Zurück nach Österreich

Was 50 Jahre so machen…

Die Kindheit klopft wieder an 😳 In den späten 70ern sind Mama, Papa, Anita und ich mit dem limagelben Audi 100 5E in Österreich gelandet. Attersee, am Rand der kleinen Kolonie Hipping in einem Hotelzimmer mit Blick auf das Höllengebirge. Truck Stop wollten so gern Dave Dudley hör’n, Bino rief nach Mama Leone und Henry Valentino stalkte das Mädchen im Wagen vor sich während von unten aus der Gaststube die Musik des Heimatabends jodelte. Ich habe seit dem immer wieder unscharfe Bilder aus diesen Sommerferien einer gutbürgerlichen Lehrerfamilie im Kopf gedreht und gewendet, ich habe sie gehört und geschmeckt und gerochen. Bis ich vor einigen Wochen zwei dicke Fotoalben vom Dachboden holte. Ich will da nochmal hin. Mit dem Auto. In genau dieses Hotel. Und ich habe eine Frau dabei, die verrückt genug ist, das gemeinsam mit mir durchzuziehen. Kommt ihr mit?

Reise Reise.

Damals ein Audi, heute ein VW.

Meine Eltern packten 1976 und 1978 hartgekochte Eier und Dosenrindfleisch in den Picknickkorb, befüllten den großen gelben Audi mit dem gutem Super und starteten frühmorgens mit meinem Schwesterchen und mir (auf dem Rücksitz räkelnd) zu zwei Wochen Ferien voller türkisem Seewasser, mächtigen Gipfelkreuzen und köstlichen Brettljausen. Die Betonplatten der A7 knubbelten unter dem handgeschalteten Neckarsulmer Technologieträger dahin wie die Gleise einer Bimmelbahn, am Abend kamen wir an und alles war gut. Denn alles war Familie.

Verreisen mit dem Auto

Aus dem Audi 100 ist heute ein VW Phaeton geworden, nicht so nagelneu und nicht so limagelb wie der Fronttriebler damals, dafür aber sparsam, komfortabel und – allradgetrieben. Anders als mein Papa hatte ich noch nie Lust auf Neuwagen, vielleicht weil die Karren nicht mehr in limagelb 💛 angeboten werden.

  • Statt der Lehrerfamilie reisen nur die schöne Frau© und ich.
  • Statt gekochter Eiern und Dosenrindfleisch (schlimm: ich mag beides noch immer gern) gibt es Reisebrötchen™ mit Käse und Salami.
  • Statt Super verköstigt der Volkswagen Diesel.
  • Statt frühmorgens fahren wir erst um 14:00 Uhr los.

Aber das Ziel ist identisch 🥰 Hotel Lohninger-Schober in Hipping am Attersee. Hui!

Zwei Menschen und ein großer Volkswagen

Vielleicht ist es ein bisschen bescheuert, sich am ersten Tag der norddeutschen Ferien um 14:00 Uhr auf den Weg nach Österreich zu begeben 😁 Allerdings sagt man Ferdinand Piëchs Oberklasse eine gewisse Reisetauglichkeit nach. Wer nicht wagt, kommt niemals an. Als Amuse Gueule leiten uns die Vollsperrungen am Maschener Kreuz bei Seevetal schon auf den ersten Kilometern über Feldwege durch Gegenden, die noch nie zuvor ein Mensch betreten hat. Die ersten Reisebrötchen™ spenden etwas Trost. Als es südlich von Hannover dann bergiger wird versammeln sich alle LKW Fahrer der Region, um spontan den Ferienbeginn zu feiern. Ich bin trotzdem voller Zuversicht und glücklich, das Auto genommen zu haben. Spätestens hier wäre jeder ICE wegen eines Weichenschadens stehen geblieben und alle Anschlusszüge hätten nicht erreicht werden können.

