FUN FUN FUN till…

Holsten knallt am dollsten

Holsten knallt am dollsten

…her daddy takes the T-Bird awaaayyyyy

Shirley Johnson-England, Tochter des amerikanischen Radiomoguls Howard D. Johnson, schnappte sich in den frühen 60ern dessen Ford Thunderbird, um zur Bücherei der University of Utah zu fahren und sich (vielleicht) in ihre Studien zu vertiefen. Sie traf dort allerdings ein paar Freunde, und ups? plötzlich hatte sie mehr Lust auf Cruising durch Salt Lake City, Hamburger und das Drive-In-Kino. Vati bekam das mit und nahm Shirley die Schlüssel des Autos direkt wieder weg. Als sich die Teenage-Lady am kommenden Tag im Sender vor der versammelten Mannschaft darüber aufregte, waren gerade Brian Wilson und Mike Love von den Beach Boys vor Ort – und schrieben diesen umstrittenen, aber höchst erfolgreichen Song darüber 🙂 Und ich? Ich leih mir einen T-Bird aus und fahr‘ auf einen Hamburger durch Hamburg, ohne Vati im Nacken.

Well she got her daddy‘s car, and she cruised to the hamburger stand now,
Seems she forget all about the library like she told her old man now,
And with the radio blasting she goes cruising just as fast as she can now,
And she‘ll have fun fun fun til her daddy takes the T-bird away

Well the girls can`t stand her‚ cause she walks looks and drives like an ace now,
She makes the Indy 500 look like a Roman Chariot race now,
A lotta guys try to catch her but she leads them on a wild goose chase now,
And she‘ll have fun fun fun til her daddy takes the T-bird away

Well you knew all along that your dad was getting wise to you now,
And since he took your set of keys you‘ve been thinking that your fun is all through now,
But you can come along with me‚ cause we gotta a lot of things to do now,
And we‘ll have fun fun fun now that daddy took the T-bird away,
And we‘ll have fun fun fun now that daddy took the T-bird away

Daddy und der T-Bird

Daddy und der T-Bird

Ich will schon ewig mal einen Thunderbird fahren. Zwar nicht den von Daddy, aber heute den von Jens Borgmann, Chef von Route 66, optisch würde er auch als Daddy herhalten können. Und er heißt ja auch Jens, aber das geht jetzt zu weit hier 🙂 Der Hamburger betreibt auch keinen Radiosender, sondern eine Werkstatt mit Restaurationsbetrieb. Er ist spezialisiert auf amerikanische Klassiker, die er selbst importiert. So auch diesen 1956er Thunderbird, der vermutlich ein bisschen älter ist als der Protagonist im Beach Boys Song von 1964. Egal. Raus aus dem Showroom, Schlüssel in die Hand, Herzklopfen.

Flossen hoch, wer noch Sinn für Formen hat

Flossen hoch, wer noch Sinn für Formen hat

YAYYYYYYY: Es ist das ikonische Erstserienmodell, damals als reiner Zweisitzer konzipiert. Zwischen 1955 und 1957 verkaufte Ford in den USA rund 55.000 Stück des kleinen, kräftigen Sportwagens, der allein schon aufgrund seines Hardtops mit dem ovalen Fenster an der Seite heute Kultstatus genießt. Diese Version hier ist aber offen, und das ist gut, denn Hamburgs Sonne brennt ausnamhsweise mal von einem blau-grauen Himmel runter. Wer braucht denn da ein Dach über dem Kopf? Vielleicht fahren wir statt zur Bücherei tatsächlich erst einmal zum Hamburger-Stand? Der ist gar nicht weit, und Radio-Blasting geht auch mit dem Thunderbird UKW-Radio, Kassettendeck und CD-Wechsler im Kofferraum. Beachboys auflegen, Schlüssel drehen, den V8 zum Leben erwecken, Daddy Borgmann noch kurz winken – und ab.

