Die heiligen Hallen des Stefan H.

Hier greift die Abwrackprämie nicht!

Deutschland diskutiert noch immer über Abwrackprämien und ob man sie wirklich Umweltprämien nennen sollte. Bundesbürger rennen wie von Sinnen zum Verschrotter, obwohl sie gar kein neues Auto brauchen und ihre alten Autos oft sogar noch viel mehr wert sind als 2500 Euro. Aber als Angela etwas verschenkte, musste man es mitnehmen. In der Schweiz ist das anders. In der Schweiz ist noch viel mehr anders, aber das soll hier nicht das Thema sein. Ein kleiner, unbeugsamer Sammler hat eine kleine Schatzkammer in der Nähe von Zürich, die er mir heute, am dritten Tag meiner Reise, geöffnet hat. Sesam – öffne dich. Folgen Sie mir in ein Eldorado der neuwertigen Youngtimer.

Wer ist dieser Mann?

Er ist eigentlich genau wie Sie und ich, vielleicht beruflich ein wenig verstrahlt, ansonsten lediglich mit einer kleinen Macke ausgestattet: Herr H. kann sich nicht bremsen, wenn er im Internet ein altes Auto im guten bis sehr guten Zustand findet. Er muss es kaufen. Markenunabhängig. Zumindest, wenn es preiswert ist. Als sich das große Tor der schattigen Vollbeton-Tiefgarage in der Nähe der helvetischen Hauptstadt öffnet, sind die geringen Temperaturen nicht der primäre Grund für meine Gänsehaut. Unter hellblauen Laken warten große, geheimnisvolle Dinge darauf, ausgepackt zu werden!

Ich mag ja Opel nicht so. Doch hier steht ein… Rekord Berlina? in makellosem Zustand, neu bezogenes Vinyldach, blaues Velours, Nichtraucher. Nein, doch kein Rekord. Ein Commodore C. Den MUSS man mögen. Längst ist das Modell aus dem Straßenbild verschwunden, hier hat einer überlebt! Die Fenster sind einen Spalt offen, an der Batterie hängt ein Erhaltungsladegerät. Kein Rost, keine Ölspuren. Das Türschloss klackt gut geschmiert und gibt den Weg frei in ein fast neu riechendes Wohnzimmer, was erst wenige 10.000 Kilometer auf öffentlichen Straßen zurückgelegt hat. Ein Traum für untere dreistelige Beträge. Wer möchte da noch Chevi Matiz fahren? Zwischendurch überlege ich immer wieder, ob ich Ihnen ein paar Verhüllungsrätsel stellen sollte. Aber das habe ich ja schon einmal getan…

Sind Sie Nierenspender? Dieser Bayer wird es hoffentlich nicht mehr werden, denn er steht komplett und makellos mit allen vier Füßen auf der trockenen betonierten Erde.

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Unser Herr H. gibt bekennend zu, dass seine Affinität zu BMW nicht gerade ausufernd ist. Und diesen Vertreter hier wollte er eigentlich gar nicht unbedingt haben, zu neu, zu viel Technik und schon eine gehörige Portion anfällige Elektronik. Aber in einem so sauberen Zustand, er konnte einfach nicht wiederstehen. Allein das Bordwerkzeug im Kofferraumdeckel. Noch Fragen?

Audi 100 Coupé S. Vielleicht eines der begehrenswertesten Autos, die ich kenne. Nicht nur, weil ich als Kind in einem verunfallten Exemplar eifrig Vater-Mutter-Kind spielte und erste körperliche Kontakte zum anderen Geschlecht erfuhr. An diesem Auto stimmt einfach alles. Die Technik ist übersichtlich, aber kraftvoll. Die Karosserie ist elegant, zeitlos und für einen damaligen Audi 100 fast schon als erotisch zu bezeichnen. Es riecht nach Audi. Und es fühlt sich irgendwie vertraut an. Das Interieur hat genau den richtigen Mix aus deutscher Bequemlichkeit, italienischer Sportlichkeit und diesem Hauch von verspieltem 70er Jahre Flair. *seufz* Hinwil. Habenwil.

