Vierhundert Bauern, 🎶 die zooogen ins Manöööööver, vierhundert Bauern… 🎵 Oha. Volkslieder, Kinderlieder, völlig falsch zitiert. In unserer 1982er Version dieses gemeinschaftlich gesungenen Gassenhauers ging es vor allem um die Vermählung einer peinlich berührten Mitschülerin mit einem rot werdenden Mitschüler – und die Anzahl an Kindern, die beide später haben werden. Diese von 11jährigen Propheten vorgetragenen Weisheiten schwirren mir durch den Kopf, während ein Volkswagen aus Dresden Dieselwolken in die niedersächsische Morgenluft zündet. Ich bin zurück in meiner Heimatstadt Uelzen, und es zieht mich zu den sterbenden Mauern der Herrmann-Löns-Schule, wo alle Kinder der Umgebung die 5. und 6. Klasse gemeinsam verbrachten. Kommt ihr mit?
Bilder am Steuer triggern die Trolle.
Trolle vs. Gelassenheit
Wenn ich von meiner Helmkamera spreche, glauben einige das nicht. Seltsam 😇 Die oberflächlich hinschauende Gemeinde der Social Media Aktivisten sieht hier außerdem ein kleines Kind, das unangeschnallt auf dem Beifahrersitz spielt. Sie schreien meine Verantwortungslosigkeit raus, drohen mit dem Jugendamt und beklagen jammernd den zugemüllten Pflegezustand des Interieurs. Ich habe inzwischen aufgegeben, mich an solchen kleinpimmeligen Hass-Tröten abzuarbeiten und lächel erhaben in mich hinein. Mein kleinstes Sandmädchen™ und ich (und ihre Puppe Lia) durchqueren gegurtet und glücklich singend im Phaeton den Norden der Republik. Nuff said.
Eiiiner der Bauern, der hat ne schöne Toch___ter 🎶 Die Dame will wissen, wo ich zur Schule gegangen bin, als ich so alt war wie ihre große Schwester. Diesen Wunsch kann ich ihr erfüllen, ohne an einer Münze zu reiben. In Niedersachsen gingen in den 70ern und 80ern ausnahmslos alle Kinder nach der Grundschule für zwei Jahre auf die „Orientierungsstufe„. Erst dann teilten sich ihre Wege in Hauptschule, Realschule und Gymnasium und definierten einen sozialen Status, aus dem man sich nur schwer selbst rausarbeiten konnte. Schule. Ist das lange her 😳 Uelzen. Das war ein anderes Jahrtausend. Und da sind wir wieder.
Orientierungsstufe der Hermann-Löns Schule (OS HLS) Sommer 1981 bis Sommer 1983. Kurz davor war mein Papa ausgezogen und hat ein neues Leben mit einer neuen Familie angefangen. Kurz danach zog auch ich aus. Mit meiner Mama und meiner Schwester in ein anderes Bundesland zu einem anderen… Vater. Auch das war ein neues Leben, allerdings weniger freiwillig als die Flucht meines Papas. Mit meinen Freunden Tobi, Niels und Klaus zur Schule radelnd ahnte ich noch nicht, dass diese Kindheit hier endlich sein könnte. Wir waren 10 Jahre alt und eindeutig unsterblich. Und in den Pausen sangen wir dieses Lied. Wiiiiie soll sie heißen? Sibylle soll sie heiiißeeeen 🎵 Unser Universum bestand aus den beiden Kinos und dem Hallenbad. Unsere Raumschiffe waren die Fahrräder mit Rückspiegeln und Schmutzfängern.
Ein Lost Place der Bildung
Für diese Fahrräder gab’s natürlich hinter dem Tor des Schulhofs einen amtlichen Fahrradständer, der mit der arglosen Perfektion der 70er eine Vielzahl sich ineinander verkantender oder umkippender Drahtesel in nur wenigen Monaten zerstören konnte. Ich bin ein wenig sprachlos, dass es genau diesen Fahrradständer immer noch gibt 😂 Die im Wind pendelnden Plastikbügel erwecken allerdings nicht den Eindruck, als wären sie in letzter Zeit mal benutzt worden. Die meisten sind abgebrochen und verbiegen schon lange keine Lenker mehr. Vermutlich kommt die heutige Schülerschar auf E-Rollern und verlernt komplett das selbständig koordinierte Laufen.
