Wermanns Märgel

Ein Ausflug in die Kindheit

Ein Ausflug in die Kindheit

Siebenmeilenstiefel sieben Geschichten lang
Ich habe ein Bild von einem Haus im Kopf. In meinen blassen Gedanken liegt es am Ende einer kleinen Straße auf der linken Seite, irgendwo in Golsar im Harz. Es ist weiß, mit einem flachen Dach, und davor steht ein schmaler, brauner Zaun. Keine Blumen. Ein paar perlige Waschbetonstufen führen zur dunklen Haustür aus Holz. Diese letzten, verschwommenen Erinnerungen eines sieben oder acht Jahre alten kleinen Jungen dürften mit die letzten Bilder sein, die mir von einem Familienausflug der vollständigen Familie Sandmann geblieben sind. 1978? 1979? Ein Jahr später gab es diese kleine Familie nicht mehr. Aber mein Patenonkel Norbert und seine Bärbel gibt es noch immer. Sie wohnen in diesem Haus, sagen sie, und heute fahren wir auf unserer zweiten Etappe zurück ins Jahr 1978. Und wenn ihr den Titel nicht versteht – das ist so ähnlich wie maggel Jeans on. My aggel Jeans on. Tscht tscht.

Wir haben aber noch ein Zelt im Garten stehen, wir hatten gestern unser jährliches Nachbarschaftsfest… Und aufgeräumt is‘ auch nicht….“ Bärbel klingt am Telefon, wie Bärbel schon immer geklungen hat. Ach kommt, ihr zwei. Ich habe euch seit 35 Jahren nicht gesehen. Glaubt ihr, dass mich da ein wenig Unordnung und die Fragmente einer Party stören?

Ich bin ein bisschen aufgeregt, als wir in die Straße einbiegen. Genau dieses Bild muss ich als kleiner Junge gesehen haben, als ich auf dem Rücksitz unseres Audi 100 5E in der Mitte gesessen und nach vorn rausgeguckt habe. Am Ende der Straße ist es nicht, das Haus. Aber auf der linken Seite stimmt.

Damals war es noch schwarz-weiß. Heute ist der Himmel blau.

Damals war es noch schwarz-weiß. Heute ist der Himmel blau.

Norbert und Bärbel. Jetzt, wo ich älter bin fällt mir auf, dass früher alle Verwandten entweder Tanten oder Onkel waren. Tante Else, Tante Grete, Onkel Herbert und Tante Hannelore, Tante Gretel und Onkel Horst, Tante Rosemi und Onkel Georg. Einige waren tatsächlich Tanten und Onkel, andere habe ich (warum auch immer) so genannt. Tante Anna. Tante Dora? Nach der habe ich sogar ein Matchbox-Auto benannt, was sie mir mal mitgebracht hat. Ein oranger Mustang Fastback, das Tante Dora Auto. Wer… war eigentlich Tante Dora? Äh… Norbert und Bärbel waren schon immer Norbert und Bärbel. Goslar im Harz war von meinem Zuhause nicht weit weg. Ich erinnere mich an sagenhafte Schneetage und Rodelpartien in Hahnenklee am Bocksberg, an ein gemütliches Wohnzimmer und… an das Haus. Ja, es sieht tatsächlich noch so aus. Mein halbfinnisches Fräulein Altona und mein unermüdlich plapperndes viertelfinnisches Sandmädchen stehen neben mir auf einer Treppe aus Waschbeton, die von einem flachen, braunen Zaun gesäumt wird. Über uns spannt sich ein dunkelblauer Himmel. Nichts ist mehr schwarz/weiß. Ich klingel. Und die beiden, die dann gut gelaunt die Tür öffnen sind Norbert und Bärbel. Wie immer. Nur ein bisschen älter.
Während meine kleine Thronfolgerin zielstrebig in eines der Zimmer schleicht und die dort hausende Katze streichelt, sauge ich jedes Detail in mir auf. Bärbel macht ein paar Leckereien von gestern Abend warm, und Bier ist auch noch im Fass, sagt Norbert. Prost. Ich stehe in dem Wohnzimmer, was fast exakt so aussieht wie das Wohnzimmer meiner Eltern? Ja wie? „Die Schrankwand haben Mutti und Papa damals so toll gefunden, die haben sich dann die gleiche gekauft…“ Ach. Diese Wandelemente aus Eiche rustikal, mit Vitrinen, Schubladen und Regalen sind mir so unglaublich vertraut. Eine alte Stereoanlage steht auf dem unteren Element, an der Wand hängen hölzerne Masken, angeleuchtet von kleinen Strahlern. Die Möbel meiner Kindheit, im Original irgendwann in den 90ern auf einem großen Container und im Keller meiner großen Schwester Anita gelandet – hier stehen sie in täglicher Benutzung.

