Kreisverkehr mit Schiffsbesuch

Fotogene Menschen jeden Alters in ebensolchen Autos.

Und immer freundlich lächeln

Und immer freundlich lächeln

Erste Wölkchen am Himmel kommen pünktlich zum Beginn der ersten kleinen Ausfahrt an jenem Donnerstag, traditionell beginnend mit einer Baustelle an den Landungsbrücken und zielführend durch die Elbmarsch bei Hamburg. Wohl denen, die ein gedrucktes Roadbook lesen können und sich nicht immer nur auf ihr schlecht gelauntes Navigationssystem verlassen haben. Wohl denen, die bei Bedarf ein zeitgemäßes Dach über den windgebeutelten Kopf klappen können (und das sind wirklich nicht alle). Wohl denen, die ihr betagtes Auto technisch so im Griff haben, dass dieser erste Test für die Hauptstrecke ab morgen auch sauber zu bestehen ist und – wohl denen, die sich auch auf einer Ausnahmeveranstaltung an die StVO halten! Oh jeh oh jeh.

Denn die freundlichen Augen des Gesetzes sind überall!

Laaaalüüüüü…. nein, entschuldigen Sie, ich bin im falschen Jahrzehnt. Der hier macht noch ganz brav TATÜÜÜÜ TATAAAA! Aber auch, wenn die grün gekleideten Kollegen heute nicht hier sind, um Strafzettel an Scheibenwischer zu heften, so ganz regelfrei geht das nicht auf einer Rallye. 190 historische Fahrzeuge bewegen sich auf öffentlichen Straßen mit den jeweils zugelassenen Geschwindigkeiten (eigentlich), quer durch hüpfende und winkende Zuschauermengen und aufgeregte Zaungäste. Wer da macht, was er will, bekommt sehr schnell Ärger, und das ist auch gut so. Das Ziel der Gleichmäßigkeit und des entspannten, unterhaltsamen Reisens von einer Stadt in die nächste wird gern von einigen merkbefreiten Teilnehmern falsch verstanden…

Fotos machen ja nicht nur wir. Fotos machen auch andere. Neben den fest installierten Blitzern (die hier fast schon so lange stehen wie Udo Lindenberg Eierlikör trinkt) stehen bei einigen Durchfahrtkontrollen auch Lichtschranken zur Geschwindigkeitsmessung der Fahrzeuge. Und es gibt immer wieder Menschen, die mit ihren alten PS-Boliden regelmäßig die Sau rauslassen, auf engen Alleen überholen und wie der verpickelte Teenager vor der Disco lautstark alle Regeln des öffentlichen Miteinanders verletzen. Sehr peinlich, vor allem wenn man dann auf seinem Auto Sponsorenaufkleber hat. Na – das wird heute Abend noch Schimpfe geben, die Höchststrafe ist laut Reglement eine umgehende Disqualifizierung…

Ähm… damit meine ich allerdings NICHT eventuelle 40 Jahre alte NSU-Entwicklungen, die durch einem liebliches Dörfchen mit Tacho 42 Km/h schleichen und dennoch unerwartet fotografiert werden. Wer konnte denn ahnen, dass hier nur 30 erlaubt sind??? 😯

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Petrus‘ Schleusen halten dicht, sowohl am Wasserwerk als auch im Hinterland der Elbdeiche. Von fern vernehmen wir schon die mopedähnlichen Ansagen der Deichschafe. Frischluft ohne Berge. Hach – ich mag das.

Hier ein Stempelchen, dort ein Zeitprüfchen. Hier ein genervt das Auto wendender Mann, auf den die Beifahrerin (mit dem Roadbook fuchtelnd) einschimpft. Dort ein Fahrerpärchen während der Wertungsprüfung mit verkniffenem Blick, starr auf die teuren Uhren gerichtet. Und hinterher gibt es trotzdem Mecker, weil ER entweder nicht genau genug gefahren ist oder SIE die Zeiten nicht richtig angesagt hat 🙂 Eheleben live im alten Auto. Aber später, spätestens zum Come Together am Abend  immer wieder schön vertragen, bitte. Ach ja, die Deichtiere, da haben wir sie ja. Unsere Kalauer sind in jedem Jahr die gleichen, irgendwas mit MÄ-Dreschern und Fotografen, die hier keine schafen Bilder hinkriegen. Na ja. Männer halt. Was erwarten Sie?

Und ja, genau. Was erwarten SIE? Da sind viele frenetisch fuchtelnde Zuschauer am Straßenrand, die meisten mit einem Programmheftchen, um anhand der Startnummern die Autos zuordnen zu identifizieren. Das ist ja bei einer zügigen Vorbeifahrt nicht immer so einfach. Ich finde es sehr beeindruckend, dass es immer wieder so viele Menschen gibt, die sich entspannt, teilweise mit Grill und Getränken, am Straßenrand aufbauen und den vorbeidonnernden Autos winken. Der Zauber von altem Blech scheint ungebrochen. Heute ist allerdings Donnerstag, da sind es ein paar weniger als sonst, Deutschland arbeitet und hat noch keine Ferien. Aber morgen geht es wieder rüber in den deutschen Osten, vorbei an weiteren wunderschönen Radarfallen und zusammengebrochenen Hühnerfarmen. Stehen Sie auch bei solchen Veranstaltungen am Straßenrand? Erzählen Sie doch mal.

