ALLES MUSS RAUS! – Taunus

Reisebereit

Ich lebte ein Leben als lustiger Knopf zwischen vielen kleinen und großen Frauen, Autos und Ersatzteilen. Wir überstanden Krisen und Corona, eine Umstrukturierung des althergebrachten Beziehungsmodells zur Familien-WG und diverse Jobwechsel. Und weil die Haare kaum noch grauer werden können kam obendrauf eine unerwartete Nachricht, die mir etwas den Boden unter den kieler Füßen wegzog. Das seit 2016 bewohnte Zuhause soll verkauft werden. Für die vier Sandmenschen, die Autos und alle über die Jahre gesammelten Erinnerungen und Ersatzteile bedeutet das: Raus. Alles 😮 Besenrein, und zwar bald.

Ich fange mit dem Taunus an.

Kleiner hilft Großem

Bungalow – Bilderbuch

Während mein kleiner Twingo dem alten Herren aus Köln erfolgreich Starthilfe gibt, spüre ich eine gewisse Unruhe in mir aufsteigen. Ich erspare euch an dieser Stelle die emotionalen Achterbahnfahrten des kleinen Jungen aus Uelzen, der mit 12 gegen seinen Willen aus seinem geliebten Elternhaus gerissen und umgepflanzt wurde. Dem man mit 43 durch die Pleite einer Firma, die er schon drei Jahre vorher hinter sich ließ, das geliebte kleine Häuschen in Kiel wegnahm. Und der nun wieder unfreiwillig aus dem ebenso geliebten, kleinen aber leider nur gemieteten Nest ausziehen muss. Ein Nest mit viel Platz.

Auto Tetris.

Burning Down the House – The Talking Heads

Platz. Viel Platz für einige Motorwagen und diverse Ersatzteile. Haben ist besser als brauchen. Ihr kennt das ja, aber ich stehe jetzt hier und denke „Was für ein Schwachsinn“. Man muss nicht alles jetzt schon haben, weil man es irgendwann mal brauchen könnte. Das ist der Beginn von Messietum. Leider kommt diese Erkenntnis recht spät 😒 Der ausgeweidete, motormäßig wieder aufzubauende XM muss weg. Der halb geschlachtete XM muss weg. Der Granada im Keller muss weg. Der Taunus muss weg. Der Twingo muss weg. Und ungefähr zwei komplette Kellerräume voller Ersatzteile, Motoren und Werkzeug müssen weg. Alles muss raus.

Dinge auf dem Dach

Lego House – Ed Sheeran

Wer von euch schon einmal ein Haus zur Miete gesucht hat, wird wissen, dass sowas in einer Großstadt entweder unmöglich oder unbezahlbar ist. Oder man reicht sich mit 50 anderen Interessenten die Türklinke in die Hand und verliert dann gegen das kinderlose Zahnarztpaar, dem aus Versehen ein paar Hunderter auf das Laminat gefallen sind. Aber man kann auch einmal Glück haben 😊 Wir hatten Glück. Oder Charisma. Oder die richtigen Jobs, spannend und unterhaltsam. Während ich euch das alles erzähle lege ich mal mein Fahrrad auf den Dachträger und belade den Taunus mit Taunusteilen.

Alles muss rein.

House of the rising sun – The Animals

Und hier bin ich nun, freiberuflicher Arbeitnehmer, mit ganz viel schwerem und schmutzigem Kram den ein Umzugsunternehmen auch für viel Geld nicht mitnehmen wird. Weil sich dieser ganze ölige, schmutzige Mist nicht in gleich große, stapelbare Kartons packen lässt. Auspuffanlagen, Seitenscheiben, Achsen, Schweißgeräte und Kompressoren, Federbeine, Kabelbäume… Immerhin, im neuen Häuschen gibt es für meinen Kram einen großen Kellerraum, eine Garage und eine weite Auffahrt. Allerdings muss das da ja auch alles erstmal hin. Argh.

Es gibt definitiv bessere Möbelwagen

Our House – Madness

Der Taunus fährt von ganz alleine, ist zugelassen und hat einen überschaubaren Ersatzteilfundus. Dachte ich zumindest, vielleicht habe ich am Ende doch nicht alles reinbekommen 🙄 Eigentlich wartet mein treues GXL Coupé auf seine Teilrestaurierung, untenrum schweißen und eine komplette Revision des kölner V6 Eisenschweins. Später. Das alte Graugussding murmelt gemütlich vor sich hin und ist jetzt bis unter das Dach voll mit Kardanwellen, Blechen, Instrumenten und was ich sonst noch so gesammelt hab, weil ich es irgendwann einmal brauchen könnte. Auf dem zeitgenössischen Dachträger liegt mein VanMoof und behauptet immer, wenn ich mich zu weit entferne, es würde gerade geklaut werden 😬 Schöne neue Welt.