Ferienbeginn in Norddeutschland

Immer noch besser als Fliegen

Im Moment habe ich nur ein paar Fahrbilder für euch. Sie verdeutlichen die Strecke quer durch die wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland, 900 Kilometer rollender Individualverkehr in Zeiten wo Geschäftsleute für’s Meeting in Frankfurt sogar ab Hamburg einen Flieger nehmen. Ich reise gern mit dem Auto. Das stimmt mich Kilometer für Kilometer auf das Reiseziel ein, ohne dass ich Koffer aufgeben oder durch schikanöse Sicherheitskontrollen drängeln muss. Der Weg ist Teil des Ziels. Während der Diesel sonor vor sich hin grummelt und der Sitz wärmend meine untere Rückenmuskulatur massiert, mäandern aus den 12 Lautsprechern des DynAudio Soundsystems leise 80er Jahre Hymnen. Meine rechte Hand liegt auf ihrem Bein. Sie streichelt sie sanft 💕 Für einen kleinen Moment in diesen verrückten Zeiten bin ich sehr glücklich.

Am Ende des Regenbogens ist ein Topf voller Limagelb

Der leise Fahrtwind säuselt um dieses überirdische Kraftfahrzeug, das seine Insassen einfach nicht ermüden lässt. Ein herrlich langes Stück der Etappe wurde von der schönen Frau© abgespult, ich mag das wenn sie sich einfach in alle meine Autos setzt als würde sie die schon immer fahren 😊 Jetzt ich wieder. Städtenamen ziehen auf Autobahnschildern vorbei, die mir ein Gefühl von Ferne geben. Würzburg. Regensburg. Fast überraschte Worte kommen vom Beifahrerinnensitz: „Ernsthaft? Wir sind bald an der Grenze nach Österreich? Wie schnell ging das denn?“ Stimmt. Aber es wird auch langsam spät, die Brötchen sind schon seit Kassel alle und der letzte Schluck Cherry Cola wartet in der Mittelkonsole auf sein baldiges Ende. Ein leichter Nieselregen weht über die Gegend. Die Scheibenwischer bewegen sich exakt im Einklang mit „Obsession“ von Animotion. Ich bin ein bisschen aufgeregt.

Dezent beleuchtet ist anders. Ich mag das.

Hipping am Attersee

Im Hotel Lohninger hat man mir versprochen, wegen unserer späten Anreise einen Snack auf’s Zimmer zu stellen. Gastfreundlich sind sie, die Hippinger. Leider gibt es keine Aufzeichnungen mehr, in welchen Räumen wir vor 50 Jahren gewohnt haben. Ein Brand hat alle Unterlagen zerstört. Bei meiner Reise in den Pfälzer Wald haben Örg und ich treffsicher exakt das damalige Zimmer meiner Eltern bekommen 😇 Ich erinnere mich an diesen Blick über die grünen Wiesen. Weiter hinten lag das Städtchen Sankt Georgen, dahinter der Attersee – den man von Hipping aus aber nicht sehen kann. Den Horizont dominierte das mächtige Höllengebirge. Angeblich hat unser Zimmer zumindest die gleiche Aussicht. Nach ein paar letzten Serpentinen gleitet der Phaeton am Ortschild Hipping vorbei. Tatsächlich Hipping. Hallo Vergangenheit. Mein Herz klopft heftig.

Ankunft. Ein halbes Jahrhundert später.

Es sieht hier aus wie vor 50 Jahren! Es riecht genau so. Die Geräusche sind die gleichen. Das Haupthaus mit seinem wuchtigen Dach und dem etwas kleineren Nebengebäude – und anscheinend gut gebucht. Wie war damals die Ankunft? Haben wir Kinder schon geschlafen, und Papa hat uns reingetragen? Mich trägt heute niemand, obwohl ich eine gewisse Müdigkeit trotz allem Fahrkomfort nach 900 Kilometern nicht mehr ganz leugnen kann 😴 Wir schnappen unsere Taschen und stiefeln auf die bemalte Fassade im gebirgigen Heimatstil zu. Die Dunkelheit kaschiert nur sehr oberflächlich eine Kolonie von Gartenzwergen, und hinter der Glas-Doppeltür steht die Zeit still. Hallo. Kein wacher Mensch mehr weit und breit. Zwei gebürtige Niedersachsen sind im Salzkammergut in ein Zeitloch gefallen und betreten erschöpft ihr Hotelzimmer. Klick. Srrrrrr.

