Alte Ponys rosten leise

Ay Gemeinde,

während damals, im Jahre 2009 alle lauthals und mit dicken Adern auf der Stirn über die Abwrackprämie philosophieren, wird in Kiel gerettet, was noch zu retten ist. Um die Zeit zu überbrücken, bis es warm genug ist, um an den eigenen Kisten zu schrauben hat sich der Örg selbstlos des Autos eines Freundes aus Hamburg angenommen: Ein 1964er Mustang! Das allererste „Pony Car“ gehörte schon immer zu der erschwinglichen Kategorie meiner Traumwagen… hier haben wir ein Exemplar, was der Vater des heutigen Besitzers neu in den USA erwarb. Jetzt fährt es der Sohn. Und so langsam steht einmal eine kleine Aufarbeitung an. Vielleicht kennen Sie das ja, guter Zustand, eigentlich, und dann setzt man die Flex an… Dies ist der Beginn einer Restaurierung, die heute, 2011, langsam fertig wird. Doch fangen wir vorn an.

Szene? Ich kenne mich in der Szene nicht aus. Das hier ist ja ursprünglich ein Audi V8 Blog gewesen… Ich kann Ihnen noch nicht einmal sagen, ob es sich bei diesem Mustang um einen V6 oder einen frühen V8 handelt, denn wir haben bis heute nicht den Entriegelungshebel für die Motorhaube gefunden. Wo mag der versteckt sein? Aaaaber ich kann Ihnen das Gefühl beschreiben, was man(n) hat, wenn man(n) in die tiefen Sitze fällt und den Flair der 60er atmet: Wunderbar! Filigraner Chrom, rotes Kunstleder und ein erotisch anmutendes Raumangebot für europäische Verhältnisse! Was in den Staaten eher ein Kleinwagen ist, protzt hier – noch immer – mit verschwenderischem Platz, ausladenden Dimensionen und nennenswerten Blechmengen. So sie denn noch nicht verrostet sind.

Kopfkino für Fortgeschrittene. Völlig benebelt sieht man Girls in kurzen Röcken an der Windschutzscheibe vorbei laufen, nippt am Milchshake und hört im Mono-Radio geistesabwesend die Beach Boys, Roy Orbison und Louis Armstrong. Nee nee. Lieber raus hier, das ist mir nicht geheuer. Mit kleinen verchromten Griffen wie an einem alten Kühlschrank werden schmatzend die Türen geöffnet, hier klicken keine Relais und surren keine Steuergeräte. Das Schloss schnappt rein mechanisch wieder zu und konserviert diese Zeit vorläufig im Innenraum. Draußen… ja draußen, wo einen die Realität wieder einholt, sieht alles ein wenig neuzeitlicher aus. Ein wenig realistischer. Ein wenig katastrophaler.

Das Pony ist 35 Jahre lang ohne Gnade im Alltag geritten worden. Und das sieht man ihm an. Was anfänglich in den Gründerjahren noch in der amerikanischen Sonne durch Staub und Trockenheit konserviert wurde, holte sich später der kalte hamburger Regen und das Salz der Ostsee. Trotz guter Substanz kränkelt der alte Ford an den Ecken, es kommen „amerikanisch“ reparierte Unfallschäden zu Tage (genietete, verzinnte und gespachtelte Bleche), und je tiefer die Flex gräbt, desto weniger Blech findet sie. Örg hat vorsichtshalber die Heckscheibe ausgebaut, auch darunter finden sich klassische Rostnester. Herr Doktor, es kann eine lange Nacht werden. Rufen Sie lieber zu Hause an.