Eiche rustikal - wie bei Mutti und Papa.

Eiche rustikal – wie bei Mutti und Papa.

Mir dreht sich ein Lied im Kopf. „Jeans On“ von David Dundas. Kennt ihr nicht? Herr Dundas spielt auf einer elektromechanischen Orgel, sieht ein bisschen aus wie einer aus Denver oder Dallas und landet in den mittleren 70ern einen Hit mit der Werbung für eine Jeansmarke. Mein Papa schenkte mit die Platte, ich denke, es wird meine allererste Schallplatte gewesen sein. Ich habe den Titel rauf und runter gehört und immer mitgesungen. „I put maggel Jeans on, I put my aggel Jeans on. Tscht tscht“ ♫ Irgendwann konnte ich es nicht mehr hören und fand stattdessen „Another funny Honeymoon“ toll. Später, viel viel später erkannte ich, dass David eigentlich my blue Jeans anzog. Seine old blue Jeans. Ich werde mein Leben lang trotzdem maggel und aggel hören, jetzt auch, vielleicht lief es einst auf dieser Stereoanlage?
Draußen im Partyzelt brennt die Sonne warme, wabernde Luftmengen auf unsere Schultern. Wir babbeln über die Gegenwart, meinen Papa, meine Schwester Anita und das Leben in Schleswig-Holstein, Hamburg und Goslar. Die beiden zapfen sich jeder ein schönes, kühles Bier aus dem Partyfass von gestern Abend. Das viertelfinnische Sandmädchen stromert dicht hinter der flüchtenden Katze durch den Garten und steht plötzlich vor der kleinen Yvonne. Yvonne! Alles ein bisschen viel heute für mich. Yvonne ist die Tochter von Norbert und Bärbel, ein bisschen jünger als ich. Nicole war die, die ein bisschen älter war. Äh, und noch immer ein bisschen älter ist, denke ich mal. Die kleine Yvonne. Sie ist zusammen mit ihrem Freund gekommen, um das Partyzelt abzubauen. Während die beiden Metallstangen zerlegen und Planen aufrollen erzählen sie von einem Leben, was in diesen Dimensionen noch nicht abzusehen war, damals, 1978. Aber wer konnte damals schon ahnen, was im Jahr 2016 sein würde?

Der Pate - Teil IV. Oder so.

Der Pate – Teil IV. Oder so.

