Es geht (k)ein Licht auf…

Freitag früh. Gut behütet 🙂

Denn sie wissen, was sie tun

Denn sie wissen, was sie tun

Und es wäre langweilig, wenn ich jedes Jahr nur Bilder von vorbeifahrenden Autos zeigen würde. Das können andere besser. Also sorgen wir doch einmal für ein bisschen Abwechslung auf der vierten Rallye Hamburg-Berlin-Klassik und bleiben zwar mit unserem 40 Jahre alten K70 nicht liegen, aber… na schauen Sie selbst 😀 Entlang der Strecke in den Osten erlebt das mutige Liveblogging-Team Busemann und Sandmann noch so einiges, was auf den offiziellen Seiten nicht erschienen ist. Was aber für die schreibende Zunft, die nicht an den Wertungsprüfungen teilnimmt, die eigentliche Würze einer solchen Rumfahrerei ausmacht. Also setzen wir für diesen heutigen Tag unsere Hüte auf und sagen adios Hamburg! Und das zeitweise ohne Licht. Aber dazu später.

Der frühe Vogel… ach, egal.

Selbstverständlich macht es mich ein ganz kleines bisschen wuschig, wenn eine klasse Frau wie Eve Scheer rüberguckt und „Eure Hüte sind echt sexy, Jungs“ ruft. Wobei unser Lars, im Bild links, auch später am Abend keine Probleme mit platt liegenden Haaren haben soll, so wie ich, also lass ich das Ding heute einfach bis ins Bettchen auf 🙂 So kann man zwischen Bentleys und Ferraris auch auffallen. Ein abgeschabbelter alter Volkswagen mit mattem Lack und durchgerosteten Schwellern, zwei schicke Hüte – und immer einen Fotoapparat am Auge. Die Cola zischt, die im Handschuhfach mitgeführten Ahoi-Brause Päckchen sorgen für allgemeine gute Laune und tränende Augen und der Tag verspricht vollmundig, ein Guter zu werden! Hup hup. Winken. Ja genau, so einen hatten Sie auch mal.

Zumindest bis und in der Hauptstadt des Rotspons und des Niederegger Marzipans hält er das auch durch, der Tag. Es ist interessant, einmal hier zu sein ohne dass Weihnachtsmusik von Glühweinständen herüberquaddelt und sich Milliarden von besoffenen Touristen durch die stille Nacht in der Altstadt schieben. Es ist eher… nun… fast schon leer. Was ist los in Deutschland? Freitag Vormittag, arbeiten die denn immer noch alle? Gar so wie wir? Es wird diesem Land bald wieder besser gehen. Nicht zu fassen! Auf dem Rücksitz des KaSi türmen sich noch etliche Tonnen Prospektmaterial, das möchte garantiert in der Menge verteilt werden! Aber nicht in Lübeck. Alle Zuschauer auf dem abgesteckten Hof vor dem antiken Sanatorium haben schon welche. Jemand ist uns zuvor gekommen. Tz.

Jenseits der immer wieder beeindruckenden Deutsch-Deutschen Grenze werden die Ortsdurchfahrten breiter und die Straßen huppeliger. Du hältst an, um vorbeifahrende Autos zu fotografieren. Kniest nieder. Wartest. Und es kommen einfach keine mehr!

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Also fotografieren wir uns selbst, warum auch nicht? Als auch nach 10 Minuten nicht ein einziges Teilnehmerfahrzeug mehr aufkreuzt, vertrauen wir auf die offiziellen Fotografen und fahren ein bisschen verwundert weiter. Vollsperrung? Umleitung…?

Meck-Pom hat eine Menge Platz. Das sieht man an den eher südeuropäischen Umgangsweisen mit alten Häusern oder alten Autos. Beides lässt man, wenn es nicht mehr benötigt wird, so mir nichts dir nichts in der Gegend stehen. Es ergeben sich hier in einem Dörfchen zwischen Irgendwo und Weißichnicht mehrere Wartburgs ihrem Schicksal. Und das wohl nicht erst seit gestern. Leider erweckt das Grundstück den Eindruck, als würde man beim Betreten definitiv von einer Ladung Schrot durchsiebt oder einem Schäferhund zerfleischt. Was ich dementsprechend also nicht in Erwägung ziehe. Eine Hymne auf den optischen Zoom. Trotzdem schade, die Flora ums alte Blech ist interessant… Ob bei denen die Scheinwerfer noch funktionieren?