Ja, das ist ein… Snack…

Mein sonst üblicher Gedanke „hier ist es also gewesen“ wird beiseite geschoben von dem Snack, den man uns auf den Tisch gestellt hat. Eine Käseplatte von der Dimension eines Surfbretts, übervoll mit köstlichen Varianten einheimischer Molkereiprodukte. Dazu Weintrauben, Butter und ein Korb mit frischem Graubrot. Hat sich „Herr Tanz“ als Fußballmannschaft eingetragen? Oder hat mein Papa, der damals den gleichen Nachnamen trug wie ich heute, irgend einen bleibenden Vielfraß-Eindruck hinterlassen? Ist „Snack“ in Österreich gar die lokale Bezeichnung für das Käsebuffet einer sechsköpfigen Yeti-Familie? Das ist ja episch, davon können wir zwei quasi eine Woche lang leben! 😳 Der Blick vom Balkon geht heute Abend ins Leere. Es ist in Hipping so dunkel wie noch nie.

Der erste Kindheitsmorgen

Aaaahhhhhh. Ich recke und strecke meine knackenden Knochen nach einer traumlosen Nacht. Es ist der erste Morgen an diesem unschuldigen Ort aus meiner Kindheit. Was werden wir hier finden? Während die schöne Frau© sich noch warm und weich irgendwo unter der Decke räkelt trete ich nach einem halben Jahrhundert wieder auf den Balkon und blicke auf das Höllengebirge.

Ausblick Anno 1978

Manchmal brauche ich diese damals/heute Bilder. Vielleicht um mir zu bestätigen, dass ein paar Konstanten noch immer da sind. Vielleicht auch, um mir klarzumachen, dass ich selbst nicht zu den Dingen gehöre, die immer da sein werden. Momentan bin ich noch der festen Überzeugung, unsterblich zu sein. Aber das war mein Papa vermutlich auch ☹️

Während meiner vorübergehenden Abwesenheit ist der keltische Ort Hipping offensichtlich gewachsen. Teuer und nicht gemütlich aussehende Satteldachkästen aus den 80ern und 90ern legen sich über den ansteigenden Hügel, der früher nur Kühe beherbergte. Das Höllengebirge ist wolkenverhangen. Ich blicke lange, sehr lange auf die Landschaft und versuche etwas zu spüren. Im Moment geistert mir nur „By the rivers of Babylon“ von Boney M. durch den Kopf. Das Lied eines Regentages, ich saß auf dem Teppich und guckte aus dem Fenster. Oh. Hey! Die Bimmelbahn!

Ausblick Anno 2026

Der rot-weiße Schienenbus! Wie hab ich mich immer gefreut, wenn das Ding zwischen den Feldern entlangschlich. Ich habe den kleinen Zug mit meinen Filzstiften gemalt und aus Lego nachgebaut. Das metallene **KLACKKLACK KLACKKLACK** der Räder auf den Schienen puckelte über die Wiesen hoch bis zu unserem Balkon 😊 Die kleine, öffentliche Reisealternative einer autoaffinen Lehrerfamilie. Die akustischen Nähte zwischen den Betonplatten der A7. Zusammen mit Boney M. der Soundtrack von Mama und Papa, die beide da sind und Zeit haben.