Nu kuck. Autos können auch schwimmen! Unser teilnehmendes Amphicar von 1963 wird zu Wasser gelassen und schippert durch leicht bewegte See zu einem der größten beweglichen Objekte, die je von Menschenhand gebaut wurden: Die Queen Mary II.

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Und wenn Sie es als nicht Rallye-Begeisterter trotzdem bis hier hin geschafft haben, müssen Sie doch nickend zugeben, dass diese Bilder einmalig sind, oder?

Das drittgrößte Passagierschiff der Welt ist genau 77mal so lang wie mein goldener K70, erheblich schwerer – aber kann schwimmen. Dieser mit 200 Sorten in 17.000 Flaschen größer Weinkeller der Welt ist auch der Grund, warum die Rallye Hamburg-Berlin-Klassik in diesem Jahr schon so früh gestartet wird. Diese maritime Kulisse wollen die Veranstalter niemandem vorenthalten. Später werden alle Fahrzeuge einzeln vor dem Schiff fotografiert und laufen unter jeweiligem Applaus und Gejubel als Präsentation über den Beamer. Heute Abend, beim gemeinsamen festlichen Abendessen in der Fischauktionshalle am Hafen. Wir können mit unserem K70 allerdings nicht schwimmen, wir bleiben an Land und auf dem Boden. Das wird Samstag auch nicht jedem gelingen.

Habe ich AUF dem Boden geschrieben? Land, Wasser, Luft – Transportmittel der Menschheit aus vielen Jahrzehnten. Die QMII bleibt allerdings hier und tritt ohne uns ihre Reise nach Amerika an. Sie ist noch zu jung und darf daher nicht teilnehmen. Am Ende dieser einleitenden Kreisfahrt tauchen wir unter und queren die Elbe – anders als die offizielle Route – unter der Erde. Klassisch im Alten Elbtunnel, kennen Sie den? Ein großartiges Stück Geschichte, ein Fahrstuhl bringt Ihr Auto nach unten, und mit Schrittgeschwindigkeit geht es gemeinsam mit Fußgängern und Fahrradfahrern voran. Ohne Licht bitte. Das ist auch ganz okay, denn beim KaSi geht plötzlich das Abblendlicht nicht mehr. Aber das ist eine andere Geschichte. Und so sitzen wir noch bis Mitternacht in der Auktionshalle, bearbeiten die gelieferten Fotos der Fotografen und schreiben die online-Berichte. Während im Erdgeschoss sage und schreibe 17 Geschwindigkeiteüberschreitungen mit satten Strafpunkten und einem erhobenen Zeigefinger geahndet werden! Ha. Noch ein „GESCHAFFT“ Bier unter Freunden. Bis es gegen 01:00 Uhr durchs hell erleuchtete Hamburg mit einem nicht erleuchteten Auto nach Hause geht. Ich muss wohl mal den AvD fragen, was da los ist. Morgen.

Hier geht es weiter zu Tag 2

Wir lesen uns auf dem Weg in den Osten!

Sandmann 🙂

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About Sandmann

Die Zeit ist zu knapp für langweilige Autos, Abende vor dem Fernseher oder schlechten Wein. Ich pendel zwischen Liebe, Leben und Autos und komme nicht zur Ruhe. Aber ich arbeite daran.
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4 Responses to Kreisverkehr mit Schiffsbesuch

  1. calimero says:

    Tach Sandmann,
    ist das tatsächlich so, daß einige Leute die Sau rauslassen, obwohl es doch eine Rallye ist, bei der es nicht aufs Tempo ankommt? Ich finde, solche Raser sollte man sperren. Wer das hier macht, macht es jeden anderen Tag auch! Oder?
    Verstörte Grüße (aber klasse Bericht)
    Abel

    • Sandmann says:

      Ay Calimero,

      bei groben Verstößen gegen das Reglement und/oder die Straßenverkehrsordnung wird auch disqualifiziert, das ist am ersten Abend klar angesagt worden. Danach haben sich die Mitfahrenden anscheinend ein wenig beruhigt… 🙂
      Ob sich Menschen auf Rallyes anders verhalten als im normalen Straßenverkehr vermag ich nicht zu beurteilen. Ich bin ja kein Verkehrspsychologe…

      Sandmann

  2. Markus1975 says:

    Hey Jens

    Was für ein schöner Bericht. Und die Photos von der Queen mit dem Amphi sind wirklich einmalig.
    Das da einige Autofahrer die Sau gehen lassen…nun ja. Wenn sie es außerhalb von zu gefährdende Menschenmengen machen bitteschön. Sollen sie machen. Doch leider gefährden sie nicht selten Leib und Leben der anderen. Verwarnen, abspeichern und bei dem nächsten Verstoß raus mit demjenigen. Und der abgespeicherte Verstoß sollte erst nach der nächsten Rally gelöscht werden. Hehe
    Dies gilt aber nur bei echt groben Verstößen. 😉

    Und hey! Sehe ich da zufällig den Ferrari vom letztenmal. Den den Du auch einmal fahren durftest?

    V8 mäßige Grüße

    Markus

    • Sandmann says:

      Bester Markus,

      nein, das ist nicht der Testarossa aus dem letzten Jahr. Das ist ein anderer, aber rot sind sie beide 🙂 Mäh.

      Sonnendurchflutete Grüße, momentan aus Hamburg
      Sandmann

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