Zaubergeigers Alltagsauto

Nicht Helmut - aber sein Auto

Nicht Helmut – aber sein Auto

Die eierlegende Wollmilchsau. In Rot. Mit der Optik des abgehobenen Flügeltürers 300 SL und der Technik des bodenständigen Ponton definiert Mercedes-Benz in den 50er Jahren den vielseitigen, anspruchslosen Tourensportwagen. Und der Konzern erschafft mit dem 190 SL einen der begehrtesten Klassiker dieser Zeit. So schön, dass damals auch Helmut Zacharias zugriff. Kennt ihr nicht? Fragt mal eure Eltern 🙂 Der Mann geigte und komponierte sich empathisch in die Herzen aller Hausfrauen. Etwas subtiler als heute David Garrett. Ich verbringe einen ganzen, wundervollen Herbsttag mit dem Auto und seinem heutigen Besitzer und schau mal, ob in dem perfekt restaurierten Wagen aus der Wirtschaftswunderzeit noch ein paar Noten unter dem Teppich zu finden sind.

Nein - nicht gewöhnlich

Nein – nicht gewöhnlich

Wer von der Muse geküsst wird und virtuos oder kreativ sein Leben lebt – der kann eigentlich konsequenterweise kein ganz normales Auto fahren. Denn ein Auto kann ebenso leidenschaftliche Gefühle wecken wie ein Kunstwerk oder ein Musikstück. Allerdings nicht jedes Auto. Aber „jedes Auto“ wäre für Helmut Zacharias auch nicht in Frage gekommen. Der ecken- und kantenlose Entertainer geigte sich schon während des zweiten Weltkriegs mit dem damals offiziell verpönten Jazz in die Herzen der Massen. Mit dem Siegeszug des Fernsehens gelangte er zu einer allgegenwärtigen, volkstümlichen Popularität. Wenn der weiße Flieder wieder blüüüht ♫ Na? Nicht. Hm. Was fährt man denn nun, wenn man sich mit einem besonders fröhlichen Bogenschwung einen Namen gemacht hat und die rund 400 selbst komponierten Melodien schon auf Millionen von Schallplatten kreisten? Es musste ein Auto sein, was gleichzeitig bodenständig und hinreißend ist.

Platznehmen und frei sein

Platznehmen und frei sein

Einen Sportwagen mit den Genen einer massenproduzierten Limousine. Der US Markt gierte nach sportlichen Autos made in Germany, und Daimler-Benz reagierte. Auf der Basis des braven „Ponton“ Mercedes, der schlichten und unzerstörbaren Limousine mit dem berühmten Ölmotor, sollte etwas Rassiges entstehen. Gleich dem leicht beschwingten Bogenstrich des Zaubergeigers kürzten die Konstrukteure um Walther Häcker herum die Ponton-Bodenplatte ein wenig und schneiderten eine fast schon lüsterne Karosserieform auf die technisch unspektaküläre Basis, welche dem Design des 300 SL Flügeltürers von Friedrich Geiger angelehnt wurde. Noch ein Geiger! Na wenn das kein zeichen ist? Motorhaube, Kofferraumdeckel, Türhäute und Türschweller wurden aus leichtem Aluminium gefertigt und ließen das neue Fahrzeug mit 1180kg nur knapp über das angestrebte Gewicht von einer Tonne hinausklettern.

Nur vier. Die sehen aber nach mehr aus.

Nur vier. Die sehen aber nach mehr aus.

Auch andere Benchmarks konnten nicht ganz erreicht werden. Die namensgebende 190 fand sich einerseits im Hubraum des neu konstruierten Vierzylinders mit 105 PS wieder, andererseits sollte sie die Höchstgeschwindigkeit markieren. Man machte sich noch echte Gedanken über die Namensgebung automobiler Schöpfungen. Man ließ keine Computerprogramme irgendwelche Kunstnamen aus Algorithmen orakeln und endet dann bei Getz oder Aygo oder ähnlichen Katastrophen. SL 190. Super Leicht Höchstgeschwindigkeit. Äh…. das schaffte man aber auch nicht ganz. Selbst mit Rückenwind kamen die Testwagen nur auf etwas über 170 km/h, was allerdings in den 50ern schon fast für die Alleinherrschaft auf der linken Spur reichte. Eine Benzineinspritzung hielt man damals noch für zu teuer. Für eine gute Gemischbefeuerung sorgten also zwei Solex-Flachstrom-Registervergaser der Deutschen-Vergaser-Gesellschaft, für die sich der Daimler Vorstand gegen die italienischen Weber Vergaser entschieden hatte. Damals bis heute die Achillesferse des schönen Roadsters – wenn die Leistung des ansonsten genügsamen Motors abfiel oder er unrund vor sich hin stotterte lag das meistens an ausgeschlagenen Drosselklappen.

