Inkontinenz reloaded – Neues aus Pumpenhausen

Sandmann hat’s nicht so mit der Pumpe…

Das kranke Herz sitzt ganz tief unten

Das kranke Herz sitzt ganz tief unten

Aber das kann am Alter liegen. Nach fast 18 Jahren Dauereinsatz (er ist volljährig!) und 490.000 Kilometern auf deutschen und europäischen Straßen will sie einfach nicht mehr – die Pumpe für die Zentralhydraulik meines Audi V8. Sie ist das Neben-Herz im Motorraum, wenn es schlägt versetzt es den Fahrer in die glückliche Lage, den 2-Tonnen-Boliden lächelnd zu bremsen und zu lenken. Das ist beides nicht ganz unwichtig. Nun gut, mit Herzschmerz kenne ich mich bekanntlich aus, und da ich selbst auf diesem Gebiet seit über zwei Jahren kummerfrei bin, ist es an meinem Auto, diesen Teil zu übernehmen. Sehr solidarisch von ihm. Aber denken Sie mal nicht, dass die Pumpe so einfach adios sagt. Nein, natürlich nicht. Das geschieht selbstverständlich parallel zum unerwarteten Wintereinbruch, und auch rauchentwicklungsmäßig nicht ganz unspektakulär…

Perfektes Schrauberwetter, möchte man meinen.

Nicht wirklich Schrauberwetter

Nicht wirklich Schrauberwetter

Das war Ironie. Wenn es meinem Auto einmal schlecht geht, dann immer gleich auf eine Art und Weise, wie es eigentlich nur Männer fertig bringen: Sind die Schmerzen klein, wird großartig und theatralisch gelitten, um Aufmerksamkeit gebuhlt oder der Untergang der Welt heraufbeschworen. Tut es dann aber mal WIRKLICH weh, verkriechen wir uns leise zum Sterben in die Ecke. Und genau das hat die Hydraulikpumpe auch getan. Laut ist sie nicht geworden. Aber ihr Tod hatte zur Folge, dass das lenkunterstützende Blut des Herzens nicht mehr durch die druckbeständigen Adern, sondern auf den heißen Motorblock und den Auspuff gedrückt wurde. Wo es in Litermengen nach hinten kleckernd stinkend verdampfte und mein Auto in einen nächtlichen, schillernden Kometen am Himmel zwischen Pinneberg, Lübeck und Kiel verwandelte. Sehr zum Leidwesen der hinter mir Fahrenden auf einer Gesamtstrecke von 170 Kilometern. Ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, falls ein Betroffener mitlesen sollte. Das war vermutlich nicht wirklich angenehm 😐

Also fahre ich heute spontan zu Retter Tom. Ein neues Herz einbauen. Einen weiteren (wieder rauslaufenden) Schluck habe ich dem System in Kiel noch einmal unter schneeschwerer Motorhaube spendiert, und ab geht es in Richtung Rendsburg. Minusgrade, Schneefall und die Ankündigung einer weiteren Schneefront im Nacken und im Kopf. Wir müssen zum Mittag fertig sein, denn ich soll anschließend mit meinem Auto erneut über Bad Segeberg nach Lübeck fahren…

