Aus der Sicht eines Kindes

Audi 100 voller Überraschungen

Audi 100 voller Überraschungen

LUMPIZOOM und eine doppelte Eiswaffel. Ich sehe, was ich sehe, aber ich verstehe es nicht sofort. Kennen Sie das auch? Manchmal kommt die Erkenntnis wenige Sekunden später, manchmal kommt sie über Nacht – und manchmal erst nach Jahrzehnten. Und dann trifft sie einen mit ernüchternder Macht, reißt alte Fragen auf und beantwortet sie gleichzeitig. Bevor Sie nun denken, ich sei auf einem zeitgenössischen Ego-Trip in die visuelle Bewusstseinserweiterung… ich kann Sie beruhigen. Ich bin schlicht und aus Versehen einem Dacia hinterhergefahren und stand dann hinter ihm an der Ampel. Während ich noch so über die sich mir zu dem Zeitpunkt nicht eröffnende Modellbezeichnung siniere, fallen mir ähnliche Beispiele aus meiner Kindheit ein. Ereignisse, die damals nicht geklärt wurden und in meinem Unterbewusstsein lange Zeit verschüttet geschlummert haben. Was ist ein LUMPI?

Ich stehe hinter einem LUMPI.

Dacia LUMPI

Dacia LUMPI

Natürlich nicht, was um alle Welt steht da hinten auf der Heckklappe des niedlichen Kleinwagens, der gönnerhaft behauptet, etwas mit Renault zu tun zu haben? Ein Erlkönig, der den noch nicht veröffentlichten Kosenamen einer neuen Generation testet? Ach je, ach je. In meinem fortgeschrittenen Alter habe ich gelernt, gesehenes zu abstrahieren, analytisch nachzudenken und irgendwann mit offenen Augen zu verstehen 🙂 So wie diesen Smiley mit dicker Nase. Es handelt sich hier um die angeberisch aufgechromte Motorbezeichnung dieser preiswerten Ostblock-Rappelkiste. Ein 1.4 Liter MPI, das steht für Multi Point Injection. Also eine elektromagnetisch gesteuerte Einspritzdüse pro Zylinder. Wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf diesen Schriftzug fällt, sieht das für mich aus wie LUMPI. Probieren Sie es aus, wenn Sie das nächste mal hinter einem Dacia 1.4 Liter stehen…

Früher konnte ich solche Prozesse nicht so ohne weiteres zu Ende bringen.

Die doppelte Eiswaffel

Die doppelte Eiswaffel

Der kleine Sandmann lungerte auf unendlich scheinenden Fahrten in den Urlaub mit Papas Audi 100 unangeschnallt auf dem Rücksitz herum. Er hatte eine Menge Zeit, seinen Lebensraum zu erkunden. In einer kleinen Ecke des Seitenfensters sah ich immer wieder diese Eiswaffel. Nein, genauer gesagt zwei, eine für mich und eine für meine Schwester. Ich konnte noch keine Buchstaben lesen, war aber schon ein Schleckermaul. Ich gehe einmal davon aus, dass nahezu alle meine „Ich will JETZT ein EIS“ in die Richtung meiner Erziehungsberechtigten durch diese beiden Eiswaffeln ausgelöst wurden! Was für ein Drama, meine armen Eltern! Hätten Sie geahnt, wodurch mein Appetit ausgelöst wurde, hätten sie sich vielleicht die Mühe einer Erklärung gemacht. Für mich im Vorschulalter sind es immer zwei Eiswaffeln geblieben, bis ins Jahr 1994…