Erinnerungen der Seele

50 Jahre später ist das straßenbahnähnliche Triebwagending zu einem modernen, kleinen Zug ohne nationalstolze Zweifarbenlackierung geworden. **KLACKKLACK KLACKKLACK**. Jetzt muss ich doch… ein bisschen schlucken. Auf einmal kommen noch viel mehr Bilder. Und noch ein Geräusch ist von weitem zu vernehmen, fast wie das Grummeln eines fernen Gewitters. Oh. Das ist der Magen der schönen Frau© 😁 Sie steht hinter mir auf dem Balkon und umfasst mich liebevoll. Wir gehen mal frühstücken.

Rimmel Bimmel Bahn

Und warum jetzt das alles? Pourquoi? Why? Was kommt in den nächsten Tagen? Was macht das mit mir?

Zumindest das warum kann ich oberflächlich beantworten. Wir zwei wollten unbedingt mal in die Berge. Wandern, gut essen und in Bergseen baden. Warum dann nicht da hin fahren, wo es zumindest als Kind schön war? Und dem Ort von damals neue Erinnerungen geben? Check ✅ da sind wir. Was in den nächsten Tagen kommt weiß ich nicht. Ich möchte auf einen der Gipfel des Höllengebirges. Ich will den Schober erklimmen. Da ist das Kreuz im Mondsee, die Burgruine Wartenfels und die Badestelle am Attersee. Und bestimmt noch einiges mehr. Was das mit mir machen wird? Ich werde sehr glücklich sein. Und ich werde sehr traurig sein. Beides aus verschiedenen Gründen.

Zurück in die Vergangenheit

Als mein Papa, meine Mama, Anita und ich hier im August 1978 anreisten tickte die Uhr unserer kleinen Familie schon laut. Meine Mama hat es sicher geahnt. Meine Schwester und ich nicht. Nur zwei Jahre später zog mein Papa aus und ließ uns für immer alleine.

Kinder machen später den gleichen Mist wie ihre Eltern. Vor 20 Jahren zerbrach meine erste eigene Familie. Wenn auch aus anderen Gründen.

Nochmal fast 20 Jahre später gibt es meine zweite eigene Familie in ihrer ursprünglichen Form auch nicht mehr. An einigen Tagen möchte ich durchdrehen. An anderen Tagen schleicht sich die Verzweiflung durch alle Sinne und gewinnt doch nicht die Oberhand. Denn da draußen sind vier große und kleine Mädchen, die wollen, dass es weitergeht. Die Kraft und die Liebe dafür bekomme ich von dieser schönen Frau© und von meinen guten Freunden. Und manchmal gehe ich dann zurück in eine andere Zeit. Ich suche meine Wurzeln, um sie zu verstehen. Wenn ich verstehe, wo ich herkomme, gibt mir das vielleicht ein paar Wegweiser, wo es hingehen wird.
Auf in den neuen Tag. Fortsetzung folgt.

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

11 Antworten zu Zurück nach Österreich

  1. Uwe sagt:

    Es erzeugt ein Gefühl aus Freude und Traurigkeit gleichzeitig bei mir. Jetzt ist das „Kind“ über 18, als sie kleiner war, hab ich mich wieder als Kind gesehen, ich hatte all die Bilder und die Gerüche im Kopf von damals, hab Mama, Papa und unser Zimmer gesehen. Mama ist mittlerweile verstorben, es fühlt sich alles Unvollständig an. Und wenn ich unsere Tochter sehe, sehe ich wie alt ich geworden bin und frage mich, ob sie irgendwann an der gleichen Stelle steht und an uns denkt, ich bin ja die nächste Generation die geht.
    Erst waren es Oman und Opa, dann Mama, Papa ist noch da . Da sehe ich dann wieder mich, wie ich mal sein werde .
    Am Ende macht es bei mir irgendwie Chaos im Kopf, so schön es sich auch anfühlt .