Das frische Implantat findet seinen Platz

Das frische Implantat findet seinen Platz

Tief in den fast unerreichbaren, aber wenigstens noch warmen Abgründen des V8-Motorraums griffelt Tom mit gewandten, gummibehandschuhten Fingern an den drei haltenden Schrauben des maladen Organs herum. Eine neue Pumpe im Austausch war zum Glück weder von der Verfügbarkeit noch vom Preis ein nennenswertes Problem, einzig der Aus- und Einbau ist (mal wieder) mit rund zwei Stunden veranschlagt, weil man bei diesem Patienten (wie immer) einfach nicht ran kommt! Der Doktor macht diese Arbeit allerdings nicht zum ersten mal und weiß, wo er anpacken muss. Zunächst werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es nach dem Nachfüllen des Hydrauliköls durchaus Sinn macht, den Behälter auch wieder zuzuschrauben. Deckel und Füllstandsgeber lagen daneben. Ups? Na ja, es war noch dunkel… Und so hat er nicht so viel Druck aufgebaut, das hat bei Leckagen doch auch Vorteile (schäm). Hoffentlich ist es denn auch die Pumpe, die kaputt ist, und nicht etwa einer der drei Druckschläuche. Hier ist inzwischen alles so schrecklich verölt, dass wir nicht mehr feststellen können, wo die Suppe denn nun herausgelaufen ist…

Der Chirurg, Blutbesudelt, aber erfolgreich

Der Chirurg, Blutbesudelt, aber erfolgreich

Da haben wir sie! Im wenig beheizten Schrauborado waten wir durch Pfützen von Hydraulikflüssigkeit und schmelzendem Schnee. „Das ist eine Arbeit, die man eigentlich nicht zu zweit machen kann, Sandmann…“ Ah. Also mache ich mich nützlich, halte hier mal die Lampe, reiche da mal einen Schraubenschlüssel an und beschränke mich weitestgehend auf das Entertainment des ausführenden Retters. Was für ein elendiger Schmierkram. Ich bin sehr glücklich, dass seine Finger da drin stecken und friere ein bisschen vor mich hin. Und draußen fängt es schon wieder an zu schneien. JAWOLL! Sie ist raus! Es… es ist… es ist ein MÄDCHEN! Tom macht sich dran und tauscht die Riemenscheibe von der alten auf die neue Pumpe.

Winterreifenpflicht? Okay, rauf damit!

Winterreifenpflicht? Okay, rauf damit!

Ich kann allerdings nebenbei doch noch etwas machen! Ab dem ersten Dezember 2010, das ist heute, besteht in Bundesdeutschland das neue Winterreifengesetz, welches so neu eigentlich nicht ist. Zufällig habe ich vier Winterreifen auf BBS Felgen dabei, und Tom macht den nicht ganz so überflüssigen Vorschlag, dass ich die ja vielleicht mal aufziehen könnte. Statt bibbernd in der Halle herum zu stehen 🙂 Das mache ich doch gern, der Schneefall wird draußen nämlich dichter und direkt neben dem linken Vorderrad steht eine kleine Heizung. Bei dieser Kälte klammere ich mich an jeden einzelnen verfügbaren Strohhalm. *fröstel* Da tun auch die Bemerkungen gar nicht mehr weh, ich könne bei meinem Arbeitstempo niemals in der Formel 1 als Boxenmechaniker arbeiten. Tz.

Da laufen noch ganz andere Sachen aus

Da laufen noch ganz andere Sachen aus

Super. Die neue Pumpe ist inzwischen drin und auch offensichtlich dicht. Und was mache ich? Jetzt laufe ICH aus. Auf dem Foto nicht mehr so sehr, aber ich habe doch ganz nett meinen Motorraum markiert. Bei diesen Temperaturen bemerkt man solche Verletzungen irgendwie immer erst dann, wenn man schon rote Stempel auf dem Luftfilter hinterlässt und die schmutzigen, synthetischen Öle bereits komplett in den offenen Blutkreislauf diffundiert sind. Das wird niemals wieder sauber verheilen. Aber Narben, seien sie im Herzen oder einfach nur an den Fingern, lassen einen interessanter wirken, und am Lagerfeuer hat man immer was zu erzählen…

Puh - das wird noch lange qualmen!

Puh - das wird noch lange qualmen!

