Am Rand der Ruhe

Definieren Sie "kitschig"

Definieren Sie „kitschig“

Am Anfang eines jeden Sommerurlaubs stelle ich mir vor, wie wohl der Moment sein wird, wenn dieser Urlaub wieder vorbei ist. Also, DIESER hier *klick* Der Moment, an dem es sich anfühlt, als hätte nur jemand mit den Augen gezwinkert oder mit den Fingern geschnippt. *schnipp* Obwohl dann schon viel erlebt worden wäre wird mir die Zeit rasend schnell vergangen vorkommen. Immer wieder. Und dann freue ich mich jedes mal, dass ich alles noch vor mir habe und werde von einem wohligen Gefühl und veritablen Glückshormonen durchströmt. Am Anfang. Das war so vor rund zwei Wochen.

Therapeutisches Einkaufen in Finnland…

Warten auf die Erkenntnis

Warten auf die Erkenntnis

Ich erwähnte es ja schon, abgesehen von den unfassbaren Preisen für Lebensmittel macht das Einkaufen in diesem sympathischen, knorrigen Land echt Spaß. Erstmal muss man es allerdings an den Spielautomaten vorbei schaffen, die hier wirklich in jeder Eingangshalle stehen. Der Finne spielt zwischen dem Einkauf und dem Nachhauseweg gern mal für ein paar Euro ein bisschen Pokeri oder ähnliche Glücksspiele und versenkt dann das Geld, was er nicht für Alkohol ausgegeben hat. Ich will aber nur einkaufen. Du hast eigentlich keine Ahnung, was du gerade da erwirbst und hoffst, dass es in Form und Farbe nahe dem Bild auf der Verpackung ist. Meistens stimmt das. Urlaub ist für mich auch, wenn ich kein, also wirklich nicht ein EINZIGES Wort verstehe. Na gut, ein paar kenne ich jetzt. Mökki. Makkara. Meito. Oder Panti. Kahvi ist auch ganz wichtig. Aber für einen Smalltalk mit einem Supermarktbediensteten reicht das nicht, und so wird mein Wunsch, eine einfache beschreibbare DVD zu erwerben zu einem ansatzweise epischen Erlebnis. Egal, irgendwie sind wir immer satt geworden, und alles ist besser als die gelangweilten Kassen-Krabben im Discounter in Hamburg.

Dem Wahnsinn entgegen

Dem Wahnsinn entgegen

Haben Sie sich einmal Gedanken darüber gemacht, ob die Möglichkeit besteht, dass zwei 12 und 13 Jahre alte Teenager-Mädels in einem einsamen Haus am See mitten im Nirgendwo ohne Internet oder deutsches Fernsehen innerhalb zwei Wochen vielleicht vor Langeweile sterben könnten? Ich schon. Und habe väterlich sorgend eine Festplatte mit Filmen, diverse Gesellschaftsspiele und Romméekarten eingepackt. Große Freude: Die Filme wurden nur zum Einschlafen benötigt, die Spiele gar nicht und die Karten dafür umso mehr. Ansonsten wurde Fußball gespielt, gebadet, Boot gefahren, Nägel lackiert 🙂 und sogar eine Rallye für die Erwachsenen vorbereitet, in der wie bei einer Schnitzeljagt an verschiedenen auf einer Schatzkarte eingezeichneten Stationen rund ums Mökki Allgemeinwissen abgefragt wurde. Krass. Danke an dieser Stelle nochmal an Petrus für das fast durchweg gute Wetter, bei Regen hätten die Gesichter der beteiligten insgesamt sicherlich anders ausgesehen 🙂

Jenseits des Volkswagens
Jenseits des Volkswagens

Der treue Rudolf Diesel ist weitestgehend wieder ergrünt und zumindest rostmäßig fit für die nächsten zwei Jahre. So ganz ohne Basteleien kann ich wohl nicht, jetzt soll’s auch mal gut sein, Aufgabe erledigt. Aber hey – trotz der Anwesenheit des kleinen Sandmädchens komme ich tatsächlich mal wieder dazu, ein Buch zu lesen. Wundervoll trivial von meinem Lieblings-Urlaubs-Autor Stephen King. Das Gefühl, viel Zeit zu haben resultiert wohl auch daher, dass es hier nicht mal um 02:00 Uhr morgens dunkel ist und man sich in einem permanenten Jetlag befindet. Ständig gucken irgendwelche Menschen und man selbst völlig irritiert auf die Uhr, weil es gefühlt eine völlig andere Uhrzeit ist. Dazu kommt, dass in unserem Haupthaus drei Uhren hängen, von denen nur eine richtig geht. Die im Wohnzimmer tickt emsig und ist trotzdem immer so ungefähr 18:00 bis 19:00 Uhr, sehr angenehm. Und die vorn im Vorraum zeigt einfach irgend eine Zeit an, stimmen tut die nie. Cool eigentlich. Doch vergessen wir die Uhrzeit, in Ermangelung von Terminen ist es total egal, wie spät es ist. Eigentlich ist sogar der Wochentag egal, der kleine Supermarkt macht sowieso auf und zu wie er lustig ist und wenn wir Hunger bekommen – dann wird gekocht 🙂 Oder gegrillt, schauen Sie mal, das da in der Mitte ist unser Grill-Mökki:

Zimmer mit Aussicht

Zimmer mit Aussicht

Das Grillen auf Birkenholz hat ungefähr zwei Vorteile: Es ist genügend Brennmaterial vorhanden, und es verströmt eine gewisse olfaktorische Gemütlichkeit. Davon ab existieren ausschließlich Nachteile. Das, was draußen so gut nach brennendem Holz duftet räuchert im Inneren der Grillhütte ausschließlich und umfassend den Griller und wird lange nicht so heiß wie Briketts. Stinkend wie ein Waldbrand serviere ich also später am Abend halbgare Würstchen und mit Chilikäse gefüllte Champignons, die ein bedauernswertes Opfer der offenen Flammen geworden sind. Ein Abendessen, das optisch einem Friedhof gleicht. Aber zusammen mit dem überteuerten finnischen Dosenbier macht es glücklich 🙂

Finnische Wurst, frisch auf den Tisch

Finnische Wurst, frisch auf den Tisch

♫ Herr bleibe bei uns, denn es wird Abend werden und der Tag hat sich geneiget. War das nicht mal ein Kanon? Mir ist so. Ob der Herr bei uns bleibt wird sich hier in Finnland später zeigen, erstmal muss er uns in unserer Abgeschiedenheit ja finden. Aber genug zu essen wäre noch da für sein Abendmahl, ich glaube die Würstchen kamen nicht so an. Der gemeine Finne tanzt am Abend Tango, nachdem er sich in der Sauna erfrischt hat. Sauna machen wir auch gleich noch, wieder mit Birkenholz, und hey – das ist im Vergleich zum Grill mal so RICHTIG klasse. Schwupps ist der Raum auf knapp 90 Grad angewärmt, dreimal Aufguss pro Saunagang schwämmen sämtlichen Zivilisationsdreck und den Birkenrauch aus allen Poren – und der Blick direkt auf den spiegelglatten See in der Abendsonne platziert einen Gedanken in meinem Kopf: Ich will auch eine Sauna mit Holzofen! Bronx, Markus, … neben dem Carport wäre das ein weiteres Projekt 😉 Wer baut noch mit? So, Tango jetzt ♫

Finnischer Tango am Abend

Finnischer Tango am Abend

Als das virtuelle Akkordeon verstummt ist, geht es noch einmal runter an den See. Hinter mir ist der Birkenwald, dieses sureal scheinende, Mücken und Bremsen beherbergende Stangenspargel-Biotop. 1/5 der Bäume Finnlands sind Birken. Schau an. Der Rest dürften irgendwelche Kiefernarten sein, wenn ich nicht genau hingucke sieht es an manchen Stellen  wie in Niedersachsen aus. Das darf ich meinem halbfinnischen Fräulein Altona so natürlich nicht sagen, dann ist sie bestimmt erschüttert. Niedersachsen ist streckenweise nun doch ein bisschen… anders… als Finnland 🙂 Denken Sie sich bitte gern Ihren Teil. Und denken Sie nur das Beste, sowohl die Dame als auch ich sind da aufgewachsen….. Wo war ich? Ach ja, hinter mir die Birken.

Wie man in den Wald reinruft...

Wie man in den Wald reinruft…

Und vor mir der See. Abend. Wenn man das hier so nennen kann, es dämmert schließlich nicht. Ein paar freche Elstern zanken sich in der Ferne, ein Schwanenpärchen schnäbelt verliebt am anderen Ufer und eine kleine Entenfamilie plätschert leise piepsend in Reih‘ und Glied durch den Schilf. Kein Lüftchen regt sich. Ich fühle mich wie ein alter Bär, der nach einem langen erholsamen Winterschlaf den Sommer beschnuppert. Zwei Wochen. Es hat zwei Wochen gedauert, bis ich mein Zeitgefühl verloren habe und zur Ruhe gekommen bin. Und heute ist der letzte Abend. Die lieben Menschen um mich herum packen schon die ersten Sachen in die großen Koffer, und mich springt eine große Melancholie an. So friedlich und ruhig kann es sein. Und so wühlig ist der Alltag da, wo wir ab morgen wieder hinfahren. Auch schön, na klar, wenn man mit 42 nicht auch seinen Alltag liebt hat man etwas dramatisch falsch gemacht. Aber ich bin erst am Rand der Ruhe.