    • Sandmann sagt:

      Ay Uwe,

      das sind große wahre Worte.
      Die eigene Vergänglichkeit zu erleben fühlt sich dramatisch an. Man kann eigentlich nur zugucken und es selbst nicht verhindern, auch wenn man so viele Jahrzehnte nicht daran geglaubt hat. Als Kind denkt man nicht über seinen eigenen Tod oder auch nur das Älterwerden nach 😑

      Eigene Kinder holen einen in die Kindheit zurück. Man darf wieder spielen und toben und niemand schaut einen schräg an. Es ist wieder Weihnachten, so wie man es selbst kannte. Geburtstage sind aufregend und voller leuchtender Augen. Und immer an Silvester beginnt ein neues Jahr der Unsterblichkeit.

      Gleichzeitig gehen Oma und Opa, und die eigenen Eltern werden zu Oma und Opa. Und die, die immer da waren, gehen auch einer nach dem anderen. Wohin, wissen wir nicht. Und plötzlich sind wir selbst Oma oder Opa. Und danach kommt dann nichts mehr. Das ist schon ein komischer Kreislauf von der Freude der Geburt bis zum Kummer des Todes.

      Es ist wie du schreibst. Beide Gefühle überlagern sich. Ich freue mich, die alten Plätze wiederzufinden. Das ist wie eine Schatzsuche für die Seele. Gleichzeitig sehe ich auf den Fotos meinen Papa, der damals viel jünger war als ich heute. Und nun nicht mehr da ist. Das… beunruhigt ein bisschen 🙁

      Vielleicht ist es so. Das Gefühl ist da, es ist real und die alten Wunden verheilen nicht. Solange man sie mit viel Gutem und Neuem verbinden kann oder zumindest die Blutung stoppen… geht es immer weiter.
      Sandmann

  2. kupy sagt:

    Wunderschön geschrieben, zum Lesen und Fühlen – und ich bin sehr, sehr berührt! Danke!
    Andere Orte, andere Menschen, andere Geschichten – ähnliche Gefühle…

    • Sandmann sagt:

      Ay kupy,

      wer nicht ausschließlich im Hier und Jetzt verhaftet ist hat vermutlich einige solcher Geschichten. Ab einem bestimmten Alter schaut man zurück, auch weil die Welt da draußen immer schneller und verrückter wird. Das war schon bei unseren Großeltern so, unseren Eltern und nun bei uns. Ich frage mich manchmal, WIE verrückt die Welt eigentlich noch werden kann bevor die Mehrheit der Menschen durchdreht. Ein paar Entwicklungen finde ich unerträglich, und das liegt nicht nur daran dass ich älter werde…

      Magst du ein bisschen erzählen wohin du manchmal abtauchst? Und was das mit dir macht?
      Sandmann

      • kupy sagt:

        Moin Sandmann.
        ich kann mich sicher nur schwer kurzfassen, das wäre die große Gefahr, wenn ich losschreibe, aber vieles, was Uwe und Du geschrieben haben, spricht mir sehr aus dem Herzen!
        Grüße aus dem Mittelgebirge-Arbeitsexil
        kupy

        • Sandmann sagt:

          Und nochmal AY kupy,

          hier gibt es keine Wörterbegrenzung. Glaube ich 😉 Also wenn du dich auslassen willst – nur zu.
          Aber muss nicht. Alles freiwillig.

          Grüße zurück aus dem flachen Norden
          Sandmann

          • Anonym sagt:

            Moin Sandmann,
            Deine Zeilen zu Uwes nicht minder bewegenden Worten… Davon könnte ich viel glatt unterschreiben. Könnte sein, daß es etwas mehr wird, was mir durch den Kopf geht, und ich möchte den Kommentar-Bereich zu Deinen Geschichten nicht zuschottern, vielleicht sogar noch mit „Thema verfehlt“. 🙂 Du kannst gern kürzen oder gar ganz rausstreichen, da bin ich nicht böse.
            Daß man „mit den Jahren“ Erinnerungen wie einen Schatz hütet, klingt vielleicht platt. Es sind auch nicht immer nur frohmachende. Und manche hat man auch dann, wenn man die Erfahrungen dahinter nicht hätte machen wollen, und es gibt auch nicht immer ein gnädiges Vergessen. Und manchmal ist einfach ganz viel Ambivalenz in ein und demselben.