Der spätere, technikbegeisterte Grundschülerblick richtete sich anschließend mehr und mehr nach vorn zum Cockpit, während ich meine Füße am heißen Mitteltunnel wärmte. Da gab es einen kleinen Zeiger, der bergauf (und wenn Papa Gas gab) immer nach oben ging und bergab wieder runter. Daneben machte ich ein paar Buchstaben aus. Wenn ich meinen Kopf auf die linke Schulter kippte – wie Sie das machen, wenn Sie das Gesicht eines Smileys sehen wollen 🙂 – konnte ich das Wort ZOOM lesen. ZOOM. Man liest ja von links nach rechts. Das musste Englisch sein, ich verstand es nämlich nicht. Genau so, wie Papa mich nicht verstand, als ich ihn fragte, warum in den Kunststoffgriffen am Lenker seines alten Wolfram Fahrrades kleine dunkelgraue Verzierungen drin seien. „Damit die Finger nicht so schnell frieren“ höre ich ihn noch immer sagen. Papas haben immer recht, auch wenn ich mit dieser Antwort nichts anfangen konnte.

ECON? ZOOM?

ECON? ZOOM?

Manche Rätsel der Kindheit platzen irgendwann wie Seifenblasen. Als Erwachsener stehe ich erneut vor Papas Fahrrad im Schuppen, sehe die grau melierten Griffe des Lenkers und erkenne plötzlich, dass er damals geglaubt haben musste, ich würde die Griffe selbst meinen. Meine unwissende Frage nach dem Muster im Grau hat er mit dem Kunststoff selbst erklärt, der die lenkenden Hände vom kalten Metall fern hält. Poff. Plopp.

Einen doppelten Volltreffer lande ich in meinem eigenen Audi 100 im Jahre 1994. Meine doppelten Eiswaffeln entpuppen sich jetzt, da ich weiß, was Buchstaben sind, als das Logo des Herstellers! Vermutlich die Buchstaben V, S und ein flach liegendes B! Duro-Glas-1. Kein Eis. Noch verwirrt schmunzelnd blicke ich anschließend auf das Econometer vor mir, Audis verzweifelten Versuch, während der Ölkrise dem Fahrer einen zurückhaltenden Gasfuß anzuerziehen. ZOOM?? ECON!!! Natürlich. Ich kann jetzt aufrecht stehende Buchstaben untereinander lesen. Alles ist plötzlich so sonnenklar, dass ich laut lachen muss… Kann ich nun endlich ruhig schlafen, oder brauchen wir die ungelösten Rätsel aus diesen Tagen?

Haben Sie auch solche Erkenntnisse gehabt? Erzählen Sie mir davon! Und… was bedeuten diese Buchstaben V, S und B?

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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9 Responses to Aus der Sicht eines Kindes

  1. Touranus says:

    N’Abend alle zusammen,

    über das besagte Eiswaffelsymbol (für mich war es immer ein Herz) habe ich mir auch jahrelang im 300D meines Papas (Typ W123) den Kopf zerbrochen… 😉

    Ich kenne das eher durch falsche Betonung im Kopf…. So grübelte ich Wochenlang immer darüber, was denn wohl ein Gasweg sei, der zu meiner Schule führte. Irgendwann traute ich mich, Papa zu fragen und nachdem sein Lachanfall vorbei war, klärte er mich auf, das dies ein Hinweis an alle Autofahrer sei. Gas weg! Schule! Stand unter einem gemalten Paar Schulkinder…. *räusper*

    Ebenso mein damaliger Schrauberkumpel der Minutenlang mit gerunzelter Stirn neben seinem 1er Golf GTI stand und auf den Ölkanister starrte. Auf meine Nachfrage antwortete er: „Was sind denn Moto-Renöle?“ Ein verwirrter Blick meinerseits auf das Etiket führte zu einem Lachanfall meinerseits… Aber zu seiner Verteidigung sei gesagt, der Hersteller hatte auch den Trennungsstrich falsch gesetzt… 🙂

    Ich selbst glaubte allerdings auch lange, das mein Touran einen Pixelfehler im Tacho habe, weil da so ein unsinniger Punkt über dem Tempomat-Symbol war. Entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Micro-Pfeil… (Jahaaaaa, ich weiß, das Pixelfehler das falsche Wort ist, aber ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll 😉 )

    Gruß
    Touranus

    • Touranus says:

      Ah, halt, ich hab noch etwas vergessen.

