Bon Jovis Frischzellenkur

Sag doch einfach… wir fahren Golf.

Fünf ist Trümpf

Fünf ist Trümpf

Nein, es ist kein ordinärer Golf. Es ist IHR Golf. Würde man mir vor 15 Jahren gesagt haben, dass ich einmal mit einer Frau mein Leben teilen könnte, die einen Golf fährt… ich hätte mir vermutlich eine Kutte übergeworfen und wäre in ein keusches Kloster eingezogen. Aber man wird älter und reifer. Und eines Tages sieht man ein, dass es Menschen gibt, die Autos nicht nur nach ihrem Hintern und ihren Formen beurteilen. Die einfach komfortabel und zuverlässig von a nach b kommen möchten (und trotzdem von alten Volvos oder Benzen träumen). Und wenn dann im Rahmen der „Hauen-wir-die-Reste-Raus“ Philosophie bei VW kurz vor dem Modellwechsel 1996/97 noch eine Klimaanlage, eine Servolenkung, Zentralverriegelung, 5 Gänge, Sonderlack und -bezüge und verstellbare Spiegel auf die Alufelgen gebaut werden… Dann kann das nur ein Golf BON JOVI sein. Einer mit inzwischen kaputtem Auspuff. Und, ach ja… er bremst sich irgendwie komisch. Sandmann will sich das mal angucken. So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Bon Jovi, also den langhaarigen Softrocker, mag mein halbfinnisches Fräulein Altona nicht. Aber ihren Golf schon sehr. Dass der erste Auspuff nun nicht mehr so will, stört erheblich den akustischen Genuss von Morrissey oder Franz Ferdinand, und da sie vorrausschauend, aber immer die TÜV-Plakette des Vordermannes lesen könnend fährt, spielen auch funktionierende Bremsen eine nicht unerhebliche Rolle in ihrem gelegentlichen Pendeldasein auf der Autobahn. Nun fristet ein Golf III kein wirkliches Exotendasein, es wurden zwischen 1991 und 1997 gut 4,5 Millionen von ihm auf die Straßen losgelassen. Das macht die Ersatzteilsituation einigermaßen entspannt. Wie hier schon im Blog diskutiert habe ich für den Auspuff, die vorderen Bremsscheiben und -klötze, die hinteren Bremsbacken und Verteilerkappe und Finger nun letztendlich weniger als 200,- Euro ausgegeben. Fatal. Eine Bremsscheibe meines Audi V8 kostet mehr.

Der im Heck erklingende sportauspuffliche Sound ist schnell lokalisiert. Bon Jovi hat noch immer den ersten, originalen Auspuff! Dieser hat inzwischen beschlossen, sein Alter durch lautes basslastiges Geröhre kund zu tun. Andere geben für diesen akustischen Ohrenschmaus einen haufen Geld aus, meine Freundin möchte aber lieber dem unverfälschten radioweckergleichen Klang des CD-Dings lauschen. Also, unter dem Auto liegend, die alten Schellen mit der Flex abgetrennt (vergessen Sie es, am Auspuff irgendeine verrostete Schraube abschrauben zu wollen), entspannt über Kopf arbeitend und mit in die Augen bröselndem Unterbodenschutz kämpfend am um die Hinterachse gewendelten Rohr gedreht und gezerrt und tatsächlich den alten durchgerosteten Topf super ab bekommen. Wenn SIE Deutschland sind können Sie statistisch einen Satz mit mehr als 8 Wörtern nicht mehr verstehen. Und?

Schauen wir einmal. Alter Auspuff, original VW, immerhin schon 13 Jahre alt und somit in Ehren ergraut. Daneben neuer Auspuff, kommt von meinem Stamm-Händler in Kiel, verzinkt, zwei Jahre Garantie. 80,- Euro. Ich habe ihn noch schön mit schwarzem hitzebeständigem Lack eingesprüht, sei es nun aus Gründen der äußeren Korrosionsprofilaxe oder meines ersten Staatsexamens in Kunst… Der Einbau gestaltet sich angenehm einfach, alles passt, das neue Rohr schlüpft sauber über das alte und die neue Schelle dichtet alles gasdicht ab. Die Gummis der Aufhängung passen und am Ende sieht das Ergebnis aus wie ab Werk. Nach wenigen Minuten. Was ist hier los? Das bin ich eigentlich anders gewöhnt.

