Kurz notiert: Ich und Camping

Der letzte Tag im Freien. Was bisher geschah.

Arbeitsplatz unter Pinien

Arbeitsplatz unter Pinien

Camping ist für die eine Hälfte der zeitgenössischen Population der Inbegriff von Freiheit, preiswertem Leben und Flucht vor der Zivilisation. Für die andere, zumeist ein bisschen reifere Hälfte bedeutet Camping vor allem Dreck und Staub, kompletter Verlust der Intimsphäre und Verzicht auf alle schönen Annehmlichkeiten der westlichen kapitalistischen Zivilisation. Irgendwo dazwischen bin ich. Gestatten Sie mir, Ihnen einen intimen Einblick in die Dimensionen des Südfrankreich-Campings mit einem Zelt, zwei minderjährigen Mitreisenden und einem Audi V8 zu gewähren. Und machen Sie sich einen eigenen Eindruck von den Pros und Cons der hotellosen und billigfliegerbefreiten Urlaubsgestaltung einer norddeutschen Kleinfamilie…

Chaos und Zerstörung gehören natürlich dazu.

Trümmer und Zerstörung

Trümmer und Zerstörung

Das Dach über dem Kopf ist zwar regendicht, aber Regen ist hier unten an der Côte d’Azur nicht das eigentliche Problem. Vielmehr kommt des Nachts gern mal ein kleines, kühlendes Lüftchen über die küstennahen Berge geweht. Und dieses Lüftchen lässt dann das Zweizimmer-Zelt flattern und den preiswerten Gartenpavillon erbeben. Nach schlaflosen weil sehr lauten Stunden höre ich im Morgengrauen nur noch ein lautes *klonk* *raaatsch* *schepper* und weiß insgeheim, dass dieses komfortable Vordach nun endgültig von uns gegangen ist. Camping heißt vor allem: Aus jeder noch so blöden Situation möglichst etwas Positives zu machen. Fazit – hey wir müssen den ganzen Schrott nicht wieder mit nach Hause schleppen und haben entsprechend mehr Platz für Rotwein im Kofferraum!

Die Küche der Casa Sandmann

Die Küche der Casa Sandmann

Immerhin gibt das nun verstorbene Dach nicht nur den Blick nach oben auf die Pinien frei, sondern auch den auf unsere Küche. Eine komplette Hälfte des V8-Kofferraums belegten der dicke Kühlschrank und der Zweiplatten-Gasgrill nebst dicker Flasche. So viel Luxus muss sein, Stromanschluss obligatoire. Ich möchte weder auf kühle Wurst und Käse zum Frühstück noch auf ebenso kühles Bier und Wasser oder leckeren heißen Kaffee verzichten. Und DAS ist tatsächlich Freiheit: Morgens in einem alten Topf auf den Steinen neben der Flamme (ich habe die Topfgitter zu Hause vergessen) frisches Wasser kochen und einen duftenden Kaffee machen. Zumeist, während die meisten um mich rum noch schlafen. Das sind die ruhigsten und schönsten Stunden des Vormittags. Später dann lecker Nudeln mit Sahnesauce oder knusprige Merguez (das sind scharfe Hackwürstchen) vom Grill – besser kann man es zu Hause auch nicht machen 🙂 Flucht vor der Zivilisation gelingt nun allerdings nur noch bedingt, wir sind umringt von Niederländern, Belgiern und Franzosen, die allesamt in Mehrfamilienhaus-ähnlichen Wohnmobilen angereist sind und im stadionähnlichen Vorzelt ihren kompletten Hausrat aufbauen. Frage: Warum kaufe oder miete ich für jeweils ein mittleres Vermögen ein riesiges Wohnmobil, stelle es dann auf einen ebenfalls teuren Campingplatz (45,00 Euro pro Nacht plus Strom. Soweit in Sachen „preiswert„) und habe auch noch alles dabei, was ich zu Hause so um mich rum habe? Machen da nicht ein Hotelzimmer und ein Mietwagen mehr Sinn?

Kino im Schatten

Kino im Schatten

Fehlende Privatsphäre findet sich ansonsten für meine beiden Grazien bei Bedarf im Auto, wo sie immer zwischendurch auf dem Laptop eine Folge „Scrubs“ nach der anderen gucken. Im Auto können sie das auch ohne Kopfhörer, denn die sind irgendwie IMMER verschwunden. Wie so einiges hier, vieles findet sich aber später in irgendwelchen Tüten oder Ecken des Zelts zwischen Piniennadeln wieder… Ich selbst bin zufrieden mit den beschriebenen Momenten am Morgen, die sich am späteren Abend wiederholen. Eine Öllampe, ein Glas Rotwein, KEIN W-LAN, die schnarzenden Zikaden und später noch ein paar Kapitel in Ken Bruens „London Boulevard„. Mehr brauche ich nicht, die pure Anwesenheit meiner Kinder ist für mich Erholung und Entspannung zugleich. Bin ich anders als viele andere? Vielleicht. In der Tat verstaubt und verpiniennadelt hier alles mit der Zeit, nicht nur das Auto. Durch tägliches Plantschen im Meer oder dem Pool hält sich aber die eigene Verdreckung in sehr erträglichen Grenzen…