Ich stecke tief in einer Zeitschleife. Angenehm. Angenehm, weil hier offensichtlich alles okay ist. Während bei allen anderen Beteiligten der damaligen Bilder in meinem Kopf das Leben sich mindestens einmal auf links gekrempelt hat, könnte das hier auch ein Sommertag im Jahr 1978 sein. Nur der Flachbildschirm würde nicht passen. Alles andere ist so geblieben wie es immer war, das ist irgendwie ein beruhigender Anker in einer sich immer schneller drehenden Welt. Tscht tscht. Leider sind wir nur auf der Durchreise, wir hätten bestimmt noch viel zu erzählen, während die kleine Yvonne weiter das Zelt um uns rum dem Erdboden gleich macht. Die kleintieraffine Viertelfinnin will noch nicht weg. Sie will noch weiter die Katze streicheln, aber mit einem Gummibärchen bekommt man momentan alles geregelt. Drücken, einmal schlucken, versprechen, Papas Telefonnummer weiterzugeben (ob er das will oder nicht) und wieder raus aus der Straße, die anders als erinnert keinen Wendehammer hat. Als wir wieder auf der Strecke sind und der Daimler auf dem Weg nach Thüringen kerngesund vor sich hinschnurrt, berichtet das Sandmädchen hinten auf ihrem Kindersitz mit großen Augen von Wermanns Märgel und deren Katze. Namen wie Norbert oder Bärbel gibt es in ihrer KiTa nicht. Also baut sie sich ihre eigen kleine Welt aus dem, was sie gehört hat und dem, was sie denkt, wie es heißen könnte 🙂 Aggel Jeans im Jahr 2016.

Entlang der Highways nach Süden

Entlang der Highways nach Süden

Auf uns wartet heute Abend ein alter Freund, der mit seiner Gemahlin in Thüringen einen stattlichen Landsitz und eine Menge Felder geerbt hat. Ein Leben am Rande der fünfstelligen Postleitzahlen, würde man einen drauflegen wäre sie sechsstellig. Ist das der Rand der bekannten Welt? Statt sich auf die faule Erben-Haut zu legen, setzt der Mann sich auf einen Trecker und ackert mit den Angestellten draußen auf den Feldern, so viel es eben geht. Das Korn muss eingeholt werden, und die vielen Hektar ernten sich nicht von alleine. Klasse. Bernhard und (nein, nicht Bianca) Sophie leben mit ihren drei Kindern das Leben, was heute viele gern leben würden, die von der Virtualität und der meinungsbildenden Medienwelt die Schnauze voll haben. Ein richtiger Bauernhof, mit Landmaschinen, Treckern, Silos und einem schönen Herrenhaus. Der Kontakt kommt aus den jungen Jahren meines halbfinnischen Fräulein Altonas, deren alte Freunde heute mehr als spannende Jobs haben (ihr erinnert euch an den Diplomaten in Kenia?). Und so sitze ich am Ende dieses für mich etwas aufwühlenden Tages mit einem lustigen Rechtsanwalt und einem smarten Großgrundbesitzer auf der Terrasse im Rauch des erloschenen Grills, blicke über das Land und trinke guten Gin in verschiedenen Limonaden. Tonic ist schon lange alle.

Prost. Auf das was war und das was kommt.

Prost. Auf das was war und das was kommt.

Dieser Roadtrip ist noch immer erst an seinem Anfang. Und ich habe die ganze Nacht von David Dundas und seiner Elektroorgel geträumt. Und ein bisschen kurbeln der Restalkohol und die Zigarre in meinem Nervensystem nach, wohlan, das war es wert. Nach einem leckeren Frühstück mit frischen Brötchen, deftiger Wurst und würzigem Käse packen wir unser Köfferchen wieder zusammen und stapfen raus zum Auto, durch den großen Betrieb, wo das Leben schon wieder in vollem Gange ist. Traktoren ziehen große Geräte durch die Höfe, Lastwagen kommen und laden das frisch gedroschene Korn auf. Es rauscht, klüngelt, klappert und duftet nach Natur und Staub. Herrlich.
Heute Nachmittag kommt noch eine andere Herzklopfen-Verabredung auf mich zu. Wir besuchen auf dem Weg zu unserer nächsten Etappe den Comiczeichner, der meine YPS-Kindheit mit geprägt hat und mich dazu animierte, eine lange Zeit kleine alberne Figuren zu zeichnen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nächste Etappe. Auf geht's.

Nächste Etappe. Auf geht’s.