Wenn es in meinem Kopf irgendwelche Oldtimer-Sicherungen gibt, ist soeben eine durchgebrannt. Dieses Auto verkörpert für mich alles, was ein Auto braucht. „Sandmann, du bist so still geworden, ist alles in Ordnung?“ Ich rechne. Selbst in desolatem Zustand kosten die Coupés noch um die 4000 Euro, für gute Exemplare verlangt man gern das dreifache. Gut, dass es mir nicht nur an real existierender Stellfläche, sonsern auch am nötigen Kleingeld mangelt. Ach menno. Und wieder denke ich an all die jungen Familienväter, die sich zu ihrem Reihen-Endhaus einen fröhlichen Dacia Logan erspart haben. Die noch immer Vater-Mutter-Kind spielen. Leute! Für das GLEICHE Geld bekommt ihr so was hier!!! Aber ein Mann muss Träume haben, die ihn weitermachen lassen…

Ich gebe zu, automobil vorbelastet zu sein. War der alte verbeulte Audi in meiner Kindheit das Symbol für unprotokollierte Erwachsenenspielchen, ist die Marke Ford für mich untrennbar mit der ersten eigenen Mobilität verbunden. Die Topmodelle unterteilten Örg und ich in den „Hundegranada“ (mein Coupé, der MK1 mit der Saurieroptik) und den „Schweinegranada„. Also den MK2, damals in unseren Augen hässlich, kantig, träge und groß. Heute und hier selten, noch immer kantig und groß, unanständig gut in Schuss und in einem pornografisch schrillen Grün. Mir zittern die Knie.

Gerade und klar strukturierte Holzflächen voller klobiger Instrumente, plüschige, straffe und sündig grüne Sessel, ein jungfräulicher Aschenbecher, ein Raumgefühl wie in einer Lagerhalle und eine Motorhaube, die sich derart kantig und frech bis zum Horizont reckt, dass man ehrfürchtig schluckt. Ich schweige immer lauter. Herr H. scheint es zu genießen und grinst sympathisch und breit. Das schlimmste: Diese Autos sind allesamt nicht teuer! Und sie sind tadellos! Deutschland, wach auf! Schmier dir die Abwrackprämie auf dein Nutellabrot mit Goldentoast und schaff dir einen Youngtimer an. Die fast therapeutischen Glücksgefühle in diesen Schätzen sind weder mit Nescafé noch mit Schwartau Extra Marmelade aufzuwiegen!

Klappe zu. Tür zu. Tor zu. Und erst nach und nach geht mein Mund zu. Die Alltagsklassiker sind wieder liebevoll hellblau zugedeckt, die Ladegeräte versorgen die Bordbatterien wieder mit Kleinstspannung und verhindern somit Tiefstentladung. Stefan H.: DANKE! Ich glaube nun wieder an das Gute im Auto. Wahrscheinlich werde ich niemals einen Neuwagen fahren, heute hat sich dieser Entschluss einmal mehr gefestigt. Solange es noch Butter-und-Brot Klassiker gibt, die sich mit relativ kleinem Geld am Laufen halten lassen, werden Hundai, Kia und Co. in meiner Welt nicht Fuß fassen können…

Aber der Tag ist noch nicht zu Ende.

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.

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6 Responses to Die heiligen Hallen des Stefan H.

  1. stefanh says:

    Hallo Sandmann!

    Danke für die erneute Publikation dieses schönen Berichtes; ich bin sehr geschmeichelt! 🙂
    Zu ergänzen wäre noch, dass die Sammlung mittlerweile um 2 weitere selten gewordene, nahezu perfekt erhaltene Youngtimer bereichert wurde.
    Sehr gerne heisse ich Dich (und natürlich jeden anderen Interessenten) jederzeit herzlich willkommen hier im Süden!

    Beste Grüsse, Stefan H.