Weeeeen soll sie haben? Den Jensi soll sie haaaaben 🎶 Am Rand des flächigen, schwarzen Asphalts mit aufgemalten Straßen, Kreuzungen und Zebrastreifen stehen die wuchtigen Tischtennisplatten. In den 80ern wurden die mit der Überzeugung hier aufgestellt, sie würden 1000 Jahre überdauern. Das hat an anderer Stelle schon einmal nicht funktioniert, und genau so kapitulierend sieht der geschliffene Waschbeton jetzt aus. „Lass mal Runde spielen!“ Wer keinen Tischtennisschläger hatte kloppste den kleinen Ball mit der blanken Hand über das Netz aus Metall auf die andere Seite. Kontakt mit den Kanten hinterließ rote Schürfwunden, die noch tagelang beim Duschen weh taten. Meine Tochter will jetzt Tischtennis spielen. Und ich werde den Eindruck nicht los, dass sich der Zustand der Fahrradständer und der Tischtennisplatten über das ganze Schulgrundstück zieht.
Singende Kinder
Das Sandmädchen™ und ich stiefeln an trüben Fenstern entlang. Ich wundere mich, dass drinnen alle Stühle und Tische gestapelt oder nicht mehr da sind. Wird das hier alles vielleicht gerade umgebaut? 😯 Saniert? Abgerissen? Die kleine Grundschülerin wundert sich auch, vor allem über den schwarz zugeteerten Schulhof. Irgendwie hat mich das früher nie gestört, gespielt haben wir da ja trotzdem wie die Wilden. Laut diesem Lied war ich Sybille versprochen. Ich stand mit dem Rücken an der warmen Wand. 12 Kinder liefen in einer Reihe eingehakt auf mich zu, berührten die Wand hinter mir mit einem hochgeworfenen Fuß und tanzten singend wieder zurück. Es steht noch die Frage im Raum, wie viele Kinder Sybille und ich bekommen würden?
Die warmen Wände links und rechts stehen da, wo sie immer standen, und das (von wem auch immer) umgetextete Volkslied hallt noch zwischen den Steinen. Als Kind singt man sowas einfach mit, ohne zu hinterfragen. Sowas, und wenn’s um Fußball-Schmählieder ging noch ganz andere Sachen 😳 Hinter den zweckmäßigen Alutüren kann ich das Eingangsportal der Orientierungsstufe sehen, in 40 Jahren hat sich hier nicht viel verändert. Grund- und Hauptschule gab es hier glaube ich auch. Ich streiche über die ausgeblichenen Griffe und ziehe leicht – und die Tür geht auf! 😯 Urks. Sind da welche drin? Hallo? Sandmädchen™? Wollen wir da mal rein und Papas Klassenraum suchen…?
Sie will.
Die Aula war früher… größer ⬅️➡️ Ganz sicher. Auf der flachen Bühne wanzten zur Weihnachtszeit Ochs und Esel um die Krippe herum, und Viola spielte auf ihrer Altflöte eine wundervolle zweite Stimme zu „Es ist ein Ros entsprungen„. Warum bleibt so etwas im Kopf hängen? Nicole gewinnt mit „Ein bisschen Frieden“ das, was heute der ESC ist. Helmut Kohl wird nach einem Misstrauensvotum Bundeskanzler. Deutschland verliert das WM Finale gegen Italien. Falklandkrieg, Krieg im Libanon, alles weg… -> aber die Altflöte und der Name einer Schülerin aus der Parallelklasse bleiben da? Menschen funktionieren seltsam. Hier unten waren die Physikräume mit Herrn Görke, die Koch-AG mit Frau Dietel und der Musikraum mit Herrn Dinnbier.
Nachdem in der Pause singend geklärt war dass Sybille und ich 12 Kinder haben werden mäanderten Horden von kleinen Menschen nach oben in die Fach- oder Klassenräume.
Die Treppe nach 1982
Mein sieben Jahre altes Sandmädchen™ hüpft plaudernd und neugierig forschend die Treppen rauf und runter. Sie geht selbst gerade erst zur Schule, und hier sieht für sie alles irgendwie klischeeschulig aus. Immer noch. Die Flure und Räume atmen den Hauch der 70er und strahlen gelb und grün die inzwischen widerlegte Annahme aus, diese Farben würden die Schülerschaft beruhigen. Es ist nirgendwo irgendein Mensch. Sie findet das toll und ruft laut, um dem Echo zu lauschen. Mich beunruhigt das ein bisschen in diesem Mix aus Lost Place und Baustelle. Wir dürfen nicht hier drin sein. Aber ich will 😑 Hier ist die Tür zu meinem Klassenraum. Grün, schwarze Klinke, seit 1982 hat sich nichts verändert. Wir gehen da mal rein, gleich ist Englisch.