Sowas wie ein Neuanfang?

Haus am See – Peter Fox

Der Weg durch die Vororte fühlt sich seltsam an. Nicht, weil der Knudsen jetzt viel lieber in der Werkstatt stehen würde und aus Protest die Straße mit Kühlwasser aus der klappernden Wasserpumpe markiert. Nein, weil’s jetzt losgeht. JETZT. Ich habe angefangen, mit diesem Teil des Lebens aufzuhören. Wieder einmal. Die Sonne und der milde Wind pusten beharrlich sowas wie eine positive Aufbruchstimmung durch die Lüftung, aber ich würde wirklich gern einmal irgendwo ankommen 😢 Vielleicht bin ich nicht dafür geboren worden, sesshaft zu sein. Wenigstens bleibe ich Kieler. Ganz woanders hin will ich in diesem Leben nicht mehr.

Wieder auf der Straße

U2 – A sort of homecoming

Es ist schon beruhigend, wie dieses Auto einfach so immer funktioniert. Ich hatte im Frühling angefangen, den Innenraum zu zerlegen. Die Hutablage raus. Den Subwoofer aus dem kleinen See unter dem Beifahrersitz fischen und das Blech am Wasserkasten unter der Windschutzscheibe auf die Liste der zu schweißenden Stellen setzen. Das China-Retro-Radio aus der Mittelkonsole raus und alle dahinter etwas windig verlegten Kabel ebenfalls raus. Alles muss raus, auch hier. Elektrische Vorbesitzersünden haben hier vor langer Zeit schon einmal Feuer gelegt, das verdrahte ich alles neu. Und dann kommt ein vernünftiges, altes Radio rein. Ha.

Ankunft im neuen Leben

Home – Michael Bublé

Nehmen – hintragen – stapeln – zurück gehen – nehmen… Die neue Garage wird langsam voller, und ich fang ja erst an. Der Twingo wartet auf viele weitere Fahrten mit meinem kleinen Anhänger. Wie ich den motor- und drucklosen XM hier her bekomme weiß ich noch nicht. Wo der Granada hin soll auch nicht. Und was mit dem Schlacht-XM passieren soll muss ebenfalls in den kommenden zwei Monaten entschieden werden. Herrlich 😒 Als die erste Welle der Ersatzteilflut aus dem Knudsen ins Lastenregal an der hinteren Wand der Garage gewandert ist, seufzt das Coupé und streckt sich knackend in seinen Federn. Der grüne GXL macht sich in der Einfahrt ganz gut. Es weht ein Hauch 70er Idylle über die Bordsteine.

Auf ein Neues

Simon & Garfunkel – Homeward Bound

Wer von euch also am Anfang dieser Geschichte noch gedacht hat, ich würde mein V6 Coupé weggeben – der kann nun aufatmen 😉 Der bleibt natürlich. Ich gebe nur ein weiteres Stück meines Lebens her, tausche die Aussicht auf ein wenig langersehnte Langeweile gegen erneute Rastlosigkeit und Ungewissheit und bekomme nebenbei vielleicht die historische Chance, einen Überblick über meinen Ersatzteilfundus zu kriegen! Vielleicht ist gar nicht alles schlecht. Das ist es sowieso nicht. Es ist nur… VIEL. Manchmal auch viel zu viel. Aber heute scheint die Sonne, und ich mach mir mal Gedanken über den ganzen anderen Kram, der noch verschoben werden muss. Denn es geht immer weiter.

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

15 Antworten zu ALLES MUSS RAUS! – Taunus

  1. pico sagt:

    Oha das ist mal ein Plottwist!
    Hoffe du hast dich mittlerweile gut eingelebt!

    • Sandmann sagt:

      Ay pico,
      ja nee. Der Taunus muss natürlich nicht raus, sondern nur raus 🙂 Den gebe ich nicht mehr her. Eingelebt ist relativ, das Leben wird nicht ruhiger. Ein paar Geschichten reiche ich ja noch nach…
      Aber ab und an komme ich mal zum Durchatmen, das sah im letzten Sommer noch nicht so aus.
      Rocken wir 2024!
      Sandmann

  2. Heye sagt:

    Hey Sandmann,
    zwei Beiträge innerhalb beinahe kurzer Zeit – freut mich sehr, dass du nebenher die Zeit findest und den Blog am Leben erhältst.
    Fuhr letztens mit meiner Frau an Henne Strand vorbei und erzählte, dass hier Mofas hinbewegt wurden; so richtig nachvollziehen konnte sie meine Begeisterung nicht…