Gäste bespaßen, wie immer gratis

Gäste bespaßen, wie immer gratis

Abendgestaltung? Entertainment? Na klar. Spätestens, wenn ein angeheuerter langhaariger Franzose, des Englischen nicht mächtig, vor versammeltem saufenden Campingpublikum am Pool mit Wimmerstimme einen Beatles-Song nach dem anderen vergewaltigt muss eingeschritten werden. Ein kleines „Wish you were here“ von Pink Floyd, begleitet von einem 10-jährigen Konga-Profi, hat noch niemandem geschadet. Und am allerwenigsten meinem Herzen, in dem sich ein sehr starkes Vermissen breit macht. Mein in Berlin verweilendes halbfinnisches Fräulein Altona gehört zu den Menschen, die lieber im Hotel übernachten. Sei es ihr vergönnt. Nach 11 Tagen im Staub unter einer unbarmherzigen südeuropäischen Sonne entwickel ich auch wieder so etwas wie den Wunsch, in einem echten Bett zu schlafen. Aber jetzt kuschel ich mich erst einmal wieder mit der Öllampe auf meine kühle Luftmatratze, schenke mir noch ein Gläschen Wein ein und lese mein Buch. Während im Hintergrund noch Kermit der Franzose ein bisschen das sich ausdünnende Publikum belästigt. Morgen geht es wieder in Richtung Norden…

Mögen Sie Camping? Mochten Sie es? Werden Sie es mögen? 🙄

Sandmann

HIER geht es wieder nach Hause…

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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4 Responses to Kurz notiert: Ich und Camping

  1. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Euch ist da Vordach abgehauen? Och nö! Naja sei froh das dies nicht ganz zu Anfang passiert ist.
    Ich persönlich sehe Camping als kleines Abenteuer. Und dann bitte nicht auf so einen durchorganisierten Campingplatz. Wenn dann bitte richtig. Ab zum Bauern und fragen ob man eine Nacht auf der Wiese übernachten darf. Ein kleiner See in der Nähe…es muß ja für die Morgentoilette gesorgt werden und mit ein bißchen Glück kommt der Bauer früh Morgens und lädt zum Frühstück.
    Kleine Probleme müssen direkt vor Ort von einem selber bewältigt werden. Wer es nicht schafft kann ja den ADAC rufen und ist für das richtige Camping ungeeignet. 😉

    V8 mäßige Grüße

    Markus in Richtung Frühschicht (noch dreimal!!!!)

    P.S. Vergiss die Sonne nicht mein lieber

    • Sandmann says:

      Bester Markus,

      nun… das ist mir ein bisschen ZU viel Abenteuer. Zumindest die Möglichkeit einer Dusche und ein bisschen Zivilisation um mich herum muss ich schon haben, alles andere habe ich maximal in meinen wilden Teenagerjahren gemacht.

      Und ich kann dir sagen… frisch gebrühter französischer Kaffee (mit dem besagten kochenden Wasser vom Gasgrill), ein knuspriges Baguette, ein paar Scheiben luftgetrocknete Salami und ein butterschwangeres Croissant – du möchtest nie wieder irgend etwas anderes frühstücken 🙂

      Sandmann

  2. calimero says:

    Camping.
    Ich war vor über 5 Jahren mal mit meiner damaligen Freundin in Dänemark auf einem Campingplatz. Es hat zwei Wochen nur geregnet, und nach ein paar Tagen war alles durch naß. Neben allem deprimierenden waren es aber auch zwei sehr verschmuste Wochen, falls du verstehst, was ich meine 😉
    Also im Norden würde ich das nicht nochmal machen, aber da unten in Frankreich scheint ja immer gutes Wetter zu sein?
    Abel

    • Sandmann says:

      Ay Calimero,

      Regen ist furchtbar, da hätte mich schon längst die Lust verlassen. Zwei Wochen??? Wahnsinn, ihr wart echt hart, oder? Hat das eine schlimme Grippe nach sich gezogen?

      Camping ertrage ich gut, wenn es sich bei meinem Zelt wirklich nur um einen Schlafplatz handelt. Ansonsten möchte ich draußen sein, Duschen haben und – Wärme. Im Zelt frieren? Nein. So ein paar Annehmlichkeiten der westlichen Zivilisation setze ich dann doch vor die persönlichen Freiheitsgefühle…

      Sandmann

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