            Gut möglich, daß man mit den Jahren dankbarer und aufmerksamer wird und eine Ahnung entwickelt, wieviel eigentlich ganz und gar nicht selbstverständlich ist, auch wenn es oft so wirkt.
            Ich weiß nicht, ob es das ist, was man „Altersweisheit“ nennt: man hat einiges erlebt, und immer öfter das Gefühl, es wird auf Teufel-komm-raus, vielleicht nur anders verpackt, irgendwann wiederholt. Manche erinnern sich daran nicht mehr, andere schon. Wie verrückt kann es noch werden??? Ja, die Frage würde ich mir auch dann stellen, wenn ich jünger wäre. Da war viel auch schon verrückt, aber doch noch nicht ganz so angespannt wie inzwischen. In der Endlichkeit des Seins und mit dem Wissen, daß nicht immer alles so läuft, wie man einst mal gehofft hat, daß viel „Segen“ (andere nennen es Zufall oder Fügung oder Glücksfall) dazugehört und nicht alles unbedingt nur aus eigenen Kräften machbar ist, schätze ich inzwischen manches, was für viele unscheinbar oder selbstverständlich und nebensächlich ist. Oder worüber bestenfalls noch gelächelt wird, wenn nicht gar von oben herab abgestempelt oder es für überholt und verkehrt erklärt wird.
            In manchem ist es sicher kein Diskussionspunkt und ist nicht verhandelbar, was „gut und richtig“ und was „verkehrt und falsch“ ist. Aber in ganz vielen Bereichen frage ich mich zunehmend: wer weiß das schon und wer definiert das? Erst recht, ohne mal „dahinter“ zu schauen? Inzwischen finde ich immer mehr Züge von Quasi-Religions- oder Quasi-Glaubenskriegen auf ganz vielen Gebieten und daß immer mehr ausschließlich in „schwarz“ oder „weiß“ kategorisiert wird. Reden miteinander? Versuch des gegenseitigen Verstehens? Öfter geht mir Grönemeyers „Uniform“ durch den Kopf. Aber ich schweife ab.
            Ich glaube, es ist leider schon ganz schön viel am Durchdrehen. 🙁 Und am Vergehen. Und man selber vermutlich auch, zumindest als Mitbetroffener. Vielleicht wünscht man sich da umso mehr etwas Bleibendes Gutes und das Gefühl zurück, was man hatte, als die Welt noch so schien (auch wenn damals schon vieles vielleicht längst nicht mehr in Ordnung war), und geht auf Spurensuche…

            Abtauchen, war Deine Frage… Hin und wieder zieht es mich in meine alte Heimat, wie Dich. Oder an „Erinnerungsorte“. Eine kurze Aus-Zeit inmitten einer immer anstrengender werdenden Welt und Umgebung. Nur dann eben inzwischen ohne Begleitung. Nicht alle Geschichten gehen gut aus oder gehen gut (mit einem selber als Teil davon) weiter. Die Tochter meiner Träume ist inzwischen 32 und es kommt mir wie gestern vor, sie im Arm gehalten zu haben. Sie war da, und das Kind in einem auch, man war groß und zugleich auch nochmal klein. Sie hat im Sommer geheiratet, wird im nächsten Frühjahr Mama. Das erfährt man eher zufällig über Umwege. Nicht alle Geschichten… Das sagte ich schon.

