Käse und Paninibilder

Das Fahrrad des Umberto...?

Das Fahrrad des Umberto…?

Ich weiß gar nicht wohin mit meinen kulinarischen Emotionen. Gerade noch knabbere ich das letzte Salatblatt mit Balsamico Traditionale, da sitze ich schon wieder im Sprinter neben meinen Kollegen. Unser Nachmittagsziel ist die Käserei Hombre. Langweilig? Nein, nicht wenn man weiß, dass sie dem inzwischen verstorbenen Klebebilderkönig Umberto Panini gehörte. Und erst recht nicht, wenn man von seiner beeindruckenden Sammlung an historischen Maseratis weiß. Der Tag geht so bunt weiter, wie er begonnen hat…

Parmesan. Und zwar der ECHTE.

Käse im Zeichen des Dreizack?

Käse im Zeichen des Dreizack?

Ich lerne erneut weitere Geheimnisse der regionalen Bezeichnungen und Gütesiegel und verinnerliche, dass es sich mit dem Parmesan ähnlich verhält wie mit dem Champagner. Nur der Parmigiano, der in einer klar eingegrenzten Region Oberitaliens produziert wird, darf heute diesen Namen tragen. Grana Padano ist was anderes, so wie Sekt ja auch kein Champagner ist. Wer war denn nun dieser Panini? Am besten googeln Sie das mal, ich weiß vor allem, dass er mit klassischen Klebe-Sammelbildern ein Vermögen gemacht hat. Fußball fand ich immer doof, aber ich habe 1982 mein gesamtes Taschengeld für das Sammelalbum von Disney’s Science Fiction Film „Das schwarze Loch“ ausgegeben. Und offensichtlich diese Käserei hier anteilig mit finanziert.

Muh

Muh

Ich zeige Ihnen hier so viele Kühe, weil ich selbst von den kontroversen Eindrücken ein bisschen hin und her geschüttelt bin. Gestern trete ich noch einen 700-PS-Lamborghini durch das Hinterland von Modena, heute Morgen lerne ich die Geheimnisse von Aceto Balsamico kennen und jetzt stehe ich inmitten von unzähligen milchgebenden Nutztieren. Interessant ist der Dreizack im Wappen über der Tür, habe ich den nicht schon mal irgendwo gesehen? Unsere beiden weiblichen Reiselexika erzählen uns viel über die Herstellung und die Tradition dieses Hartkäses, während wir durch die kleinen Produktionsanlagen geführt werden. Und wissen Sie was? Langweilig ist anders. Stellen Sie sich einfach einen warmen, feuchten Raum vor, in dem es nach Milch riecht und in dem Sie so noch niemals waren. Hier entstehen jeden Tag in gemächlicher Handarbeit lediglich acht große, schwere Käse, die dann lange, sehr lange eingelagert werden und reifen…

Viel Milch wird zu wenig Käse

Viel Milch wird zu wenig Käse

Halt! Laufen Sie nicht weg 🙂 Ich komm ja noch zu den Autos!!! Aber erstmal stapfen wir im Gänsemarsch (oder ist es hier der Kälbermarsch?) zu einer großen Halle, in der ein Käsemeister seinen Job ausübt. Da Hombre eine anerkannte und wohlhabende Bio-Käserei ist, kann sie sich zwei Käsemeister leisten, die in 12-Stunden-Schichten arbeiten. Normalerweise gibt es nur einen Maitre. Der hat weder Freizeit noch Urlaub, das ist sein Job, und der Käse will bespaßt werden. Spaß wiederum hat die Redakteurin der Lübecker Nachrichten heute irgendwie nicht. Sie ist vor allem wegen dieser weltbekannten Milchprodukte hier auf diesem Trip, und mitten zwischen den Regalen fällt ihre Kamera runter und sendet ihren elektronischen Geist ins Nirvana der milchveredelnden Welt. Ich halte meine lieber noch ein bisschen fester, hier wohnen ja fast nur Katholiken…

So weit das Auge reicht

So weit das Auge reicht

So viel Käse. In dieser vorwiegend gelb schimmernden Halle lagern alle Reifegrade und Altersstufen, wenn Sie so wollen ist das ein kleines Fort Knox der goldenen Milchreserven. Immerhin besorgt das notwendige regelmäßige Wenden und Bepinseln inzwischen ein auf Schienen laufender Automat. Über genau so eine Schiene ist die Redakteurin gestolpert. Na gut. Immerhin ist sie nicht von dem Wenderobotter platt gefahren worden, schlimmer geht’s immer 😉 Als Kind fand ich, dass der harte Bröselkäse auf meinen Nudeln immer ein bisschen wie Erbrochenes riecht und habe ihn daraufhin dankend abgelehnt. Geschmäcker ändern sich bekanntlich, heute kann ich mir Pasta ohne Parmesan gar nicht mehr vorstellen. Und hier lagern ZIG Tonnen davon. Hatte ich heute Morgen schon überlegt, ob ich so ein Essigfässchen unbemerkt in mein Handgepäck schmuggeln kann werde ich hier allein am Gewicht der Klötze scheitern. Schade.

Mijam. Kaufen. Sofort kaufen.

Mijam. Kaufen. Sofort kaufen.