Puh. Ja, hier war das. Auch in diesem Raum ist alles verhängt und wird neu gemalert. Immerhin nicht grün. Das Waschbecken und die Uhr hängen da wie vor 44 Jahren. Gleich kommt unser Englischlehrer Herr Jongeling rein. Von der allerersten Stunde an hat sich dieser stattliche Mann mit seinen roten Koteletten 👨🏻🦰 und strubbeligen Haaren vor uns aufgebaut und ohne Erklärung losgeschmettert: „WHEN JHONNY COMES MARCHING HOME AGAIN HOORAA HOORAA WE GIVE HIM A HEARTY WELCOME THEN HOORAA HOORAA“ Zuerst war’s verstörend. An Tag 3 oder 4 begriffen wir, dass er jeden Morgen mit uns ein englisches Lied singen will. Nach einigen Wochen sangen wir laut mit. Soldatenlieder. Shanties. Das war auch Manöver und so, aber irgendwie… erwachsener als die 400 Bauern und meine 12 Kinder mit Sybille.
Ich singe stehend das alte Lied, und mein Sandmädchen lacht laut. Sie stellt sich den Lehrer vor, wie er da vorn mit dramatischem Blick und heftig overacting englische und amerikanische Lieder vorträgt, die man heute vermutlich als nicht politisch korrekt bezeichnen würde. Ich fand’s toll, sie anscheinend auch. Hooraa 🎶 hooraa. Ich habe mal unsere 400 Bauern gegoogelt, am nächsten kommt diesem Ringelpiez mit Anfassen „Zehntausend Mann“ von 1929. Die zogen ins Manöver, machten bei einem Bauern mit schöner Tochter halt und dann gibt’s Unstimmigkeiten über Vermögenswerte, Mitgift und Standesdünkel. Meine Schulklasse hatte ihre eigene Version, am Ende ging’s ja um das Einhaken und Laufen und Singen, damit man in der Gemeinschaft ein „Liebespaar“ betiteln und bloßstellen kann 😂 Mit Sybille hatte ich nie was. Sie war mal dabei als ich ihre Schwester Silke besuchte, aber 12 Kinder hat niemand von uns bekommen. Die letzten Einträge auf der Seite der Hermann-Löns Schule sind von 2024, noch mit Corona Maßnahmen.
Keine Rumkugeln mehr
So viele Erinnerungen an eine Zeit, die einerseits weit weg ist und sich andererseits durch den authentischen Ort sehr nah anfühlt – müssen gefüttert werden. Hier in der Nähe gab es das Café Ebeling, ein klassisches 🍰 Sahnetorten-Etablissement mit Blechkuchen, Brötchen und – Rumkugeln! Ich liebte Rumkugeln, ich liebe Rumkugeln und ich werde Rumkugeln immer lieben. Bezeichnenderweise war Café Ebeling direkt beim Friedhof, was auch immer man da für Rückschlüsse draus ziehen möchte.
Auf die Frage meines Sandmädchens™, was wir denn hier genau kaufen wollen erzähle ich ihr eine ungesunde Geschichte aus meiner Teenagerzeit (Opa erzählt vom Krieg…). Die Sommer 1986 bis 1988 habe ich zeltend im Garten jener Silke verbracht. Die Strecke über 170 Kilometer von Plön nach Ripdorf bei Uelzen bin ich erst mit Lutz und dann mit Binz mit dem Fahrrad gefahren. Mittagessen gab’s jeden Tag bei meiner Oma, die 20 Mark Taschengeld standen zur freien Verfügung: Bücher von Stephen King. Schokolade. Rumkugeln. Bei Ebeling kosteten die Rumkugeln aus einem nie geklärten Grund nur 10 Pfennig! 10 Pfennig!!! Es war jeden Sommer ein erhabenes Gefühl, an den Tresen zu treten und zu sagen: „Ich hätte gern 50 von den Rumkugeln„. Meine Tochter hat in Mathe aufgepasst und macht riesengroße Augen.