      Schonmal einen Hyundai Accent von hinten gesehen? Bei dem Schriftzug waren sich die Designer wohl nicht sicher, ob er nicht doch ASSENT oder AFFENT heißen sollte. Wie zwei „C“ sieht das ganz sicher nicht aus….! (Nur die ersten Modelle mit Chrom-Schriftzug. Später wurde es eindeutiger 😉

  2. Sandmann says:

    😀
    Herrliche Geschichten.
    Ich kann da noch mit einem Warnschild dienen, auf dem auf eine Ölspur hingewiesen wurde. Meine große Tochter grübelte recht lange und betonte es immer wie ÖLS PUR. Ist noch immer ein Klassiker in unseren Reisen, genau wie vorm Rechner die Frage: „Papa, was ist ein Po Pup und warum wird der blockiert?“ gniiihihi 😉

    Ich meine mich erinnern zu können, dass ich unlängst hinter einem neueren Ford herfuhr und in der Typenbezeichnung auch etwas GANZ anderes gelesen habe… Ich muss mal Bilder suchen… Fiesta…? Hm, nee, was war das bloß?…

    Sandmann

  3. calimero says:

    Ich sehe nun überall Lumpis 🙂
    Du hast echt die Fantasie eines Kindes, aber vielleicht bist du deshalb ja auch so offen und schreibst derartige Geschichten! Klasse.
    Abel

    • Sandmann says:

      Bester Calimero,

      meine Kinder haben mich irgendwie jung gehalten. Und mein halbfinnisches Fräulein Altona sorgt auch dafür, dass meine Denkmaschinerie nicht einrostet. Von daher habe ich noch gute Chancen, im Geiste 23 zu bleiben. Der äußerliche Verfall nimmt allerdings rapide zu, aber das soll ja beim Mann auch nicht unsexy sein 😉

      Sandmann

  4. Santana-Klaus says:

    Tja. hier habe ich etwas beizusteuern.
    Warum der uns öfter besuchende Vorbesitzer des Audi (72) meines Vaters immer am Scheibenwischerhebel herumfummelte, habe ich mich früher gefragt.
    Als er den Wagen übernahm und ich das erste Mal mitfuhr, mußte ich erstaunt feststellen, daß dies die Lenkradschaltung war 🙂

    • Sandmann says:

      😀
      Hahaaaa echt? Klasse!

      Ich für meinen Teil war vor ein paar Monaten ein bisschen verwirrt, als ich meine „doppelte Eiswaffel“ auf einem gusseisernen Gulli an der walisischen Küste sah. Das muss ich mal rausfinden…

      Als ich gestern mal wieder im Audi 100 saß (bei dem das Abblendlicht jetzt endlich geht) war mir so, als würde ich auch noch irgendeine Kindheitserinnerung zum Heizungsregler haben. Ich glaube ich habe irgendwann die mehr werdenden roten Streifen verstanden. Ich muss mich da nochmal reindenken…..

      Viele Grüße
      Sandmann

  5. Micha says:

    Da bin ich froh, dass ich nicht der Einzige bin, der immer LUMPIs sieht. Die Herkunft von Nachbars Lumpi wäre damit auch geklärt.

    Und das andere Modell heißt auch während der herbstlichen Beleuchtungswochen DUSTER.

    Aber eigentlich müsste in diesem Beitrag auch der berühmte 710-Deckel Erwähnung finden:
    https://zsf-motorrad.de/popup_image.php?pID=14237&imageName=09f3eee45b6c1da7cc1a43e1416f984b.jpg

    • Sandmann says:

      Ay Micha,

      es gibt ja noch viel mehr „Vergucker“ 😀 Ich hab hier nur die zusammengetragen, die mir selbst aufgefallen sind. Damals und heute. An dem 710 Deckel hatte ich vor ein paar Jahren echt Spaß 😉

      Sandmann

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