A7 – ach staut euch doch alleine!

Nun ist Schluss. Romantik hin oder her.

Was ist denn hier bloß in den letzten Wochen los? Also, hier, auf der A7 zwischen Kiel und Hamburg? Ich pendel die Strecke regelmäßig seit Anfang September, und immer war mehr oder weniger alles okay. Das hat sich geändert. In diesen Tagen und Wochen wohnt hier jeden, JEDEN Morgen ein respektabler Stau ab Quickborn. Für die Südlichter unter Ihnen – das ist vom klassischen Nadelöhr Elbtunnel noch runde 25 Kilometer entfernt, damit hat es also nichts zu tun. Na denn. Das geht so nicht weiter. Also setze ich meine Papiertüte auf den Kopf und fahre die Strecke heute in dieser Form ein letztes mal…

Ich weiß, ich behauptete anderes. Aber pendeln macht nicht glücklich.

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Zumindest nicht im Winter, wenn es kalt und nass ist. Und wenn die Zeit zum Arbeitsplatz eigentlich locker für einen entspannten Ritt mit Musik und Kaffee genügt – aber eben nicht, wenn einige tausend Mobil-Idioten ohne Grund einen allmorgendlichen, 18 Kilometer langen Stillstand verursachen. Dann hört der Spaß auf. Heute habe ich allerdings große Hoffnungen, pünktlich zu kommen…

Nachdem mein schulpflichtiges Töchterchen nebst ihrem tonnenschweren, überdimensional großen Ranzen an ihrem „Arbeitsplatz“ abgesetzt ist (heute ein bisschen früher als sonst), scheuche ich murmeltiertagmäßig wie jeden Morgen den Diesel in Kiel über den Zubringer auf die Autobahn. Er knurrt zufrieden und umschummert mich mit wohliger Wärme und fast kompletter grüner Tachobeleuchtung, während draußen die Welt untergeht. So stark geregnet hat es dieses Jahr gefühlt noch nie. Sie will es nochmal wissen, die Autobahn. Fordert sie mich heraus? Darauf lasse ich mich lieber nicht ein, denn es ist noch recht früh, vor mir liegen rund 100 Kilometer und drei bis vier neuralgische Punkte, an denen erfinderische Menschen in ihren Autos irgendwann ab 6:30 Uhr einfach stehen bleiben. Im Regionalsender R.SH lachen sie schon darüber und stöhnen voller geheucheltem Mitleid, wenn die aktuellen Staulängen bekannt gegeben werden. Heute sind es nur 7 Kilometer – ab besagtem Quickborn. Das klingt in meinen Ohren wie ein Lottogewinn.

7 Kilometer, das ist quasi im Zeitplan mit integriert. Dann kann mir heute eigentlich nichts mehr passieren 🙂 Und während aus der tiefschwarzen, regenschwangeren Nacht ein wenig Morgendämmerung aufsteigt steht wie angekündigt auch schon alles auf Höhe der Raststätte Holmoor. Das ist bei Quickborn. Dort könnte ich jetzt natürlich mit meinem uncoolen Kombi raufziehen und ein leckeres Frühstück futtern, aber dann komme ich zu spät zur Arbeit. Angesichts meiner momentanen noch durchaus möglichen Pünktlichkeit ergehe ich mich daher in einem semi-entspannten Stakkato aus Schalten, Kuppeln und Bremsen und versuche kindlich-verspielt, das im Takt der sehr bemühten Scheibenwischer zu choreografieren. Kaffee? Klar, warum nicht. Ich habe doch unlängst im Beifahrerfußraum einen fest installierten, doppelten original VW Zweitassen-Cupholder entdeckt, allein dafür hat sich der Erwerb des Passat schon gerechnet!

