Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Live-Bloggen auf der 3. Rallye Hamburg-Berlin-Klassik. Tag 3

Liebes Tagebuch.

Na das war ein Abend gestern… gut, dass wir heute eine Stunde später aufbrechen, und sehr beruhigend, dass anscheinend eine Menge recht vernünftige Menschen bei dieser Rallye mitfahren. Man HÄTTE beim Fahrerfest in der Autostadt viele schlimme Dinge trinken können, aber die Damen und Herren um mich herum sehen alle recht frisch aus. Sauber. Dann machen wir uns doch mal auf in die letzte Etappe dieser Veranstaltung und drücken die Daumen, dass unsere 180 Klassiker heute pannenfrei durch den Osten Deutschlands die Hauptstadt auf eigener Achse erreichen!

Beginnen wir mit einem Cruise durch das VW-Werk.

Vor uns boxert Herr Buck das Porsche Beutler 696 Coupé von 1957 über die Werksstraßen. Die sehr elegante goldene Sonderkarosserie erinnert eigentlich mehr an einen Karman Ghia denn an einen Porsche und schimmert schön im blauen Morgenhimmel. Wer hätte gedacht, dass dieses Gelände so groß ist? Der Mercedes 560 SEC blubbert gemächlich zwischen den Hallen hindurch, vor uns Klassiker, hinter uns Klassiker. Viele der Teilnehmer sind vermutlich das erste mal im Leben auf diesem Terrain, normalerweise kommt man hier genau so wenig hin wie unter die Achterbahnen des Heideparks.

Kein besonderer Platz ohne eine Wertungsprüfung. Hier haben wir eine der Wurzeln des Volkswagen-Konzerns, den VW 411 mit dem luftgekühlten Boxer im Heck, genau wie beim Käfer. Der „Nasenbär“ läutete damals das langsame Ende der luftgekühlten Volkswagen ein, VW K70 und Passat sollten neue Maßstäbe in der Mittelklasse setzen. Ich werde ein bisschen wehmütig. Mama und Papa hatten so ein Auto als Variant, also als Kombi. Kurz vor meiner Geburt, wie die alten Bilder in den Fotoalben erzählen. Er ist kantig und knorrig, aber ich mag ihn irgendwie. Er guckt so lieb…

Und ab geht es in Richtung Osten!

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Schmale, befestigte Straßen leiten das Feld (so es denn richtig navigiert) durch niedersächsische Mischwälder, blühende Heide und trockene Kiefernlandschaften. Niemand möchte hier hetzen, und der Wettergott meint es erneut gut mit uns!

Es stimmt auch nach 20 Jahren noch nachdenklich, wenn man die Deutsch-Deutsche Grenze passiert. Eigentlich ist es kaum noch vorstellbar, dass hier einst Zäune mit Selbstschussanlagen, Mauern und Wachtürme standen. Dass hier Deutsche von Deutschen erschossen wurden, wie einige Gedenktafeln und ins Gedächtnis rufen. Man hätte mehr dieser schrecklichen Bauwerke stehen lassen sollen. Horror zum Anfassen in Form von echten Mahnmalen hinterlässt einen nachhaltigeren Eindruck als eines dieser braunen Schilder, wie sie entlang der Autobahnen jeden zweiten Hühnerstall als Weltkulturerbe ausweisen.

Die Menschen hier haben sich daran gewöhnt, dass die Grenze nicht mehr da ist. Wo vor 20 Jahren Bananen verschenkt wurden, wird heute fröhlich gewunken. Und wir haben ja sogar einen Trabi, einen VoPo-Lada mit Blaulicht und einen Volvo in der kommunistischen Langversion dabei. An diese Erscheinungen werden sich viele der Besucher entlang der Srtaße noch aus dem Alltag erinnern! Die Sonne steigt hoch über die wabernden Asphaltpisten, die Weizenfelder scheinen zu glühen und die Wälder spenden angenehmen Schatten. So macht Autofahren am meisten Spaß! Himmel, ist das schön hier!

An dieser Stelle sein noch einmal das Becker-Radio im Benz erwähnt, welches unsere Ohren mit erstaunlich gutem Klang von den eingangs erwähnten Superhits-Casetten verwöhnt. 22 Jahre alter KFZ-HiFi, da können aktuelle Anlagen sich noch immer die Messlatte kalibrieren! Und erträgt man zwischendurch einmal nicht mehr die Bandkonserven mit Sandra oder George Michael, freut man sich über die vermeintliche RDS Funktion und die lustigen Sendernamen. Nein. RDS gab es 1988 noch nicht, aber Becker hat damals auf fast alle deutschen Radiofrequenzen die Sendernamen vorprogrammiert. Und da kann es schon einmal vorkommen, dass man DDR2 hört. Großartig.