    Alles Gute für’s neue Jahr,
    beste Grüße,
    Heye

    • Sandmann sagt:

      Ay Heye,

      mir wurde die Tage klar, dass die Amplituden hier ein gutes Messwerk für meine Aus- beziehungsweise Überlastung sind. Nicht, dass ich aus dem Bild kippen würde, aber wenn ich am Abend sogar zu müde bin um zu schreiben oder Musik zu machen – dann stimmt was nicht.
      Also hab ich mal Netflix gekündigt, meine Gitarren gestimmt, den Synthesizer ausgegraben und Fotos für den Blog sortiert. Auf dem Sofa versacken kann ich auch mit 80 noch 🙂

      Die guten Wünsche für das neue Jahr kann ich brauchen und gebe sie gern zurück! Man liest sich!
      Sandmann

      • Michael Lalla sagt:

        Kenne ich, bin mit zwei Krücken wegen eines Unfalls auf Ischia, Anruf: deine Autos müssen hier weg innerhalb der nächsten drei Wochen… Urlaub im Kopf zu Ende. Wohin soll ich mit 14 Autos? Soweit liefen die alle. Habe einen Bauernhof gefunden, aber es kam bei mir auch die Frage: Warum? Einiges verkauft, aber immer noch zu viel. (sagen die anderen) baue die Halle gerade fürdie E Teile um. Gutes Gelingen dir. Gruß gibt doch immer ne Lösung zum Problem, gell?

  3. kupy sagt:

    Ich freu mich schon auf die Fortsetzung der Geschichte(n) und darüber, daß Du erstmal angekommen bist! Ich les´ ja nur hier und nicht woanders und hatte fast schon sowas geahnt. Gutes Da-Sein Dir und den Deinen! Und die Projekte, die werden schon noch. Stück für Stück.
    Irgendwie muß ich an den Titel des neuen Fury-Albums denken, wenn ich so über Deine Zeilen schweife…

    • Sandmann sagt:

      Ay kupy,

      angekommen bin ich, aber der Preis war hoch. Ihr bekommt hier ja nur das Verschieben von drei bis vier Autos mit, da ging aber hinter den Kulissen noch einiges mehr ab. Schwere See, mein Herz, schwere See. Ich atme durch, alles geht weiter.

      Das neue Album von Fury wurde mir schon mehrfach ans Herz gelegt, ich hab’s tatsächlich noch nicht gehört. Muss ich dann wohl mal tun 😉
      Rock’n Roll!
      Sandmann

  4. Anonymous sagt:

    Moin Sandmann,

    ein hoher Preis und schwere See ums Herz, das klingt nicht gut… 🙁 Daß es nicht nur das Umlagern vom Autos und Ersatzteilen ist, kann man oft zwischen den Zeilen ahnen…

    Hoffnung ändert alles! (Das Album kommt erst noch raus. Die Wirklichkeit ist schon da.)
    Stay on!

    • Sandmann sagt:

      Aloah,

      das mit der schweren See ist ein Lied von Element of Crime 😉 Ist bei mir ein geflügeltes Wort geworden und beschreibt den allgemeinen Zustand ganz gut. Es gibt ja immer noch eine Menge Leute, denen es WIRKLICH schlecht geht. Bei mir sind’s nur Aufgaben und keine Probleme. Das kann man alles lösen. Mit 52 wünsche ich mir lediglich, mal ein wenig zur Ruhe zu kommen… Aber das wird schon. Hoffnung ist immer dabei, und Optimismus auch. Immer…
      Sandmann

  5. dette ecker sagt:

    Schön wieder etwas von dir zu hören / zu lesen.

    So einen Werkstattumzug habe ich hinter mir, und der hat, bis alles so halbwegs wieder im Lot war, ein Jahr gedauert.
    Zu Beginn ging es tatsächlich ans Ausmisten und wegschmeissen!!!
    (Tat weniger weh, als gedacht)
    Am Ende war der Umzug, der freiwillig war, eine Verbesserung in jeder Hinsicht.
    Also: think positive, und schreib schön weiter (nicht nur in der Oldtimer-Praxis, aber auch bitte dort).