Auch als ich schon erwachsen war und der Pfennig zum Cent wurde, bekam man bei Ebeling die Rumkugel für 10 Cent statt für 10 Pfennig. Ab und an ging ich dort mal vorbei und kaufte nostalgisch lächelnd zwei oder drei, die 50 Stück von damals würden heute komische Sachen mit mir machen. Das haben sie damals auch (nach drei Tagen waren die komplett aufgegessen), aber mit 16 steckt man das alles irgendwie besser weg. Café Ebeling „gibt’s“ noch, aber es gibt Café Ebeling nicht mehr. Das Geschäft ist zu, die Auslagen sind leer. Schon wieder wird ein Buch zugeklappt. Wo kauft denn der allgemeine Uelzener jetzt seine Rumkugeln? Ist das alles deprimierend ☹️
Mehr Wünsche als Münzen
Jedes Mal, wenn ich aus meinem Kieler Alltag zurück in die Blase meiner Kindheit tauche gucke ich durch verschlossene Türen oder stehe vor einer unbändigen Natur, die sich zurückholt, was sie einst besessen hatte. Das ist vermutlich normal. Nichts ist für die Ewigkeit konzipiert (außer vielleicht Keith Richards), alles geht unkontrolliert weiter und alles ist in ständiger Bewegung. Das war schon immer so, das wird auch immer so sein ⌛ Für mich waren diese unveränderten Orte hier ein massiver Anker im Sturm der Zeit, ein stabiler Felsen im Treibsand des Lebens. Dass es immer weniger werden liegt an den vielen vergangenen Jahren, und die 1982 gefühlte Unsterblichkeit ist eventuell genau so eine Legende wie die Kinofilme im Central und Park Theater. Aber solange ein Mann noch Wünsche hat, die sich nicht so einfach erfüllen lassen wie der von heute Morgen – kann er die Münze des Uhlenköpers reiben.
Heute reibe ich ein bisschen länger, während meine Tochter lachend und unbedarft brabbelnd auf meinen Schultern sitzt. Von da oben sieht die Welt vielleicht ganz anders aus. Gar nicht schöner, nur anders. Um uns herum ist es angenehm still. Von weit weg hört man die klackernden Schritte und leisen Stimmen der Einkaufenden in der Fußgängerzone. Über einem Fenster der Marienkirche gurrt ein verliebtes Taubenpärchen, und die Glocken 🔔 schlagen leise die halbe Stunde. Ich glaube ich muss langsam mal meine etwas verhaltene Stimmung aufhellen, sonst macht das kleine Sandmädchen™ sich noch Sorgen. Wir fahren noch schnell zu meinem Elternhaus, welches nach Jahrzehnten fast unverändert in die zweite Käufergeneration (nach unserem Auszug) übergeben wurde.
Nur eine Fensterbank
Die Dame, die es in den 90ern von meiner Mama gekauft und Jahrzehnte lang fast unberührt gelassen hatte, ist zurück in ihre Heimat gezogen. Nach Hause zu ihren Kindern, die hier aufgewachsen sind und nun längst ihr eigenes Leben führen 🏠 Ihr Mann lebt nicht mehr, es hält sie nichts mehr in dieser kleinen Siedlung vor den Toren der kleinen Stadt Uelzen. Den neuen Besitzern fehlt jede Verbindung zu meiner kleinen Familie. Meinen sich trennenden Eltern und meinen Großeltern. Das ist der Gang der Dinge. Sie entkernen ohne persönliche Emotionen das Haus von innen komplett und gestalten alles neu. Die kleine, steinerne Fensterbank aus meinem Zimmer, an der ich unzählige Abende gesessen und auf die Felder geguckt habe, wurde auf meinen Wunsch unzerstört geborgen. Ich lege sie behutsam hinten in den Phaeton.