Kleine Pause gefällig? Dieser Mähdrescher war nicht eingeplant, aber da es alle gleichermaßen trifft und die Umgebung idyllisch ist warten wir wie die Engländer in einer langen Reihe, bis wir weiterfahren können.

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Und tanken, tanken, tanken. Bei dieser Wärme nicht nur die Autos, bitte.

Jahaaaa, und da sind sie wieder. Je östlicher wir fahren, desto kreativer werden die winkenden Menschen entlang der Rallyeroute. Sie verkleiden sich, stellen Schilder auf und freuen sich mit den vorbeifahrenden Teilnehmern. Immer schön hupen und zurück winken!

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Lars fährt und hupt, ich verteile Programmhefte und winke. Ganz schön anstrengend auf Dauer, irgendwann wird mir bewusst, WIE viele Menschen hier an jeder Ecke stehen. Mein rechter Arm wird schön braun und bekommt klasse Muskeln.

Wo sind wir jetzt eigentlich, so geografisch betrachtet? Das Roadbook gibt dem Beifahrer immer nur eine kurze Momentaufnahme in Form eines Schildes, einer Kreuzung oder der Ankündigung der nächsten Wertungsprüfung. Ah. Diese findet in Stendal-Borselt auf einem kleinen Flugplatz statt. Ein ausrangierter Jet und ein alter Doppeldecker bilden eine großartige Kulisse für die noch aktiven Motoren und Maschinen auf der Piste. Das Land ist so flach wie eine Pizza auf einer Verkehrsinsel in Wolfsburg, die Sonne brennt heiß auf den Asphalt und die Moderation schallt über das Donnern der Motoren hinweg. Klasse.

Alles hier erinnert mich an zeitgenössische Testberichte aus den Blättern, die man als Junge so gelesen hat. In der Bücherei. Da waren die großen Rennstrecken und die schwarzgrau asphaltierten Steilkurven, durch die Mittelklasselimousinen gescheucht wurden. Ford Granada neben Opel Rekord. Da war eine Automarke noch eindeutig am Gesicht zu erkennen. Und ein Modell an seiner Größe. Stellen Sie heute mal alle Audis und VWs nebeneinander, das werden bestimmt 20 verschiedene Autos, die irgendwie… alle gleich aussehen. Finden Sie nicht?

Haben Sie schon einmal etwas von Tangermünde gehört? Ich nicht. Was unverständlich ist, handelt es sich hier doch um das vielleicht schönste Städtchen entlang der heutigen Etappe! Durch die Altstadt geht es runter an den Hafen, wo zum Mittagessen auf einem angelegten Ausflugsboot geladen wird. Wieder eine Gelegenheit, alle Fahrzeuge aus 80 Jahren zusammen zu begutachten. Und ich habe immer wieder das Gefühl, da kommen noch welche um die Kurven, die mir bisher noch gar nicht aufgefallen sind. Und so blättere auch ich ab und an im Programmheftchen und lerne das eine oder andere dazu. Herr Busemann gibt ergänzend sein umfassendes automobiles Wissen dazu, nicht nur in Sachen Mercedes Benz.

Mahlzeit. Wohl denen, die einen Hut oder Haare haben. Das leichte Lüftchen weht nicht nur durch die sehr engen Schiffstoiletten, sondern kühlt auch verführerisch die nicht eingecremte Haut. Herr Busemann wird heute Abend wissen, was ich meine. Offene Schiebedächer sind super für Fahrfotos von oben, haben ansonsten aber auch den einen oder anderen ultravioletten Nachteil 🙂 Diese Stärkung soll die letzte vor Berlin sein. So langsam wollen wir ehrlich gesagt auch ankommen, drei Tage fahren und berichten sind toll, aber wirklich anstrengend!

Kennen Sie noch Miami Vice? Dann kennen Sie auch den Ferrari Testarossa! Mit dem irgendwie billigen Charme der 80er ausgestattet und mit dem wohl größten Schminkspiegel der Automobilgeschichte bestückt bewegt sich hier eine 25 Jahre alte Rakete über die Landstraßen und macht Lust auf mehr…

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Für mich als Limousinengleiter ist die brachiale Gewalt des hochdrehenden Zwölfzylinders mit 395PS direkt hinter mir ein fast religiöses Erlebnis! Ich… darf ich ihn, äh… auch mal fahren? Nun, das ist eine andere Geschichte, die wir jenseits der Wertungsprüfungen behandeln.

Fast schon kitschig mutet der Kontrast der großen Sonnenblumen am Straßenrand an, wenn hinter ihnen die bunten Autos durch das Land pflügen. Man hört einige schon von Weitem, andere wie der Unimog tuckern plötzlich im Standgas durchs Bild und wieder ganz andere hat man schon den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Wie auf einem Klassentreffen nach 20 Jahren. Da sind doch irgendwie immer zwei oder drei Leute dabei, die man gefühlt noch nie gesehen hat. Sind die wirklich in meine Klasse gegangen? Sind diese Autos wirklich mitgefahren? Das Programmheft behauptet es steif und fest. Vielleicht sind sie liegen geblieben und werden gerade abtransportiert? Na gut, wir machen noch ein paar Fotos 🙂

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Kaffee geht ja immer.

