Einen kühlen Kopf bewahren

Das sieht nicht norddeutsch aus

Das sieht nicht norddeutsch aus

Heute soll die Hitze-Schweiß-Odyssee ein Ende finden. Und erneut erinnere ich mich an das Kieler Audi-Zentrum, wo mir mit meinem alten, dicken Auto schon mehrfach kompetent und relativ preiswert geholfen wurde. Vielleicht erinnert man sich ja auch an mich, ich rufe beherzt an. Mit dem ungläubigen Blick eines Kindes erfahren meine Ohren, dass die Klimatronic letztmalig anno 2001 inspiziert wurde! Ich handel durch Charme und Wortwitz mit der Telefondame einen Festpreis aus und darf auch sofort kommen. Letzte Zweifel zerstreuen sich in der Abendsonne, als mich der freundliche Meister mit einem Handschlag begrüßt und den V8 gleich reinfahren lässt. Er heißt Herr Ringe. Dieser Mann muss, nein KANN nur bei Audi arbeiten.

Die Herren der Kälte

Die Herren der Kälte

Zwei emsige und rührige Mechaniker der reiferen Generation kommen mit einem vollautomatischen Gerät angeschoben, welches alles alleine regeln kann. Altes Kältemittel raus, Öl raus, messen, rechnen, Druck drauf, warten, Druck raus, Vakuum drauf, warten, Tee kochen, neues Kältemittel rein, Öl rein, Kontrastmittel dazu und so weiter. Entschuldigen Sie hier die schlechte Bildqualität, vom Handydisplay abfotografiert – das Datenkabel ist im Handschuhfach festgefroren. Aber dazu später. Man hat nichts gegen meine Anwesenheit in der Werkstatt. Kompetent und geduldig erklären mir die beiden Männer alle Funktionen am Gerät, erläutern mir den Protokollstreifen und schwatzen über den Wagen. Handarbeit aus Neckarsulm. Hier werde ich wie ein erwachsener Autofahrer behandelt, obwohl ich nicht einmal den Gegenwert eines Bremsklotzwechsels hier lasse. Das Leben ist schön.

Nach einem Erfahrungsaustausch in Sachen Flüssiggasanlage dreht einer der beiden Mechaniker mit mir noch eine Runde über den Hof, um dem leichten Rasseln unter meinem Auto auf den Zahn zu fühlen. Dies entpuppt sich auf der Hebebühne als lockeres Wärmeleitblech rund um die Auspuffrohre, halb so schlimm, das kann ich nachbördeln.

Nennenswert kalt, jetzt

Nennenswert kalt, jetzt

Aber was kommt da aus den Luftdüsen? Habe ich so lange den Schneewittchen-Schlaf des vergangenen Sommers geschlafen, dass ich vergessen habe, wozu die Klimatronic eines Audi V8 in der Lage ist? Mein verklebter Körper entwickelt zuerst eine Gänsehaut unter dem Shirt, als der Schweiß komplett abgetrocknet ist, fängt ein leichtes Frösteln an, und nach insgesamt 42 Sekunden (viel länger hat die Probefahrt über den Hof nicht gedauert) stellt sich eine nicht gekannte Kälte im Fahrgastraum ein, die sich in verspielten Eiskristallen auf dem Armaturenbrett niederschlägt. Ich lache wie ein Kind und verfalle in zusammenhanglose Begeisterungstiraden, während ich mit dem Gefühl, Petrus ab heute endgültig trotzen zu können, die Rechnung bar begleiche.

Der Herr Ringe – Denkpause – wünscht mir hinter seinem Tresen noch einen schönen Tag und bedankt sich für den Auftrag. Viele gute Sommergedanken gehen mir durch den Kopf. Wann habe ich mein letztes Brauner Bär gegessen? Perlipop ist kleiner als damals, aber immer noch so lecker. Und der Kaugummi unten im Balla schmeckt noch immer für 20 Sekunden nach Plastik, bevor er seinen Geschmack ganz verliert. Aber ansonsten ein tolles Eis! Ich bin hier gut beraten worden, Sie haben in mir einen Mitstreiter weniger in Sachen Servicewüste Deutschland.

Prost Glühwein

Prost Glühwein

Die Stadtautobahn bringt mich zurück in eine Zeit, wo man Feuerzangenbowle und Maronen riechen kann. Außen tropisch, innen polar. Winterklamottenbestückt höre ich im Geiste das Kinderkarussell auf dem Weihnachtsmarkt und sehe Schlittschuhläufer ihre Runden ziehen. Mit der aufkeimenden Erkenntnis, dass spätestens das Auf und Ab der Temperaturen nicht im Sinne meines Körpers sein kann, regel ich manuell ein wenig den Permafrost auf Nördlicher Polarkreis runter, schenke mir einen Glühwein nach und beginne mit Überlegungen, wie ich die Pinguine auf dem verschneiten Rücksitz vor meinen Kindern verstecke. Aber das ist eine andere Geschichte.

