Ich will einen VW K70!

Die Midlife-Crysis steht vor der Tür und bittet um Einlass. Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass ich hin und wieder in meiner eigenen ganz persönlichen Vergangenheit rumhänge und Sie ab und an ungefragt da mit reinziehe. Gären doch schon seit einiger Zeit ein paar Gedanken in meinem krausen Kopf zu einem süffigen Most. Und die Gemeinde der registrierten und kommentierenden Benutzer hat mir ein ganz klein bisschen die Richtung gewiesen. Retro ist momentan angesagt, liegt es an meiner Generation oder an fehlenden Werten in der Gegenwart, dass sich so viele Menschen in der heutigen Zeit an damals zurück erinnern? Ich weiß es nicht. Aber ich darf offensichtlich darüber schreiben 🙂 und fange jetzt und hier damit an: Ich will einen VW K70 haben!

Zumindest die jüngeren Semester unter Ihnen werden sich fragend umsehen. Was bitte ist denn nun wieder ein K70??? Ein V8 mit Zündproblemen? Im Straßenbild ist er längst nicht mehr zu sehen, obwohl seinerzeit über 200.000 Stück gebaut wurden! Seinerzeit… das war zwischen 1970 und 1975. VW kaufte in den späten 60er Jahren die NSU Werke und mit ihnen die Modelle Ro80 und K70. In Zeiten, wo ein Volkswagen noch ein Volkswagen war passten die beiden nicht so richtig ins Konzept. Der Käfer rollte und rollte, der klobige 411 Variant befriedigte mit seinem mächtigen Heckmotor die Sauriergelüste reiferer Familienväter – und der Passat wartete ungeduldig in der Pipeline… Eigentlich wollte man diese Limousine, die nicht mal mit Luft gekühlt wurde, nie haben. Zumal kein Detail an ihr nach einem VW aussah. Nach vielen bösen Briefen treuer NSU-Kunden entschloss man sich allerdings dann doch zum Bau des im Konzept fertigen Autos und präsentierte es als Limousine (der wunderschöne Kombi fand nie zur Serienreife) im September 1970 der Öffentlichkeit: Der erste Volkswagen mit einem wassergekühlten vorn längs eingebauten Vierzylinder Reihenmotor. Seiner Zeit weit voraus, wie man es vom Ro80 schon gewohnt war. Es heißt immer, die beiden seien gefloppt, haben sich aber unterm Strich ganz anständig verkauft…

Papa hatte eben so einen Saurier-411-Variant, und Papa wollte immer die Top-Modelle haben. Also rollte irgendwann (ich muss ihn mal fragen, wann genau vor 1973 das war) ein fabrikneuer K70 vor die Lehrerhäuschentür, und ich hatte das Objekt meiner allerersten automobilen Erinnerungen. Von hinten aus der Mitte (ohne Gurte) sah man auf die Heizungsregler und den großen Aschenbecher rechts daneben. Ich erinnere mich an das mächtige Platzangebot und die offensichtlich guten Fahreigenschaften. Den K70 gab es mit mächtigen 75 oder 90 PS, später sogar mit einem 1,8-Liter Motor mit damals sagenhaften 100PS. Und fortschrittliche innen liegende Scheibenbremsen, welche die gefederte Masse der Räder minimierte! Kein Wunder, dass uns in den Bergen konstant schlecht wurde und meine Mama, meine Schwester Anita und ich regelmäßig oben auf den Passhöhen um die Wette gekotzt haben.

Wie klingt heute der Motor? Noch wie einst? Erkenne ich das Klacken des Blinkers wieder? Viel zu lange habe ich darauf gewartet, einen „Jan Cux“ Aufkleber auf das Heck zu pappsen. Wenn schon eine Reise in die Vergangenheit, dann aber auch richtig! Es stehen drei primäre vorbelastete Orte zur Auswahl: Stüterhof im dichten dunklen Pfälzer Wald, Michelrütte im korrekten spießigen Schwarzwald und Hipping am post-modernen Attersee in Österreich. Das Bildmaterial ist gescannt und kann nachgestellt werden. Die Klamotten werde ich mir nach und nach kaufen, Cordhosen, Schlag-Kragen-Hemden… ich suche noch nach anklebbaren Koteletten… Und es fehlt natürlich noch ein Exemplar eines gut erhaltenen K70, den der Rost noch nicht dahin gerafft hat. Denn Rost war seinerzeit ein Thema, die Radläufe von Papas L-Modell hatten schon nach drei Jahren erste Pusteln…

Papa, ich brauche deine alten Wanderkarten! Mama, hast du diese Jacke noch? Anita, denk nach, welche Geschichten kannst du mir erzählen? Der Weg wird uns in die damaligen Orte führen, alle genannten Pensionen existieren auch 30 Jahre später noch und werden als Quartier dienen. Google Earth ist schon beeindruckend. Wir suchen die Plätze meiner Kindheit auf, als meine kleine Familie noch eine Familie war, als eine Brotzeit noch keine Nährwertangaben eingestanzt hatte und als Gurte ein lästiges Extra waren. Was fällt Ihnen zu der Zeit zwischen 1973 und 1979 ein? Was kam im Radio? Was haben Sie gegessen, was genascht? In wen waren Sie verliebt? Womit haben Sie geduscht? Ich will ALLES wissen, jedes Detail, um so authentischer wird die Reise… Immerhin kann Kathrin, mein TomTom, die 70er Hits direkt von der SD Karte zum Radio senden…

Der K70 wird kommen. Bald. Und mich in die Vergangenheit begleiten. Erste Mails sind an die Quartiere verschickt, jetzt heißt es Fakten und Fotos sammeln. Damit noch vor dem Herbst 2008 die erste Sandmann Retro Tour gebloggt, gefilmt und geschrieben wird. Dies ist kein Abwenden vom Audi V8 oder einem Alltag mit mehr als 4 Zylindern, dies ist auch keine Flucht vor der Gegenwart, die so schlecht gar nicht ist. Es ist ein Traum, der seit über 30 Jahren in mir brodelt und nun vielleicht endlich zur Ruhe kommt. Wenn ich wieder in der Teufelsbadewanne baden und aus dem Aurach-Ursprung trinken und am Gipfelkreuz posieren kann, um anschließend in karierter Bettwäsche glücklich, behütet und beseelt zu schlafen. Während draußen der Motor vom K70 tickend abkühlt.

Unsere letzten Fotos von 1979 betrachte ich mit anderen Augen, wenn ich weiß, dass ein Jahr später die Scheidung meiner Eltern vollzogen wurde. Von dem Moment an war alles anders. Ich will zurück in eine Zeit davor, für einen kleinen Moment in diesem Erwachsenendasein, und meine Planung beginnt JETZT. Ich hoffe auf und bitte um Ihre Mithilfe. Und freu mich halbtot.

Demnächst in diesem Theater.

Sandmann

Und JA, wir haben einen gefunden… Lesen Sie HIER weiter 🙂

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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