Gleich gegenüber sollte vor 100 Jahren vielleicht ein langweiliges Neubaugebiet entstehen. Warum sowohl die Bauherren als auch die Maschinenführer die Szenerie damals fluchtartig verlassen haben ist nicht überliefert, als Abenteuerspielplatz für überforderte Familienväter, die immer schon mal in einem Bagger sitzen wollten taugt das Gelände allerdings hervorragend. Auch heute noch. Bilde ich mir das nur ein oder ist diese Gegend hier ein bisschen grauer als der Rest der Strecke? Jeder vorbeibrausende Oldtimer (ah, da sind sie wieder!) wirkt wie ein schreiender Farbfleck zwischen den Ruinen von Hühnerfarmen und längst verlassener Schwerindustrie aus dem vergangenen Jahrtausend…

Die allgemeine Tristesse macht er zwar nicht besser, aber wenn Chris Rea singt, bekomme ich immer den Anflug einer leichten Gänsehaut. Das hat mehrere Gründe, einer ist sicherlich der aussterbende Tonträger selbst, der einen gewissen leiernden Charme versprüht (und dabei aber erstaunlich satt und brillant klingt). Außerdem, wie immer bei alter, selbst aufgenommener Musik, kommt ein Teil der Zeit von damals zurück. Dieses Tape habe ich in den späten 80ern mehr als einmal in meinem Walkman auf dem Weg zur Schule abgespielt, auf der 1975er Vespa Boxer II sitzend… But it’s the Curse of the Traveller… Wie recht er hat. Hier ist alles Retro und alt, voller Erinnerungen und weit weg von der Realität. Und unbeleuchtet. Ich muss was essen, das überfordert mich alles.

In Boltenhagen geben sich die Fahrzeuge ein weiteres Stelldichein vor malerischer Hafenkulisse, während Lars und ich unsere Mägen auftanken. Fahren und schreiben macht hungrig! Und was sagt der Wahnsinnige beiläufig zu den Jungs vom AvD, welche die Rallye begleiten? „Äh… könnt ihr vielleicht mal schauen, unser Abblendlicht geht nicht…

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Klar, machen wir gern!“ Na wenn das mal nicht den Ehrgeiz der roten Engel geweckt hat! Sicherungskasten durchmessen, Scheinwerfer durchmessen, hier ein Kabel ziehen und dort dem Strom auf den Fersen sein. 4 Helfer schrauben sich durch den VW K70, die Rallyeteilnehmer sind schon längst satt und wieder alle weg…

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Nach und nach brauen sich am Himmel dunkle Wolken zusammen. Ich gedenke der Fahrer von offenen Roadstern und blicke ein wenig nervös auf meine Uhr. Wir müssen so langsam mal weiter, sonst sind die alle schon am Tagesziel, während wie hier noch stehen…

Dabei hätte es so einfach sein können! Die Bilux Lampe (kennen SIE noch Bilux???) rechts ist kaputt. Sowas von kaputt. Leider stellt sich das nicht als des Rätsels Lösung heraus, auch der von mir schon länger verdächtigte Schalter am Armaturenbrett erweist sich als erstaunlich intakt. Gute deutsche Handwerkskunst. Bevor die Zeit so RICHTIG knapp wird steht als Fehlerquelle ein Kabelbruch irgendwo zwischen Sicherungskasten und Scheinwerfer fest. Und jetzt? Die Herren krimpen schon fleißig an Leitungen und Kabelschuhen herum, damit ich den ansonsten schnurrenden Volkswagen heute wenigstens nicht wieder ganz ohne Licht durch die östliche Hemisphäre fahren muss….