Bestandsaufnahmen der eher groben Art. Ähnlich wie bei einem Opel Kadett E lässt sich der komplette Radlauf in einem lustigen Puzzle auf dem Asphalt ausbreiten. Aber jetzt die gute Nachricht: Für alte amerikanische Autos gibt es alles, und das zu regelrechten Spottpreisen. Ich erinnere mich, als vor vielen Jahren (zu meinen Granada-Zeiten) einmal neben mir am Teiletresen ein junger Mann einen Schweller für seinen 6 Jahre alten Opel Astra kaufen wollte. Der war durchgerostet. Gab’s nicht! Örg hat alles beisammen, sogar komplette neue Seitenteile. Sie passen nicht sonderlich gut und bedürfen diversen Anpassungen, aber sie kosten nicht viel mehr als eine Hauptuntersuchung beim freundlichen GTÜ Stützpunkt um die Ecke…

Bis dahin ist der Weg noch steinig und uneben. Glück für dieses Auto, dass es dem Vater des heutigen Besitzers gehört hat. Familie. Geschichten. Das bindet über die Kosten hinaus, wem erzähle ich das. Sie wären nicht hier, wenn Sie nicht auch ein ganz kleines bisschen so ticken würden, oder? Nach Jahrzehnten des Unterlassens ist der blechdengelnde Aufwand immens, aber das tangiert Örg nicht. Er ist Idealist und macht für seine Freunde ganze Arbeit, auch wenn er dabei gefühlt ein neues Auto bauen muss. Das dauert dann halt ein wenig länger. Gut Ding will Weile haben. So werden wir in den kommenden Wochen (oder Jahren) hier wohl noch das eine oder andere Bild von der Auferstehung jenes Ford Mustang sehen können.

Familientauglich? Vielleicht. Der Kofferraum ist nicht wirklich riesengroß, aber im Gegenzug hat der Motor mehr Liter Hubraum als ein Chevy Matiz Ladefläche. Wer braucht schon Gepäck? Wo man hinschaut strahlt einen nacktes, ehrliches Blech an. Sie finden keine Dämmmatten oder ausgeschäumten Hohlräume. Wenn hier was dröhnt, dann aber richtig. Sicken und Falzkanten, so weit das Auge reicht, und alle mit einer herrlichen Patina überzogen. Einen Windkanal hat dieses Auto niemals gesehen. Über Ergonomie wurde maximal bei der Gestaltung des Zünschlosses nachgedacht. Die Designer hatten einen klaren Auftrag: Macht ein preiswertes, sportliches Auto für die amerikanische Masse. Einen Käfer für Cowboys. Und sie haben ihn wunderschön gemacht.

Die allererste Serie ist die meiner Meinung nach allerschönste. Alles danach bekam einen leicht überheblichen Flair, nicht uncharmant, aber der erste ist irgendwie unschuldiger. Er hat noch nicht diesen Challenger-Straßensauger-Appeal. Der Motor grummelt, ich ertappe mich immer dabei, dass ich die Zündungen mitzählen will, um auf die Zylinderzahl zu schließen. Das können eigentlich nur 8 sein. Oder doch nicht? Nun denn, das Pony soll wieder in den Stall. Da Örg bereits die komplette Seite abgetrennt hat, ist es nicht mehr wirklich gegen Regen und Wind gewappnet. In der Ecke schaut mich mein Granada eifersüchtig an… Hey Baby, mach dir keine Sorgen. Meinem halbfinnischen Fräulein Altona bin ich treu, aber ich hab schon immer gern mit anderen Autos geflirtet…

Passt. Auf dem Boden sind noch die Pfützen der Wischwasch-Wasser Aktion aus der letzten Geschichte zu sehen. Noch immer haben wir keine Hebebühne gekauft, aber Platz genug ist sowieso vorhanden. Ich muss diesen Wagen nun erstmal aus meinem Kopf bekommen. Muss die Tatsache verdrängen, dass man schon für 5000 Euro brauchbares Material erwerben kann. Ich tröste mich, dass es schon mit dem K70 echt lästig ist, irgendwo an eine Tankstelle zu fahren. Irgend jemand kommt immer anwarant und säuselt einem seine „den hatte ich auch mal“ Geschichten ins Ohr. Anfänglich ganz reizend, irgendwann ein wenig anstrengend. Wie muss das dann erst mit einem Ford Mustang sein? „Ey was verbraucht denn der?“ Ich kann es jetzt schon nicht mehr hören… Aber ist es nicht großartig, dass die Amis es irgendwie hinbekommen, ihre alten Kisten mit Teilen zu versorgen? Auch wenn die Blechteil-Toleranzen 1cm und mehr betragen?? Sind wir Europäer zu träge, oder sind wir zu wenige? Bleibt am Ende doch nur der Griff zu einem Amischlitten? *seufz* Warum eigentlich nicht?