    • Sandmann says:

      Bester Stefan,

      vielen Dank für die neuere Einladung. Ich hoffe sehr, dass ich dich (und deine Autos) in diesem Jahr noch einmal sehen kann. Auf den Honda bin ich EXTREM gespannt. Eigentlich müsste ich mal mit dem K70 runterkommen, oder? 😀

      Sandmann

  2. Markus1975 says:

    Hey Jens

    So viele GEILE Autos…ich grübel jetzt einmal ein wenig. Wenn ich nur könnte wie ich wollte. Mist! Ich würde mir ebenfalls eine kleine Sammlung antun. Und dann natürlich nicht nur auf V8 bezogen. Obwohl mich ja dann doch noch ein 3,6 Schalter ein 4,2 Schalter und ein V8 lang reitzen würden. Nicht zu vergessen der sagenumwobene Classicliner. 😉
    Manche Träume sind erfüllbar, andere wiederum nicht. Was soll´s?!
    Auto´s die ich doch sehr gerne einmal hätte wären:
    Einen richtig alten Lancia, egal welchen
    Opel Diplomat in weiß und pornomäßiger roter Innenausstattung
    Einen Mercedes Flügeltürer. Alleine diese Optik (schmelz)
    Opel Kapitän
    Einen originalen Manta A
    Wenn ich so beim schreiben nachdenke, hat jeder Hersteller bis in die 80ziger irgendein Auto gebaut, welches ich von der Karosse etc. absolut schön finde und doch irgendwo haben möchte. Und ja. Es befinden sich sogar Modelle darunter, die aus dem des Lächelns kommen.
    Die Umstände welche mich daran hindern, brauche ich hier nicht zu erwähnen. Und einmal unter uns „Männer“. Meine Frau würde mich nicht daran hindern. Seitdem mein V8 wieder läuft, lächelt meine Frau wieder häufiger und MEIN V8 ist sagen wir einmal recht selten in seiner Garage. Sie würde es zwar NIE zugeben, aber sie genießt es die Lady wieder zu kutschieren. 😉

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann says:

      Ay Markus,

      aaaalso…….
      Einen Lancia bekommst du für kleines Geld, wenn du Bock auf eine unüberschaubare Bastelbude hast. Das bist du ja gewohnt. Wieso eigentlich Lancia? Bist du in einem gezeugt worden? 😉

      Opel Diplomat V8 ist selten, rostig und teuer. Da können schon einmal 10.000 Euro den bach runter gehen. Fahrbereite Exemplare mit Pflegebedarf gibt es ab 5000 Euro. RICHTIG geil sind die Diplomaten aus den späten 60ern. Ein Traum. Ich empfehle in diesem Zusammenhang die Fernsehserie „Der letzte Bulle“ mit Henning Baum. Großartige Retro-Unterhaltung, Crime, Herz, trockene Sprüche und ein Diplomat-Dienstwagen. Cool.

      Mercedes SL… okay, man darf ja noch träumen. Ansonsten vom gegenwert eines Einfamilienhauses, unerreichbar.

      Opel Kapitän… welchen? Da gibt’s ja verschiedene. Alle irgendwie schön 🙂

      Und hey – ein Manta A in orange steht gerade bei einem Fähnchenhändler an der B76 rechts, wenn du von Kiel kommend nach Plön fährst, auf der Höhe von Mike’s und Frank’s in der 70er Zone…

      Der Mobilmann

  3. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Ich meine natürlich den Kapitän, der diese irre lange Motorhaube hat. Ich bin der Meinung das sich dort ein sechszylinder austobt. Da kann ich mich aber auch täuschen. 😉
    Und in einem Lancia bin ich wohl nicht gezeugt worden. Es waren andere Zeiten damals. Und so bin ich wohl „ganz normal“ auf den Weg des Lebens geschickt worden. Hehe
    Den Manta werde ich mir so neugierdehalber einmal anschauen. Man kann ja nie wissen. Vielleicht…

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann says:

      Ay Markus,

      stimmt, der Kapitän war der kleine Diplomat. Aber warum denn dann nicht gleich einen V8, wenn schon denn schon. Einen Kapitän hättest du vor ein paar Jahren vom Örg haben können, sogar als komfortablen Leichenwagen. Eine Menge Platz hinten drin…

      Ich weiß gar nicht, ob der Manta da jetzt noch steht. Ich werde mal drauf achten. Aber heute habe ich in der Kirchhofallee in Kiel bei einem Fähnchenhändler neben dem Reifendiscounter einen GANZ alten Opel Kapitän gesehen, ich schätze aus den 40ern! Zum Verkauf! Ich werde mal ein paar Fotos machen…

      Sandmann

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