Der Sicherungskasten eines 1971er VW K70 hat einen großen Vorteil: er befindet sich im Fahrzeuginneren und ist relativ übersichtlich. Die Herren vom AvD überbrücken also mit einer zusätzlichen Sicherung das defekte Kabel und holen den Strom von einer anderen Klemme. Immer, wenn ich jetzt Licht haben möchte, muss ich den Kabelschuh aufstecken. Das ist nicht schön, aber besser als jede Dunkelheit. Zumal die Wolken, die vorhin noch am Horizont waren, nun direkt über uns herumlungern und irgendwie den Eindruck einer leichten Inkontinenz erwecken. Es scheint zu dämmern, und das zur allerbesten Kaffeezeit. Also Licht an. Der zu schmale Keilriemen quietscht nun erbärmlich unter der ungewohnten Generatorlast und versucht sein Versprechen einzulösen, die verschwundene Voltzahl im Bordnetz konstant zu halten. Wie holen wir nun das Teilnehmerfeld wieder ein???

Na – indem wir Zeit sparen. Das geht vor allem über die Endgeschwindigkeit. Zeitmessung. Man kann es professionell machen, oder man macht es wie ich.

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Auch ohne diesen Vergleich müssen Dr. Busemann und ich Gas geben, um die nächste Etappe gleichzeitig mit den anderen Fahrzeugen zu erreichen… Dann lassen wir mal die 75 Pferde frei!

Ruuuuuuuuhig Goldener! *wieher* Vor 40 Jahren war ein luftgekühlter Käfer das Maß der Dinge. 150 konnte eigentlich fast kein bezahlbares Auto fahren. Fast. Das Roadbook liegt schmollend auf dem veloursbepolsterten Rücksitz, das spontan erweckte Navi plappert mit den Stimmen meiner Töchter und weist uns feixend den mit Abstand schnellsten Weg zum nächsten Etappenziel – und der geht über die Autobahn! Motorradähnliche Drehzahlen entlocken dem alten NSU Graugussblock Geräusche ähnlich einem startenden Airbus. Chris Rea ist unspektakulär und vielleicht ein bisschen beleidigt verstummt, er kommt da nicht gegen an. Doch so inmitten des dröhnenden Rausches wird eine natürliche Bremse unter die ca. 15 Jahre alten Sommerreifen geschoben: Das angekündigte Sturmtief ist da.

Regen. Von oben, von links, von vorn und von hinten. Ich habe Angst. Die kleinen Wischer mühen sich redlich und lassen die Massen quietschend von der Scheibe abperlen.

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Aber wir sind fast am Ziel! Land Fleesensee liegt vor uns, irgendwo mitten in der Müritzer Seenplatte, und hier und da lassen sich auch schon wieder Teilnehmerfahrzeuge finden. Wir haben sie eingeholt. Das Leben ist zwar nass, aber schön.

Wesentlich nasser ist das Leben, zumindest aktuell, auf den Sitzen einiger anderer Fahrzeuge. Da denke ich mir doch insgeheim mal wieder, dass so ein Auto aus den 70ern nicht das schlechteste Fortbewegungsmittel ist. Ein gelungener Mix aus Nostalgie und Zweckmäßigkeit, serienmäßig sogar mit Heckscheibenheizung. Andere haben nicht mal eine Heckscheibe, die sie beheizen könnten. Jedes ernst zu nehmenden Radioempfanges beraubt (die Antenne liegt bei der Ahoi-Brause im Handschuhfach) können wir die Wetterentwicklung nur mutmaßen und bauen auf meinen unzerstörbaren Optimismus und den Glauben an das Gute im Leben. Währenddessen lassen wir uns was von Sir Elton John auf dem nächsten Tape vorsingen. Es juckt ein bisschen unter meinem Hut, aber wenn ich den abnehme kann ich mir auch gleich eine rote Pappnase aufsetzen. Also bleibt er drauf.