Die Sonne klettert den Himmel hoch, als ich meine Lisa bemühe, uns aus dieser Wildnis heruszuholen. Ich mag ja mein großes TomTom. Mein halbfinnisches Fräulein Altona nicht so, sie versteht den Wegfindungs-Algorithmus nicht und behauptet, dass andere Strecken wesentlich angenehmer zu fahren wären. Ich ahne, dass sie öfter mal Recht haben könnte, bin aber bisher immer dort angekommen, wo ich ankommen wollte. Wenngleich nicht immer streitfrei. Lisa ist toll.
Während wir auf schmalen Wegen durch Felder und Wälder geleitet werden („das kann doch unmöglich die schnellste Strecke sein…?„), denke ich immer wieder an Norbert und Bärbel. Wermanns Märgel. Ich möchte da noch einmal hin, noch einmal in diesem Wohnzimmer sitzen und über das reden, was war. Und auch gern über das, was ist und was noch kommen wird. Und dann trinke ich auch ein oder zwei Bier mit. Wird euch nicht auch bewusst, dass ihr viel zu selten einmal die Menschen besucht, die euch früher etwas bedeutet haben? Aus Trägheit, weil der Kontakt abgerissen ist oder weil ihr das Gefühl habt, die Welt hat sich weitergedreht? Denkt einmal darüber nach. Und dann greift zum Telefon. Die Zeit steht nicht still, auch nicht in Goslar, das Leben holt sich einen nach dem anderen aus dem Theaterstück raus. Und wenn der Vorhang erst einmal gefallen ist, dann sind wir ganz allein mit der Virtualität und der sich immer schneller drehenden Welt. Tscht tscht.

Sandmann


 

Und HIER geht es weiter zum Comiczeichner meiner Kindheit

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

6 Responses to Wermanns Märgel

  1. Pingback: Quedlinburger Platte

  2. Gert Lovisa says:

    Hallo Jens,

    schon zwei berührende Geschichten, bin gespannt auf die anderen fünf. Ich bin auch grad dabei, vernachlässigte Teile meiner Familiengeschichte ans Tageslicht zu holen dank unverhoffter Begegnungen und lieben Verwandten, die mich nicht vergessen haben! Ich werden berichten, wenn Du magst!

    Beste Grüße Gert (6 Volt)

    • Sandmann says:

      Bester Gerd,

      ebenfalls 6 Volt verblitzt komme ich gerade von einer mehr als coolen Tour mit dem Örg wieder nach Hause und ja – ich würde mich sehr freuen, wenn du mal erzählst, was in deiner Familie los war/ist/sein wird. Über Autos sprechen wir ja ständig 😉

      Prost von Kiel nach Kiel
      Sandmann

  3. Daemonarch says:

    Ich hab letztens ein paar Dokus über modernes Landleben gesehen, was mich immer mehr darin bestärkt hat das ich absolut kein Stadtmensch bin…

    Ich fühl mich zwar in meinem Vorort einigermaßen aufgehoben, aber schon in der Dortmunder Innenstadt könnte ich nach einer halben Stunde amok laufen. Was da an Gestalten rumgeistern, das wäre vor 50 Jahren selbst in einer Geisterbahn zu brutal gewesen.

    Ich glaube ich brauche einfach die Natur, die Ruhe und bodenständige Menschen, die einfach nicht falsch und durchgeknallt sind, „unique“ ist einfach überbewertet.

    So, die Sonne kommt raus, ich spring mal eben auf mein Rad, und setze mich eine Stunde auf den Friedhof, Ruhe tanken.

    • Sandmann says:

      Ay Daemonarch,

      deshalb bin ich ja so glücklich mit der Wohnung meines halbfinnischen Fräulein Altonas mitten in Hamburg und dem eigenen kleinen Reich am Rand von Kiel, mit Garten und Garage. Ganz in der Innenstadt kann und will ich auch nicht leben. Aber ganz auf dem Land auch nicht, da ist die Dichte der Dreiohrigen zu hoch.
      Der Mix macht’s. Und meine Entschleunigung hole ich mir beim Autofahren….

      So wie jetzt gleich mit dem XM nach Kiel 🙂 Yay!
      Sandmann

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