Die Vermarktungsmaschinerie des Umberto Panini zielt so ziemlich genau auf das ab, was die Besucher hier sehen wollen. Das klappt anscheinend nicht nur mit Sammelbildern. Man lässt uns die kleinen goldenen Happen direkt im angrenzenden Laden kosten, und was soll ich sagen… Das schmeckt einfach köstlich. Wenn man da jetzt noch ein paar Tropfen Balsamico raufträufeln würde… 🙂 So ein kleiner Käseklotz hat im Vergleich zu dem schwarzen Essig im Designerfläschchen den klaren Vorteil der Bezahlbarkeit, also nehme ich gleich mal einen mit und freue mich schon auf die ersten Nudeln in Deutschland! Doch nun genug von Eutern und Ihren Erzeugnissen. Hier gibt’s doch noch mehr, oder? Ich bin Motorjournalist, was ist mit den Autos???

Ooooooch sind die süüüüüüß

Ooooooch sind die süüüüüüß

Das Relief an der Wand der Käserei Hombre sieht vielversprechend aus. Es geht die Legende, dass Maserati damals auf dem absoluten kaufmännischen Tiefpunkt seine Museumsstücke in einer Versteigerung angeboten hatte. Panini sah die Derivate, griff zum Telefon und erwarb die gesamte Sammlung zu einem nur als Legende überlieferten Preis. Also habe ich offensichtlich mit meinem Klebebild-Album in den 80ern auch eine Autosammlung mitfinanziert. Wer hätte das geahnt?

Mehr, viel mehr als nur Käse

Mehr, viel mehr als nur Käse

Als der alte Panini noch lebte, hat er sich jeden Besucher erst einmal persönlich angeguckt. Er soll auf seinem Fahrrad um die Ecke gekommen sein, verschroben lächelnd, und hat nach gut dünken entschieden, wer seine Autos sehen darf und wer nicht 🙂 Einige hat er reingelassen, andere einfach wieder nach Hause geschickt? Warum? Weil er es konnte.

Blechgewordener Wahnsinn

Blechgewordener Wahnsinn

Hinter der Glastür entfährt dem Betrachter ein zwangsläufiges und ehrfürchtiges „Heilige SCHEI**E!“ Allerdings mehr heilig als das andere. In einer zweigeschossigen, hellen Galerie stehen rund 30 Fahrzeuge im Neuzustand, ein paar Prototypen, ein paar Rennwagen und viele Motorräder. Mein Herz hüpft, meine Kamera glüht (ich gucke ständig nach unten, um nicht über irgendwelche Schienen zu stolpern) und ich fühle mich wie in Ali Babas Schatzkammer. Maseratis aus allen erdenklichen Epochen stehen hier aufgereiht nebeneinander, alle im Neuzustand, alle wunderschön in Farbe und Chrom – das Geschichtsbuch eines Unternehmens.

Da isser ja, der Dreizack...

Da isser ja, der Dreizack…

Ich fahre mit meinen Fingern über die verchromten Schriftzüge am Heck, über die polierten Kiemen an den Seiten und über die Dreizacks in den Kühlergrillen. Daher das Wappen auf der Wand über dem Tor der Käserei. Ich verstehe. Und der Eintritt ist frei, auch jetzt, wo der alte Herr keine Gesichtskontrolle mehr durchführt.

Rohe Gewalt, dampfbetrieben

Rohe Gewalt, dampfbetrieben

Und zu meiner Probefahrt komme ich heute DOCH noch, wenn auch irgendwie gestellt und statisch 🙂 Haben Sie schon mal auf einer echten Dampfmaschine gesessen? Was für eine großartige, kraftstrotzende Konstruktion. Einmal damit über den Acker pflügen, und der Fitnessclub wird überflüssig. Ich will da gar nicht mehr runter, ich fühle mich wie ein kleines Kind, das auf einem Kanonenrohr sitzt :-). In einer langen Reihe daneben stehen staubige, rostige Schlepper und Traktoren, einer älter als der andere. Bestimmt 20 Stück.

Nepper, Schlepper, Bauern?

Nepper, Schlepper, Bauern?

Was hat dieser Mann eigentlich noch alles gesammelt? Irgendwann muss ich mir mal die Lebensgeschichte dieses Herrn Panini besorgen, da scheint noch Geschichtenpotenzial zu liegen… Ich wuchte meinen Alabasterkörper von dem längst stillgelegten Ungetüm runter und versuche, die ganzen Eindrücke in den Speichern meines Kopfes mal ein bisschen zu ordnen. Dabei streife ich auf dem Rückweg zum Bus noch an einer liebevollen Hommage an den alten Umberto entlang…

Eindeutig der König der Klebebilder

Eindeutig der König der Klebebilder

Ein alter R4, über und über beklebt mit den bunten Sammelbildchen. Wäre der mir in freier Wildbahn begegnet, hätte ich ihn belächelt und als rotte Studentenkarre abgestempelt. Hier, auf Umberto Paninis Anwesen, wirkt er wie das langsam verblassende Denkmal einer ganzen Generation von Tauschenden und Sammelnden. Sagenhaft, was dieser Mann auf die Beine gestellt hat. Übrig davon sind heute noch immer das Museum und die Käserei. Ob es in 10 Jahren wohl noch Sammelbildchen in den Kassendisplays der Kioske und Supermärkte geben wird? Oder tauscht man die dann schon per App? Eine gruselige Vorstellung.

Und plötzlich kommt der Regen. Heute Abend lernen wir noch, wie man Pasta herstellt. Wir sind also noch lange nicht durch mit den kulinarischen Erlebnissen 😉

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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3 Responses to Käse und Paninibilder

  1. Snoopy sagt:

    Noch mehr Hunger. Ich sattle mein italienisches Fahrzeug und fahre nach Hause 😉

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