Cruising zur Burger Bude

Cruising zur Burger Bude

Aber richtig ab! ROAAAARRRRRR! Der Thunderbird ist ursprünglich ein von den Ureinwohnern im Südwesten der USA verehrter Göttervogel und sorgt mit seinen mächtigen Schwingen für Wind und Donner und somit für Wasser und Leben in der Wüste. Wasser und Leben sind im Großstadtdschungel und auf der vierspurigen Kieler Straße ausreichend vorhanden. Wind im Gesicht und Donner aus den Tuben hinten raus fallen angenehm auf zwischen all den glatt gelutschten Audi A6 und 3er BMW. Es ist dieser Mix aus witzig und wahnsinnig cool, das Lied der Beach Boys in einem T-Bird zu hören 😀 Den Burger mit Pommes in der Hollywood Canteen gönne ich mir gleich zu Beginn der kleinen Reise, Blinker setzen, Essen fassen. *burps* Prost mit Coke, Shirley. Hat es dir damals auch so gut geschmeckt?

she drove to the Hamburger stand now

she drove to the Hamburger stand now

Der Wagen drückt aus seinen gut fünf Litern Hubraum, als gäbe es kein Morgen mehr. Das war ihm auf den ersten Blick gar nicht anzusehen. Ich glaube, mit so einem Teil hätte ich das Speed Limit in den USA noch ein bisschen mehr verteufelt als ohnehin. Ein Wolf im Vogelfell? Und auch die anderen Vollausstattungs-Gimmicks erregen erst auf den zweiten Blick meine Aufmerksamkeit. Klimaanlage, Servobremsen, Servolenkung, Ford-O-Matic, elektrische Sitze und Fensterheber gehörten im Amerika der 50er Jahre zwar zum guten Ton, nicht aber unbedingt in ein zweisitziges Sportcoupé. Der hier hat alles drin, was damals angeboten wurde. Alles. Cruisin‘ just as fast as I can beschränkt sich in Hamburgs Innenstadt auf das Speed Limit von 60 km/h, was aber auch völlig reicht. Ständig muss ich den fröhlich winkenden und fasziniert stehenbleibenden Passanten ausweichen.

saug sie an, die Luft in Hamburg

saug sie an, die Luft in Hamburg

Shirley schien den Speed drauf gehabt zu haben, wenn man der Feder von Brian und Mike glauben möchte. Vermutlich fuhr sie den T-Bird ihres Vaters regelmäßig, denn der Wagen hatte einen Parkplatzaufkleber für das Uni-Gelände. Höchst komfortabel. Ob sie die im Song angerissenen Rennen wirklich gefahren ist? Vielleicht haben die Beach Boys künstlerisch auch ein bisschen übertrieben, als sie mit Bleistift und Gitarre den Text und die Melodie auf dem Rücksitz ihres Cadillac (auf dem Weg zum Flughafen) schrieben. Nix Salt-Lake City hier. Hamburg lädt heute eher zum zügigen Fahrstreifenhopping ein, aber das geht mit dem Donnervogel ganz hervorragend. Der Druck von unten aus den acht Töpfen steht dem relativ leichten Auto gut, macht mal Platz da vorn ihr ausgebrannten grauen Murmeltiertag-Roboter in euren hippen Leasingautos.

Da ist der Donner von dem Vogel

Da ist der Donner von dem Vogel

Anfang der 50er sind den Amerikanern die kommerziellen Erfolge europäischer Sportwagen wie Jaguar XK 120 oder MG TC nicht entgangen. Der Legende nach waren zu dieser Zeit Ford-Manager Lewis D. Crusoe und sein Chefdesigner George Walker auf dem Pariser Autosalon 1951 unterwegs. Crusoe war nicht nur vom Erfolg, sondern auch vom Design der kleinen sportlichen Europäer begeistert und fragte seinen Designer, warum sie selbst so etwas eigentlich noch nicht im Programm hätten. In einem unbemerkten Moment soll Walker zu einem Telefon gesprintet sein und seine Jungs im fernen Detroit mit einem neuen Auftrag an die Zeichenbretter gescheucht haben. Was sie zeichneten, sollte der Beginn einer amerikanischen Sportwagenlegende sein.