Nachdem sowohl die Blutungen meines Autos als auch meiner rechten Hand vollends gestillt sind, geht es ans grobe Saubermachen. Der Fahrtwind hat das Hydrauliköl schön über den Motorblock, das Getriebe, die Auspuffe und die Katalysatoren verteilt. „Das wird noch ein paar Tage stinken, nicht nervös werden…“ Nervös bin ich nur geworden, als ich gestern Abend die Scheinwerfer der Autos hinter mir vor lauter Rauchentwicklung nicht mehr sehen konnte. Das kann nun eigentlich nur erheblich besser sein. Trotzdem erstaunlich, wie fein verteilt und großflächig das Öl sich über den gesamten Unterboden vaporisiert hat. Auch im Innenraum ist es leicht muchelig zu vernehmen, das riecht fast ein bisschen wie mein alter Granada…

Endmontage, ab nach Lübeck!

Endmontage, ab nach Lübeck!

Endmontage. Unterbodenpappe („Sandmann, die ist ja von einem 3.6er?„) wieder drauf, Winterreifen aufgepustet und einen ersten Probelauf gewagt. Es soll schon vorgekommen sein, dass überarbeitete Pumpen ebenfalls undicht oder in ihrer Funktion eingeschränkt sind. Nicht aber diese meine neue. Das frische Herz im Audi V8 presst die Flüssigkeit wieder wie damals durch die Adern und lässt mich dank Servotronic im Stand die hoch belasteten 225 Reifen mit einem einzelnen (blutigen) Finger drehen. Wir sind im Zeitplan. Es reicht sogar noch für einen heißen Kaffee in der Küche, obligatorisch hier in Legan. Aber ich habe Hummeln im Hintern und will los, denn der Wetterbericht orakelt für Bad Segeberg und den Kreis Ostholstein heute Nachmittag eine lokale Schneekatastrophe. Super. Genau da muss ich durch….

Ist das eigentlich normal, dass jetzt bei meinem V8 so nach und nach alle Anbauteile einmal durchgetauscht werden müssen? Nach nur 500.000 Kilometern? 😀 Und hey – glauben Sie mal nicht, dass die Reise damit vorbei ist. Jetzt kommt der Schnee! Aber dazu morgen mehr…

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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4 Responses to Inkontinenz reloaded – Neues aus Pumpenhausen

  1. Daniel sagt:

    Hach ja….bei meinem Coupe 20V habe ich erfahren dürfen, was es bedeutet wenn so eine Zentralhydraulik hochgeht. Mir war es aber schon bei grade mal 340.000 km Laufleistung passiert…Unverschämtheit.

    Aber auch eine Lichtmaschine sollte man nicht unterschätzen. Ohne die geht nach kürzester Zeit auch *nichts* mehr….;o)

    • Sandmann sagt:

      Ay Daniel,

      diese leidvolle Erfahrung mit der Lichtmaschine habe ich nun schon zwei mal machen dürfen. 2007 ist der Regler abgeflogen, 2009 dann die ganze LiMa. Ja, in der Tat, dieses Lämpchen im Display möchte ich nicht noch einmal sehen 🙁

      Allerdings spannend, man weiß nicht genau, WANN man liegen bleibt. Aber der Weg dahin ist beim V8 spektakulär! Erst ist die Klimatronic verwirrt und fängt an zu heizen, dann geht das Radio aus, dann wird das Licht erst außen, dann innen dunkel und erst DANN versagen die bis dahin noch vorantreibenden elektrischen Einspritzventile. Gut gemacht. Hallo Adrenalin, ich begrüße dich.

      Sandmann

      • Daniel sagt:

        Hattest ja auch mal den Ausfall mit dem Audi A8, wo der komische Dingsda im Radkasten weggerostet war, gell Sandmann? Andere Ursache, selbe Wirkung 😉

        • Sandmann sagt:

          Ah, der Herr ist am Ball der Geschichten 🙂

          Das war die Plusverteilerdose… Oh jeh…
          Da bin ich allerdings nicht liegen geblieben, da bin ich gar nicht erst weg gekommen. Und anschließend hatte ich Zeitdruck wegen nicht nachladen…
          Schlimm…

          Sandmann

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