Ein bisschen so stelle ich mir das Ende der Welt vor. Und schauen Sie mal: LICHT 🙂 Die letzten Meilen vor dem Hotel am Ende der heutigen Etappe, wo das Fahrerfest ausgerichtet werden soll, liegen an. Ich hoffe, die haben einen guten Draht zu Frau Holle nach oben oder wer sich auch immer heute für das Wetter verantwortlich zeigt. Ich bedanke mich noch einmal bei den Jungs vom AvD, denn ohne dieses Behelfslicht wäre es unterwegs echt düster geworden. Auch wenn wir in einem kuscheligen Dörfchen mit entspannten 42 Stundenkilometern von außen hell beleuchtet wurden. Wer konnte denn ahnen, dass man da nur 30 fahren darf? Eine bewegende Strecke, der Regen allerdings hat die Zuschauerzahlen am Straßenrand nicht gerade exponenziell wachsen lassen. Somit haben wir noch immer die Prospekte. Aber morgen ist ein neuer Tag!

Na Petrus, wenn deine Engel reisen! Die Temperaturen entsprechen dem Eiswürfelfach eines schlecht isolierten Bosch Kühlschranks aus den späten 50ern, aber die Sonne zeigt sich golden wie der KaSi. Yachten pflügen elegant über den Fleesensee, Feuerkörbe und Fackeln werfen einen rötlichen Schein auf die Abendveranstaltung und der Rotwein schmeckt mir wie selten zuvor. Ich sah heute Dinge, die ich vorher nicht erwartet hätte und ich werde morgen früh Visitenkarten in meinem Jackett finden, die ich keinem Gesicht zuordnen kann. Interessant. Ich sehe die gut gelaunten Gesichter von mir relativ bekannten Promis um mich rum und beende den Abend lachend und diskutierend auf einer Ledercouch irgendwo zwischen… hm… Warten Sie, ich esse noch was. Das halte ich für eine gute Idee. Wir lesen uns auf der Samstags-Etappe nach Berlin!

Sandmann

Hier geht es zum Samstag!

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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6 Responses to Es geht (k)ein Licht auf…

  1. Mario says:

    Ahoi Sandmann,

    ich mag deine Zeitnahme….

    Bin die Tage an einem W140 600SEL vorbeigefahren…. Irgendwie musste ich da an Dich denken.

    Gruß

    • Sandmann says:

      Ay Mario,

      ja… meine Zeitnahme war in der Tat recht lecker 🙂 Ich hatte auch noch eine mit 7:00 Uhr, aber die aktuelle gefiel mir am besten. Man stelle sich vor, es ist immer 8:00 Uhr Abends, die Sommerdämmerung setzt langsam ein, alle sind von der Arbeit zu Hause, die Bars eröffnen gerade und am Rand des Ozeans sieht man verliebte Pärchen Hand in Hand spazieren gehen. Während der laue Wind durch die Bäume säuselt. Es riecht nach gegrilltem Fleisch…
      Ich äh…
      Ich lasse mich gehen.

      Tolle Uhr jedenfalls. Und irgendwann hab ich auch mal einen 600SEL 😀

      Sandmann

  2. Mario says:

    Du bist ein hoffnungsloser Romantiker….

    Aber das macht Dich sympathisch. (auch wenn das unter Männern jetzt irgendwie komisch klingt…)

    Gruß & schönes WE

    • Sandmann says:

      Äh… ich…
      also das Wort hoffnungslos habe ich von meinem halbfinnischen Fräulein Altona in diesem Zusammenhang auch schon gehört 🙂
      Aber einer muss ja hier mal die Fahne der Romantik wehen lassen, in einer Welt, die immer unübersichtlicher und schnellebiger wird.
      Aber ich fang jetzt nicht schon wieder an 😉

      Dir auch ein schönes Wochenende und bis bald in diesem Theater!

      Sandmann

  3. calimero says:

    Tach Sandmann,

    immerhin kommt man bei deinem KaSi an alles ran und kann den Fehler mit einem Draht und Kabelschuhen beseitigen. Versuch das mal bei deinem Audi V8 oder gar einem Citroen XM V6. Diese Autos dürfen ja auch bald bei diesen Veranstaltungen mitmischen!
    Großes Kino, was ihr da macht!
    Abel

    • Sandmann says:

      Der XM V6, so die Legende, ist eines der verbautesten Autos der Neuzeit! Er reizt mich genau aus diesem Grund…
      Ich hatte ja mal einen XM 2.5 Turbodiesel Exclusive, ein genialer Autowagen. Und selbst bei dem kamst du nicht überall ran…

      Sandmann

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