So kann AUTO auch aussehen

So kann AUTO auch aussehen

Als 1953 dann die Corvette C1 mit Reihensechszylinder erschien, hatte man bei Ford noch ein ganzes Jahr Zeit, aus den Fehlern von Chevrolet zu lernen. Und man pflanzte dem Thunderbird von Anfang an einen dicken V8 unter die Haube, was schon am ersten Tag nach der Präsentation für 3.500 unterzeichnete Kaufverträge sorgte. 16.000 verkaufte Exemplare im ersten Produktionsjahr erscheinen für einen Megakonzern wie Ford wenig, es sind aber im Vergleich wesentlich mehr als bei der Corvette (ha!) oder europäischen Marken wie Jaguar oder Porsche.

Tageslichtbeleuchteter Tacho - geil.

Tageslichtbeleuchteter Tacho – geil.

Die Rechnung ging also auf. Mein Herz am Steuer auch. Und meine Ohren. Und meine Augen. Das Interieur leuchtet Candyshop-Rot und glänzt mit reichlich Chrom und poliertem Stahl. Die geschwungene Haube mit der Hutze drauf saugt vor der Panoramascheibe erst die laue Sommerluft auf. Gleich danach saugt sie die ganze Straße auf, nur um sie hinter den weit entfernten und angenehm unaufdringlichen Heckflossen und dem Continental-Kit wieder auszuspucken. Das ganze Auto wirkt optisch mit seiner flachen Gürtellinie und seinen großen Rädern stimmig und elegant-bissig, und genau so fährt es sich. Diese für einen 50 Jahre alten Amerikaner ungewöhnliche 
Agilität begeistert den hier anwesenden Fahrer nachhaltig.

Ich will gar nicht mehr nach Hause

Ich will gar nicht mehr nach Hause

Fun Fun Fun.
Ist es nicht geil, wenn man das schon bei einem einzigen Trip in einem Kraftwagen sagen kann? Ich flatter ein bisschen auf dem Gelände der Holsten Brauerei rum und mache Fotos vom Auto vor riesigen Stapeln von Bierkisten 😀 Don’t drink and drive, die sind ja alle leer. Aber das muss ein Pfandwert in Millionenhöhe sein, mannmann. Und ich beantworte geduldig die Fragen der LKW Fahrer, Staplerfahrer und der Männer an der großen Waage, die alle im Auftrag von frischem Bier aus Hamburg hier unterwegs sind.

Prost mein Vogel!

Prost mein Vogel!

Mein Job ist ein anderer. Nicht Bier. Autos. Pulsschlag beruhigen und die Karre genießen. Der erste T-Bird (sozusagen der Early Bird) fängt nicht nur den Wurm, er soll auch der einzige Zweisitzer bleiben. Schon im Modell 1958 werden Rücksitze eingebaut und degradieren den Sportwagen zu einer Coupé-Version der großen Ford-Limousinen. Das wurde dann später nicht besser und eskalierte ein wenig. Thunderbirds aus den 70ern sind immer noch coole Autos, haben aber mit dem Grundkonzept nichts mehr gemeinsam.

Na? Schnell ein bisschen studieren?

Na? Schnell ein bisschen studieren?

Mir nimmt niemand den Donnervogel oder auch nur die Schlüssel dazu weg. Allerdings habe ich leider versprochen, ihn zurückzubringen. Um die Uni mach ich bei der Rückfahrt zur Sicherheit einen kleinen Bogen, und ich kann nun sehr gut verstehen, dass man sich von so einem Auto und ein paar lustigen Freunden durchaus vom Studieren abhalten lassen kann. Der Thunderbird ist motorisierter Lifestyle, der American Way of Life für zwei Personen. Ohne Kindersitz und mit wenig Kofferraum. Wer einen erfolgreichen Bachelor- oder Master-Abschluss anpeilt, sollte einen Opel Astra oder einen VW Golf fahren. Die führen einen nicht in Versuchung.

