Zurück in die Kindheit – Prolog der Odyssee

Rückblick. Mit Koteletten, Schlaghosen und einem Fotoalbum.

Na - dann holen wir ihn mal raus

Na – dann holen wir ihn mal raus

Wer von Ihnen erinnert sich noch mit erwärmtem Herzen an meine Retrogedanken Anno 2007? Ich hatte in einem Anflug von Kindheitsbewältigung plötzlich das Bedürfnis, wie mein Papa einen VW K70 zu besitzen. Nach erfolgreicher Suche holte ich das gefundene Exemplar mit Andinho aus Dortmund und erlebte noch dies und das. Erstes Ziel der Aktion: Eine Retro-Tour in den Pfälzer Wald, genau wie meine Eltern es mit so einem Auto und uns Kindern 1973 gemacht haben. Heute wie damals natürlich mit stilsicheren Klamotten. Und die Bilder aus dem alten Fotoalbum an den gleichen Orten nachstellen! Örg und ich haben den KaSi endlich aus meiner muffigen Garage gerollt. Meine Klebe-Koteletten von ebay sind angekommen, Örgs sind ohnehin echt und der inkagoldene neckarsulmer Kanten-König wird heute und morgen noch grundüberholt. Denn: am Montag geht es los! Mit Schlaghosen, Pornobrillen und einem ADAC Atlas von 1971 fahren wir von Kiel in die Pfalz!

Machen Sie eine bekannte Bewegung

Machen Sie eine bekannte Bewegung

Dazu muss der KaSi aber zunächst einmal ein paar technische Problemchen ausgetrieben bekommen. Man erinnert sich vielleicht (oder liest es schmunzelnd nach), er bremst ja recht gut. Nur hört er anschließend damit nicht mehr auf. Einmal angebremst, sind die vorderen Sättel fest, und durch die damit entstehende Wärme werden sie immer fester. Ein typischer Standschaden, weiß man im Club. Die insgesamt acht Kolben der Bremssättel rosten fest, wenn sie nicht regelmäßig bebremst werden. Schon nach drei Metern, beim Rausfahren aus meiner Garage, setze ich mich mit diesem Problem erneut intensiv auseinander. Selbstverständlich fängt es in diesem Augenblick an, wie aus Eimern zu regnen. Was dachten Sie denn? 😐

Nicht ganz legal unterwegs in Kiel

Nicht ganz legal unterwegs in Kiel

Die Strecke zu Örgs versprengtem Werkstatt-Außenposten (die klassische W8 in Kiel ist damals noch nicht bezugsfertig) führt uns entlang des Ostufers der Kieler Förde. Der K70 rollt einigermaßen, aber ich merke, dass die vorderen Bremsen langsam – wie befürchtet – immer fester zupacken. Das trägt nicht zu meiner Entspannung bei. Spezialwerkzeug habe ich bereits gekauft, eine 46er Nuss für die Radlager, 6er Imbus für die Bremsscheiben und einen 55er Torx für die Bremssättel. Außerdem liegen im Kofferraum die neuen Stoßtangen und die neue Frontschürze, die der Örg noch einschweißen wird. Aber erst einmal müssen wir dort auch ankommen! Und in meinem Kopf schwirren eine Handvoll Gründe, warum ich gerade jetzt nicht an den Straßenrand fahre und die Bremsbacken mit einem dicken Schraubenzieher wieder von den Scheiben wegdrücke. Einer ist zum Beispiel der Regen. Der andere das nicht mehr so ganz aktuelle Kurzzeitkennzeichen aus Dortmund. Aber das ist eine andere Geschichte.

Er fährt und er bremst

Er fährt und er bremst

Der VW K70 ist unglaublich robust. Okay, der Choke (kennen Sie noch einen Choke?) wirkt ab Werk nur auf zwei der vier Zylinder, so dass der schratige Oldtimer in der Kaltlaufphase grundsätzlich wie ein Sack Nüsse läuft. Doch wenn er erst einmal fährt, ist er nicht mehr zu halten. Außer mit festen Bremsen. Nach seiner langen Schlafphase in meiner Garage bockt das alte NSU-Triebwerk wie eine defekte Ingersoll Automatik Uhr gegen den ungewollten energieverzehrenden Bremsvorgang an, kurz vor unserer Ankunft im Nachbardörfchen kann ich immerhin noch im dritten Gang mit beherztem Vollgas den Vortrieb aufrecht erhalten! Da müssen wir dringend bei. Auch der Motor läuft anscheinen nicht so rund, wie er sollte. Aber deshalb sind wir ja auch auf dem Weg zum Schrauborado. Der Pfälzer Wald wiederum ist nicht gerade nebenan, und wenn ich auch von Dortmund nach Kiel mit der Handbremse ausgekommen bin, diesmal strebe ich technische Absolution an.