Traumhaft, oder? Das ist Kunst.

Traumhaft, oder? Das ist Kunst.

Ein zeitlos teurer Defekt. Wohl denen, die da Hand anlegen konnten. Aber wenn der Daimler erstmal rannte, war er nur schwer zu halten und kam in seiner Endgeschwindigkeit an den Porsche 356 ran. Wenn Verzögerung doch mal nötig wurde, mussten sich die Fahrer auf vier große Trommelbremsen verlassen. Aus heutiger Sicht ist das der pure Wahnsinn, Super Leicht hin oder her. Immerhin hatten die Trömmelchen Kühlrippen rundrum, die der Presse als neuartige „Turbokühlung“ verkauft wurden. Marketing ist alles. Scheibenbremsen gab es erst beim Nachfolger, der „Pagode“.

Armaturen zum Niederknien

Armaturen zum Niederknien

Es ist überliefert, dass Zaubergeiger Zacharias vor allem von der schlichten Farbkombination aus rotem Lack und beigen Ledersitzen begeistert war. Das hier war sein Auto. Nicht so eins wie seins, es war seins. Die Schönheit des Gesamtkunstwerks 190 SL haute 1955 auf dem Genfer Autosalon die Presse regelrecht aus den Designerschuhen. Genau so etwas hatte man sich gewünscht. Form follows Function: Die horizontalen Lanzetten über den Radläufen sahen nicht nur superschnell aus, sie verhinderten auch die Schmutzbildung an den Flanken. Etwas ähnliches sollten später beim W123 die geriffelten Rücklichter übernehmen. Ob man die allerdings schön findet liegt im Auge des Betrachters. Ein weiteres Gimmick war der hinter den Vordersitzen leicht einbaubare Einzelstuhl, auf dem ein dritter Passagier quer zur Fahrtrichtung mitreisen konnte. Schwiegermütterchen zum Beispiel. Bei Helmut Zacharias lag hier ausschließlich seine Philipp Hamming Geige, sauber in ein Tuch gewickelt, geschützt im Geigenkasten.

Da ist noch immer Musik drin

Da ist noch immer Musik drin

Heute liegt hier auch eine Geige. Ob es sich um ein kostspieliges Modell handelt entzieht sich meiner Gitarre spielenden Kenntnis, auf jeden Fall sieht sie wunderschön aus. Der weißhaarige Mann im besten Alter mit Golfmütze, Sportjacke und Schal (passend zur Mütze) wirkt ähnlich gut gelaunt wie der Zaubergeiger, der schon vor mehr als 10 Jahren auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt wurde. Otto Voss, Alt-Vorstand der nordrhein-westfälischen Klassikerschmiede Autohaus Voss, hat sich in Schale geschmissen und ist bereit, mit mir zusammen Helmut Zacharias‘ Auto durch die volkstümlichen, beschaulichen Orte im Herzen von Nordrhein-Westfalen zu scheuchen. Ich küsse ihre Hand, Madame ♫ Ich mache mir noch einmal klar: Es ist nicht so ein ähnliches Auto wie das damals vom Geiger, nein, es ist genau sein Auto. In den Sitzen stecken noch die Noten des Erfolgs, und am Lenkrad kurbelten diese damals so erfolgreichen, virtuosen Hände. Irgendwie ist das noch immer zu spüren. Ich bin beseelt, auch wenn der Mann weit vor meiner Zeit musizierte.