Eve Scheer sucht ihren Beifahrer, wo steckt der? Eben war noch alles voller Fahrzeuge auf dem großen Platz am See, Kaffee und Kuchen wurden gereicht und die friedliche Atmosphäre zwischen Badegästen und Autofans genossen. Und nun sind auf einmal alle wieder unterwegs? Berlin ist nahe, die wollen wohl so langsam auch mal ankommen. Und ehe wir uns umdrehen, sind wir fast die Letzten. Das geht nicht, wen sollen wir denn dann fotografieren? Lars versucht, ein bisschen Zeit gutzumachen, mit den 5.6 Litern Hubraum des großen V8 gelingt das tatsächlich auch recht gut. Wenn da nicht immer diese versteckten Abzweigungen wären. Oder wenn nicht auch mal ein Schild von einem Lada Niva mit Anhänger zugeparkt ist. Das Coupé auf der Straße zu wenden gleicht einem Anlegemanöver im Hamburger Hafen.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Gewinnerinnen des Startplatzes von Toll Collect im Porsche 356 und die hauseigene Plüschtierkollektion…

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Potsdam!

Nun ist es nicht mehr weit ins Zentrum von Berlin. Aber nun wird auch die Arbeit für den Beifahrer wieder mehr, denn in der Stadt navigiert es sich wesentlich schwieriger als auf dem Land. Zumal es irgendwie auch noch andere Verkehrsteilnehmer auf der Strecke gibt, die ebenfalls von a nach b möchten. Im Speckgürtel von Berlin ist eine Oldtimerrallye nun nichts sehr spektakuläres mehr, und die Mengen der Zuschauer lichten sich nach und nach. Sie alle bewegen sich auf das Gelände von Toll Collect am Potsdamer Platz zu, wo der offizielle Zieleinlauf moderiert wird. Aber da sind wir noch nicht ganz.

Sind wir wirklich angekommen? Sind die drei Tage dann doch auf einmal vorbei? Auf dem langen Weg in Richtung Siegessäule formulieren wir schon die Überschriften der Live-Berichte und freuen uns über den Trabi, der hier mal so richtig gut reinpasst! Vorbei geht es an Sanssouci und seinen Parkanlagen, am Brandenburger Tor und der eingerüsteten Siegessäule. Den Reichstag lassen wir links liegen, für Sightseeing ist heute wirklich keine Zeit mehr. Lars hat sich inzwischen auch von dem Angriff eines flinken Grashüpfers erholt, der durchs offene Fenster reingeflippt ist und ihn unter seinem Shirt ärgern wollte. Man soll ja das Lenkrad nicht verreißen, sagt man… na ja, nächstes mal…

Drei wunderbare Tage gehen zu Ende. Am Abend findet noch die große Gala im Grand Hyatt statt, auf der die Gewinner der Etappen und die Gesamtsieger gekürt werden und recht stattliche Preise mit nach Hause nehmen. Leider nicht mit uns. Wir bearbeiten Fotos, laden sie hoch ins Content Management System und schreiben die Texte dazu.  Alkoholfrei, ohne Abendessen, denn dafür fehlt heute die Zeit. Ein super durchgeplanter, runder Event mit wunderbaren, emotionalen Stationen. Im kommenden Jahr sind wir wieder dabei, und ich kann jedem nur empfehlen, ein bisschen Kleingeld in den Sparstrumpf zu stecken und zu versuchen, einen Startplatz zu bekommen. Es gibt nicht mehr viele Abenteuer dieser Art. Ich gebe zurück in die Sendezentrale 😀

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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2 Responses to Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

  1. calimero says:

    SUPER 😀
    Anne Marmel? muuuhahahah! Was ist das denn für ein geiler Name?
    Schade daß du selbst keine Bilder von dem Fest am Freitag und dem Zieleinlauf in Berlin gemacht hast. Aber die kann man ja auch auf den offiziellen Seiten lesen. Und kann es sein, daß mein Benutzername aus dem Blog da nicht funktioniert? UNd ich mich auch nirgends anmelden kann oder so? Schade, ich würde gern was schreiben.
    Sandmann, du versüßt mit deinen Geschichten echt meinen Alltag.
    Ich werde mich mal durch die älteren Beiträge wühlen. Hab heute einen Tag frei!
    🙂
    Abel

  2. Sandmann says:

    Jetzt, wo du es sagst… hm…
    Ich telefonier mal…

    Anne Marmel vertreibt übrigens diese Tiere mit den schönen Augen 😀

    Sandmann

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