„Papa? Das mit deiner Schule und den Rumkugeln war toll und spannend aber gehen wir jetzt baden?“ Ja. Ja auf jeden Fall. Ich muss heute mal weg von den alten Geschichten und der Vergänglichkeit, die gerade aus jeder Fuge trieft. Weg von den Sachen, die ich immer wieder suche aber niemals finden werde. Hin zu einer guten Zeit im Heute und Morgen mit meinen Kindern und Freunden, voller Spaß und Liebe. Ich werde trotzdem immer wieder (mit wechselnden Autos) hierher zurück kommen, auch wenn ich dieses fehlende Puzzleteil niemals ergänzen kann. Als wir langsam aus der Siedlung rausfahren schwirren mir die 400 Bauern im Kopf rum. Das glückliche Mädchen neben mir summt leise – aber mit entschlossenem Blick – die Melodie von „When Jhonny comes marching home„. Irgend etwas Gutes ist heute passiert. Was für krasse Zeiten. Füllen wir sie wenigstens mit Liebe ♥️
Sandmann


































…und wieder sucht – und findet! – man die Parallelen zur eigenen Kindheit in den 70/80ern. Betonklotziges Gymnasium (mit wahrscheinlich genau denselben Tischtennisplatten) in der 12 km vom heimischen Kuhkaff entfernten Stadt, in der ich aufgrund der minimalistischen Busanbindung viele Stunden verbrachte, auch viele freie, unfreiwillig. Deshalb – und wegen der coolen Jungs im Dorf mit den damals angesagten 80ern – war baldmöglich motorisierte Mobilität eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Rumkugeln mag ich übrigens auch 😁 Nur meine alte Schule hab ich nach 1990 nie mehr betreten.
Ay auch Jens,
ich glaube wenn man so weit draußen von der Welt abgeschnitten lebt, dann ist die Motorisierung im Teenageralter das höchste Gut 😁 Bei mir waren es – später, nach Uelzen – nur rund 5 Kilometer vom Dorf in die Kleinstadt Plön, das war mit dem Fahrrad gut zu machen. Trotzdem musste mit 16 eine Mofa her und mit 18 das Auto, Motoren hatten immer einen Reiz und haben es noch. Heute sind die Distanzen, die man damit überbrückt, allerdings etwas größer 😉
Warum warst du nie wieder in deiner alten Schule? Waren die Erlebnisse zu doof? Oder bist du einfach niemand, der ab und an mal zurück geht und schaut was noch da ist?
Grüße aus Kiel, wo das Leben langsam ruhiger wird
Sandmann
Banale und tiefergehende Gründe. Ich zog mit 20 zuhause (Großraum Ulm) aus um über 400 km entfernt zu studieren, lernte dabei meine Frau kennen und blieb im Raum Siegen hängen. Elternhaus 2012 verkauft, dieses durften wir später sogar nochmals besichtigen, sehr schön umgebaut von den neuen Besitzern. An der alten Schule bin ich nur mal vorbeigefahren, rein wollte ich nicht, vermutlich wegen nicht nur schöner Erinnerungen. Seligere Erinnerungen auffrischen generell gern, z.B. das Haus der Großeltern in Cottbus wiedergefunden, welches diese vor fast 50 Jahren verkauft hatten, um in einen vermeintlich komfortableren Plattenbau zu ziehen. Oder frühere Urlaubsorte mit den Eltern. Doch, ich schwelge gern in Erinnerungen – manchmal 😊
Ay Jens,
okay verstehe. Auch mein Elternhaus wird ja gerade radikal umgebaut, ich überlege immer wieder ob ich die neuen Besitzer mal frage, ob ich mir das dann später nochmal angucken kann. Ich glaube ja. Wunden sind ja sowieso da, und ich muss mal schauen ob ich damit vielleicht sowas wie einen Abschluss im herzen finden kann. Krass, was das alles mit mir macht.
Einige Rückblicke – ich mach das ja auch nur manchmal, nur über viele andere Sachen schreibe ich nicht 😉 – werden ja durchaus von meinen Kindern initiiert, die jetzt halt so alt sind wie ich zum einen oder anderen Anlass damals. So wie die Schule. Da wollte SIE mal rein, und ich sagte nicht nein. Dass wir wirklich REIN können, damit hatte ich nicht gerechnet.
Hast du denn Erinnerungen an das Haus deiner Großeltern? Wenn das so lange her ist?
Sandmann
Mach das, wenn die neuen Besitzer keine Einwände haben, wir jedenfalls waren begeistert, was aus dem 70er Jahre Kasten herausgeholt wurde.