Milchkaffee. Mein lieber Freund. Ich singe eine Ode an deinen Geschmack, eine Ballade über deinen Geruch, ein Loblied auf dein Koffeein. Wie viele wartende Stunden hast du mir auf diesem flachen Stück Asphalt von oben nach unten quer durch Schleswig-Holstein schon angenehm erwärmt. Und heute tust du es wieder, wärend die Sintflut prasselnd auf die Gemeinde der Sünder niedergeht und droht, sie alle miteinander wegzuwaschen. Niemand hier um mich rum hat mitgedacht und rechtzeitig eine Arche gebaut. Sie werden alle jämmerlich ersaufen. Heute wäre so ein Tag, da beschlösse ich, mir für die Zukunft eine Monatskarte der Deutschen Bahn zu kaufen. Jedoch ich bleibe im Konjunktiv, aufmerksame Leser werden sich erinnern, dass ich eingangs darüber philosophierte, diesen Ritt heute final zu reiten. So oder so. Was den Genuss des Kaffees allerdings nicht trübt, aber so langsam kann es auch gern mal weitergehen.

Wird die Zeit nun etwa doch wieder knapp? Ich kann meine dicke Uhr durch die Tüte nicht so gut sehen… Nein. Passt noch, und am Horizont sehe ich erste Autos schon wieder rollen. Ich werde diese Staupädagogik niemals verstehen, genau so wenig wie ich das kontraproduktive Verhalten bundesdeutscher Baustellen jemals deuten könnte. Die Verzweiflung darüber überlasse ich anderen, ich kann schließlich auch nicht ändern, dass es jeden Abend dunkel wird. Aber ich ziehe meine Konsequenzen, und die lauten hier und heute: A7, du kannst mich mal am Arsch lecken! Entschuldigen Sie. Aber das musste jetzt mal raus. Doch weiter im Pendeltext, wie kann ich denn heute Morgen noch dafür Sorge tragen, dass meine erstaunlich gute Laune nicht wieder im durch den Starkregen aufgeweichten Boden versickert? Musik. Wo ich doch neulich in der letzten Fahrt des Benz noch so meine Probleme mit ihrer Abwesenheit hatte, aber hier und heute verfüge ich USB-bestickt über eine große Auswahl himmlischer Audio-Belanglosigkeiten!

Nehmen wir doch einmal das blonde Retorten-Casting-Brüllerchen Kelly Clarkson. Unfassbarer Mainstream, nicht mal eine besonders gute Stimme. Aber in der richtigen Minute am richtigen Tag, wenn man das Radio gerade so laut aufdreht, dass der Regen ausgeblendet wird, die Bässe trocken um die Füße kribbeln aber die Höhen nicht in den Ohren scheppern… dann, ja dann ist Frau Clarkson eine Offenbarung. Ich muss nicht über sie nachdenken, mich durchflutet eine Mischung aus treibende Rhytmen und pianösen Klangteppichen. Die junge Dame löst so manch schrilles Geschrei in einer wunderbaren, manchmal unerwartet schönen Melodie auf. Andere mögen ihren Tag mit melancholischer 5-Ton-Musik oder den schlimmen Ereignissen im In- und Ausland auf Deutschlandfunk-Kultur beginnen, ich persönlich lasse mich da lieber ein wenig berieseln. Und schon löst sich der Stau auf 🙂

Irgendwann komme ich immer (aber manchmal auf Umwegen) da an, wo ich hinwill. Heute und wohl auch in Zukunft passiert das unter uneigennütziger Zuhilfenahme von Rudolf, dem treuen Rentier. Der dicke Volkswagen scheint mich anzulächeln, weil ich so derbe pünktlich bin, dass ich sogar noch Zeit für ein Foto finde. Ich habe Rudolf noch gar nichts davon erzählt, dass er ab heute nicht mehr so hektisch durch die Gegend getreten werden wird. Ich bin angekommen. Ich bin nicht weg. Aber es geht weiter. Immer weiter. Jeden Tag neu, jeden Tag anders, welch wundervolle Mystik in diesen Worten. Rudolf kühlt leise tickend ab und guckt mir ahnungslos hinterher. Der Gute. Alles weitere klären er und ich vielleicht mal am nächsten Wochenende unter vier Augen, die stattfindenden Veränderungen müssen zunächst einmal sacken. Er wird es verstehen.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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10 Responses to A7 – ach staut euch doch alleine!