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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13 Responses to Alte Ponys rosten leise

  1. Daemonarch says:

    Ich liebe es!

    Mein Traum-Restaurationsobjekt wär ein 67er, 58er Chevy Impala (SS kann, muss aber nicht) mit nem mind. 427er Motor. blubb blubb…

    • Sandmann says:

      Na ja,

      SCHWEISSEN kannst du ja offensichtlich 🙂
      Warum machst du’s nicht? Anschaffung teuer? Platzprobleme? Ein Mann sollte sich seinen Traum erfüllen, wenn er erfüllbar ist…

      Sandmann

  2. calimero says:

    Tach ihr Schrauber,

    was für ein großartiger Mix hier! Da schwebe ich mit euch gerade noch in einem SLK durch Teneriffa, und jetzt sitze ich neben einem Mustang und höre Örg und dich quasi Wortwitze kloppen 😀 Toll.
    Was ist aus dem Wagen heute geworden? Ist er wirklich fertig? Hast du Bilder? Was hat es gekostet?
    Abel

    • Sandmann says:

      Caaaaalimeeero mit Sombreeeero 😀

      du willst uns nicht hören. Nicht wirklich. Es könnte unerträglich werden 😉
      Lustig dass du nach dem HEUTE fragst. Der Mustang hat gerade TÜV bekommen und ist seinem Besitzer übergeben worden. Nennen wir es mal ein Langzeitprojekt… Kosten? Weiß nicht. Bilder? Jede Menge. Kommt. Sei geduldig…

      Sandmann

  3. Daemonarch says:

    Also noch fehlt es mir am Platz UND am Geld…
    Das wär auf jeden Fall einer der ersten Träume den ich mir erfüllen würde…

    Da war letztens in einer Online-Autobörse einer als aufgegebenes Projekt drin, ohne Motor – aber mit Cragar-Cromfelgen und einen anderen Leckerlis..

    Sollte glaube ich gerade mal 1500 Euro kosten. Ich schätze bei meinem „Talent“ hätt das Ding hinterher für knapp 10 Mille sauber dagestanden.. *seufz*

    • Sandmann says:

      Hm….
      aber die 10 Mille, auch wenn sie im Endeffekt wohl ein Schnäppchen sind, muss man halt auch erstmal haben… Ach jeeeh…

      Ich habe einen Kontakt aus… äh… Polen glaube ich, auch ein V8 Fahrer. Der Gute hat sich ein Audi 100 Coupé S für 800 Euro gekauft. Fahrbar. Warum passiert MIR so etwas nie?

      Hat irgend jemand ein Audi 100 Coupé S für Sandmann???

      Er

  4. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Das Pony darf wieder offiziell über die Prärie galoppieren?! Toll das der Örg das Projekt fertiggestellt hat. Aber jetzt einmal im ernst. Örg hat doch mit Sicherheit zwischenzeitlich gek….! Bleche raustrennen, sich vor umherfliegender Spachtelmasse in Sicherheit bringen, Bleche anpassen…au mann! Irgendwann wäre mir jedenfalls die Lust defenitiv vergangen und das Projekt hätte geruht.
    Wie geht es dem Örg eigentlich? Sieht man ihn mitsamt Anhang bei Onkel Tom´s Hütte? Wird er wieder Regenwasser aus der Regenrinne zum stilen der Frisur benutzen? 😉
    Aber wollen wir doch einmal hoffen, daß der Besitzer sein altes Pony in Ehren hält und es nur bei vollem Sonnenschein benutzt. So richtig an der Promenade entlang. Kurze Röcke, Eis schleckende Tanten und hoffentlich den „Californischen Flair“ auf dem Beifahrersitz.

