Der tägliche Raser-Wahnsinn

Donnerstag früh auf der A7 zwischen Neumünster und Hamburg. Es ist wenig los, die Lastwagen auf der rechten Spur rollen dahin und auf der linken kann man durchaus auch einmal schneller fahren, ohne dass die Handflächen schweißig werden. Ich fließe im Pendlerverkehr mit und trinke meinen Tee.

Er scheint vorbei zu wollen

Er scheint vorbei zu wollen

Gerade noch am Horizont, jetzt fast in meinem Kofferraum klebt plötzlich ein eiliger Mensch in seinem Passat hinter mir. Ich zucke regelrecht zusammen, als ich die aufgeblendete Xenon-Leiste im Rückspiegel sehe, einen Meter hinter mir, ich fahre gut 160 Sachen. Vor mir sind viele weitere Autos, rechts neben mir die Schlange der Lastwagen, was denkt er wo ich hin soll??? Mit der linken Hand mache ich ein Foto, mit der rechten eine hilflose Geste. Er blendet weiter auf und ab, bis ich an der Lasterkolonne vorbei bin und in eine kleine Lücke schlüpfen kann. Wild und abfällig am Steuer gestikulierend macht dieser Mensch einen „großen“ Spurt 10 Meter an mir vorbei und klebt, wieder aufblendend, am nächsten Auto dran. Und an dieser Stelle beginnt der Kleinkrieg.

Mein ehemaliger Vordermann in einem hoffnungsgrünen Subaru, jetzt genötigtes Ziel des Kamikaze-Fahrers, ist anscheinend die Ruhe selbst. Er schwimmt, genau wie alle anderen, im flotten Verkehr mit und lässt sich Zigarette rauchend das hintere Nummernschild beleuchten.

Um dem Wahnsinnigen im Passat einen gut gemeinten Tipp zu geben, schere ich hinter den beiden wieder auf die linke Spur und blende auch ein paar mal auf. „Hey schau mal, es macht keinen Sinn dass du hier drängelst, die Schlange rollt schnell und zieht sich bis Hamburg!“ sagen die Fernlichter meines Audis zu ihm. Er zeigt mir einen Vogel, dann den Mittelfinger, abschließend macht er eine wedelnde Handbewegung vorm Gesicht. Mir drängt sich die Vermutung auf, dass er mich nicht verstanden hat.

Sandmann hat Kinder und ist kein Freund von Nervenkitzel bei hohen Geschwindigkeiten, und so rolle ich zurück auf die rechte Spur. Da ist gerade eine Menge Platz. Schräg vorne links sehe ich den bedrängten Subaru-Fahrer zu mir herüber lachen und den Daumen heben. Er selbst scheint es verstanden zu haben.

Da nun rechts ein langes Stück frei ist, macht der Passat einen hektischen Schritt auf die rechte Spur, und sein TDI scheint einen Volllast-Befehl zu bekommen, wie ich der braunen Rauchwolke aus dem Auspuff entnehme. Er will rechts vorbei. Der Subaru beschleuningt leicht, sein Fahrer sieht dieses Vorhaben nicht ein. Mit aufflammenden Bremslichtern und hektischen Lenkbewegungen (wir befinden uns noch immer im Tempo 160) zerschellt der scheiternde Passat fast am langsam fahrenden Blumentruck aus den Niederlanden und springt regelrecht wieder hinter den Subaru, jetzt auch noch wild hupend. Durch seine Heckscheibe sehe ich den cholerischen Fahrer fast platzen.

Das ist mir zu blöd und viel zu gefährlich. Selbst randvoll mit Adrenalin ob dieses Schauspiels, halte ich großen Abstand und rolle weiter. Wer weiß, wo das noch endet. Der Passat springt weiter zwischen rechter und linker Spur, blendet auf und ab und scheint seine Berufung gefunden zu haben. Aber kommt nicht vorbei bis zum nächsten Auto. Ich stelle mir den Subarufahrer vor, wie er sich eine neue Zigarette anzündet, süffisant lächelt und den Oldiesender lauter macht.