Herrenfahrer sterben niemals aus

Herrenfahrer sterben niemals aus

Es hätte auch kein anderes Fahrzeug sein können. Dass man in den 50ern für einen gut ausgestatteten SL fast doppelt so viel bezahlen musste wie für einen Porsche 356 war Zacharias vermutlich genau so egal wie den meisten anderen Käufern, zwischen 1956 und 1963 verkaufte der Beau sich über 25.000 mal. Davon gingen nur ein paar mehr als 5000 Exemplare nach Deutschland, die meisten wanderten in die U.S.A. In den 80er Jahren hatte Familie Voss den Wagen mitten in seiner Tiefpreisphase für sagenhafte 19.000 Mark gekauft und komplett neu aufgebaut. Frame Off. Der SL belohnt das, unabhängig von seinem Esprit und seiner Schönheit, heute mit einem dramatischen Wertzuwachs. Kein Konto dieser Welt und keine Altersvorsorge bieten derzeit eine so hohe Verzinsung. Die weltweit noch verbliebenen rund 2000 Fahrzeuge werden in gutem Zustand mit 70.000 Euro gehandelt! Viel Geld – aber immer noch wesentlich weniger, als der große Bruder 300 SL auf die Kasse legt. Wenn der es sein soll muss man inzwischen ein bisschen mehr als den Gegenwert eines kleinen Einfamilienhauses auf den Tresen legen, da wird das Millönchen schnell mal geknackt.

Vollgas überland, ohne Dach, so soll es sein

Vollgas überland, ohne Dach, so soll es sein

Aber wer denkt an Wertzuwachs, wenn sich die beiden Vergaser mit Benzin füllen und der knurrige Vierzylinder zu rauem Leben erwacht? Ein paar kurze Gasstöße, dann läuft der Vierzylinder rund und knattert wundervoll mechanisch. Seine Ponton Gene kann der Sportler nicht verschweigen, er klingt fast genau so. Aber das ist heute irgendwie… cool. Wir geben dem Motor noch ein kleines Weilchen, bis er sich einigermaßen aufgewärmt hat, dann geht es raus auf’s Land. Borrraaaarrrrrr! Nicht das tiefe Gullern eines Achtzylinders, nicht das röchelnde Saugen eines Sechszylinder Boxers, nur das metallische Braten eines robusten, sauber durchkonstruierten Vierzylinders mit zwei dicken Lungen oben drauf. Fraaaag den Wind ♫

Auch ein Rücken kann entzücken

Auch ein Rücken kann entzücken

In diesem Fall sind deren Drosselklappen alles andere als ausgeschlagen, der Motor läuft rund und gesund, zieht kernig an und knödelt im Standgas munter und unternehmenslustig vor sich hin. Die Landschaft um uns herum fliegt nur so vorbei, sie ist zwar nicht spektakulär wie die Stadtkulisse von Mailand, punktet aber mit liebenswerten Details. Ein Stop an einer kleinen Zapfsäule, einsam und allein direkt vor einem alten Wohnhaus mitten in der Stadt. Hier tankte man damals. Heute kann man sich nur noch an der Optik freuen, viel Benzin ist der Säule nicht mehr zu entlocken. Aber begeistert und nicht auch die Optik, der Charme alter Plätze, die eine Geschichte erzählen? Ein Verharren fernab der großen Stadt, wo die digital Natives mit krummem Rücken Pokémons jagen. Eine Katze schleicht über das Kopfsteinpflaster. Bunte Blätter fallen.

Einmal randvoll, bitte

Einmal randvoll, bitte

Fallende Blätter. Stimmt. Kalt ist es. Die Sonne strahlt von einem tiefblauen Himmel runter auf den roten Roadster mit den beigen Sitzen, als er durch die ruhigen Straßen rollt und ein ums andere kleine Dörfchen mit unerwartet kraftvollem Motorensound füllt. Hier auf dem Land ist er noch immer der schicke Rebell, der er damals schon war. So viele Farben muss das Auge, was sich heute an graue, silberne und schwarze Alltagskarren gewöhnt hat erstmal verarbeiten und irgendwie auf den Begriff „Auto“ legen. Der 190er ist eigentlich mehr Kunst als ein Auto. Aber warum auch nicht? Es soll Gemälde geben, die wesentlich teurer sind. Und mit denen kann man nicht so toll durchs Land schroten und den Fahrtwind im Gesicht spüren.