Unterhalten wir uns vielmehr über Bon Jovis Fahrwegsverzögerungseinrichtungen. So gut sie damit auch umgegangen ist, die beste Zeit dieser Bremsen ist definitiv vorbei. Wie ist das bei Ihnen? Wann wechseln Sie ihre Bremsen, also die Beläge, womöglich auch die Scheiben? Wenn ein Lämpchen im Armaturenbrett leuchtet? Wenn es komische Geräusche beim Bremsen macht? Wenn sich das Bremspedal bis fast auf das Bodenblech durchtreten lässt? Schauen Sie doch mal wieder an einem sonnigen Wochenede unter Ihre fest verschraubten Felgen. Und ersparen Sie sich damit die Erschütterung, die mich beim Anblick dieser Bremsen packt.

Vorweg: Fräulen Altona trifft keine Schuld. Sie fährt und liebt dieses Auto. Und er fuhr und bremste, täglich, zuverlässig. Jedes abweichende Geräusch wurde mir mitgeteilt. Irgendwie deuten diese Bremsscheiben jedoch auf nichts Gutes hin. Halb abgeschliffen auf der Innenseite trotz beherzter Bedienung? Sind gar die Sättel fest? Aber nein, alle beide? Fazit: Alles muss raus. Scheiben runter, Beläge raus, alles eine Sache von wenigen Minuten. Etwas Nervosität macht sich bei mir breit, als ich die mit Inbusschrauben fixierten Einkolben-Bremssättel lösen will… aber die Schrauben sind meine Freunde und drehen sich nach ein paar Flüchen und einer Menge Caramba Super entspannt heraus. Viel Spaß, wer das in 10 Jahren noch einmal versuchen möchte. Ich glaube allerdings, dass es dank der Abwrackprämie dieses Modell in ein paar Jahren maximal in Afrika noch zu sehen gibt.

Vorher – nachher. Schön ist dann, wenn alles reibungslos funktioniert. Scheibe raus. Scheibe rauf. Klötze raus, alles sauber machen, neue Klötze rein. Passt. Da muss man kein technisches Abitur für haben, zumindest beim Golf geht das sehr einfach.

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Zugegebenermaßen ist es ein erhabenes Gefühl, die Dame des Herzens in relativer Sicherheit zu wissen, zumindest was das Bremsverhalten ihres eigenen Autos anbelangt. Alle nun noch folgenden Maßnahmen sind eigentlich Peanuts.

Nachdem ich einen kompletten niedersächsischen Kompostplatz an Laub und Ästen aus dem Wasserkasten rund um den Pollenfilter rausgeschaufelt habe, kommen mir sündige Gedanken ob des Wartungszustands der Zündung. Kerzen? Sind schnell herausgedreht, irgend jemand hat es mit meiner Halbfinnin mal gut gemeint und die teure Variante mit drei Elektroden eingebaut. Sie sehen gesund aus. Aber die Verteilerkappe und der Finger? Oh je. Der mittige Hauptkontakt von der Zündspule ist quasi nicht mehr vorhanden, die 4 Kontakte der Zündkerzen sind korrodiert und der Finger selbst ist stark aufgeblüht. Wie konnte hier der einsame Zündfunken noch seinen Weg finden? „Heute ist ein schöner Tag“ denke ich und tausche Kappe und Finger heimlich aus…

Liebes Tagebuch. Was hat das denn alles nun mit Bon Jovi zu tun? Gar nichts. Sie liebt Elvis und ihren kleinen agilen Golf, der nun wieder etwas besser fährt. Demnächst steht ein Filterwechsel (Luft und Pollen) und ein Ölwechsel an, außerdem braucht der tief lilane Lack einmal eine beherzte Reinigung und Politur! Doch nach all der Arbeit – kennen Sie diesen Blick in den Augen Ihrer Liebsten? Wenn der verehrte Autowagen wieder schnurrt und zufrieden die berufliche Distanz überbrückt? Unbezahlbar! Wechseln Sie mal an einem V8 den Auspuff oder die Bremsen. Das geht natürlich. Aber Sie brauchen einen Haufen Zeit und eine Menge Geld. Oder wie ist das mit Ihren Fords, Opels, Japanern und Franzosen? Kann man noch selbst schrauben? Erzählen Sie mal. Irgendwie mag ich den Golf so langsam. Seine geniale Einfachheit hat sehr viel Charme…