Erinnerung ans Haus der Großeltern hängt mit den damaligen Bedingungen zusammen, war ja noch „richtige“ DDR, als wir sie besuchten. Allein die Grenzkontrollen, selbst mein Vater wusste nicht, dass man die Rückbank vom /8er mit wenigen Handgriffen einfach herausnehmen konnte. Meine Schwester und ich mussten uns bei den Kontrollen immer so brav und unauffällig wie möglich verhalten. Im Haus der Großeltern gab es u.a. historische Schreibmaschinen, damit durften wir spielen, versuchten Männchen zu malen mit den Buchstaben, Zielübung quasi. Und es gab reichlich zu essen, Karpfen der in Butter schwamm und Aal, der noch in der Pfanne zuckte… Bei den aktuellen Besitzern zu klingeln traute ich mich dennoch nicht. Doof, denke ich im Nachhinein. Na, vielleicht nehme ich noch einen Anlauf 😊
Als Oldie- und Youngtimerfahrer ist man doch automatisch ein Nostalgiker, oder? 😉 Meine Stereoanlage vom Konfirmationsgeld und den C128 von ca 1986 hab ich ja auch noch. War schon an anderer Stelle Thema von Dir 😃
Beste Grüße!
Jens R.
Ay Jens,
ja ganz ohne Nostalgie kann man dieses Altauto-Dings wohl nicht abfeiern. Es sei denn man ist profitorientierter Sammler, aber wer ist das schon? 😁 Dafür sind meine Karren viel zu räudig.
Ich finde das spannend mit dem Haus in der ehemaligen DDR. Vielleicht solltest du dir echt mal ein Herz fassen. Ich hab’s auch so gemacht bei meinem Elternhaus und bin nach über 20 Jahren nach einem kurzen Anruf mal hin. Und rein.
Morgen starte ich eine kleine Reise an einen weiteren Ort meiner Kindheit. Sankt Georgen am Attersee, im Salzkammergut. Da war ich zuletzt mit… 8 Jahren oder so. Gleiches Hotel. Und ich will auf das Höllengebirge stiefeln, zum Brunnkogel, da gibt es ein feines Kreuz oben. Mal sehen was ich erinnere. Und ob der Phaeton durchhält 😉
Wir lesen uns. Definitiv.
Sandmann
Also nach dem du die Rumkugeln bei Ebeling angesprochen hast, da musste ich feststellen, das wir die da früher auch gekauft haben. Und wenn man Sonntags mal Lust auf Torte hatte, dann konnte man die da auch mitnehmen. Ich meine mich zu erinnern, das der Frankfurter Kranz dort sehr lecker war. Und in der OStufe gab es ja die A, B und C Kurse.
Ansonsten gibt es in UE ja auch fast keine Marken-Tankstellen mehr. Außer einer Aral gibt es nur noch Hem und Hoyer. Und shoppen wird auch schwieriger. Grosso ist schon lange Geschichte, kennst du noch Röll gegenüber der Post? Klappenbach, Real. Alles weg! Musikgalerie auch dicht. Ja, da sich viel Verändert!
Ay Henning,
da gab es unfassbare Torten, die gefühlt nur aus Sahne bestanden haben! Allerdings waren meine Mama und meine Oma auch sehr virtuose Tortenzauberinnen, so dass ich mich eher an der einen oder anderen privat gebauten Buttercremetorte verhob 🍰
Gab es Markentankstellen IN Uelzen? Die einzige, die ich überhaupt auf dem Schirm habe, ist die am Hammersteinkreisel. Also da war zumindest mal eine, und auf der anderen Seite war die Eisbude wo es dicke Kugeln für 30 Pfennig gab. Mit einer alten Frau drin.
Grosso kenne ich noch. Das war am Ortsausgang links, wenn man in Richtung Veersen raus fuhr. Da ist mein Papa oft mit mir einkaufen gefahren. Die hatten die längste Rolltreppe der Welt 😁 Ist das dort gewesen, wo jetzt so ein Mehrzweckbau ist? Mit Fressnapf und Chinarestaurant und so? Ich glaube ja. Das ist ja quasi von Real abgelöst worden, am Fischerhof, Richtung Lüneburg raus. Aber den gibt es auch schon ewig. Du schreibst der ist weg? Nee, oder?
Das Klappenbach meiner Kindheit vermisse ich sehr, an mir und meinen Wünschen sind die damals stinkreich geworden. Durch das jetzige Kaufhaus CeKa bin ich mal so lange durchgestromert biss ich den Ort der damaligen Spielwarenabteilung wiedergefunden habe 😉 Schau mal hier, weiter hinten: https://www.sandmanns-welt.de/maskierte-weihnachten/
Und klar kenne ich Röll noch. Da gab es Klamotten, oder? Die Ecke des gelblichen Hauses war irgendwie rund, wie ein kleiner Turm. Ramelo gibt es noch. Da kann man ziemlich gut Klamotten kaufen. Und Schuhhaus Höber, mit dem gleichen Kinderkarussell in dem ich auch mit 4 Jahren gefahren bin. Es ist nicht alles weg. Aber es verändert sich.