Am Ende ist immer Musik

Am Ende ist immer Musik

Helmut Zacharias wusste genau, was er sich da kaufte. Der SL 190 ist auch heute noch Inspiration und Fortbewegungsmittel zugleich, Lifestyle und irgendwie trotzdem fast ein bisschen Understatement. Weil er eben nur 4 Zylinder hat, aber mehr braucht er auch nicht. Otto legt die Gänge gekonnt am langen Knüppel ein, lauscht und lächelt. Der Experte für klassische Mercedes-Benz hat Sterne im Blut, bei ihm ist der Roadster in allerbesten Händen. Genau wie damals beim Zaubergeiger. In einem unbemerkten Moment hebe ich die Beifahrerfußmatte ein wenig an und … höre leise Geigentöne. Na also.
Nach einigen viel zu kurzen Stunden rollen wir wieder zurück auf den Hof. Vermutlich hab ich mir eine Erkältung gefangen, mir fehlte so ein kleidsamer Schal wie der des Mannes am Steuer. Egal. Das ist pures, glücklich machendes Autofahren. Das war schon immer so. Und das wird wohl auch immer so bleiben.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

8 Responses to Zaubergeigers Alltagsauto

  1. stefanh says:

    Der Nitribitt-SL (kennst Du die Geschichte?) gefällt mir mittlerweile fast besser als der grosse Bruder, der Flügeltürer. Leider haben die Preise in den letzten 10-20 Jahren gewaltig angezogen, sodass ein 190 SL selbst für Gutverdiener ausser Reichweite geraten ist…

    Gruss, Stefan H.

    • Sandmann says:

      Ay Stefan,

      ja, auf die Nitribitt Geschichte wurde ich auf Facebook hingewiesen 🙂 Ich kannte sie grob, hatte aber die ganze Dimension nicht auf dem Schirm. Schon schräg….
      300 SL gehen inzwischen auch gern mal siebenstellig weg, der 190er kratzt an der Sechsstelligkeit. Völlig indiskutabel, bei aller Liebe. Selbst wenn ich nicht wüsste wohin mit meinem Geld wäre mir das zu viel, am Ende des Tages für ein AUTO! Krass.

      Gruß zurück
      Sandmann

  2. Daemonarch says:

    Ein wunderschönes Auto…

    • Sandmann says:

      Ay Daemonarch,

      finde ich auch. Findet nicht jeder 😉
      Was mich stört ist der Preis, der mit der „bodenständigen“ Basis des Ponton einfach nicht zusammenpasst. Also, heute, meine ich.
      Aber dieses Schicksal teilen sich immer mehr Klassiker, die von reichen Sammlern oder Liebhabern „entdeckt“ werden. ZACK sind sie entweder alle weg oder unerschwinglich. Doof. Schnell noch ein Taunus Coupé krallen bevor der auch 20.000 Euro kostet.

      Sandmann

  3. XG30_2000 says:

    Ich mag das Auto nicht. Ich kann auch nicht wirklich verstehen, was die Leute daran finden.

    • Sandmann says:

      Ay XG30_2000,

      na ja, über Geschmack können wir uns ja nicht streiten 🙂 Allerdings finde ich, dass es Autos gibt, die man schon als objektiv schön oder gelungen bezeichnen könnte. Und meiner Meinung nach gehört dieser dazu. Stimmige Linie, schöne Form als Ganzes, obendrauf eine Menge Zeitgeist…..
      Aber das muss jeder für sich selbst sehen. Es soll auch Menschen geben, die den Multipla Fiat „kultig“ finden. Ich könnte kotzen.

      Sandmann

  4. LostTupper says:

    Hey Sandmann,

    da warst du ja bei mir um die Ecke. Das Autohaus Voss ist keine 15km von meinem Haus entfernt. Super Laden übrigens, die haben mal aus Mitleid kostenlos meine Ente repariert, als ich noch in der Lehre war!!!

    Gruß
    Stefan

    • Sandmann says:

      Ay LostTupper,

      ich bin immer nur ein paar Meilen von irgend jemandem entfernt 🙂 Meine Fototage bestehen leider nur aus permanenten Absagen. Ich muss das mal wie der KLE machen und eine Social Tour ohne konkrete Aufgabe starten. Nur mal die Homies besuchen. Irgendwann…..
      Bei Voss war ich vor allem, weil die den Indy Rennwagen zum Laufen gebracht haben. Wahnsinn. War eine coole Geschichte…..

      Sandmann

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