Flieg nach Hause, Vogel, flieg

Flieg nach Hause, Vogel, flieg

Und was passierte mit Shirley Johnson-England, der Dame im Lied der Beach Boys? Sie lebt noch immer in Salt Lake City, ist inzwischen stolze Großmutter und fährt privat einen Jeep. Dass sie den T-Bird von Daddy zurück bekommt, darauf wartet sie – noch immer.

Sandmann

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Über Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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8 Responses to FUN FUN FUN till…

  1. Michael sagt:

    Moin Sandmann!

    Ein Thunderbird.
    Hatte nicht in der Serie „Vega$“ der „Dan Tanna“ auch so einen frühen? Und parkte ihn immer im Wohnzimmer…

    Adios
    Michael

    • Sandmann sagt:

      Ay Michael,

      ich musste mich gerade ein bisschen schlau lesen, die Serie kannte ich gar nicht. Was ich erfahren habe: JA, sein Dienstauto war ein rotes Early Bird Convertible, sogar mit Telefon 🙂

      Und er ist seit 2002 tot 🙁

      Taugte der Kram was? Ich hatte damals noch keinen Sinn für Serien (ich war 10 oder so), und heute ist der Kram aus den 70ern ja gern mal Zeitverschwendung…

      Sandmann

  2. Moin Sandmann,

    in Hamburg scheint der Frühling schon angekommen zu sein, wenn ich da so deine Bilder bestaune. 😉

    Über Ostern bin ich auf Helgoland und will mal Seeluft schnuppern. Vielleicht ist dort ja auch schon Frühling.

    Grüße

    Peter

    • Sandmann sagt:

      Ay Peter,

      ja, wie haben hier knapp 30 Grad, das ist super!
      Vielleicht habe ich die Geschichte aber auch nicht in Echtzeit ins Netz gestellt, wer weiß? 😉
      Helgoland! Sehr schön und sehr einsam, ich hoffe du bist auf Ruhe und Erholung eingestellt. Grüß mir die Anna, die lange….

      Sandmann

      • Geht klar, ich werde sie grüßen.

        Ich fahre extra dort hin, weil ich einfach mal ein paar Tage aufs Meer glotzen will. Laptop bleibt daheim, Handy stumm und ein paar Tage dem Alltag entfliehen. Bisschen rumspatzieren, Wellen zeichnen, dem Meer lauschen,…

        • Sandmann sagt:

          Das klingt wundervoll.
          Das ist ja meine Parallele, wenn ich an die Dänische Westküste fahre. Tagsüber schreiben, und am Abend spazieren gehen, ohne Telefon, aufs Meer gucken und den Kopf freipusten. Sehr gut.

          Im Mai mach‘ ich das auch wieder. Vermutlich Skagen, ganz oben, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen. Und das Licht irgendwie….. südfranzösisch ist. Schau mal: http://www.sandmanns-welt.de/das-licht-zwischen-den-meeren/

          Lauschen wir mal wieder dem Meer……

          Sandmann

          • Tag Sandmann,

            lange Anna von dir gegrüßt. Noch steht sie ja, aber irgendwie auf wackeligen Beinen.
            Obwohl Helgoland im Süden wächst, wird es von Norden und Westen her immer kleiner und ich glaube, das ist so wie mit Venedig: jetzt noch anschauen, bis es weg ist.

            War jedenfalls ein sehr schönes Erlebnis auf der beschaulichen Insel mit extrem viel Wind (besonders auf dem Rückflug).

            Grüße

            • Sandmann sagt:

              Ay Peter,

              sei bedankt. Ich werde dir eine Gedächtnissocke hissen, wenn ich im Mai in Skagen bin, ganz weit oben……

              Letzte Woche hab ich auch Sachen gesehen, die schnell einer Handlung bedürfen, bevor sie weg sind. Viele Sachen. Sachen aus den 60ern und 70ern. Schlafe seit dem schlecht. Aber das ist eine andere Geschichte…

              Sandmann

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