    V8 mäßige Grüße

    Markus der am Samstag Stoßstangen für sein Baby abholt

    • Sandmann says:

      Ay Markus,

      dem Örg gehts gut 🙂 den sehe ich am Wochenende mal wieder…
      Stimmt, ich könnte ihn mal zu Tom zitieren, mal schauen ob er da Zeit hat…

      Blecharbeiten sind ja schon seine große Leidenschaft. Er hat da quasi ein komplett neues Auto gebaut, das ist weder vom Zeitaufwand noch von den tatsächlichen Kosten her zu rechtfertigen… Und der Mustang sieht jetzt SOOOOOO geil aus!
      Der Besitzer ist glücklich 😀

      Sandmann

      P.S.: Stossstangen? Du bist echt konsequent, wenn es darum geht, Teile für dein Auto zu besorgen, die momentan nicht wirklich nötig sind. Wenn der Rest dir zusammenbricht…

  5. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Ich sage einmal so. Ich gebe meinem Papa 20 Euro Spritgeld, hole noch eine super Lederpflege für knapp 15 Euro und bezahle die beiden Stoßstangen.
    Gesamtkosten: 37 Euro
    Ich müßte mich schämen über soviel Glück. Ich war der einzigste Bieter 😉
    Und was soll ich sagen? Man(n) kennt sich von einem Treffen im Camp! Ein perlmuttfarbener mit Wohnanhänger. Du erinnerst Dich vielleicht?
    Aber zurück zum Pony. Habt Ihr denn jetzt einmal die Motorhaube aufbekommen? Strahlten Euch da sechs oder acht Pony´s an? Hat Örg den Motorraum auch ein wenig „veredelt“ ?
    Stell bloß bald die Photo´s ein. Ich bin schon ganz hibbelig. 😉

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann says:

      Ay Markus,

      🙂 du bist echt niedlich…
      Bestimmt bekommst du auch noch irgendwo spottbillig noch einen linken inneren Radkasten und einen Armaturenbrett-Deckel. Also Sachen, die eigentlich niemals kaputt gehen, aber die man sich ja trotzdem mal weglegen könnte, weil sie so billig waren. 😉 Okay, deine Stoßstange war ja immerhin kaputt, wenn ich mich nicht irre…

      Hast du zufällig irgendwo zwei neuwertige Rückleuchten für den V8 für kleines Geld rumliegen? Meine rechte ist nach einem kleinen Wasserschaden irgendwie mit innerem Algenwuchs gesegnet…

      Das Pony bekommt einen eigenen Artikel, vielleicht auch in der Print. Klar hat Örf die Haube aufbekommen, da ist tatsächlich ein V8 drin. Alles andere hätte mich vom Klang her auch gewundert…

      Sandmann

  6. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Das meine Stoßstange durch ein Knutscher der Garagenmauer kaputt gegangen ist kann ich bestätigen. Nicht zu vergessen der Scheinwerferrahmen…args.
    Rückleuchten habe ich leider nicht rumfliegen. Wenn ich welche hätte, dann wäre es keine Frage gewesen. Du hättest sie bekommen. Soll ich mal ne Runde „lauschen“ nach einem gebrauchten Teil? Ansonsten könnte Dir bestimmt Tom weiterhelfen. Ich erinnere mich bei einem Preis unter hundert Euro bei Tom gelandet zu sein. Neu und oroginal

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann says:

      Bester Markus,

      Tom hat keine mehr. Es gibt noch ein paar im Netz, die letzten nagelneuen, aber so viel Geld will ich nicht ausgeben (irgendwas bei 140 Euro für ein bisschen Plastik). Also wenn du was hörst… gern. Ist nicht dringend, ich hab ja TÜV und alles leuchtet. Sieht halt ein bisschen nach Komposthaufen aus, muss ja nicht 😉

      Sandmann

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