Weihnachten ist gerettet. Es grüßt Sie ein intensiv abgekühlter

Sandmann

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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6 Responses to Einen kühlen Kopf bewahren

  1. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Eiskristalle auf dem Armaturenbrett? 😉 Wau! Dann sollte ich dann wohl auch mal zum Klimaservice. Hehe
    OmG. Stell sich das einmal einer vor…erfroren im eigenen Auto bei hochsommerlichen Temperaturen. Was für ein Gedanke.

    V8 mäßige Grüße

    Markus bei dem die Klima noch nicht mit Eiswürfeln schmeißt

  2. Sandmann says:

    Ay Markus,
    herzlich willkommen hier. Ist noch nicht so viel los, aber ich bau ja erst seit gestern…

    Ja, als die Klima neu befüllt war kam RICHTIG kalte Luft! Ich empfehle das nur wärmstens 😉 und teuer ist es auch nicht. Irgendwo bleibt das Kältemittel nach den Jahren halt auf der Strecke…

    Wobei das bei deinem V8 wohl Priorität e hat, da sind noch andere Baustellen, oder?

    Sandmann

    • Markus1975 says:

      Hey Jens

      Priorität e. Hehe
      Da hast Du ja recht. Mal überlegen was ich noch so für Baustellen habe. Hm
      Kühler, Ventildeckeldichtung, Ölwannendichtung, Querlenker vorne, Getriebeöl mitsamt Sieb und der Rest ist einfach nur Kosmetik…Frau sei gedankt. 😉
      Vordere Stoßstange, Fahrerseite Zierleiste von der Stoßstange und dann noch einen Kotflügel. Der hat damals ja auch einen Schlag abbekommen. Aber dies ist eine andere Geschichte, die ich jetzt nicht wieder vertiefen werde. Insider wissen wovon ich schreibe. 😉

      V8 mäßige Grüße

      Markus der sich über die neue Seite freut

      • Sandmann says:

        Ay nochmal Markus,

        wenn du weiterhin so preiswert deine Teile beziehen kannst, wird es nicht allzu teuer werden, deinen „Dicken“ wieder in einen schönen Zustand zu bringen.

        Wenn da nicht die Supermärkte mit ihren tumben Einkaufswagenführern, die Parkrempler und sonstige Lackvernichter wären, zeigte ich mich auch penibler. Aber so… na ja, wer meinen V8 mal aus der Nähe gesehen hat weiß, wie der Lack aussieht.

        Sandmann

  3. Markus1975 says:

    😉
    Hey Jens

    Naja. Ich habe einfach mal ein wenig Glück gehabt mit den Teilen. Aktuell ist mir noch eingefallen, daß ich noch einen Motorschutz mitsamt den ganzen Kühlkram für die Bremse etc. brauchen könnte. Mit ein wenig Glück ist dies ja bei ihm vorrätig.
    Und das Dein V8 so aussieht wie er aussieht…Du hast Deinen V8 auch als Alltagsfahrzeug. Er steht mitten im Leben. Dabei ist meiner ja eher ein Liebhaberfahrzeug. Er wird zwar genutzt, aber nicht sehr intensiv. Das meiste wird bei uns zu Fuß oder mit dem Fahrad erledigt. Allso innerorts. Alles was darüber hinaus geht, wie zum Beispiel einen Großeinkauf erledigen, da muß dann halt meine Lady in Black herhalten.
    So wird der D11 aber auch nicht in Vergessenheit geraten. Melanie war letztens einkaufen und neben ihr parkte ein neues Audimodell. Der Besitzer des neuen meinte zu ihr, daß er selber auch einmal einen V8 hatte und sich jetzt in den *PIEP* beißen könnte, daß er ihn damals verkauft habe um sich den neuen zu holen.

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann says:

      Fast alles könnte man irgendwie irgendwo aufheben und eines Tages wieder verkaufen. Hätte ich eine große Lagerhalle, würde ich sie wohl zu einer gewaltigen Zeitkapsel umfunktionieren…

      Jaaa, mein V8 wird im Alltag bewegt, aber es ist eigentlich schiere Faulheit, dass die guten BBS Kreuzspeichenfelgen so aussehen, wie sie aussehen. Und es ist Nachlässigkeit, dass auf dem Dach und dem Kofferraumdeckel so tiefe Kratzer sind. Und es ist ein Akkusauger von Dyson, den ich nicht wiederfinde, der dafür verantwortlich ist, dass mein Innenraum so aussieht, wie er aussieht….
      Ich arbeite daran.

      Sandmann

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