    Frage:
    Fällt dem kinderlose Zahnarztpaar nicht aus Versehen ein paar Hunderter auf das Parkett, und doch wohl nicht auf das Laminat…, oder? 😉

    Dette

    • Sandmann sagt:

      Ay Dette,

      ich schreib ja ich schreib ja 😬 Meine Erkenntnis aus diesem Umzug war vor allem, dass man gut und gern VORHER ausmisten sollte, damit nicht alles mit umzieht und man DANN erst entsorgt. Bei mir war’s am Ende ein Zeitproblem. Wegwerfen oder verschenken tut mir inzwischen auch nicht mehr weh. Und was mir wirklich am Herzen liegt darf ja auch bleiben. Aber ich habe so viel Schrott aus Autos, die ich gar nicht mehr habe… weg damit. Weg.

      Leider war der Umzug vom Wohngefühl her keine Verbesserung. Hier ist viel mehr Platz, der will aber auch sinnvoll gefüllt werden. Und beheizt. Ich mochte das alte Häuschen sooooo gern 😢 Na wir werden sehen. Positiv denken tu ich ja sowieso, alles lässt sich irgendwie regeln, und wenn nicht sofort dann mit der Zeit. Alle sind gesund und haben Arbeit, also weitermachen.
      Und äh… es ist Laminat in Parkettoptik…
      Sandmann

  6. Thorsten sagt:

    Ey Sandmann,
    an sowas will ich ja garnicht denken müssen, ich würde durchdrehen. Wie gut, das mein Resthof mit Scheune gekauft und fast bezahlt ist. Die 250m2 Scheune Räume ich nur in gaaanz kleinen Brocken, weil ich Platz brauche und das über Kleinanzeigen nun mal immer etwas dauert. Immerhin bin ich schon länger von 16 Autos weg, die hätte ich in meinem Leben eh nicht mehr geschafft. Ich drück die Daumen, das 2024 etwas Ruhe einkehrt

    • Sandmann sagt:

      Ay Thorsten,

      2024 geht schon jetzt ruhiger los als die anderen Jahre. Oder zumindest geordneter mit ein wenig mehr Perspektive…
      Resthof mich Scheune ist verlockend, allerdings bin ich ein Stadtkind und werde entweder in Kiel oder meiner Heimatstadt Uelzen alt werden. So gesehen wird es wohl nie mehr als ein gemietetes Häuschen mit einer Garage werden, aber das entspannt ja auch irgendwie. Ich mache ja noch Musik, lese sehr gern, schraube an PCs aus den 90ern rum und schreibe hier und da ein wenig 😉 Auch dafür muss ja Zeit sein, momentan liegt alles etwas brach…

      Jetzt kommt erstmal Platz in die Garage, dann mach ich ein paar Kleinigkeiten am XM (das hintere Hydractiv Ventil neu, das hängt, und irgend ein Kühlwasserschlauch lässt bei Minusgraden was durch) und dann gibt’s die Auferstehung des Taunus. Fremdgeschweißt, ich selbst schaffe das nicht. Und dann…. schauen wir mal 😊
      Auf in eine neue Woche.
      Sandmann

  7. Colin Hay – Waiting for my real life to begin

    Lieber Sandmann,

    da schaut man mal „aus Gründen“ hier ´ne Weile nicht rein, und dann sowas! Junge, junge, das rockt bei dir ja mächtig los für Januar. Dennoch: Irgendwie bleibt nach so Aktionen meist das Gute übrig. Vielleicht die Erkenntnis, dass es zwar eine Masse sau-anstrengender Überflüssigkeiten gibt, und ne Zeit, wo die Zukunft hinterm nächsten Kaffee endet, aber wirklich schlechte Erfahrungen sind´s selten.

    Für die 3 Millionen Kleinigkeiten, die sicher noch auf dich warten, drücke ich alle Daumen, und…hach…fühl´dich auch einfach mal gedrückt. Ist zwar ´ne fremde Brust, aber auch das kann schön sein ;-))

    Beste Heckmotorgrüße aus Westfalen,

    Dirk

    • Sandmann sagt:

      Ay fremde Brust 😉

      danke für den Drücker. Der Januar rockt gar nicht so schlimm, wie du den grünen Blättern entnehmen kannst hänge ich noch immer ein wenig hinterher mit meinen Geschichten. Hier kehrt langsam Struktur ein. Keine Ruhe, aber Struktur. Und das ist ein guter Anfang.

      Und natürlich hast du Recht. Viele kleine und große Aufgaben, alles kann man lösen und erledigen, und tatsächlich ist global verglichen nichts weltbewegendes dabei. Aber einige Ereignisse haben mich körperlich und auch emotional im letzten Jahr über meine gesunden Grenzen hinaus getragen. Da muss sich der Staub nun erstmal ein wenig setzen. Aber es sind alle gesund, und es geht immer weiter. Braucht noch jemand XM Teile? Ich habe noch viele übrig 😂

      In diesem Sinne.
      Sandmann

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