            Ich muß sehr aufpassen abzuwägen, wieviel „nur-Erinnerung“ und „Vor-Ort-Sein“ gut tun, also nicht zu melancholisch oder gar traurig machen. Manche Orte „von früher“ habe ich bis heute nicht nochmal angefahren, trotz Sehnsuchtsmomenten. Manchmal ist es dann doch schmerzhaft doof, ohne Begleitung zu sein. Es ist dort nicht mehr, was man mal einst da hatte und was bis heute fehlt. Oder vielleicht manchmal doch noch? Bei mir war es nicht Österreich, es war vor ein paar Jahren „irgendwo im Nirgendwo“, wo ich einst immer sommers meine Kindheit und Jugend verbracht hatte und nochmal hin fuhr, wie Du jetzt in die Berge. Und neben mir auch eine ganz wunderbare Frau… Kein Geld der Welt hätte mich noch einmal reicher sein lassen können als in diesem Augenblick. Jede Fehlstelle hatte in diesem Moment ihr Pflaster, war gut versorgt. Inzwischen alles Vergangenheit… Wonach sucht man? Wie ist das mit dem erfüllten Leben – trotz vielerlei Unerfülltheit (um ein Zitat etwas abzuwandeln)? Man schadet niemand anderem damit, auf seinen eigenen Wegen, auch denen der Erinnerung, unterwegs zu sein, glaube ich mich sinngemäß an einen Satz von Dir zu erinnern, der solcherlei Nostalgisches betraf. Aber es macht zumindest mich oft sehr nachdenklich und die Gefühle dabei sind oft ambivalent.

            Vielleicht ein kurzes Schmunzeln, wie die Zeit manchmal auch laufen kann. Als meine Jugend dort in meiner größten Abenteuerwildnis zuende ging, wurden Schilder gesetzt: „Hier entsteht ein Golfplatz“. Als würde mit Gewalt ausradiert, so mutete das für mich an. 30Jahre später war dort, wo damals mein Zelt stand, ein neuer Wald gewachsen und die Schilder des „Projektes“ hat sich die Natur zurückgeholt, der Traktor fährt noch immer über das Feld nebenan und niemand hat all das eingezäunt… 🙂
            Es geht immer weiter – irgendwie.

  3. pico sagt:

    Wow, toller Artikel (mal wieder)!
    Ich finde mich in vielen Gedanken wieder <3

    Und: "Eigene Kinder holen einen in die Kindheit zurück." – Das ist ein schöner Ausblick für mich.

    • Sandmann sagt:

      Ay pico,

      ja das mit den Kindern ist tatsächlich so. Als ich gerade so erwachsen war starben meine Großeltern, mein Papa war schon lange verschwunden, und ich dachte das war’s jetzt. Also mit dem Klein sein dürfen.
      Und dann hast du da so ein kleines Mädchen auf dem Arm, und dann noch eins, und du schmückst den Weihnachtsbaum und die Augen leuchten so wie deine damals. Und du suchst Ostereier an den verrücktesten Stellen im Garten. Du baust Welten aus Lego. Du verreist mit den Playmos quer durch das Wohnzimmer auf dem Boden rumrutschend. Das ist toll 😊
      Und wenn die Kinder selbst groß sind – kommen dann die Enkelkinder und alles geht nochmal los 😁

      Ich find’s toll.
      Sandmann

  4. Robert sagt:

    Oh mann, was liebe ich deinen Blog. Dieser ganze sentimentale Scheiss verfolgt mich auch schon seit gefühlten Ewigkeiten, nur eben mit den eigenen Orten. Vaters Auto (hat er heute wieder, Frontera Sport A, ist jetzt nicht so deins vermutlich), die Touren damit in den Süden oder nach Hause nach Polen in die Provinz, wo die Kiste anno 95 aussah wie ein Raumschiff vom anderen Planeten. Die erste (ernstzunehemende) Freundin wurde mit der Karre vom Kino durch meinen Vater abgeholt, usw. ach hör mir uff. Heute liegt im Handschuhfach unseres Daily (frag lieber nicht…) die handschriftliche Aufzeichnung der Route nach Spanien durch meine Mutter (mittlerweile verstorben). Ja, so ist das mit der Vergänglichkeit. Hauptsache man(n) lebt echt seinen Film, hat evtl. später viel zu bereuen aber wenig zu bedauern nicht gelebt zu haben 😉 muss mit dem Hund raus, lese Dich!

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