weitestgehend alltagsbefreit

weitestgehend alltagsbefreit

Mal gucken, ob diese kleinen Auszeiten reichen, um bei Verstand zu bleiben. Ich gieße mir jetzt einen letzten Schluck Rotwein ein und rauche einen letzten Zigarillo. Und dann ist es das auch schon wieder gewesen. Eine Nacht noch in Helsinki, eine auf dem Schiff und dann geht nahtlos das Arbeitsleben weiter. Zum Glück mit Themen, die mir Spaß machen, mit Artikeln über Autos, mit wortwitzigen Postings auf Facebook und mit verrückten Geschichten. Wenn das nicht so wäre würde ich in diesen sonnengelben Stunden hier unten am See verzweifeln.
Am Ende eines Sommerurlaubs erinnere ich mich immer an den Moment, als ich mir am Anfang vorgestellt hatte, wie sich das Ende wohl anfühlen mag. Wie schnell die Zeit verstrichen ist. Und was ich alles erlebt habe. Ich möchte alle diese liebe Menschen immer wieder um mich haben, ich möchte alle diese schönen Augenblicke in meinem Herzen behalten und ich wünschte, die Zeit würde nicht so schnell rennen. Nun gut. Das ist er dann jetzt wohl, dieser Augenblick.

*schnipp*

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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11 Responses to Am Rand der Ruhe

  1. SteffenG sagt:

    Die Literatur eint uns – Stephen King ist auch meine bevorzugte Lektüre im Urlaub.

    Sonst klingt das super erholsam!
    Da wir uns ja für das kommende Jahr bei Dir eingeladen haben, könnte ich Dir hilfreich unter die Arme greifen, wenn Du Saunahilfe brauchst.

    Steffen

    • Sandmann sagt:

      Ay Steffen,

      Herrn King verschlinge ich schon, seit ich mit 16 in einem Zelt unter dem Kirschbaum im Garten der Eltern meiner Jugendliebe die halben Sommerferien verbracht habe 🙂
      Inzwischen sind meine Tage leider dermaßen ausgefüllt, dass ich abends, wenn ich im Bett liege und das kleine Lämpchen anhabe irgendwie immer nach wenigen Seiten einschlafe. Da brauch ich für ein dickes Buch gern mal ein Jahr, ich lese sozusagen die Geschichte in Echtzeit 😀
      In diesem Fall kommt der Schmöker aus der Bücherei und ich tu gut daran, ein wenig schneller zu lesen…

      Schauen wir mal was kommenden Sommer so geht. Ich habe angefangen, mein Leben nicht weiter als 5 Monate im Voraus zu planen…

      Sandmann

  2. marc_connor sagt:

    Ich gebe zu … ich empfinde NEID! 😉

    Die Sandmanns scheinen einen traumhaften Urlaub hinter sich zu haben. Und wir Hinterbliebenen (oder heißt es Zurückgebliebenen *gg*) haben immerhin tollen Lesestoff. Ist mal wieder ein perfekt geschriebener Artikel.

    Wie so oft, in den letzten Artikeln, geht es auch um leckeres Essen. Da muß ich jetzt gleich an meinen leeren Kühlschrank denken. Darin „wohnen“ zwar noch 2 Kilo Joghurt, aber das ist nicht unbedingt ein vollwertiges Abendessen!

    Ich werd wohl jetzt mal die Costa Concordia (Volvo V70) aus dem Hafenbecken schubsen, zu MC Donalds fahren und mir ein geschmacksneutrales 3 Gänge Menü ins Gesicht drücken.

    In diesem Sinne, wünsche ich euch allen noch einen angenehmen Abend 😉

    • Sandmann sagt:

      Ay Marc,

      ich hoffe für mich, dass ihr KEINE Hinterbliebenen und für euch, dass ihr KEINE Zurückgebliebenen seid 😀 Nennen wir euch doch die „Daheimgebliebenen“. Oder so.

      Der Inhalt deines Kühlschranks läuft nicht kongruent mit deinen Abendessengelüsten. Wer zwei Kilo Joghurt im Kühlschrank bunkert sollte eigentlich eine lebenslange Sperre bei McDonald’s haben 😉 Und sieh zu, dass du deine Costa Concordia nicht vor dem McDrive auf die Seite legst…

      Sandmann, im FREITAGSMODUS!!! 😀 😀 😀

  3. Snoopy sagt:

    Schön 🙂 In 3 Wochen gehts los nach Dänemark…

    • Sandmann sagt:

      YIPPIIIIIIE 😀

      Hattest du schon verraten wohin…?

      • Snoopy sagt:

        Nach Nordwestjütland. 🙂 In ein Ferienhaus direkt an/in den Dünen. Vorher noch ein kleine Testfahrt in einem Smart ED (gewonnen 🙂 kann dann den Vergleich zum Twizzy und den anderen ziehen)

        • Sandmann sagt:

          Ay Snoopy,

          schööööööööööön da. Mich zieht es vielleicht im Winter nochmal nach Skagen, je nachdem wohin mich das Leben bis dahin spülen wird.
          Lass uns mal ein paar Bilder sehen, dann….

          Sandmann

  4. Sandmann sagt:

    Verdammt. Das ist nun auch schon wieder ein halbes Jahr her?????
    Ich geh mal schlafen.

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