Das Ende der Drängelei

Das Ende der Drängelei

Alles endet nur 10 Minuten später im klassischen Stau in Richtung Süden ab Quickborn in diversen Vollbremsungen. Da stehen sie nun, die beiden. Noch immer hintereinander. Ob es womöglich im Stau noch zu Handgreiflichkeiten gekommen ist, habe ich nicht mehr mitverfolgen können. Ich glaube aber nicht, denn der deutsche Autofahrer ist nur (über)mutig, wenn er seinen zentralverriegelten Stahl um sich hat und rollt. An der nächsten Ampel sind wir wieder alle gleich… Ich biege hier ab und gleite über Land nach Pinneberg, schaue ab und an auf das Foto meiner wunderschönen Freundin und lasse verliebte Ruhe einkehren.

Was treibt diese Leute? Warum gefährden sie sinnlos das Leben anderer Menschen? Meine Hände zittern noch immer leicht.

Es grüßt Sie ein etwas verstörter

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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6 Responses to Der tägliche Raser-Wahnsinn

  1. calimero says:

    Unfassbar.
    Der Deutsche ist in seinem Auto nicht zurechnungsfähig. Bei solchen Aktionen plädiere ich für den endgültigen Entzug der Fahrerlaubnis. Und obendrein noch Sozialstunden in der Unfallambulanz ableisten!
    Mir geht echt der Hut hoch, und ich hab nicht mal einen! 🙁
    Abel

    • Sandmann says:

      Ich habe zwar einen Hut, kann aber verstehen, was du meinst.

      Inzwischen werde ich da ruhiger. Wenn einer vorbei will, lass ich ihn vorbei. Erziehen kannst du die sowieso nicht, und diese Adrenalinschübe machen mich nicht an. Lasse fahren. Ich gleite!

      Sandmann

  2. Marc says:

    jetzt erst entdeckt und ihn in meiner Sandmann-Hitliste gleich unter die top ten eingereiht!

    Hab mir erlaubt auf FB zu teilen.

    • Sandmann says:

      Ah.
      Du wühlst dich durch alte Beiträge. Na dann gute Unterhaltung, einige sind echt schon so lange her dass ich AUCH mal wieder drüber lesen sollte 😉

      Sandmann

  3. Als ich meinen V8 noch hatte, etwa Sommer 2001, hatte ich auch so ein Erlebnis der dritten Art.

    Es muß auf der Rückreise von Ulm gewesen sein. Welche Autobahn, weiß ich nicht mehr. Zunächst konnte ich bei entspannten 170 km/h einen sog. „Mule“ des späteren Maybach auf W140-Basis fotografieren, dessen Fahrer angesichts meiner Kamera schnell das Weite suchte – aber die Bilder sind trotzdem was geworden.

    Wenig später, der Gasfuß war bosebeduselt und heimwehbeschwert mittlerweile etwas tiefer gesackt, seh ich im Rückspiegel bei 190 km/h ein Mopped drängeln. So dicht, daß ich dachte, der fährt gleich auf. Autobahn komplett frei, ich rechts rüber, Vollgas bis 240, Mopped weg. Ich mit 240 and rising wieder links rüber, nachdem am Horizont LKW auftauchten. Das Mopped schließt im Windschatten wieder auf. Bei 250 mit einem Abstand von gefühlt unter 2 Metern. Was tun? Wenn ich jetzt bremsen muß, verteilt er sich über die nächsten zwei Kilometer und ich habe nur ein paar Schrammen. Also mit 250 wieder rechts rüber. Mopped fällt wegen fehlenden Windschattens weit zurück.

    Dieses Spiel wiederholte sich dann noch 3 oder vier Mal. Dieser lebensmüde Organspender hatte irgendwie die Gesetzmäßigkeiten der Aerodynamik nicht verstanden …

    • Sandmann says:

      Oh ja oh ja. Die Saison geht ja auch bald wieder los 🙁

      Ich selbst habe auch einen Motorradführerschein, sogar einen uneingeschränkten. Ein bisschen dahingullern ist sehr fein. Wenn ich aber mit diesen wahnsinnigen Vollpfosten auf ihren verkleideten Joghurtbechern konfrontiert werde sehe ich immer zu, dass ich Land gewinne. Nach rechts ran und langsam. Mir fehlt jedes Verständnis für diese Geschwindigkeiten jenseits von abgesperrten Teststrecken. Wenn die sich nur selbst totfahren würden wäre ja alles okay, aber oft werden noch Unschuldige mitgerissen.
      Schade für die umsichtigen Biker. Die geraten so immer wieder in Verruf 🙁

      Sandmann

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