Okay, dann fangen wir mal an

Okay, dann fangen wir mal an

Die Blumenkinder sind im Barrazomato angekommen. Ein bisschen Kosmetik, ein bisschen Technik – und am Wochenende sollte alles gut sein. Schließlich soll der alte Herr ja schön aussehen, wenn der Fotograf von der Auto Bild Klassik kommt! Das wird dann am Dienstag der Fall sein. Mein Köfferchen ist gepackt, Laptop mit GPRS-Modem zum kostspieligen Bloggen von unterwegs ist auch dabei. Am Wochenende holen Örg und ich noch ein paar Bekleidungs-Schätzchen aus dem Second-Hand-Laden in der Kieler Altstadt. Im Kofferraum liegen diverse Chrompolituren, Kupferpasten, Kaltreiniger und Kriechöle der Firma Caramba, die ich allein zur Bremsenrestauration GUT brauchen können werde. Außerdem ein paar Ersatzteile, Gaffertape, Draht und natürlich Werkzeug. Was kann da noch schief gehen?*

Wo genau geht es hin? Von Montag bis Freitag residieren der Örg und der Sandmann in einem hoffentlich gemütlichen Doppelzimmer im Landhotel Schoner im StüterhofKlicken Sie hier. Wir müssen noch klären, warum meine Eltern damals mit uns Kindern ausgerechnet DA hin in den Urlaub gefahren sind. Nicht einmal Christian Steiger, Stellvertretender Chefredakteur von AUTO BILD und graue Eminenz von AUTO BILD KLASSIK als Ur-Pfälzer kennt Stüterhof! Na gut. Ich bin ein bisschen aufgeregt und ein bisschen melancholisch. Das Spiel ist eröffnet, drücken Sie uns die Daumen dass der goldene Oktober auf der Seite der reisenden Engel ist! Wir lesen uns.

Sandmann

*P.S.: Da kann noch ’ne MENGE schief gehen. Ich HASSE festgerostete Bremsen. Aber dazu hier mehr. Ich muss schlafen…

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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6 Responses to Zurück in die Kindheit – Prolog der Odyssee

  1. El Gigante says:

    Jo man,

    endlich eine Geschichte auf ’ner Ebene, auf der auch ich mich RICHTIG wohlfühle und auskenne! 😉

    El

    • Sandmann says:

      Auch DU sollst hier ja unter all diesen schlimmen Menschen auf deine Kosten kommen 😉

      Ich habe gerade a) einen Riesenspaß, die Berichte wieder aufzuarbeiten und bin b) regelrecht verzweifelt, weil dieser Wagen, wenn er aus der Garage rausgeholt wird, Frau Holle zu reizen scheint. Es schneit. Auf den KaSi. Nicht zu fassen!

      Sandmann

  2. El Gigante says:

    DAS unterscheidet eindeutig MEINEN K70 von DEINEM K70!

    Wenn Wasser gefroren vom Himmel rieselt, dann hat Meiner draußen nichts zu suchen. Er steht schön trocken in seiner Garage.

    El Gigante

    • Sandmann says:

      El,

      das ist sicherlich auch sinnvoll und nachvollziehbar. Ich werde auf anderen Plattformen diesbezüglich jedes Jahr beschimpft 😉 Aber dieses mal habe ich keine Wahl, mehr Autos hab ich schlicht nicht auf dem Hof. Und ich möchte nicht riskieren, dass sich das Lenkgetriebe vom V8 zerlegt, weil ich ohne Servoöl gefahren bin…

      Dennoch ein nicht zu ergründendes Phänomen mit dem KaSi und dem Winter. Heute Nacht sind 10cm gefallen! Ich musste ihn vorhin freifegen, das gibt’s doch einfach nicht. Matsch, Schnee, Eis, festgefahrene A-Klassen 🙂

      Er wird eine umfangreiche Konservierung bekommen, später, im Frühling 🙂

      Sandmann

  3. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Festgefrorene A-Klassen?! Ich schmeiß mich weg! AmBodenkugel! 🙂 🙂
    Wie kommst Du nur auf solche Sachen?
    Solltest Du so irgendwann den Kasi konservieren wollen, dann gebe bitte einmal laut. Ich möchte auch altes Blech streicheln un dabei heißes Wachs „verpinseln“. 😉

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann says:

      Du bist herzlich eingeladen, wenn es soweit ist 🙂

      Er wird es uns danken, er hat mir jetzt schon so viel gute Laune bereitet, er hat es einfach verdient. Zumal er zum Winterauto verkommen ist…

      Sandmann

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