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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6 Responses to Bon Jovis Frischzellenkur

  1. b4gecko says:

    Du wirst lachen Sandmann, aber genau die selbe Aktion hatte ich auch erst im Februar. Der TÜV stand für den geliebten Golf III Rolling Stones meiner Mutter an.

    Zu diesem Zweck wurden Bremsen rundum, Bremsleitungen (eine „wunderbare“ Arbeit …..), Auspuff und die Stoßdämpfer erneuert.
    Also auch eine richtige Frischzellenkur, denn die Bremsscheiben sahen ähnlich wie bei dir aus! Da kommt man schon ins grübeln wenn man selbst mit einem Audi fährt (in meinem Fall A6), der ja im Vergleich zum Golf eine rießigen Bremsanlage hat, und dann merkt, mit was man seine Familienmitglieder tagtäglich ihre Strecken fahren lässt?!?!

    Aber trotzdem, eine Sache finde ich auch jedesmal motivierend: Bei einem Golf geht im Vergleich zu meinem Audi alles so einfach und schnell von der Hand! (Ich will garnicht an meine 4-Lenker-Vorderachse denken …oh Graus).

    Viele Grüße aus Unterfranken

    gecko

    • Sandmann says:

      Bester gecko 🙂

      erstmal willkommen auf Sandmanns Welt!
      Bon Jovi, Rolling Stones… wer hat noch den Genesis zu bieten? 😉

      Ähnliche AHA Erlebnisse wie bei dem Golf habe ich auch immer, wenn ich an meinem 40 Jahre alten K70 schraube. Da ist das allerdings mit der Ersatzteilversorgung nicht mehr so schön, mal eben in den Zubehörladen ist nicht. Da gibt es NIX mehr, mit Glück vielleicht noch die richtigen Zündkerzen.
      Na ja.
      Dafür fahre ich ihn aber auch nicht so viel, und es geht quasi nichts kaputt…

      Sandmann

  2. flohdaniel says:

    Oh jeh, all diese Arbeiten wären bei meinem auch mal fällig….aber bei dem Schmuddelwetter war bisher nicht dran zu denken. Aber jetzt kommt langsam die Sonne wieder, da werd ich heute auch mal meine Verteilerkappe angucken ;o)

    • Sandmann says:

      Ay flohdaniel,

      na da kommt man ja wenigstens einigermaßen ran 🙂
      Bei meinem V8 WEISS ich, dass eine der Kappen einen Durchbrand hat und bei kaltem oder feuchtem Motor der Funken durch die Gegend funkt… Habe aber bei diesem Wetter keine Lust, den ganzen Luftfilterkasten abzuprokeln und dann mit dreifach umgelenkten Handgelenken die eine jeweils nicht so schön zu erreichende Schraube abfummeln…
      Aber bald… bald…

      Sandmann 😀

  3. calimero says:

    AH!
    Ein Golf, ein GOOLF!!!! 🙂
    Super. Deine Freundin scheint eine Gute zu sein, bei dem Auto 😉 Mehr Auto braucht kein Mensch. Ich habe ja sogar noch den Golf 1, wobei mir ein gut gepflegter Golf 2 auch gefallen würde. Die werden ja inzwischen auch echt selten!

    Fährt sie ihn noch immer? Gern mehr zu dem Thema, ich bin neugierig!
    Abel

    • Sandmann says:

      Ay Calimero,

      ja, den fährt sie noch immer. Und wenn er weiter so zuverlässig ist wird sie ihn bestimmt auch noch lange fahren. Fürwahr ein gutes Auto, allerdings wirst du nur Berichte bekommen, wenn es auch etwas zu berichten gibt. Aber da fällt mir schon was ein 😉

      Sandmann

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