      Sandmann

      • Will Sagen sagt:

        Oh, ne. Takamine baut herrlich zu spielende Dreadnoughts (so heißen doch die normal großen?) mit Cutaway, die einfach großartig klingen!

        • Sandmann sagt:

          Na gut 🙂
          Aber es ist wie Ford Taunus und Audi 100 – die Fender bedeuten mir einfach was. Und meine kleine Gretsch ist einfach nur klasse. Klingt scheiße (weil klein), macht aber Spaß.

          Sandmann

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