Bis bald
Sandmann
Der Dicke (also der andere Dicke) 🙂 kehrt mal heim… Es liest sich bewegend, wohl weil auch in einem selber damit Ähnliches anschwingt… Danke fürs Mitnehmen auf die Reise! Daß Dein jüngstes Sandmädchen mit dabei war, nimmt irgendwie die Nachdenklichkeit an die Hand zum Tanzen. Du siehst die Veränderung und das Vergehen – sie sieht alles mit anderen Augen. Es geht immer weiter! Und mit Liebe!
Ay kupy,
schöne Worte. Und sogar auch da kommen Vergänglichkeitsgedanken. Denn auch wenn ich mit dem Sandmädchen durch unsere Welt tanze – vor 25 Jahren habe ich das gleiche mit meiner ersten Tochter gemacht. Die ist jetzt 30. Jungejunge 😳 Aber ja, es geht immer weiter. Und das ist auch gut so.
Grüße aus einem ICE nach Frankfurt, einen Fiat Panda abholen und nach Hause fahren…
Sandmann
Moin Sandmann,
die Tochter meiner Träume ist jetzt 32… Auch da merke ich die Vergänglichkeiten meiner Geschichte(n)…
Aber es geht weiter. Du holst derweil einen Panda? Du läßt aber auch keine Herausforderung aus! 🙂 So einen eckigen Marbella-Zwilling? Den bekämst Du zur Not sogar auch per Zug im Handgepäck mit heim. 🙂 Bitte auch da an der Geschichte teilhaben lassen!
Gute Reise!
Ay kupy,
ich war kurz im Leben abgetaucht, bin nun wieder da 😉
Der Panda ist keine Herausforderung, jedenfalls nicht aus technischer Sicht. Der ist im Jahreswagenzustand. Ich lege noch ein paar Phaeton Geschichten nach und dann geht’s mit der tollen Kiste los…
Sandmann
Jaahaaaaa! 🙂 Es ist so einer! Cooooool! Und mit den schönen glatten Alus! Bist also gut heimgekommen. Gute Fahrt damit! Der paßt doch sicher in den Kofferraum vom Phaeton als Einkaufswagen? 😉 Da, wo ich im Jetta2 einen Faltroller als Kurzstreckengehhilfe habe. 🙂 Oder hast Du ihn schon wieder weitergegeben?
Ay kupy,
weitergegeben? Ich bin doch kein Händler 😳 Nee nee der bleibt erstmal. Und ja, mit den Borbet A Felgen, 1989 genau so vom Erstbesitzer neu bestellt. Mit zwei Faltdächern, 45 PS und fünf Gängen. Und dem verschiebbaren Aschenbecher. Der fährt sich erstaunlich gut und verbreitet ungebremste Freude, egal wo man damit auftaucht! Klasse.
Plan: Kiel – Neapel in 2027. Mit dem Ding. Mal sehen was wird.
Sandmann
Also ich gehe auch immer wieder an Orte zurück wo ich mal war. Auch wenn es nur mal ein Urlaub war. Wenn ich Nachhause ins Elternhaus fahre versuche ich, falls es ruhig ist, auch immer mich in die Zeit zurückzuversetzen als ich noch dort gewohnt habe.
Ay pico,
so ein Zurückversetzen würde ich gern ab und an machen. Nun geht’s nicht mehr. Aber inzwischen fühle ich ähnlich beim Haus in Plön, wo wir danach hingezogen sind und ich ab meinem 12. Lebensjahr bis zur Bundeswehr gewohnt habe. Da ist noch fast alles wie immer.
Sogar meine eigene erwachsene Geschichte ist inzwischen so lange her, dass ich Retro-Anwandlungen habe. Fast hätte ich vor einiger Zeit mein erstes Zimmer in Kiel wieder gemietet. Aus verschiedenen Gründen. Ging aber nicht 😉 Und bei jeder Wohnung hier in der Stadt (es waren einige) halte ich oft inne und lächel kurz. Ach ja.
Morgen fahre ich den Phaeton zurück nach 1978. In einem Rutsch nach Österreich. Man darf gespannt sein.
Sandmann