  1. SeinekleineSchwester says:

    Mein lieber, lieber Sandmann 🙂
    Auf der einen Seite, werde ich die morgendlichen Staumeldungen vermissen, aber du hast ja schon gesagt, dass uns der frühe Vogel nicht verlassen wird.
    Andererseite freue ich mich so für dich, dass jetzt alles wieder entspannter wird! Du kennst mich, entspannt ist mir die liebste Gemütslage 🙂
    Außerdem wissen wir ja, dass wir trotzdem noch sehr viele skurile Geschichten von dir hören werden 😀
    SeinekleineSchwester

    • Sandmann says:

      Ach du,

      frühe Vögel gibt es ja tatsächlich noch genug, die müssen ja nicht von einem Stau zwitschern 🙂 Die können ja auch von geplatzten Kaffeemaschinen, Schneekatastrophen auf dem Weg zur Schule oder durch unbeaufsichtigte Bordercollies geplünderte Hausmülleimer berichten.

      Das Leben bleibt bunt, ich werde weiter das eine oder andere Auto fahren (und die Zylinder werden auch irgendwann mal wieder mehr) und überhaupt, du kennst mich doch, ich kann doch nicht ohne euch Verrückte im Netz 😉

      Einen schönen vierten Advent!
      Sandmann

  2. bronx says:

    Bonjour Sandmann,

    hast du es nun geschafft, dass du von zu Hause arbeiten kannst? Schön wäre es ja.
    Oder gibts wieder den totalen Umbruch?

    Bronx (der nicht pendeln muß und DAS zu schätzen weiss 😀 )

    • Sandmann says:

      Ay Bronx,

      nein nein TOTALumbrüche hatte ich 2011 genug, nun ist mal Schluss hier. Ich werde tatsächlich einen Teil meiner Arbeit von zu Hause oder von wo auch immer ich Internet und eine Telefonverbindung habe machen können! Das und noch viel mehr, im Sinne der Artikel, die ich unlängst promotete 😉

      Ihr werdet es erfahren. Ich freu mich und bin sehr entspannt!

      Sandmann

  3. SteffenG says:

    Tach Sandmann,

    dann machst Du ja den rest des Jahres frei? Oder steht noch Umzugshilfe ins Haus?

    Übrigens zeugt diese Tüte von Geschmack! Sehr kleidsam und künstlerisch wertvoll, aber sicher im Bereich der STVZO nicht ganz legal ;-). Allerdings ergibt sie im Zusammenhang mit Kelly Clarkson kein ganz so sauberes Bild….

    Ich drücke Dir erst mal Alle Daumen und hoffe, dass der Start ins neue Jahr erfolgreich wird. Aber ihr Nordlichter geht an sowas ja eher mit stoischer Gelassenheit ran. Dann muss das ja passen.

    Mail an Dich ist übrigens nicht vergessen!

    Steffen.

    • Sandmann says:

      Ay Steffen,

      ohne eine gewisse Gelassenheit hättest du mich in den vergangenen 6 Monaten sicherlich einliefern lassen können. Aber ab 40 musst du auch Ruhe bewahren, sonst platzt dir ne Ader im Kopf oder so… Das will ich nicht, ich will nochmal mindestens genau so lange hier rumlaufen und noch viele coole Autos fahren. 2012 wird toll!

      Ich habe tatsächlich ab kommenden Mittwoch Urlaub und den Rest des Jahres „frei“. Unfassbar 😀 Aber wir lesen uns ja hier und da noch…

      Ich höre das Wochenende schon nach mir rufen…

      Sandmann

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